Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 48 (29.11.1935)
- Date
- 1935-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 48 — 29. November 1935 DIE WAHRHEIT .i*j> f* i/ ti Ifl w Ii ff a I'f jV- *5 f > «; il f t*. il k :t jl Iri- :M il 'Sl * Fl if . 1 Ti'f 4 C? in Nürnberg: Streicher neben Hitler saß und daß der Reichsjugendführer Baidur von Schirach den Lehnseid geleistet habe, die Jugend in Streichers Geist zu erziehen. Ich ersuche, schloß Bischof Bell, um Annahme der Resolution, die nicht ein Angriff, sondern ein Appell an die Herrsch e r D e u ts c h 1 ia n d s ist. Es ist in Wiener jüdischen Kreisen sehr unangenehm aufgefallen, daß im Gegensatz zu allen ähnlich orientierten Wiener Tageszeitungen, die über die denkwürdige Kundgebung der englischen Bischöfe recht ausführlich berichteten, die „N e u e Freie Presse" über dieses Ereignis hinwegging. Wieder einmal hat dieses ehemals in jüdischen Kreisen so geschätzte Blatt bewiesen, daß es bei Behandlung der Vorgänge im Dritten Reich und der Wirkung derselben auf das zivilisierte Ausland sich nur von dem Umstand leiten läßt, daß das Blatt als einzige Wiener Tageszeitung heute noch in Deutschland zugelassen ist. Diese gnädige Erlaubnis des Herrn Goebbels ist für die Haltung der ..Neuen Freien Presse" maßgebend, nicht aber für die Wiener Juden, die sich voll Entrüstung von diesem Blatte abwenden, auch wenn ein Mann dort Artikel veröffentlicht, der derzeit noch — Vizepräsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde ist. Die Red. Olympia — nicht Berlin! Ein Manifest. Von dem Widerstand, der sich in der ganzen Welt gegen die Durchführung der nächstjährigen „Olympiade" in Beirlin regt, hat „Die Wahrheit" in vielen Heften Notiz genommen; erst in unserer letzten Nummer haben wir Auszüge aus einer bemerkenswerten Denkschrift des P rage r Komitees zur Verlegung der Olympischen Spiele aus Deutschland veröffentlicht. Die Meinung gewinnt Raum, daß die Sportorganisationen aller Welt durch das loyalste aller Kampfmittel, durch passive Resistenz, duirch die Erklärung, die Berliner Olympiade nicht besuchen zu wollen, dem deutschen Nationalsozialismus und dem im Dritten Reich herrschenden barbarischen Regime einen heftigen Schlag erteilen können, d©r dem Nationalsozialismus einen großen Prestigeverlust in aller Welt und auch im Deutschen Reich bringen wird. Diese einmalige Möglichkeit ist von so eminenter Wichtigkeit, daß sie in den Vordergrund geschoben wejrden muß, daß an alle Menschen, die den Nationalsozialismus zu bekämpfen ehrlichen Willens sind, die Aufforderung ergehen muß, sich mit Wort und Tat hier mit einzusetzen. Gerade jetzt wird ein Flugblatt verteilt, unterzeichnet von den Führern der deutschen Geisteswelt in der Emigration: Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Prof. Dr. Alfons Goldschmidt, Prof. Georg Decker, Prof. Georg Bernhard und gegengezeichnet von politischen Persönlichkeiten und zahlreichen Organisationen, so dem Schutzverband deutscher Schriftsteller, dem deutsche Komitee gegen Krieg und Fascismus usw., in dem es heißt: „Der Kampf um die Olympiade ist kein Kampf gegen Deutschland, sondern ein Kampf gegen das Hitler-System. Die starke Opposition im Ausland erfordert eine klare Antwort aus deutschen Kreisen. Wir haben diese Antwort an den Wortführer der amerikanischen Opposition gegen die Hitler-Olympiade gerichtet. Wir haben dem Präsidenten der amerikanischen Athleten-Vereinigung unsere Anerkennung bezeugt dafür, daß er wegen des Rassenkampfes die Teilnahme an der Olympiade in Berlin ablehnt. Wir erklären in unserem Schreiben an den Präsidenten^ Herrn Mahony: Trotz feierlicher, vor der Weltöffentlichkeit eingegangener Verpflichtungen, Arier und Nichtarier als völlig gleichberechtigte Olympiakämpfer zu betrachten, hat die nationalsozialistische Regierung diesen Unterschied in der Praxis zu einem System ausgebildet Jüdischen Sporttreibenden ist der Eintritt in die deutschen Sportvereine verwehrt Das vorbereitende Training für die olympischen Wertkämpfe wird ihnen durch die Verweigerung der Sportplätze unmöglich gemacht. ATische Sporttreibende werden gemaßregelt und diffamiert, wenn sie sich mit Nichtariem im sportlichen Kampf messen. Die Unduldsamkeit