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Die Wahrheit · 1935-12-06 · Heft 49 (6.12.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 49 (6.12.1935)
Date
1935-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite Nr. 49 — L Dezember 1935 DIE WAHRHEIT Die Judenheit blickt nach Genf. Am 28. November wurde in Gent die Tagung der von der Völkerbundversammlung in ihrer letzten Sitzung eingesetzten Sachverständigenkommission zur Behajidlung der Flüchtlingsfragen eröffnet. Die Kommission wird dem Völkerbundsrat Bericht über organisatorische Maßnahmen zur Lösung des Problems der Flüchtlinge aus Deutschland im Zusammenhang mit den bestehenden allgemeinen Einrichtungen des Völkerbundes für Flüchtlinge aus anderen Ländern erstatten. Der Völkerbundsrat wird im Verlauf seiner nächsten Tagung, die im Jänner 1936 stattfinden soll, hierüber Entschlüsse fassen. Die Kommission setzt sich aus dem ehemaligen englischen Botschafter in Berlin Sir Horace Rumbold, dem Franzosen Marcel Rolland, dem Italiener Senator D. Michaelis, dem tschechoslowakischen Gesandten in Paris Dr. Stefan Osusky und dem Norweger Michael Hansen zusammen. Den Vorsitz führt Gesandter Doktor Osusky. Die Sachverständigenkommission des Völkerbundes wurde bekanntlich auf Grund eines Antrages Norwegens gebildet, durch Schaff u n g einer Ze n t r a 1 s t e 11 e für Auswandererfürsorge sämtliche Kategorien Ausgewanderter der unmittelbaren Kontrolle des Völkerbundes zu unterstellen. Das Völkerbundsekretariat teilt in einem Kommunique mit, daß die Expertenkommission vom Völkerbundsrat ermächtigt ist, alles über die Lage der Flüchtlinge in den verschiedenen Ländern vorliegende verwendbare Material zu sammeln und dem Völkerbimdsrat zu unterbreiten, der auf Grund dieses Materials Maßnahmen, die er für wünschenswert hält, ergreifen wird. Der V ö 1 k e r b u n d s r a t wird, heißt es in dem Kommunique weiter, mit solchen Maßnahmen nicht bis zur ordentlichen Völ-kerbunds Versammlung im Jahre 1936 warten, jedoch wird die ganze Frage dieser Versammlung zur endgültigen Entscheidung unterbreitet werden müssen. Der bisherige Völkerbundkommissai für Auswanderertürsorge, James G. MacDonald, der am 28. November als erster seinen Bericht erstattete. Verna! vor de- Kommission die Ansicht, daß der Völkerbund die Aufgabe habe, sich nicht nur mit jenen 30.000 bereits ausgewanderten Personen zu befassen, die bisher noch nicht endgültig seßhaft gemacht werden tonnten, sondern auch mit denjenigen, deren Auswanderung in großer Zahl künftighin noch zu erwarten sei. Cr empfahl der Kommission, dem Völkerbimdsrat die Erreich uu seines eigenen, dem Völkerbund unmittelbar unterstellten Amtes unter der Leitung eines Staatsmannes von internationalem Ruf vorzuschlagen. Mac Donald betonte weiter, daß dieses Amt seine Aufgabe m:r dann erfolgreich werde durchführen können, wenn es sine enge Zusammenarbeit mit den zentralen jüdischen Hilfsorganisationen aufrecht erhalten wird. Die Expertenkommission nahm hierauf G u t a c ht e n von RegierungsVertretern derjenigen Länder entgegen, in denen sich aus Deutschland geflüchtete Personen in größerer Zahl aufhalten. Es erschienen die Vertreter Frankreichs. Hollands, der Tschechoslowakei und anderer Staaten und äußerten sich über die .Möglichkeit der Legalisierung des Status der Flüchtiing« in den beireffenden Ländern. Der Generalsekretär des Nansen-Aintes Major T. F. Johnson teilte der Expertenkommission mit. daf. das