Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 49 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064603--20470-3085719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f.; Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Se Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Ersehehit jeden Freitag BfflllllillM^ n punrnnuirnnpitniinD niTni-n iiammiafii nuHBinü i üiuiUIü mim miiiiiiiiilli hu n im juiunuuuiUDiDiinninini iiuioiii imnii >■ inniiHtnminniiinnn "nrnnim m Dünn "nmniun nnnnn mqmnt Redaktion und Administration: Wien 11.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparhasserbonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 6. Dezember 1935 Nummer 49 Balkanisierung Deutschlands. Der österreichische Minister für soziale Verwaltung Professor Dr. Dobretsberger hat vor einigen Tagen eine Deputation der jüdischen Aerzte Oesterreichs empfangen. In einer nahezu einstündigen Unterredung konnte sie dem Minister alle Sorgen und Kümmernisse rückhaltlos unterbreiten, von denen gegenwärtig die jüdische Aerzteschaft bedrückt wird. Ueber die Einzelheiten dieser bedeutungsvollen Aussprache wurde in dem hierüber ausgegebenen Kommunique nichts berichtet, dafür aber „aus den von edelster Menschlichkeit und unbeirrbarem Gerechtigkeitssinn getragenen Aeußerungen des Bundesministers" eine besonders hervorgehoben: „Ich bin kein Antisemit, Sie können es mir glauben. Wer eines Menschen Antlitz trägt, gilt mir gleich. Ich urteile nach dem inneren Wert, Moral und Tüchtigkeit." Die Mitteilung der Vereinigung jüdischer Aerzte knüpft daran die Bemerkung: „Wir jüdischen Aerzte freuen uns, an der Spitze jenes Staatsamtes, das für die Geschicke unseres Standes so schwerwiegende Entscheidungen trifft, einen Mann von so edler Gesinnung zu wissen. Wir bücken wieder mit Zuversicht in die nächste Zukunft." Diese Freude ist gewiß berechtigt. Das von uns jüngst gewürdigte, in öffentlicher Rede kundgemachte Bekenntnis des Regierungschefs Doktor Schuschnigg zur religiösen Toleranz erfährt durch das obige, in vertraulicher Aussprache geillene Wort des Sozialministers eine sehr eindrucksvolle Ergänzung, die die Hoffnung begründet erscheinen läßt, daß alle untergeordneten Organe, die nach dem Ausspruch des Vizekanzers Starhemberg das Abzeichen der Vaterländischen Front auf der Brust, aber das Hakenkreuz ü der Tasche tragen, endlich in die Schranken gewiesen werden, die der Kulturwille des österreichischen Volkes und seiner verantwortungsbewußten Führer der geistigen Pest des Rasseni asses zu ziehen beflissen ist. Indem der österreichische Sozialminister sich •/u dem Standpunkt bekannte, daß nicht die Rasse, sondern die persönliche Moral und Tüchtigkeit den Wert des Menschen bestimme, hat er nicht nur das hohe sittliche Niveau des Oestecreichertums überzeugend deklariert, sondern auch die Ehre des Deutschtums gerettet, dem bitterstes Unrecht geschieht, wenn man es nach den Wortführern des Dritten Reiches beurteilt, nach jenen Politikern, die niemand Geringerer als der Reichswirtschaftsminister Schacht jüngst in einer sensationellen Rede vor der „Akademie für deutsches Recht" als „Führer, die keine sind" verspottet hat. Herr Schacht hätte sich trotz seiner Unentliehrlichkeit als5 einziger sachverständiger Wirtsehaftspolitiker unter den Dilettanten, die der Sieg des Nationalsozialismus nach oben gespült hat, kaum so weit vorgewagt, hätte ihn nicht das sichere Gefühl getragen, im Geiste einer täglich wachsenden Schar zu sprechen, die 'sich innerlich vom Nationalsozialismus immer mehr distanziert. Die unteren Volksschichten wagen diese Distanzierung freilich nur in aller Heimlichkeit und Stille. So passierte es jüngst in einer deutschen Kleinstadt einem jüdischen Handlungsreisenden, der sich wegen antisemitischer Affichen in den Auslagefenstern seiner früheren Kunden an diese nicht mehr heranwagte, daß er von ihnen durch die Hintertüren eingelassen, mit Aufträgen überhäuft und wegen der judenfeindlichen Inschriften ihrer Auslagen förmlich um Entschuldigung gebeten wurde. Sie seien den Geschäftsleuten von der herrschenden Partei gewaltsam aufgedrängt worden, da jeder Kaufmann seine Existenz gefährde, der sie zurückweisen würde. Ungleich größer ist der Mut zum Widerstand in den akademischen Kreisen des Deutschen Reiches. Der Leipziger Nobelpreisträger Professor Dr. Werner Heisenberg hat vor kurzem vor einem