der nationalsozialistischen Sportbehörde richtet sich nicht nur gegen Rassenfremde,' sondern auch gegen katholische, protestantische und sozialistische Sporttreibende, deren Organisationen in einem furchtbaren Terrorfeldzug aufgelöst deren Führer verhaftet mißhandelt und teilweise zu hohen Strafen verurteilt wurden." Sport als Mittel zur Rassenhetze und Judendiffamierung. Der Reichssportführer, Herr von Tschamm er und Osten, hat allerdings in einem Interview in Stockholm erklärt: „Auf dem grünen Rasen ist alles gleich, da gibt es keine Unterschiede und Trennung nach Rassen, Religion usw." " So sagt man für das Ausland. Daheim klingt es anders. Da herrscht der Unterschied noch unter dem „grünen Rasen", wo man den im Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten ihr Angedenken nicht gönnt". Da sagt zum Beispiel der „Dietwar t", das Erziehungsorgan des deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (Herausgeber Münch), im Heft Nr. 6, Juli 1935: „Es ist mir unbegreiflich, weshalb man diese mordschnaubenden Bestien nicht schon längst ausgerottet hat. Würde man denn nicht wilde Tiere, die Menschen irälien, sofort töten, auch wenn sie menchenähnlich wären? Und sind denn die Juden etwas'anderes als Menschenfresser?" Im Augustheft der gleichen Zeitschrift heißt es: „Wir haben die selbstverständliche Pflicht, die Bewegung in ihrem Abwehrkampf gegen das Judentum durch unsere Arbeit in unseren Vereihsgemeinschaften Caft Pension Eckstein Semmerlns Pension bei Mindestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben 8 10.— tägl. tatkräftig zu unterstützen ... Jeder persönliche Umgang mit Juden ist zu vermeiden. Jede wirtschaftliche Verbindung mit Juden muß unterlassen werden. Juden haben in Vereinigungen deutscher Menschen auch nicht das geringste zu suchen." ■, ■ ■■■ Der SA-Sportführer Bruno Malitz erklärte in einem Vortrag: „Leibesübungen in der nationalsozialistischen Idee: „Wir Nationalsozialisten können für unser Volk keinen positiven Wert darin erblicken, Sau Juden und Negern zu gestatten, durch unser Land zu reisen und in der Athletik m i t unseren Besten zu konkurrieren." Keine Trainingsmöglichkeiten für Juden. Parallel zu den Richtlinien allgemeiner Art laufen die Ausführungsbestimmungen, mit denen die Gemeinden und lokaleini Behörden den Juden die Sportausübung praktisch unmöglich machen. Hier nur zwei Beispiele: „Das Schwarze Korps", Organ der Reichsführung der SS, schrieb am 3. Juli 1935: „Das Mitglied der Schwimmabteilung des BKH., Berlin, Richard Kalischer, hat bei den Hochschulmeisterschaften des Gaues Kurmark der Deutschen Studentenschaft das Kunstspringen gewonnen. So gemeldet nicht etwa im Juni 1920, sondern — am 28. Juni 1935. . . . Mitglieder einer sogenannten deutschen Studentenschaft lassen zu ihren Hochschulmeisterschaften Juden zu, messen sich mit den Fremdrassigen im Wettstreit und sabotieren damit ganz offen alle jene gesunden Bestrebungen, die dahin zielen, das deutsche Volk von Juden freizumachen. . . . Wenn Vertreter der jungen Generation, noch dazu auf deutschen Hochschulen, sich, so wie hier geschehen, immer noch mit Juden liieren, dann scheint uns da etwas oberfaul zu sein. So oberfaul, daß einmal nach dem Rechten gesehen werden muß." Wie erinnerlich, hat der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels vor einigen Wochen die Geheiminstruktion erlassen: „Ueber die Zwischenfälle, die sich gestern in Grünau ereigneten (Rudermeisterschaften) darf nicht berichtet werden." Jetzt erfährt man, daß an diesem Tag in Berlin-Grünau die Fenster der Klubhäuser, die Juden als Mitglieder haben, zerschlagen und alle Juden gehörenden Motorboote zerstört wurden. Die Lüge von der Freiheit des Sports. Das ist die Praxis, die (natürlich offiziell abgeleugnet wird. Je nachdem es sich besser schwindelt, versteckt sich die Staatsmaschine hinter der Nazipartei oder die Partei hinter dem Staat. So sagt das „ReidissportMatt", das offizielle Organ des Piropagandaausschusses: „Ein staatlicher Zwang, Juden nicht aufzunehmen, besteht nicht". „Staatlicher Zwang" besteht nicht, aber das „Schwarze Korps" der SS wird schon nach dem „Rechten sehen", denn: „Jüdische Sportführer und ihre vom Talmud verseuchten Freunde, die