Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 50 (13.12.1935)
- Date
- 1935-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 50 — 13. Dezember 1935 DIE WAHKHEH DIE Schärf stet Kampf gegen denNazismus! Der Vorstand der österreichischen Völkerbundliga hat in einer Sitzung unter Vorsitz des Gesandten D u m b a folgenden Appell an die englische Völkerbundliga beschlossen: „Schon die unglückseligen Friedensverträge haben im mitteleuropäischen Raum Tausenden von Menschen die Staatsangehörigkeit geraubt. Ohne die geringste Schuld sind diese staatenlos gewordenen Menschen heimatlos, schutzlos und fast rechtlos. Sie werden wie ein gehetztes Wild von einer Grenze zur anderen gejagt, sie dürfen weder Arbeit annehmen, noch erhalten sie welche. Dir Schicksal ist eine furchtbare Anklage gegen die gesamte gesittete Welt. Und nun haben sich in letzter Zeit zu dieser unglückseligen Masse von Staatenlosen die Flüchtlinge aus Deutschland gesellt, von denen die überwiegende Mehrheit der jüdischen Konfession angehört. Der Völkerbund, der kraft seiner Satzungen berufen wäre, diesen einer gesitteten Menschheit unwürdigen Zuständen ein Ende zu bereiten, hat bisher versagt. Er bleibt aber die zige Stelle, die verpflichtet und auch befähigt ist, Wandel zu schaffen. Er muß daher durch die öffentliche Meinung gezwungen werden, seine Pflicht zu erfüllen. Wir richten an unsere englische Schwesterliga die dringende Bitte, mit größter Beschleunigung eine großangelegte Propagandaaktion einzuleiten, umdas Gewissen aller Kulturmenschen aufzurütteln und den Völkerbund zu einer erlösenden Tat zu zwingen. In erster Linie wären die Regierungen zu ersuchen, die Flüchtlinge im Sinne der Empfehlungen des Völkerbundes nicht auszuweisen, bevor nicht die Gewähr vorhanden ist, daß sie in einem anderen Staate Aufnahme finden. Weiters wären aber auch Aufenthalts- und Existenzmöglichkeiten für die Flüchtlinge zu schaffen. Die Beteilung mit gültigen Ausweispapieren. (Nansen-Pässen) ist eine unausweichliche Notwendigkeit. Auch ersuchen wir, die öffentliche Meinung Großbritanniens dahin zu beeinflussen, daß Großbritannien als Mandatsmacht für Palästina Einreisebewilligungen in größerem Ausmaß als bisher und ohne Nachweis eines bestimmten Mindestkapitals bewilligt Die englische Völkerbundliga und die englische Nation, in der wir einen Hort der christlich-abendländischen Kultur erblicken, würden durch diese Initiative sich den unauslöschlichen Dank aller Kulturmenschen erringen." Man kann nur hoffen, daß diese „furchtbare Anklage gegen die gesamte gesittete Welt" in England und in Genf jenes Echo finden wird, das ihre österreichischen Wortführer erwecken wollen. Sicher ist aber, daß diese „Aufrüttelung des Gewissens aller Kulturmenschen" gerade von jenen, die sich von dieser Apostrophierung am wenigsten getroffen fühlen sollten, nämlich von den Führern der ungesitteten Welt, die sich im Dritten Reiche breitmacht, als ein Schlag ins Gesicht empfunden werden muß. Fehlt es doch nicht an Symptomen, daß eben jetzt die Machthaber Deutschlands recht unsanft aus dem Traum erwachen, mitten in Europa eine Autarkie der Barbarei errichten und in souveräner wirtschaftlicher wie moralischer Unabhängigkeit vom zivilisierten Ausland erhalten zu können. Daß das Dogma der wirtschaftlichen Autarkie, bekanntlich einer der fundamentalsten Progammpunkte des deutschen Nationalsozialismus, ein klägliches Fiasko erleidet, hat. Wirtschaftsminister Schacht in den letzten Tagen ganz unverblümt verkündet. In unverkennbarem Zusammenhang mit dieser schmerzlichen Erkenntnis macht sich plötzlich bei den politischen Führern die Sehnsucht nach einer besseren Sittennote seitens der Kulturwelt