Nansen-Amt jüdischen Flüchtlingen aus dem Saarland dazu verhilft, sich in Brasilien und Paraguay seßhaft zu machen; zu diesem Zweck habe das Nansen-Amt einen besonderen Kommissar nach den südamerikanischen Ländern delegiert. Etwa 8000 Saarfüchtlinge, Juden und Nichtjuden. wurden bereits mit Nansen-Pässen versehen. Am Freitag, den 29. November, wurden von der Expertenkommission die Vertreter der „Arbeitsgemeinschaft der deutschen Emigration in Frankreich" verkommen, unter ihnen der Dichter Heinrich Mann und der bekannte Politiker und Gelehrte Professor Dr. Georg Bern h a r d. früher Chefredakteur der ..Vossischen Zeitung" in Berlin, jetzt Chefredakteur des -Pariser Ihren Bttdierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der BucMiandlung - Antiquariat HEBM&NK TDCHMER, lo Wien II , Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisc. zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 4i-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lese-!:! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden ■ ■ angekauii und g u t bezahlt! Tageblatts". Prof. Georg Bernhard gab eiii mündliches Expose als Erläuterung zu der von der Arbeitsgemeinschaft der Kommission unterbreiteten Denkschrift. Er betonte, daß die Pariser Arbeitsgemeinschaft alle Flüchtlinge ohne Unterschied der Rasse, der Religion und der politischen Richtung vertrete, und forderte, daß der Völkerbund ein unter seiner Autorität arbeitendes zentrales Amt schaffe, das sich speziell mit den Deutschland-Flüchtlingen befassen soll. Sollte dieses Amt einen Teil des bereits bestehenden Nansen-Amtes bilden, so müßte es dennoch als ein besonderes Departement unter der Präsidentschaft einer einflußreichen und autoritativen internationalen Persönlichkeit stehen. Mindestens ein Flüchtling sollte in dieses Amt als aktiver Mitarbeiter einbezogen werden, ein zweiter Flüchtling sollte dem Beratungsausschuß zugeteilt werden. Prof. Bernhard forderte ferner, daß sich der Völkerbund mit der Frage der zukünftigen Emigration befasse und entsprechende Vorkehrungen treffe, da im Zusammenhang mit der neuen deutschen Judengesetzgebung eine neue große Welle jüdischer Auswanderung schon in naher Zukunft zu erwarten sei. Prof. Dr. Georg Bernhard formulierte zum Schluß die folgenden Forderungen: 1. Der Völkerbund möge unverzüglich das Paßpioblem der Flüchtlinge in der Weise erledigen, daß unter seiner Aegide den Flüchtlingen international anzuerkennende Dokumente ausgefolgt werden. 2. Der Völkerbund sichere allen Flüchtlingen in den verschiedenen Ländern ein Asylrecht. 3. Bei Ausweisungen von Emigranten soll diesen Rechtshille gewährt werden, und' zwar im Wege eines ordentlichen Verfahrens, das Berufung und Verteidigung vorsieht. 4 Der Völkerbund sichere in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Arbeitsamt den Flüchtlingen das Recht auf Arbeit in ienen Ländern, in denen sie sich Jetzt aufhalten; den Flüchtlingen soll auch in der Schaffung freier Erwerbsmöglichkeiten geholfen werden. S. Die Schon bestehenden Wohlfahrtseinrichtungen für Flüchtlinge, namentlich diejenigen für Kinder und Jugendliche, sollen weiter ausgebaut werden. 6. Erschließung neuer Einwanderungsmöglichkeiten in Ländern, die den Flüchtlingen jetzt noch verschlossen sind. Vor der internationalen Presse berichteten die Delegierten der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Emi- Cafe Pension Echstein Semmering Pension, bei Mihdestauf enthält für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10.