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Die Wahrheit · 1935-11-22 · Heft 47 (22.11.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 47 (22.11.1935)
Date
1935-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Tsa Seite 6 Nr. 47 — 22. November 1935 DIE WAHRHEIT H >i 1! Ii I l*lt U :M. V- M H 1» gr i mit H!■ II S'f Ii I.f r il f >t u t! ■ »! llä V.1 13? '13 :I}J fcS PH, :§ 4 h te im Gefolge hatte. Das Urteil hat um so mehr Aufseilen erregt, als erst vor einigen Tagen jüdische Angeklagte, die in Notwehr den Tod eines sie angreifenden Antisemiten verursacht hatten, zu mehrjährigen schweren Kerkerstrafen verurteilt worden waren und die Strafe gleich antreten mußten. Nur einer der Angeklagnen im Grodnoer Prozeß brachte im Schlußwort sein Bedauern darüber zum Ausdruck, an einem Totschlag beteiligt gewesen zu sein. Alle übrigen dagegen gaben antisemitische Erklärungen ab. Sie bezeichneten die Juden als Parasiten und Feinde Polens und erklärten, ihre Tat nicht zu bedauern. Der Staatsanwalt hat gegen das zu geringe Strafausmaß Berufung eingelegt. Das milde Urteil des Grodnoer Gerichtes hat den Erfolg gehabt, daß fluligans eine Grodnoer Synagoge angriffen und sämtliche Fensterscheiben derselben einschlugen. Die Wohnungen der Juden Kreditor, Edelstein, Purasz und Schapiro wurden durch Steinbombardements stark beschädigt. Antisemitische Ausschreitungen an der Budapester Universität. An der Pester Pazmany Universität ist es, wie auch die Tagesblätter berichteten, in den letzten Tagen nach längerer Ruhepause wieder zu schweren antisemitischen Ruhestörungen gekommen, die zur Foige hatten, daß die Vorlesungen sistiert wurden. Kultus- und Unterrichtsminister Homan gab Journalisten gegenüber die Erklärung ab, daß er der Bewegung, die von den Universitätsbehörden im eigenen Wirkungskreise beschwichtigt werde, völlig verständnislos gegenüberstehe, und Innenminister Kozm a erklärte, er sei sich nicht im klaren, auf welche unbekannte Kräfte die Aktion der antisemitischen Studentenschaft zujrückzuführen ist. Vorderhand dauert die Bewegung in rüdester Weise an, von einer „Beschwichtigung" ist keine Rede, nur von einer „Verständnislosigkeit" der Behörden gegenüber dem Unbill, das lerneifrigen jüdischen Studenten von antisemitischen Rowdies zugefügt wird. Antisemitische Attacke auf den rumänischen Oberrabbiner. Ein aufregender Vorfall, der sich anläßlich der Installierung des neuen Metropoliten der Bukowina, Visa r i o n, im Czerno witzer erzbischötlichen Palais abgespielt hat, hat bei den Juden der Bukowina und ganz Rumäniens Ueie Empörung ausgelöst Zum Empfang des neuge wähl teil Metropoliten iand sich am Bahnhof in Czernowitz neben anderen Würdenträgern auch der Vertreter des jüdischen Kultus im rumänischen Senat, Landesrabbiner Senator Niemirower. Bukarest, ein. Als der neue Metropolit ihn erblickte, schritt er auf ihn zu und sprach seine Freude darüber aus, daß Dr. Niemirower der Einladung zur Teilnahme an seiner Installierung gefolgt sei. Vom Bahnhof bewegte sich der Festzug durch die festlich geschmückten Straßen zur -Kathedrale, Landesrabbiner Dr. Niemirower schritt in vollem Ornat unter den Festgästen mit. In der Kathedrale selbst wurde dem Vertreter des jüdischen Kultus ein seiner hohen Stellung angemessener Platz angewiesen. Nach dem Gottesdienst bewegte sich der Festzug zum erzbischöflichen Palais. Als Oberrabbiner Senator Dr. Niemirower neben den anderen Gästen das Palais betreten wollte, stellte sich ihm der cuzistische Deputierte Robu entgegen und forderte ihn auf, zurückzugehen, da Rabbiner bei der Installierung des Kirchenoberhauptes nichts zu suchen hätten. Dr. Niemirower erwiderte, er sei in seiner Eigenschaft als Senator eingeladen worden und sei verpflichtet, der Einladung zu folgen. Darauf schrie ihn Robu an, er solle sofort gehen, sonst werde er ihm den Bart ausreißen, Juden müssen hinaus. Hierbei machte Robu nicht mißzuverstehende -Gebärden. Dr. Niemirower und der ihn begleitende Präsident der Czernowitzer Jüdischen Gemeinde Dr. Markus Menczer entfernten sich, ihnen folgte bis zum Portal ein junger Mann, der sie fortwährend beschimpfte. Der Oberrabbiner von Czernowitz Dr. Mark, der bereits in der Metropolie anwesend war, entfernte