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Die Wahrheit · 1935-11-22 · Heft 47 (22.11.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 47 (22.11.1935)
Date
1935-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 47 — 22. November 1935 Seite Herrenkleidersalon S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt für die jetzige Saison die schönsten Maßanzüge and WinterrCcke in den herrlichsten Dessins Billigste Preise Feinste Ausführung Garantierte Paßform und die Beleidigungen, denen die Juden in Deutschland unterworfen sind. Der Einwand, daß man sich in die ,inneren Angelegenheiten' eines anderen Landes nicht einzumischen habe, gilt nicht da, wo es nötig ist, im Namen der Menschlichkeit zu sprecheini Ich bin dessen gewiß, daß Ihr Artikel hierzulande einen Gefühlsumschwung hervorrufen wird und daß dies dem Manne zu Ohren kommen wiird, der, wenn er nur will, dieser letzten und gewiß schändlichsten Verfolgung, der die Juden im Verlauf der Geschichte unterworfen wurden, ein Ende setzen kann." B. G. J e f f e r y, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde (Quäker) fordert die christlichen Gemeinschaften auf, zu versuchen, die jüdische Jugend in Deutschland zu retten. Dr. Ernest B a r k e r, Professor für Staatswissenschaft an der Universität Cambridge, führt aus: Wenn der Jude in Deutschland schon zu einer Ghetto-Existenz verurteilt ist, sollte man ihn nicht wenigstens in diesem Ghetto existieren lassen? Die Mütter aller Länder müssen, so schreibt Elisabeth Thommen in der Baseler „Nationalzeiltung", gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus Stellung nehmen. Es heißt in dem Autsatz u. a.: „Jede denkende Frau verfolgt in den Zeitungen die Judenfrage. Voll Entsetzen und innerer Beklemmung stellt sie fest, wohin ein entarteter Rassenwahn und ein ungerechtfertigtes Ueberiieblichkeitsgetühl ein Volk führen können. Man gewöhnt sich allmählich an die fortgesetzten Greuelnachrichten von Judenverfolgungen und JudenmarterujTgen; man weiß, daß sie nicht erfunden, sondern bitter© Wahrheit sind. Aber man darfsich nie h tan siegewöhnen. Es ist unsere Pflicht, uns bei jedem neuen Anrijudengesetz die Folgen klar vor Augen zu stellen." Ein Völkerbund-Komitee and 60.000 Franks. Siebzehn Jahre nach Kriegsende füllt sich das Leben für viele Menschen mit Not und Qual. Man vermag sich die seelische Verfassung nicht vorzustellen, in der sich Leute befinden, dte, aus ihrem gewohnten Dasein herausgerissen, dem Hunger und Elend preisgegeben werden. Herz und Seele werden mißhandelt, vernichtet. Das Leben auf der Flucht wird für viele unerträglich, weil man sich wehrlos den Brutalitäten ausgesetzt sieht, quälende Beschimpfungen und "Schläge unschuldig erdulden und in die Fremde ziehen muß, ohne Hoffnung und Ziel. In der Nacht auf Sonntag, den 17. November, brachte sich auf einer Bank der Gartenamilage auf dem Schlickplatz im 9. Bezirk der 32jährige reichsdeutsche Journalist Fritz Bergmann, ein Jude, je eine sechs Zentimeter lange Schnittwunde an | beiden Handegelenken bei. Die Rettungsgesellschaft verband ihn und brachte ihn ins Spital. Bergmann kam vor drei Tagen nach Wien, war obdachlos, [hungerte und war der Kälte preisgegeben. In Medebach, Lothringen, hat der deutsch- I jüdischb Flüchtling Schmelzer, der durch die Nazi- Verfolgung gezwungen wurde, Deutschland unter Hinterlassung seines gesamten Vermögens zu verlassen, Selbstmord durch Erschießen begangen. iZwei Fälle von vielen. Zur Gteime&ischaft mit Strolchen und beiwußten Rechtsbrechern gezwungen, verbringt man [in dumpfen, unmenschlichen Zellen Tage und [Nächte, wird von Polizeiorganen gedrängt, gelschoben und angeherrscht, über dte Grenze gelbracht und. gilt als ausgewiesen. Man lernt eine neue Welt kennen, ohne Liebe und Güte, man ist lvon der schaurigen Mystik der Lumpensolidarität Imngeben. Durch die körperliche