Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 47 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 47 — 22. November 1935 Die großarabische Bewegung and Palästina. \: ■:if ' it Bei der Erörterung des jüdisch-arabischen Problems genügt es nicht, die Bestrebungen des Arabertums in Palästina und seinen Nachbargebieten ins Aug« zu fassen, es genügt auch nicht, den Umfang des Problems auf den vorderen Orient zu beschränken, sondern man muß seinen Blick auf die ..produktive Unruhe"'.. die heute die gesamte große mohammedanische Welt durchzuckt und kürzlich in Aegypten sich in b 1 u t i g e n a n t iengli sehen Kundgebungen entladen hat, lenken. Wertvolle Hinweise vermag einer solchen Blickrichtung ein Aufsatz über „Frankreich und die panarabische Bewegung" zu bieten, den Dr. Rudolf Fried mann in der katholischen Monatsschrift ..Hochland" (32. .Jahrg., Nr. 8) veröffentlicht hat. Obzwar Dr. Friedmann, wie aus der Titelfassung seines wichtigen Aufsatzes ersichtlich, die neue nationale Bewegung des Arabertums eigentlich nur in ihrem ZusammenpraU mit der französischen Kolonialmacht aufzeigen will, fallen dennoch über dfe engere Problemstellung hinaus Schlaglichter auf das gegenwärtig akute Spannungsverhältnis zwischen der abendländischen Welt und der Welt des Islam. Denn die uralte Auseinandersetzung zwischen Okzident und Islam ist nach der Meinung unseres Gewährsmannes der tiefere Grund jedes Spannungsverhältnisses. Den äußeren Anlaß hat die Wirtschaitskatastrophe selben, die im Gefolge der Weltwirtschaftskrise über die eingeborene Bevölkerung in Tunis und Algerien hereingebrochen ist. Der Zusammenbruch wurde dadurch mitverschuldet, daß das französische Mutterland infolge der eigenen Absatzstockung die Einruhr norduinkanischer Erzeugnisse — Weizen. Wein. Oel und Gemüse — drosseln mußte. Die wirtschaftliche Unzufriedenheit sucht sich nunmehr in politischen Forderungen zu entladen: 5 Millionen muselmanische tingeborene, die auf einer sehr niedrigen Stufe der Zivilisation stehen, verlangen das französische Bürgerrecht. Denn bisher sind sie nur französische Schutzbefohlene, keine Staatsbürger. Die Unruhen in Tunis und Algerien sind kein vereinzelter Vorgang. Auch die übrigen Provinzen des Islam sind in Bewegung geraten. Rund 25 Millionen Menschen sprechen arabisch. Allein in Europa gibt es 2,5 Millionen lslamgläubige, davon 1,3 Millionen in Jugoslawien, rund je 500.000 in Albanien. Rumänien und Bulgarien. Schon nach dem Weltkrieg machte die alte panislamische Bewegung, deren Träger der türkische Sultan war. neue Anstrengungen: 1919 unternahm König Amanullah von Afghanistan jenen tollkühnen Ueberfall auf Indien, der selbstverständlich mißglückte. In Kairo trat die ..Vereinigung junger Muselmanen" zusammen, die die uneingeschränkte Autorität des Korans, der nicht nur das Religions-. sondern auch das Gesetzbuch des Islams bildet, wiederherstellen will. Sie betreibt eine Gegenaktion gegen die christlichen Missionen, die aui eine Zurückziehung der Kinder aus den Missionsschulen abzielt. Sie predigt die Solidarität aller Muselmanen. 1920 trat in Tunis die sogenannte „Desturpartei" als Trägerin der nationalen Sehnsucht in die Erscheinung. Seit dem Jahre 1930 machte sich Doktoi Bendjellul. ein Arzt, als Wortführer der politischen Forderungen der Eingeborenen Algeriens bemerkbar. Das arabische Königreich Irak wurde als ein selbständiger Staat geschaffen. Trotzdem ist die alte panislamische Bewegung tot: denn die Zusammenfassung des Arabertums in einem großen politischen Staatsgebilde hat sich als undurchführbar erwiesen. Die neue pan arabische Bewegung trat die Erbschaft der panisiamischen an. Sie will die sprachliche Gemeinschaft zur Grundlage einer kulturell-politischen machen. 1 b n Saud wurde die führende Persönlichkeit. Seine Erfolge -■ insbesondere die Eroberung Mekkas — haben das Selbstbewußtsein der islamischen Welt außerordentlich gestärkt. Er nimmt heute beinahe schon die Stellung eines arabischen Kalifen ein. Während Ibn Saud die Annäherung zwischen seinem Reiche Hedschas und dem Irak betreibt, ist das Arabertum unter seiner Leitung in einen deutlichen Konflikt mit Mustafa Kemal Pascha geraten. Denn die Abschaffung des Kalifats und die Annäherung der Türkei an die europäische Zivilisation wird arabischerseits als ein Verrat am Islam empfunden. Von Mekka geht der puritanische, unversöhnliche Geist eines äußerst strengen Islam aus. der einer Kampfansage an die