sich von dort, als er von dem Vorfall Kenntnis erlangte. Unter polizeilichem Schutz verließ er die Metropolie. Landesrabbiner Senator Dr. Niemirower erhielt vom Metropoliten V i s a r i o n das folgende Telegramm: .Aufrichtigsten Dank für Ihre Teilnahme an den Installierungsfeierlichkeiten in der Cemautier Metropolie. Ich bedauere zutiefst den Zwischenfall, der sich gelegentlich der Feierlichkeiten in Cernauti ereignet hat und verurteile das Benehmen desjenigen, der Sie überfallen hat. Metropolit Dr. Visarion Puiu." Im Auftrage des Metropoliten erschien Konsistorialrat Sandru beim Präsidenten der Czernowitzer Jüdischen Gemeinde Dr. Menczer und beim Oberrabbiner Dr. Mar k, um ihnen für die Teilnahme an den Iristallierungsfeierlichkeiten zu danken. Konsistorialrat Sandru erklärte. Seine Eminenz der Metropolit habe ihn ersucht, bei dieser Gelegenheit sein tiefes Bedauern über den peinlichen Zwischenfall, von weichein Oberrabbiner Senator Dr. Niemirower betroffen wurde, auszusprechen. 15 Juden im englischen Parlament. Bei den kürzlich stattgehabten Parlamentswahlen in England, die den Konservativen und den mit ihnen verbundenen kleineren Parteien (Nationalliberale und Nationale Arbeiterpartei) eine Zweidrittelmehrheit gesichert haben, obwohl auch die oppositionellen Parteien und Stimmen gegen früher erheblich angewachsen sind, sind von den 40 jüdischen Kandidaten der verschiedenen Parteien fünfzehn gewählt worden, davon lacht Mitglieder der Regierungsparteien, drei Liberale und vier Arbedterparteiler. Mit großer Mehrheit wiedergewählt wurden die beiden jüdischen Mitglieder der bisherigen Regierung, der Unterstaatssekretär für Luftschiffahrt, Sir Philip Sassoon, und der Minister für Verkehrswesen, Leslie Hore-Be- 1 i s h a, letzterer mit einer Stimmenmehrheit von 11JJ00. Beide sind, ebenso wie der wiedergewählte Präsident der Pica, James de Rothschild, konservativ. Unter den übrigen gewählten Juden befinden sich die Liberalen Sir Percy H a r r i s, E. A. S t r a u s s und A. M. L y o n s. Der Zionist Barnett J a n n e r unterlag in Whitechapel seinem Gegner von der Arbeiterpartei. Der Führer der Liberalen Partei, Sir Herbert Samuel, ist seinem konservativen Gegner mit einer geringen Stimmendifferenz unterlegen. Eine schwere Niederlage erlitt der antisemitische Konservative Edward D o r a n, der die Juden im Unterhaus wiederholt angegriffen hatte. Unter den auf das Labour-Programm gewählten jüdischen Kandidaten befindet sich auch der ehemalige Bergbauminister Emanuel S h i nw e 11, der den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Vorsitzenden des Geheimen Staatsrates, Ramsay MacDonald, mit einer Stimmenmehrheit von 498 schlug. In einem Leitartikel nimmt die Jerusalemer arabische Zeitung „Fdestin" zu dem Ergebnis der Wahlen in England Stellung und triumphiert insbesondere über den Mißerfolg Ramsay MacDonalds und Malcolm MacDonald s. Beide Politiker werden in dem Artikel einer ungemein scharfen Kritik unterzogen. Von Ramsay MacDonald heißt es, er sei falsch und unaufrichtig, von dem bish erigen Kolonien minister wird gesagt, er sei ü b e r h a u p t n i c h t f ä h i g, ein großes Reich zu repräsentieren. Vom englischen Board of Deputies. In der letzten Sitzung des Anglo-Jewish Board of Deputies berichtete der Vorsitzende des Foreign Appeals Committee Joseph Melier über den Appell zugunsten der polnischen Juden. Bisher seien über 24.000 Pfund von etwa 6000 Spendern eingegangen. Der Vorsitzende des Palästina-Komitees des Board, Dr. Israel Fe 1 d man, teilte mit, daß die Mitglieder des Komitees mit den Mitgliedern der britischen Sektion der Jewish Agency eine Besprechung über die Frage des Transfers Deutschland — Palästina pflegen werden; über den Verlauf derselben wird in der nächsten Sitzung des Board berichtet werden. Harrv Sa m u e 1 s, der nun das Wort ergriff, griff scharf das Transfer- Abko mme n als eine U nterstützung des Hitlertums an. In ähnlicher Weise äußerten sich B. Henriques und P. D. J. Druiff, letzterer gab zu bedenken, daß durch den Transfer in Palästina ein Dauermarkt für deutsche Waren geschaffen wird und daß sich aus dieser B evorzugung deutscher Waren zum Schaden der Produktion der englischen Mandatarmacht Reibungen