Schwäche, (schlechte Bekleidung und mangelhafte Nahrung (wandeln sich die Menschen zum Schatten ihrer (selbst. Gegen solchtes Schicksal gibt es keine Aufllehmiung und keinen Kampf, denn man ist von An- (f;ing an unterlegen . . . Auf die Anregung der nordischen Staaten (wurde seinerzeit unter der Aegide der Mächte im (Schosse des Völkerbundes mit einem Aufwand von 160.000 FVancs ein Komitee für deutsche Flüchtfings- Ihilfe ins Leben gterufen und zu dessen hohen Komimissär James MacDonald bestellt. Ein Auilatmen ging durch die Reihen der Emigranten. (Leuchtend schien die Sonne der Hoffnung über dem leer der unendlichten Schmerzen und Qualen auf. Vuch die Vereinigungen und Aemter, denen die JSorge um das Schicksal der armen Flüchtlinge joblag, und die Menschenfreunde, wteäche ihre Her- |zen den Unglücklichen eröffnet hatten, waren släubig und dankbar, weil nun doch ein Strahl des ümmelslichtes die Gemüter erhellen sollte. Wir vernahmen von der Tätigkeit des neuen (omitees in einem eleganten Viertel der französischen Hauptstadt Es seien, Berichte aus dew einzelnen Ländern, in die der Strom der Auswanderer sich ergossen hatte, über die Zahl und Art, die Jnterbringung und Lebensmöglichkeiten der Flüchtlinge abverfangt worden. Man habe eine statistische Erfassung derselben zwecks Anlegung einer Kartothek und genauer Erhebungen über die Arbeitsbeschaffung ins Auge gefaßt. Der hohe Kommissär und seine Mitarbeiter würden persönlich in jenlen Ueberseestaaten, welche als Ansiedlungsgebiete in Frage kommen. Erkundigungen einziehen und vorbereitende Maßnahmen treffen. Diese und ähnliche Kundgebungen wurden erlassen. Die Drangsalierungen im Dritten Reiche nahmen ihren Fortgang und größer wurde die Zahl der zur Auswanderung gezwungenen Flüchtlinge. Das Hochkommissariat verlegte seinen' Sitz von Paris nach Lomldon. Restaurant Hotel Steianie vormals Operer II., ToDorslraöe 12, Tel. R 46 5 5T »ulk Ausgiebige Braten-Menüs 3 1.80 «utK- \W J ., Geflueel- ., S 2.20 WSJ Vorzügliche Zubereitung — Sehwechater Biere Naturweine. Die ausführlichen Berichte über die Studienreisen am Kontinent und in Nord- und Südamerika wurden in Archiven des Völkerbundes verstaut. Die zur Hilfeleistung für die unglücklichen Flüchtlinge begründeten Komitees und Körperschaften wandten sich wiederholt an die Kommission in Paris und London um Förderung aus dem Fonds, sie erhielten aber an Stelle von Beiträgen die Aufforderung, konkrete Vorschläge zur Begründung von Ansiedlungen der Flüchtlinge zu erstatten. Wieder vergingen Monate. Hunderte Opfer der Emigration verdarben inzwischen, sehr viele wanderten in die Gefängnisse, nachdem sie von einem Land zum anderen als lästige Ausländer „verschickt" worden waren, andere wieder vegetieren unter den denkbar schlechtesten Verhältnissen des Körpers und der Seele, von Gott und den Menschen verlassen. Die Vertreter der norwegischen Regierung verlangten endlich beim Völkerbund Aufklärung über die Ergebnisse der Tätigkeit des MacDonaldschen „Hilfskomitees", welchtes mit Ende dieses Jahres seine Arbeiten beendet. Mit dem Betrag von 60.000 Francs wurden diese „Arbeiten" eigentlich angemessen honoriert. Nur dürfte es auch Kritiker geben, welche vermeinen, daß es vielleicht — bei aller Achtung vor den guten Absichten des Leiters und der Mitglieder — zweckmäßiger gewesen wärt-, diesen Betrag an arme hungrige, kranke Flüchtlinge, welche sich durch Betteln und verbotenes Hausieren mühselig durchfretten, zukommen zu lassen. H. v. M. * Ende des Hochkommissariats für die deutschen Flüchtlinge. Wie aus Genf gemeldet wird, hat_ der seinerzeit vom Völkerbund ernannte, aber dem Völkerbund nicht Klein« Tute S — .90 Grote Tute S 1.40 direkt unterstellte Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge, der Amerikaner James G. M a c ü o n a I d, sein A m t für den 15. Dezember d. J. zur Verfügung gestellt. Mit