Auditorium engerer Fachkoilegen die grundlegende Umgestaltung des physikalischen Weltbilds durch Einstein anerkannt und so indirekt, aber wohl mit voller Absicht, die versuchte Umgestaltung des politischen Weltbilds durch die Ausbürgerer Einsteins und Beschlagnahmetseines Vermögens abgelehnt. Dem Korps Palaiomarchia in Halle war zugemutet worden, zwei n i c h t a r i sc Ii e Mitglieder auszuschließen. Dieser Zumutung widersetzte sich der Korpstiihrer Rechtsanwalt Hofmann mit der beachtenswerten Erklärung: „Es gibt noch genug Sinn in unserem Korps für g e r m a n i s c h e Treue und deutsche Charakterfestigkeit, die sich um diese beiden Korpsbrüder zu einer Schildgemeinschaft zusammenfinden, die alle Pfeile abfängt, die diesen beiden gelten. Wir alle die wir noch wert sein wollen. Aitmärker zu heißen, decken unsere Korpsbrilder Fritz. Larssen und Kurt Dahlem mit unseren Leibern und erklären uns mit ihnen unlöslich verbunden." Angesichts dieser bewunderungswürdigen und heldenmütigen Haltung reichsdeutscher Studentenkorporationen, die es ablehnen, den nationalsozialistischen Moioch durch Opferung ihrer rassejüdiechen Bundesbrüder huldvoll zu stimmen, ist es umso bedauerlicher, dal.! sich die Hochschüler des Auslands diesem Moloch desto gefügiger zeigen. Nicht in \V e s t e u r o p a. wo die humanitären Traditionen der französischen Revolution auch in den Rechtskreisen so stark fortwirken, daß sich sogar der Führer der Feuerkreuzler, Oberst La Rocque. zu einer Ablehnung des Hitlerismus und zur Abgabe folgender Erklärung veranlaßt sah: „Ich will die Dinge in Deutschland weder kritisieren noch tadeln, aber ich kann sagen, daß sie mit d e h Gesetzen Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen _ sensal A 48-9-22 R. ¥ADBi*f AN® Wien, II. Bezirk, Nordpolstraße 2/3 Reparaturkredite Ziflsvorsdbüsse kulantest Rasiere Dldi gat nnd billig Oesferreichisches Quaiiläls f abrihal Ueberau erhältlich der Menschlichkeit nichts zu tun haben. In Frankreich wäre der Rassismus nichts weiter als eine leere Nachahmung, die gänzlich unnatürlich ist. Ich selbst betrachte den Rassismus ais einen verbrecherischen Unsinn und eine unzulässige Ungerechtigkeit." Wohl aber kam es in O s t e u r o p a zu exzessiven Studentenkundgebungen, die die deutsche Hakenkreuzpropaganda als ihren Triumph buchen darf. Wie tief ist doch Deutschland gesunken, seit Bismarck verkündete, daß ihm die Eroberung des Balkans nicht die Knochen eines pommerischen Grenadiers wert sei! Heute müssen die jüdischen Studenten von Ungarn, Polen und Rumänien ihre Knochen zu Markte tragen, weil der Balkan seine geistigen Grenzen bis an den Rheni vorgeschoben hat. Die Baikanisierung Mitteleuropas ist der kulturpolitische Triumph des deutschen Nationalsozialismus. Darüber können auch die großen Worte der Führer, die diese sie beschämende Tatsache zu verschleiern .suchen, nicht hinwegtäuschen. Vergebens interpretierte Hitler höchstpersönlich die Nürnberger Gesetze dalh.;. daß sie nicht .antijüdisch seien — aber woher denn! —. sondern prodeutsch. Er kann niemandem plausibel machen, daß es ..prodeutsch" sein soll, die Namen der 12.000 für Deutschland :.ei'ailciien jüdischen Soldaten von den Heidendeisknuilern r\ entfernen, den Führer der natiorutkbnitsckcn -luden als Staatsfeind zu verhaften, weil .veine Gesinnung den Hakenkretiz'.ern nicht so gui in den Kram paßt wie die jüdischnationale. :<nd die christlichen Hausgehilfinnen, die bivrer in jüdischen Diensten standen, so lange in ..Aununge'agern" einzusperren, bk sie sich die Heiislehre einbläuen lassen, daß ihre früheren biensigeher. die sie freiwillig niemals veri.-<ser: bitten, verbrecherischer Auswurf der Menschheit seien . . . Auf einer internationalen .luristenkonferenz. die vor kurzem in Paris tagt,, haben UO Juristen aus allen Kulturländern einstimmig die Erklärung angenommen, daß die Nürnberger Judcngesetze einer ideologischen Anschauung entspringen, die mit den Rechtsgrundsätzen. suwsii -sie die Beziehungen zwischen Menschen und Nationen bei den zivilisierten Völkern bestimmen, nicht vereinbart werden können. ..Sie sind ein unerhörtes Attentat auf die Würde und die heiligsten Rechte der Menschen, die Gewissensfreiheit, das Famiüenrecht, das Arbeitsrecht. Sie stehen im Gegensatz zum Rechtsprinzip der öffentlichen internationalen Ordnung." So urteilt die Kulturwelt über die Balkanisierung Deutschlands.