bemerkbar. Bisher haben es die braunen Entfalter des Hakenkreuzpaniers als die stolzesten Triumphe ihrer Fälligkeit, die Menschheit geistig zu befruchten, gefeiert, wenn in Nordarfrika Juden erschlagen wurden, in Aegypten blutige Unruhen wüten und an den ungarischen Hochschulen wie in den jüdischen Geschäftsvierteln der polnischen Städte und Märkte die antisemitische Strategie Streichers handfeste^Nacheiferer fand. Jetzt auf einmal horcht man ängstlich auf die Stimme des früher — im Hitler-Buche „Mein Kampf" — verächtlich behandelten Westens und der nationalsozialistische Hauptschriftleiter der „Frankfurter Zeitung", Rudolf K i r c h e r, wurde auf eine Erkundigungsfahrt durch Frankreich, England und Italien geschickt, um die Einstellung Westeuropas zum Dritten Reich zu ergründen. Doch anders als die Kundschafter Josuas brachte er denen, die ihn entsendet hatten, statt wohlschmeckender Früchte bloß faule Aepfel mit als einzigen Preis, den der westliche Kulturstolz für die Barbarei des Hakenkreuzes übrig hat. Den bitteren Kern seiner Reise-Erfahrungen faßte Kircher in die Worte: „Wichtig ist, daß einige Grundelemente des Nationalsozialismus dem westlichen Europa so fremd und widerstrebend sind, daß sie ihm nicht einmal erklärt werden können." Und nun ist auch aus Oesterreich die eingangs zitierte Stimme der Menschlichkeit, die für die jüdischen Opfer Hitlers Asyl- und Erwerbsfreiheit fordert, erschallt. Unser Land, durch den Friedensvertrag von St. Germain physisch entmachtet, kann zur Wahrung seiner Freiheit und Selbständigkeit bloß moralische Kräfte ins Caie Pension Eckstein Seeielfl. Tirol, 1200 m Wintersport — Höhensonne Erstklassige Verpflegung in der streng li&Z) i§ Abteilang der Geschwister SCHEER im Hotel Hochalm Fahrpreisermäßigung. 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Leider wird dieser Sieg nicht unerheblich durch manche unerfreuliche Symptome erschwert. Wenn z. B. „Die Reichspost" in ihrer Besprechung des jüngst in Paris erschienenen sensationellen Buches, das unter dem Titel „D e r gelße Fleck" die Judenverfolgungen in Deutschland an Hand dokumentarischer Nachweise schildert, zwar Herrn Julius Streicher seine Mißbilligung ausdrückt, aber nicht wegen der Unmenschlichkeit seiner in dem Buche aufgezeigten Methoden, sondern weil er durch diese Methoden einem jüdischen Buche, zu dem Lion Feuchtwanger das Vorwort geschrieben, zu einem buchhändlerischen Erfolg verholfen hat, dann fällt es dem Ausländer sicherlich nicht leicht, zwischen dieser Mentalität und der von Dr. Goebbels propagierten einen wesentlichen Unterschied zu erkennen. Dieser Tage befaßte sich ein Wiener Gericht mit der Ehrenbeleidigungsklage eines Theaterdirektors gegen einen Kritiker seiner Revue, die er in Salzburg während der Festspiele hatte aufführen lassen. Eine an sich keineswegs weltbewegende Sache, die aber dadurch höchst symptomatischen Charakter erhält, daß dem Gericht amtliche (!) Akten der Salzburger Polizeidirektion vorlagen, in denen u. a. gesagt wurde: „Die bei der Aufführung anwesenden Salzburger und Wiener Juden, die geschickt auf den ganzen Raum des Theaters verteilt waren, benützten jede sich nur bietende Gelegenheit, um demonstrativen Applaus zu spenden. Die heimische Bevölkerung sowie die anwesenden Künstler der Festspiele waren durch den Inhalt des Stückes sichtlich enttäuscht und übten stärkste Kritik." Em Polizeireferent, der die Salzburger Juden nicht zur heimischen Bevölkerung Salzburgs rechnet, und den Wiener Juden, die sich den kostspieligen Aufenthalt in Salzburg während der Festspiele leisten können, zumutet, daß sie 'sich als Claqueure miß- __ I brauchen lassen, ist ein Unikum, dem im Hitler- Reiche