— tägl. ■SSX6BgraMKMaaaHKraBMBB9SMMH» gration in Frankreich über die Eindrücke, die sie bei ihrer Vernehmung durch die Expertenkommission empfanden haben. Sie stellten fest, daß alle fünf Mitglieder der Kommission mit großem persönliche n;i n d sachlichen Intere s s e an ihre Arbeit h e r a n g e g a n ge n sind: sie haben nicht weniger als 52 von den verschiedenen Aemtern und Organisationen eingereichte Denkschriften mit großer Gewissenhaftigkeit geprüft. Die Fragen der einzelnen Mitglieder des Komitees, darunter des Norwegers (die norwegische Regierun? hat bekanntlich die Schaffung der Kommission angeregt), bewiesen eine vorzügliche Sachkenntnis. Die Pariser Arbeitsgemeinschaft hat insbesondere Nachdruck auf die Schaffung eines Emigranten-Statuts gelegt, das für die jetzt noch rechtlosen Flüchtlinge eine Rechtsgrundlage schafft. Heinrich Mann richtete an die Völkerbundpresse in französischer Sprache einen dringenden Appell, den deutschen Flüchtlingen bei ihrer unendlichen seelischen i;nd materiellen Not Sympathie zuzuwenden. Als Vertreter der- Jewish A g e n c y erschienen Dr. Arthur R u p p i n und Dr. Nahutn G o 1 d m a n n vor der Expertenkommission, um ihre Ansichten über die Möglichkeiten für Auswanderung und Ansiediung von .luden aus Deutschland zu äußern. Dr. Ruppin befaßte sich mit Einzelheiten seines Planes, innerhalb sechs Jahren etwa 200.000 Juden aus Deutschland in verschiedenen Ländern, darunter auch Palästina anzusiedeln. lieber den Inhalt des von der Jewish Agency der Expertenkommission vorgelegten Memorandums, zu dem Dr. Arthur Ruppin ergänzende Aufklärungen gab, wird mitgeteilt, daß u. a. die Schaffung eines L i q u idationsinstituts vorgeschlagen wird, das die Liquidierung des Kapitals derjenigen Juden ermöglichen soll, die aus Deutschland auswandern wollen. Den Auswandernden, deren Zahl auf 25.000 bis 30.000 jährlich innerhalb der nächsten acht bis zehn Jahre geschätzt wird, sollen Kredite gegen Sicherstellung auf ihre Eigentumswerte in Deutschland gewährt werden. Die Mittelder projektierten Liquidationsbank sollen im Wege einer mit Hilfe des Völkerbundes international garantierten Anleihe beschafft werden. Nach dem von Dr. Ruppin für die Jewish Agency gehalterren Expose fand eine Beratung der Kommission mit einer Abordnung der jüdischen Hilfsorganasitionen statt. Der Abordnung gehörten Louis O u n g r e von der JCA, der europäische Direktor des Joint Distribution Conrmitee Dr. Bernhard Kahn. Edouard Ongre vom HlCEM, Dr. Nahum Goldmann und Dr. Martin Rosenblüth von der Jewish Agency. Fräulein V ä n t i n vom holländischen Hilfskomitee. Otto Schiff vom Londoner Hilfskomitee, Zwi Aberson vom Ausseeiem. Tirol, 1200 m Wintersport — Höhensonne $S$!X%jjt§f Erstklassige Verpflegung in der stieog "1872 Abteilung der Geschwister SCHEER im Hotel Hochalm Fahrpreisermäfligung. i wanderervertoand EMCOL. Professor Guggenheim vom Comite des Delegations Juives und der Züricher Rabbiner Dr. Löwenst'ein als Vertreter der Agudais Jisroel an. Die Ansprache, die Dr. Bernhard Kahn im Namen der gesamten Delegation hielt, machte auf die Mitglieder der Kommission einen auGerordentfc.L<iji tiefen Eindruck. Dr. Kahns Ausführungen gipfelten in folgenden Forderungen: 1. Der Völkerbund solle nach der Einstellung der Tätigkeit des MacDonald-Kommissariats eine Körperschaff einsetzen, die den Schutz der Ausgewanderten unter u nm i t te 1 ba r e r A u f s i c h t des Völkerbund e s übernehmen soll. 2. Diese Körperschaft soll autonom und von einer Persönlichkeit von internationalem Anseilen geleitet sein. 3. Die Körperschaft soll auch die Befugnis erhalten. Verhandlungen mit der deutschen Reichsregierung betreffend den Transfer jüdischen Kapitals aufzunehmen. 