europäische Zivilisation entspricht. Die jungägyptische Bewegung stößt in das gleiche Horn. Die neue islamische Orthodoxie trägt ein maßloses Selbstbewußtsein zur Schau, sie verkündet geradezu: „Die europäische Zivilisation steht vor dem Zusammenbruch und wird durch eine neue ersetzt werden, deren Träger die Völker des Islam sein werden." Von Palästina ist in dem angezogenen Aufsatz Rudolf Friedmanns nicht die Rede. Trotzdem ist die Reaktion der von ihm geschilderten FmWicklungen auf Palästina nicht von der Hand zu weisen. Denn gerade in dem Lande, in das die jüdischen Einwanderer die Methoden der europäischen Zivilisation hineingetragen haben, muß der Kontrast zwischen dem Abendland und dem Nahen Osten besonders eindringlich hervortreten. Mekka und Tel Aviv bezeichnen bereits heute einen Gegensatz, dessen Schärfe und Ausmaß voraussiobriüch in der kommenden Zeit noch eine unliebsame Steigerung erfahren wird. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn man bei der AufroMung jener Frage nur die verarmte und auf einer niedrigen Wirtschaftsstufe stehende arabische Bevölkerung Palästinas berücksichtigt. Es sind bereits deutliche Anzeichen dafür vorhanden, daß die .Welle des neuen panarabischen Nationalismus nach Palästina hinübergeschlagert ist. Das nationale und zivilisatorische Hochgefühl des erwachenden Islam hat auch den Arabern Palästinas den Nacken gesteift. Selbständige Staaten wie das Königreich Irak und namentlich das Reich Ibn Sauds sind dazu angetan, ein Gefühl der politischen Unabhängigkeit von dem europäischen Imperialismus bei den palästinensischen Arabern wachzurufen. Man darf sich nicht damit zufriedengeben, daß der Aufbau Palästinas letzten Endes auch ihnen zugutekommt, und das sie erhebliche Vorteile durch ihn empfangen, denn der paaiarabische Nationalismus verkündet ausdrücklich, er wolle „der europäischen Zivilisation nur eine praktische Seite abgewinnen", um die Vorherrschaft Europas mittels ihrer eigenen Methoden zu stürzen. Die arabischen Politiker setzen ihre Hoffnungen auf geheime Verbindungen. Schon vor dem Ausbruch des italienisch-abessinische» Krieges soll der Leiter des syrisch-arabischen Komitees in Genf. Shakhib Arslan, Verbindungen zwischen Mussolini und dem Großmufti von Jerusalem angeknüpft haben. Damals versuchte der Großmufti, Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern sich von dieser „Verleumdung" reinzuwaschen, jetzt aber wird klar, daß Mussolini, der ein Auge auf die arabische-Weltlgewörfen haf, auch-nicht an den Grenzen Palästinas halt macht. Es besteht berechtigter Grund, zu glauben, daß Verbindungen zwischen Italien und der Partei des Großmufti tatsächlich bestehen. Für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden44 Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salzer. Eingehende "formationen für jedes Mitglied der »Union" unentgeltlich, Wien l„ Kohlmarkt 8,1. Stock,Tür 4. täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10—12 Uhr vormittags. Der Erinst der Situation ist ebenso unverkennbar wie die Verantwortung, die sich aus ihr für die jüdische Führung ergibt. Es gibt selbstverständlich keine jüdische Richtung, die nicht aus voMem Herzen wünscht, daß eine Ebene geschaffen wird, die ein erträgliches Verhältnis zwischen Judew und Arabern in Palästina ermöglicht. Selbst die radikalzionistische Richtung des Revisionismus macht darin keine Ausnahme; allein die Wettbewerbsidee der „nationalen Arbeit", die der Revisionismus für Palästina empfiehlt, und gar erst seine politische Parole der „Schaffung eines Judenstaäts beiderseits des Jordan" berge» angesichts des aggressiven Islams Zündstoff in sich. Die Juden Palästinas befinden sich dem Araberproblem gegenüber in derselben Lage wie die imperialistischen Kolonialmächte Europas. Wählend Frankreich an einer Verständigung mit den Arabern allmählich zu zweifeln beginnt und sich anschickt, ihnen energischer zu begegnen, sucht England an seiner bisherigen Politik des Kompromisses und Ausgleichs festzuhalten. Beide Wiege sind gefahrvoll; sie nötigen zur Entscheidung, ob man den einen oder den anderen sehen will. Die a ii t i e n g 1 i s c h e n Unruhen i n A e g y p te n finden in der arabischen Presse Palästinas insoferne einen Widerhall, als diese Presse nunmehr mit verstärkten Augriffen gegen die englische M a n d a t a r m a c h t wegen deren angeblich einseitig zionistenfreundlicher Politik hervortritt. Die Regierung hat wegen