Ende dieses Jahres hört auch das Hochkommissariat zu bestehen auf. Anfang Dezember wird, so heißt es in der Meldung weiter, noch eine Konferenz für Flüchtüngsfragen abgehalten werden, in der über die Zukunft der deutschen Flüchtlinge beraten werden wird. Der Völkerbundrat wird in seiner Tagung im Januar 1936 den Bericht des Sachverständigen-Ausschusses entgegennehmen und über den Schutz der deutschen Flüchtlinge in Zukunft endgültige Beschlüsse fassen. Der Sachverständigen-Ausschuß besteht, wie seinerzeit mitgeteilt, aus dem Norweger Hansson, dem italienischen Senator de Miehelis, dem tschechoslowakischen Gesandten in Paris Csusky, dem französischen Staatsrat Roland-Marcel und dem Engländer Sir Horace Rurnbold. In einem Interview, welches James G. M a c- Donald dem Leiter des europäischen Dienstes der Jüdischen Telegraphen-Agentur Victor M. Bienstock vor kurzem in London gewährt hat, sagte MacDonald, das Hochkommissariat werde bis zum Zusammentritt des Völkerbundrates im Jänner 1936 seine Arbeiten fortführen, dann aber werde der Völkerbund selbst die Verantwortung für das Schicksal der Flüchtlinge übernehmen. Die Maßnahmen, die notwendig sind, um die Tausende durch die Länder Europas wandernden Flüchtlinge — weitere tausende Flüchtlinge werden sich diesen in der Zukunft noch zugesellen — seßhaft zu machen, können durch niemand anderen als durch den Völkerbund, seinen Einfluß und seine Autorität, getroffen werden. James G. MacDonald erklärte weiter, er wolle keineswegs die Illusion wecken, als ob sein Werk beendet sei (sehr euphemistisch, Herr Hochkommissar. D. Red.); mindestens 30.000 Menschen leben jetzt in europäischen Ländern lediglich auf Grund zeitweiliger Aufenthaltserlaubnisse und ohne das Recht auf Arbeit. Dabei habe der Flüchtlingsstrcrn nicht aufgehört; die stets wechselnden Verhältnisse in Deutschland werden ungefähr eine weitere halbe Million Menschen in das Ausland treiben. Das Problem wird einen solchen Umfang annehmen, daß eine autonome Agentur wie das jetzige Hochkommissariat, das dem Völkerbund nicht direkt untersteht, eine wirklich durchgreifende Arbeit nicht wird leisten können. MacDonald stellt sich die weitere Entwicklung des Flüchtlingsproblems ungefähr so vor: Der Völkerbund bestimmt eine Persönlichkeit, die allgemeinen Respekt genießt, zur Führung der Arbeit, sei es als Hochkommissar, sei es in irgend einer anderen Position. Eine solche Persönlichkeit — von der Reputation, wie sie etwa Fritjof Nansen innegehabt hat — wird die Autorität besitzen, die Regierungen jener Länder, in denen Flüchtlinge leben, zu einer liberaleren Haltung hinsichtlich der Erteilung von Arbeitserlaubnissen und die Regierungen solcher Länder, in die eine Einwanderung möglich ist, zu einer milderen Handhabung der Einwanderungsbestimmungen zu bewegen. Es ist unerläßlich, mit der Führung der Flüchtlingsarbeit eine Persönlichkeit von außergewöhnlichen Qualitäten, die auf hochwertige Leistungen zurückblickt, zu betrauen. Zur Unterstützung der Exekutive werde man, so hofft MacDonald, eine Völkerbundkommission einsetzen, der fachlich hochqualifizierte Personen aus verschiedenen Teilen der Welt, die nicht notwendig Vertreter ihrer Regierungen sein müssen, aber doch deren Vertrauen haben sollten, angehören. MacDonald erwartet, daß der Völkerbund zur Lösung des Flüchtlingsproblems ein Arbeitsprogramm aufstellen und eine schleunige Aktion durchführen wird. (Völkerbund und schleunig! D. Red.) Seit Menschengedenken wird Mj rrhe-Extrakt neuen Lockerunsr der Zähne und Blutung des Zahnfleisches wirksam verwendet. Odof-Mundwasser enthält außer dem Odol-Antiseptikum, den Myrrhe-Extrakt. SpmialhaiM Mr Voll« und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., TabonfraAe Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmodea Telephon A 49-3-69

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