4. Staatenlos Gewordenen soll a r b e i t s- und paßrechtlicher Schutz gewährt werden. 5. Die Regierungen der Länder, in denen sich die Ausgewanderten zur Zeit aufhalten, sollen sich diesen gegenüber in beziig auf Aufenthaltsrecht und Arbeitsbewilligung weitherzig verhalten. 6. Es sollen Verhandlungen mit der deutschen Reichsregierung zwecks Ermöglichung einer geordneten, statt einer chaotischen. Auswanderung geführt werden. In der darauf folgenden Aussprache befaßte sicli Otto Schiff als zweiter Hauptredner besonders mit dem Kapitalstransie r. Zwi Aberson verlangte im Namen des EMCOL, daß die jetzt geltenden internationalen Regelungen für Nansen-Flüchtlinge auf die Auswanderer aus Deutschland ausgedehnt werden sollen. Kinder von Staatenlosen sollen die Möglichkeit erhalten, in ihren Aufenthaltsländern naturalisiert zu werden. Der Vertreter der Jewish Agency Doktor üoldraann erklärte, falls den Juden in Deutschland der Transfer ihres Vermögens ermöglicht werden wird, könnten jährlich 25.000 Juden aus Deutschland auswandern, davon 12.000 nach Palästina. ■ . , . Die Mitglieder der Kommission wünschten zu wissen, ob die Ausgewanderten in ihren gegenwärtigen Aufeiitlialtsländern bleiben sollen oder ob die jüdischen Organisationen ihre Weiterleitung und Seßhartmachung in anderen Ländern anstreben. Daraufhin erklärten sämtliche Mitglieder der Abordnung, daß sie im Prinzip für ein Verbleiben der Ausgewanderten in den jetzigen Ländern seien und für die Weiterleitung nur insofern eintreten, als dies angesichts de¬ Verhältnisse in den betreffenden Ländern unumgänglich sei. Der JCA-Direktor Louis O u n g r e, der zum Schluß unabhängig von der Abordnung, ein eigenes Gutachten erstattete, behandelte die Möglichkeiten der Auswanderung nach Südamierika. Die JCA, sagte er, sei bereit, auf ihren dortigen Besitzungen Auswanderer landwirtschaftlich zu kolonisieren, falls die entsprechenden rechtlichen Vorausetzungen geschaffen werden. üenf macht also ernst. Man sollte es nicht glauben. Diese Skepsis ist nur zu berechtigt, denn allzu oft schon sind großartig angekündigte Absichten des Völkerbundes, die die deutschen Juden betreffen, in nichts aufgegangen und haben durcli die Enttäuschung, die ihnen folgte, den Seelenzustand derer, denen geholfen werden sollte, verschlechtert. Als es vor mehr als zwei Jahren zur Einsetzung MacDonalds als Oberkommissär für Auswandererfürsorge kam, sind in Genf sehr viele Reden gehalten worden, die uns allen wohltaten, weil sie unsere menschlichen und jüdischen Werte anerkannten und weil es so schien, als ob man bereit sei, der furchtbaren Lage der deutschen Juden Rechnung zu tragen, die offene Grenzen für die wachsende Zahl zur Auswanderung gezwungener Juden aus Deutschland forderte. Die Zwei- Jahres-Bilanz des Oberkommissariats bestätigt aber den Eindruck auch des über Einzelheiten ununterrichteten Juden, daß nämlich MacDonald in Spezialist in Braut-Bouquets und Tafelschmuck Blumen-Salons u. Kranzbindereien der GÄRTNEREI BL UM BN -SEBRINÜ Hauptgeschäft und Sladtbüroi WIEN f., STUBENRING Nr. 12 und //., Taborstraße 30 u. 52

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