ergeben. Leonard G. Montefiore, der den Bericht des Joint Foreign Committee unterbreitete, wies auf die Leitartikel in den „Time s" und im „Manchester Guardian" zur deutschen Judenfrage als auf ein Beispiel hin, wie die verschiedenen Richtungen der englischen Politik in der Verurteilung der „gemeinsten Revolution in der Geschichte der Menschheit" eines Sinnes sind. „Time s" haben das heutige Deutschland ein „Paradies für Erpresser" genannt. In der Tat wird diese Behauptung durch eine ununterbrochene Reihe von Fällen bekräftigt. Es ereignen sich Dinge, die. für den normal fühlenden Menschen kaum vorstellbar sind. Diejenigen, die glauben. GROSSFLEISCHHAUEREI tIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE a XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen daß man diese Dinge übertrieben darstellt, verweise ich auf Alfred Rosenbergs „Weltkampf", die Monatsschrift für rassische Kultur und Judenfrage, in der viele solche Vorkommnisse erwähnt werden. Das zeigt, daß viele Deutsche .Vergnügen an solchen Mitteilungen haben. Hunderttausende Deutscher aber schämen sich dieser Dinge. Darum wurden die „Times" konfisziert. Das deutsche Volk darf nicht erfahren, wie die Welt über seine Regierung denkt. Roosevelt informiert sich über die Lage der Weltjudenheir. Präsident Roosevelt hat Herrn Louis L i p s k y als Vertreter des American Jewish Congress und Dr. Cyrus Adler, Präsidenten des American1 Jewish Committee, empfangen und einen informativen Bericht über die Lage der Juden in der Welt entgegengenommen. Die beiden Herren wurden dem Präsidenten durch seinen früheren persönlichen Ratgeber M. Maldwin Fertig vorgestellt. Louis Lipsky und Dr. Adler erklärten nach der Unterredung, daß der Präsident sich über die Lage der Juden in der Welt als gut informiert gezeigt habe. Jüdischnationale Niederlage. In Stockholm fand die Neuwahl der jüdischen Gemeinderepräsentanz statt. Zum erstenmal waren verschiedene Kandidatenlisten aufgestellt und ein Wahlkampf durchgeführt worden. Auf dievon der Ms Ii erigen Leitung aufgestellte Liste „Bürgschaft für die Zukunft" entfielen s i eb e n Mandate, auf die zionistische Liste „Lebendiges Judentum" zwei Mandate, auf die Liste „Für das traditionelle Judentum" ebenfalls zwei Mandate und auf die unter dem Namen „Volkspartei" aufgetretene Arbeitergruppe ein Mandat. Die die schwedische Staatsangehörigkeit nicht besitzenden zahlreichen neu eingewanderten Juden, die fast durchweg den oppositionellen Gruppen angehören, konnten an der Wahl nicht teilnehmen. Palästina-Nachrichten. Für den 16. November wurden in ganz Palästina Versammlungen einberufen, in1 denen Protestresolutionen gegen die Nürnberger Gesetze gefaßt werden sollten. Für Jerusalem war eine große Manifestation geplant. Die palästinensische Polizei hat aber sämtliche Anti-Hitler-Kundgebungenverboten, so daß sie unterbleiben mußten. Das palästinensische Judentum mußte sich damit begnügen, am Samstag in allen Synagogen gegen die Entrechtung und Unterdrückung der Juden in Deutschland zu protestieren. In den Predigten der Rabbiner wurde auf den das Menschentum herabsetzenden Charakter der Nürnberger Gesetze hingewiesen. In allen Schulen der Knesseth Israel in ganz Palästina war eine Stunde der Schilderung der Leiden der Juden in Deutschland gewidmet. * Der High Commissioner General Sir Arthur W a u c h o p e ist am 13. November im Flugzeug in Palästina eingetroffen. Von dem halbtägigen Proteststreik, den der arabische Jugendverband Palästinas entgegen den Beschlüssen der arabischen Parteiführer für den Tag der Ankunft des High Commissioner proklamiert hatte, war in Jerusalem sehr wenig zu merken. Stärker in Erscheinung trat der Streik in Jaffa und Nablus. Die hebräischen Tageszeitungen widmen dem High Commissioner anläßlich seiner Rückkehr Begrüßungsartrkel und geben der Hoffnung Ausdruck, daß es nicht zu der geplanten Einsetzung des Legislative Council kommen werde. * Die Palästinaregierung hat soeben eine Order herausgegeben, wonach die Strafe für une.rUfäluj'bten Wlaffenbesiitz von drei auf sieben Jahre erhöht wird. Die neue Order ist eine Folge des vor einiger Zeit in J a f f a a u f g edeckten Waffenschmuggels.

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