Pazifisten, Paneuropäer n Dttdterbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung -r Antiquariat HEPMAMN T HC HIMER, In Wien II-, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen" Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Uebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! - und dergleichen1, haben in unserem deutschen Lande keinen Raum. Sie sind schlimmer als Cholera und Syphilis, viel schlimmer als Hungersnot, Dürre und Giftgas." Was sagt der Präsident der Paneuropäischen Union, Graf Coudenhove-Kalergi, dazu? Was die pazifistischen Verbände und Organisationen? Denn hier wird doch wohl offenbar, daß es nicht gegen die Juden allein geht, sondern gegen dem Geist der Demokrat«, der Friedwilligkeit, der Völikerverbindung, gegen den Geist von Olympia. Wollen sich alle nichtdeutschen Sportsleute der Gefahr aussetzen!, von einem verhetzten Nazimob niedergefaustet zu werden, wie die schwedischen Leichtathleten Karl.sson und Norrby, die eine marschierende SA-Truppe nicht mit dem Hitlergruß empfangen haben? In Berlin, beim Stettiner Bahnhof, im September 1935. . Haben da Philippe de Rothschild und Jean Rheims, die Frankreich auf der Winter-Olympiade in Garmisch-Partenkirchen hätten vertreten sollen, nicht recht mit ihrer Erklärung an den Präsidenten des französischen Bobsleigh- und TobogannSng-Verbandes, in der sie unter anderem sagen: Herr Präsident, nach unseren Leistungen bei den Bobslleigh-Weltmeisterschaftsspielen 1935 in St. Moritz wurde uns die Ehre erwiesen, als Kapitän und Pilot der Mannschaft bestimmt zu weisen, die Frankreich auf der Olympiade in Deutschland 1936 vertreten soll. Wir können uns aber an einer internationalen Schau nicht beteiligen, bei der die Deutschen jüdischen Glaubens nicht als ihren Mitbürger™ gleichberechtigt behandelt werden. Wir sind besonders darauf bedacht, jeden Zwischenfall zu vermeiden, den allein schon unsere Gegenwart (die Briefschreiber sind beide Juden) heraufbeschwören könnte und den wir in keinem Falle dulden würden. Wir setzen uns selbstverständlich mit unserem ganzen Enthusiasmus für die Verteidigung der Farben Frankreichs überall in der Welt und unter allen Umständen ein, aber wir können nicht in einem Lande starten, welches einen Unterschied zwischen uns und unseren Mitbürgern machen will. Glauben Sie uns, daß wir verzweifelt sind, einen solchen Beschluß fassen zu müssen. Wir bitten Sie, diesen Entschluß dem Präsidenten des Französischen Olympischen Komitees und dem Präsidenten des Nationalen Sport-Komitees zur Kenntnis zu bringen. Organisierter Kampf. Der Kampf gegen die Abhaltung der Olympiade in Berlin muß aus dem Stadium des „Darüberredens" heraus. Er muß organisiert geführt werden. Der Vorsitzende des New Yorker Zweiges des Verbandes der amerikanischen Universitätsprofessoren. Prof. Rauschenbusch teilt mit, daß sich die New Yorker Universitätsprofessoren gegen die Teilnahme Amerikas an der Berliner Olympiade ausgesprochen haben. Ernst Theodor Breiter gestorben. In Wien verstarb in der Vorwoche im 71. Lebensjahre der langjährige Vertreter der Stadt Lemberg im ■alten österreichischen Reichsrat, Ernst Theodor Breit e r. Der Verblichene, N i c h t j u d e, Sohn eines nach Galizien eingewanderten reichsdeutschen Ingenieurs und einer polnischen Mutter, hat im politischen Leben der galJzischen Judenschaft eine derart dominierende Rolle gespielt, daß er in weiten Kreisen für einen Juden gehalten wurde. Als Freund der Unterdrückten nahm er sich stets auch der leidenden Juden an und trat mutig für die Rechte der jüdischen Minderheit in GalEzien ein. Als er im Jahre 1906 gelegentlich einer Nachwahl in die fünfte Kurie des alten Relchsrates kandidierte, besiegte er mit den jüdischen Stimmen den Vertreter des Polenklubs. Und als nach Einführung des allgemeinen Wahlrechtes im Jahre 1907 jüdischnationale Abgeordnete in den österreichischen Reichsrat gewählt wurden, trat der nlchtjüdische Abgeordnete Ernst Theodor Breiter ihrem Ideinen Klub als Hospitant bei- Breiter wurde auch 1911 in den letzten Reichsrat Altösterreichs wiedergewählt Hier Mdete er zusammen mit dem jüdischen Abgeordneten Reitzes im Reichsrat eine eigene Fraktion. Seit Kriegsende lebte er in Wien ein Leben der Armut.