Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 48 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 48 29. November 1935 Seite 5 Das CAFE-RESTAURANT CONTINENTAL II., PRATERSTRASSE 1 unter neuer Leitung MASSAREK - bittet am dte Ehre Ihres B suchet. Kalte und warme Küche. Billigste P. eise' Für Vereine schöne Spiel- und Klubräume einem Prozeß auf Widerruf der Kündigung eines Angestellten einer Stadtverwaltung mit der Frage zu befassen, welchen Einfluß die .nichtarische Abstammung der Ehefrau des Klägers auf die Kündigung habe. Gelegentlich der Prüfung seiner Uebernahme als Dauerangestellter hatte eine Stadtverwaltung dem Kläger wegen der nichtarischen Abstammung seiner Ehefrau gekündigt. Auf seine Klage erklärte das Gericht, selbstverständlich sei die Kündigung für den Kläger, der vor 25 Jahren geheiratet habe, als die Rassenfrage noch kaum beachtet worden sei, der an der Front gekämpft und sich stets einwandfrei geführt habe> sehr hart. Aber diese Härte liege in der unvermeidlichen Eigenart der Rassegesetzg e b u n g begründet. » Wie aus Berlin gemeldet wird, est eine der . letzten Nummern der „Jüdischen Rundschau", in der anläßlich des Ablebens der Schwester von Nietzsche, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche, auf Nietzsches Abneigung gegen den Antisemitismus hingewiesen wurde, beschlagnahmt worden. Die Beschlagnahme erfolgte auf Befehl de» Reichspropagandaministers Dr. OoebbeIs, auf dessen Initiative es zur rückzuführen ist, daß aus den letzten Nietzsche-Ansgaben jene Stellen eliminiert wurden, in denen der große lenker seiner oft leidenschaftlichen und zornigen Abneigung gegen den Antisemitismus und die Antisemiten Ausdruck gab. * - a . In Vereinbarung mit dem Geheimen Staatspolizeiamt hat die zuständige Stelle im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda allen jüdischen Künstlern das Führen von sogenannten Künstlernamen (Pseudonymen) untersagt. Das Verbot gilt auch für die im Rahmen des Reichsverbandes der jüdischen Kuturbünde tätigen nichtarischen Personen. Zahlen sprechen. Ein französisches Urteil als Vorwort. Ich denke am die deutschen jüdischen Soldaten, die während des Weltkrieges unsere Gegner waren, die ihr Leben hingegeben haben und deren Namen jetzt auf Befehl der deutschen Regierung von den Gedenktafeln verschwinden sollen. Ohne dem Chauvinismus zu verfallen, ist man stolz, Franzose zu sein, wenn man bedenkt, daß eine so niedrige Schändlichkeit Sn Frankreich unmöglich wäre. Gäbe es einen I r r ert, der es anordnete, so sähe es Hunderttausende von anständigen R e b e 1fert, die nicht gehorchen würden. Abel Hermant, Mitglied der Academie Francaise. * 555.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder lebten 1914 als Staatsangehörige im Deutschen Reich. 100.000 jüdische Männer dienten während des Krieges im deutschen Heer, der Schutztruppe undi der Marine. 12,000. dieser deutschen Juden; sind, gefallen, darunter 322 Offiziere, 185 Sanitätsoffiziere, 30 Flieger. 2.1 Prozent Kriegssterbefälle kommen also auf die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung. Den gleichen Prozentsatz weist die Gesamtbevölkerung der deutschen Großstädte auf. 10 Prozent aller jüdischen Aerzte, die in das Feld ausrückten, und zwar genau 185 von 1857 Sanitätsoffizieren starben den Heldentod. Dieser Prozentsatz der gefallenen jüdischen Aerzte ist weit höher als der der Gesamtzahl aller gefallenen deutschen Feldärzte. Nur Juden im Sinne der Religionszugehörigkeit, also Mitglieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft, sind in diesen Zahlen enthalten, nicht dagegen Menschen jüdischer Abstammung, die der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören. Die Namen von 10.632 gefallenen deutschen Juden sind vom „Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten" in seinem 1932 in II. Auflage erschienenen Gedenkbuch: „Die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914—1918" zusammengestellt. Diese Totenliste führt an: Namen, Geburtsort und Geburtsdatum, Truppenteil und Dienstgrad, die Nummer in der amtlichen Verlustliste. Die Liste bedarf, wie ihre Herausgeber betonen, noch der Ergänzung. Eine Zählung im Auftrage der großen« jüdischen Organisationen wurde in den Jahren 1917—1921 vorgenommen; die Arbeit wurde geleitet von Dr. Jacob Segall unter Beratung durch den Direktor des Berliner Städtischen Statistischen Amtes Professor - Dr. H. Silbergleit. Diese Zählung ergab die oben angeführte Gesamtzahl von 12.000 jüdischen Gefallenen. Ihr Ergebnis ist niedergelegt in dem Buch: „Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914—1918. Eine statistische Studie." Philo Verlag, Berlin 1922. „In ehrfurchtsvoller Erinnerung .. ." Reichspräsident von Hindenburg dankte dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten am 3. Oktober 1932 in einem Brief für das Gedenkbuch „Die jüdischen Gefallenen": „. . . In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren ReSierr für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverieiben. Mit kameradschaftlichem Gruß! gez.: von Hindenburg." Oberstleutnant Ott, Chef der Wehnnachtabteilung, erklärte bei der feierlichen Utebergabe des Gedenkbuches in einer Kundgebung am 17. November 