solcher Angriffe die in Jaffa erscheinende Zeitung .,A I I) if a a" aui einen Monat verboten. Weltbewegung gegen die Berliner Olympiade. Das Prager Komitee zur Verlegung der Olympischen Spiele aus Deutschland hat in Verbindung mit dem vorbereitenden Ausschuß der Union für Freiheit und Recht eine Denkschrift mi das 01 y mp i s c h e K o m i t e e d e r T s c Ii e c h o s 1 o w a k isehen Republik gerichtet, in der das Verlangen nach Verlegung der Olympischen Spiele aus Deutschland in ein anderes Land eingehend begründet wird. Analoge Denkschriften wurden von g'teich strebenden Institutionen in anderen Ländern an die betreffenden Olympischen Komitees gerichtet. Kann man, so wird ini der Denkschrift gefragt, in einem Lande Olympische Spiele veranstalten, dessen Regierung seine bedeutendsten Gelehrten und Künstler vertrieb, seinem berühmtesten Maler (gemeint ist der inzwischen verstorbene Max L i e b e r m a n n) ein Malverbot erteilte, in einem Lande, in dem die Bücher seiner größten Schriftsteller unter dem Beifall der Regierung auf Scheiterhaufen verbrannt wurden? £in großer Teil der Denkschritt ist der Schilderung der Unterdrückung des jüdischen Sports und der jüdischen Sportler gewidmet. Die Behauptung des Dr. Diem. daß es den Juden in Deutschland freistehe, sich sportlich zu betätigen, wird als eine „bewußte Lüge" gekennzeichnet. Erst vor wenigen Tagen, heißt es weiter, protestierten die jüdischen Sportverbände Deutschlands beim Reichssportführer Tschammer-Osten gegen die Entziehung von Sportstätten, wodurch ihnen das Training für die Olympiade unmöglich gemacht. wurde. Daraufhin wurde den jüdischen Sportlern in Berlin eine Schwimmhalle für zwei Stunden in der Woche zur Verfügung gestellt. Bereits im Jahre 1933 wurden die Juden aus den deutschen Turn- und Sportvereinen systematisch entfernt: nichtarischen Sportlern ist das Betreten der Turnhallen, der Spiel- und Sportplätze und der Bäder verboten: deutsche Sportler, die mit Juden Wettkämpfe austrugen, wurden verfemt: der Polizeisportverein Berlin hat sämtliche seiner Mitglieder, die mit Juden in Wettbewerb traten, ausgeschlossen: gegen Studententurner, die gegen Juden spielten, wobei der Jude Richard Kalischer das Kunstspringen gewann, wurden „Einzelaktionen" durchgeführt; der Tennismannschaft Blau-Weiß, Dresden, wurde der Sieg im Meden- Pokal aberkannt, weil in der Mannschaft ein Mitglied jüdischer Abstammung mitgewirkt hat. Das sind keine Ausnahmefälle, sondern all das geschieht mit Wissen und Billigung der Reichssportführung, deren Pressechef Guido von Mengden im „Reichssportblatt" schrieb: „Aus dem Nationalsozialismus kann der Begriff der Rasse nie entfernt werden. Mit dieser Tatsache muß sich das Ausland abfinden." Juden, die vor der Machtergreifung Hitlers im deutschen Sport eine beachtliche Rolle gespielt hatten, wurde das öffentliche Auftreten untersagt, mehrere von ihnen zum Verlassen Deutschlands gezwungen. Die Zurückgebliebenen gingen in ihrem Leistungsniveaü stark zurück, da ihnen Kampfmöglichkeiten fehlen. Während der frühere deutsche Meister der Berufsboxer im Mittel- und Halbschwergewicht Erich Seelig in Frankreich und Amerika mit viel Erfolg kämpfte, die Eishockey-Spieler Rudi und Gerhard Ball in Italien und der Schweiz bejubelt wurden, Helene Mayer die amerikanische Meisterschaft im Florettfechten errang. Daniel Prenn noch immer zur ersten Klasse von Europas Tennisspielern gehört, spielen die in Deutschland gebliebenen Meister, wie der Olympiasieger im Leichtgewichtsringen Leucht, wie die ausgezeichneten Berliner Makkabi-Ringer und Boxer, die frühere Speerwurimeisterin Martha Jacob usw. international keine Rolle mehr. Daß sich ein Talent wie Frl. Bergmann entfalten konnte, lag nicht etwa an einer besonderen Begünstigung durch die Reichssportführung, sondern daran, daß sie bis vor kurzem in England lebte, dort trainierte und solche Fortschritte machte, daß sie die englische Hochsprungmeisterschaft gewann. Das Organ des Reichs- Danksagung Außerstande, jedem einzelnen anläßlich der Vermählung unserer Tochter zu danken, sehen wir uns veranlaßt, auf diesem Wege unseren innigsten Dank dem geehrten Vorstande des Leopoldstädter Tempelvereines „Aeschel Awrohom", insbesonders dem Herrn Präsidenten Oskar Schräme k, Herrn Rabbiner Dr. Taubes, Herrn Oberkantor Müller samt dem Chor, wie auch Herrn Cellisten Salz mann sowie allen, die an unserer Freude Anteil nahmen, abzustatten. I. Kantor I. Stift und Frau.