die steilste Karriere sicher wäre. In Oesterreich beweist er nur, wie geschickt verteilt die — Bazillenträger der braunen Pest in der heimischen Bürokratie jede sich nur bietende Gelegenheit be-v nützen, um der Nazi-Lehre: „Der Jude ist an allem schuld!" demonstrativen Beifall zu spenden. Wenn Vizekanzler Starhemberg seine jüngst deklarierte Absicht, im Laufe des Jahres 1936 die österreichische Verwaltung von allen Nazis zu reinigen, verwirklicht, wird er ein schönes Stück Arbeit zu leisten haben . . . Wir Juden brauchen in dem Kampf gegen den Nazismus keineswegs passiv beiseite zu stehen. Wir besitzen eine Waffe, deren furchtbare Wirkung uns jetzt vom deutschen Reichswirtschaftsminister offen bescheinigt wurde. Herr Schacht erklärte, daß sich die deutsche Wirtschaft heute in einer verzweifelten Zwickmühle befinde, aus der sie nur zu retten sei, wenn das Ausland mehr deutsche Waren kaufe. Grund genugfür uns Juden, den Boykott gegen alle reichsdeutschen Waren aufs äußerste zu verschärfen! Es muß für jeden Juden Ehrensache sein, auch nicht den kleinsten Gebrauchs- oder gar Luxusgegenstand, der in Deutschland hergestellt wird, in seinem Haushalt zu dulden. Leider versagen diesem Gebot der jüdischen Würde gegenüber just jene, die sich sonst als die Monopolbesitzer der jüdischen Würde aufspielen: die Jüdischnationalen und unter diesen gerade ihre sonst stolzeste Avantgarde: die Sportler. Während unter den anständigen Sportsleuten der ganzen Welt für die Nichtbeteiligung an der Berliner Olympiade plädiert wird, hat sich der Prager Schwimmklub „Hagibor" bereit erklärt, ein Auswalilschwimmen zu veranstalten, bei dem die Kandidaten für die tschechoslowakische Olympia- Mannschaft eruiert werden sollen. Und diese Leute zetern beständig über die Würdelosigkeit der — Assimilanten . . . Wir österreichischen, mit der deutschen Kultur verbundenen Juden führen den Kampf gegen das Dritte Reich wahrlich nicht aus chauvinistischen Haßinstinkten. Wenn Hitler in seinem jetzigen Streben nach einer besseren Ausland- Zensur verkündet, daß seine Judenpolitik, eine Politik, die in dem Hinauswurf jüdischer Kranker aus den Krankenhäusern, jüdischer Kriegsblinder aus den Blindenvereinen und jüdischer Waisenkinder aus den Waisenhäusern gipfelt, nicht antijüdisch, sondern prodeutsch sei, dann dürfen wir •Juden mit umso größerem Rechte sagen, daß der uns aufgezwungene Kampf gegen das Dritte Reich projüdisch, aber nicht antideutsch ist. Nicht antideutsch, denn die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes sieht heute schon in jedem, der das Zwing-Uri des Nationalsozialismus erschüttern hilft, nicht den Feind, sondern den Kameraden und Befreier. Georg Kareski Präsident der jüdischen Kulturbünde in Deutschland! Der deutsche Staatskommissar für jüdische kulturelle Angelegenheiten Hans Hinkel hat die Ernennung des Präsidenten der Staatszionistischen (revisionistischen) Partei in Deutschland, Georg K a r e s k i, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, zum Präsidenten des Verbandes der jüdischen Kulturbünde in Deutschland vollzogen. Hierdurch ist der Revisionist Kareski faktisch die entscheidende Persönlichkeit im jüdischen Kulturleben Nazi-Deutschlands geworden, er wird gemäß dem Ernennungsdekret die gesamte jüdische kulturelle Tätigkeit einschließlich der Programmbildung bestimmen. Die künstlerische Arbeit der Kulturbünde leitet wie bisher Dr. S i n g e r. Die Ernennung Kareskis erfolgte unbeschadet der Opposition einer großen Anzahl jüdischer Führer üi Deutschland. (Hat sich der vom Herrn Hinkel zu so machtvoller Position berufene Kareski von dem fürchterlichen Verdacht, ein Spitzel der Gestapo zu sein, gereinigt? D. Red.)