1932 in Berlin: „Meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen im Auftrage des Herrn Reichswehrminis t e r s hier in dieser feierlichen Stunde zum Ausdruck zu bringen, daß wir dieses Ge¬ Wien IL, Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen denkbuch unserer jüdischen Kameraden, die im Weltkrieg gefallen sind, in hohen Ehren halten werden zum Gedächtnis dieser treuen und echten Söhne unseres deutschen Volkes." (Der damalige Reichswehrminister war General von Schleicher.) Oberstleutnant Siegert, ehemaliger Inspekteur der Fliegertruppen, gab einem Gedenkbuch über jüdische Flieger im Weltkrieg ein Geleitwort mit, das vom 10. August 1924 datiert ist, und in dem er schrieb: „. . . Die schlichten . . . dokumentarischen Aufzeichnungen geben eindeutige Antwort auf die Frage, mit welchem Recht eine kritiklose und hammelherdähnlich geführte Masse bewährten Kriegsteilnehmern Schimpf und Schande antut, anstatt in stiller Erkenntnis eigener Inferiorität das Haupt zu beugen... Ich möchte mit diesem Vorwort die Stimmung deutscher Männer dahin beeinflussen, ihren Führern dien Auftrag zu erteilen, Parteikämpfe in einer Form auszufechten, die sich gleicherweise von Verunglimpfung Lebender wie von Leichenschändung entfernt hält." „Jüdische Flieger im Weltkrieg". Das Buch, dem der ehemalige Inspekteur der deutschen Fliegertruppe dieses Geleitwort mitgegeben hat, ist von Felix A. Theilhaber im Verlag Der Schäd m Berlin 1924 herausgegeben worden. 1932 erschien ein Nachtrag. Es berichtet eingehend über 125 jüdische. Flieger, die im Weltkrieg über dem Feinde geflogen sind: 50 weitere Namensnennungen sind nach dem Erscheinen des Buches bei dem Herausgeber eingelaufen. Besfanrant Hotel Steianle lonulsOperar Ii, Tafeenttooe l«. TO. »4«-s-Sf WMh Anagjabige Brafm-MaoB» 3 180 mm* \ Qaflanl- .. SU» 1WJ Vorzügliche Zubereitung — Sehwechater Biere Naturweine. Ruhe an den Universitäten. Ungarn. Der Minister des Innern, Kosma, empfing eine Abordnung der antisemitischen Universitätsjugend und nahm privatim ihre Wünsche entgegen, die er dem Unterrichteminister unterbreiten will. Diese Wünsche bezogen sich weniger auf Zurückdrängung des jüdischen Elements, sondern waren mehr wirtschaftlicher Natur. Der Minister betonte, daß er Ruhe und Ordnung unter allen Umständen aufrechterhalten werde. Am Montag, den 25. November, wurden in allen Fakultäten die Vorlesungen wieder aufgenommen. Die Polizei, die In Erfahrung gebracht hatte, daß neue antisemitische Demonstrationen vorbereitet werden, verhaftete 47 Jugendliche, von denen nur 17 Hörer der Universität sind. Polen. Gegen Ende der Vorwoche trat auch an den polnischen Universitäten eine Ruhepause m der Serie der judenfemdlicben Ausschreitungen ein. Am 21. November wurden in Warschau noch jüdische Passanten in den Straßen belästigt. Es ereigneten sich Vorfälle, die an die Zustände in Hitler-Deutschland erinnern. Ein christlicher Student!, der sich in Gesellschaft eines jüdischen, und ein jüdischer junger Mann, der sich in Begleitung eines christlichen Mädchens befand, wurden mißhandelt. Das christliche Mädchen mußte versprechen, sich nie wieder in Gesellschaft eines Juden sehen zu lassen. Von der Unruhewelle an den polnischen Hochschulen wurde auch Posen ergriffen. Am Samstag, den 23. November, veranstalteten die nationaldemokratischen Studenten an der Medizinischen Fakultät der Posener Universität! antijüdische Exzesse, die damit begannen, daß man die jüdischen Studenten zwingen wollte, in den sogenannten „Ghetto-Bänken" Platz zu nehmen. Auch an der landwirtschaftlichen Fakultät in Posen kam es zu Zusammenstößen zwischen Nationaldemokraten und Juden, wobei die Juden von den Nationaldemokraten aus den Hörsälen hinausgedrängt wurden. Bei einer Besprechung mit den Rektoren der Warschauer Hochschulen erklärte der Leiter des Unterrichtsministeriums, Prof. C h y 11 n s k i, daß, falls sich bei der Wiedereröffnung der Hochschulen die Ausschreitungen erneuern, er von der Vorschrift Gebrauch machen werde, nach welcher das laufende Semester für verfallen erklärt wird und die Studenten sich neu einschreiben und neue Semestergebühren bezahlen müssen. JBs gibt eine Vergeltung". An das „Prager Tagblatt" schrieb ein katholischer Theologe folgenden Brief: Gerade als katholischer Theologe muß ich gegen das derzeitige Verhältnis der Katholiken gegen die Juden mein Veto einlegen. Ist der Jude kein Mensch, der ebenso berechtigt ist, seinem Glauben zu leben und von den anderen in Ruhe gelassen zu werden? Steht nicht gerade der Katholizismus dem Judentum am nächsten? Ist das Christentum nicht aus dem Judentum hervorgegangen? Wenn überhaupt zwei Konfessionen friedlich nebeneinander existieren können, dann ist es der Katholizismus und das Judentum. Wenn ein Mensch seinen Mitbruder wegen einer anderen Konfession verspottet, so ist er selbst der niedrigste Charakter. Ich glaube, daß unsere Zeit andere Sorgen hat, als sich wegen des Glaubens Prügel vor die Füße zu werfen. Wenn das Judentum zurzeit in Deutschland die Blutbahn schreiten muß, so gibt es eine Vergeltung. Die Menschen, die jetzt skrupellos die anderen richten, werden einst selbst gerichtet werden. Ed. Mück. Priesterseminar, Weidenau.