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Die Wahrheit · 1935-11-15 · Heft 46 (15.11.1935) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 46 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 46 — 15. November 1935 beite Antisemitische Unruhen in Polen. An der Juridischen Fakultät der Warschauer Universität kam es am 8. d. M. zu turbulenten Szenen, als nationaldemokratische Studenten die jüdischen Studenten und Studentinnen zwingen wollten, nur die letzten Sitzreihen einzunehmen, und die jüdischen Studenten sich gegen eine solche Degradierung wehrten. Die Nationaldemokraten drohten, es werde „noch schlimmer kommen". Sie haben Wort gehalten. Die Unruhen griffen am nächsten Tag auf die gesamte Universität, die Polytechnik und die Landwirtschaftliche Hochschule, später liucIi auf die Straße über und nahmen auch einen regierungsfeindlichen Charakter an. In den Lehrsälen der Universität und der erwähnten Hochschulen machten die hationaldemokratischen Studenten Versuche, die jüdischen Studenten zu zwingen, in den letzten Bänken auf der linken Seite des Hörsaales, die sie als „Ghetto- Bänke" bezeichneten, Platz zu nehmen. Als die jüdischen Studenten und Studentinnen Widerstand leisteten, wurden sie verprügelt und zum Teil aus den Hörsälen hinausgeworfen. An der Polytechnik nahmen die Exzesse einen solchen Umfang an, daß die Vorlesungen eingestellt werden mußten. Es wurde eine große Menge P yn amit zur Explosion gebracht, wodurch Tüien und Fenster in einigen Sälen gesprengt wurden. Ein Dozent, der gerade eine Vorlesung hielt, wurde verletzt. Die nationaldemokratischen Studenten wollten in den Räumen der Universität eine antisemitische Kundgebung abhalten, der Rektor weigerte sich aber, die Erlaubnis hierzu zu erteilen: Daraufhin wurden im Rektoratsgebäude sämtliche Fenster eingeworfen. Rufe gegen die Juden und gegen die Regierung wurden ausgestoßen. Hernach veranstalteten Gruppen nationaldemokratischer Hochschüler antisemitische Straßenkundge- I) u n g e n, wobei fünf jüdisch aussehende Passanten geschlagen und die Fenster vieler jüdischer Geschäfte zertrümmert wurden. Am Montag wiederholten sich die Unruhen. In W i 1 n a haben im Anschluß an eine Kundgebung am Grab des 1931 bei den antisemitischen Unruhen getöteten nationademokratischen Studenten Stanislaw Waclawski schwere antisemitische Ausschreitungen stattgefunden. Die nationaldemokratischen Hoch- :.chüler, unterstützt von antisemitischem Pöbel,, fielen über jüdische Straßeupassanten her. von denen mehrere brutal mißhandelt wurden. Die Polizei nahm 20 Verhaftungen vor. Pogrom-Prozeß in Grodno. Vor dem Kreisgericht in Grodno begann um 6. d. M. der Prozeß gegen 17 Antisemiten, die sich an' den progromartigen antisemitischen Ausschreitungen in Grodno während des verflossenen jüdischen Schewuoth-Festes am 7. Juni d. J. beteiligt haben, bei denen die zwei Juden Israel Berezowski und Gedalja Becher getötet. 13 Juden zum Teil durch Messerstiche erheblich verletzt und in 183 jüdischen Häusern und 85 jüdischen Läden die Fenster eingeschlagen und viele andere Zerstörungen angerichtet wurden. Als Hauptanführer der pogromartigen Ausschreitungen werden in der Anklageschrift der 25jährige Alfons Panasiuk und der 23jährige Edmund Zygmanski genannt. Die Familien der getöteten Juden und die übrigen Geschädigten haben Entschädigungsansprüche gestellt. Die Mehrheit der Beschuldigten trug bei der Vernehmung vor Gericht ein freches Wesen zur Schau, begrüßte sich mit dem Hitler-Gruß und weigerte sich, auf die Fragen der jüdischen Advokaten Antworten zu geben. Als der Staatsanwalt den Hauptangeklagten Alfons Panasiuk fragte, ob er die Exzesse, die zwei jüdische Todesopfer und mehrere jüdische Schwerverletzte zur Folge hatten, bedauere, erklärte dieser: Nein, ich bedauere nicht, ich hasse die Juden! Eine zweite Bombe in der Lemberger Synagoge. In den Ruinen der vor kurzem durch einen Sprengstoffan schlag zerstör-ten Alten Synagoge in Lemberg ist eine zweite Bombe gefunden worden. Sie wurde unschädlich gemacht, bevor sie explodieren konnte. Von den Tätern fehlt noch immer jede Spur. Gim Wien II., Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen „Wir werden Nürnberg nie vergessen!" In der Sitzung des Board of Deputies of British Jews (Vertreterschaft der jüdischen Gemeinden Großbritanniens) kam der Vorsitzende des Joint Foreign Committee (Ausschuß zur Vertretung der Rechte der Juden im Auslande), Leonard G. M o n t e f i o r e, auf die Nürnberger .1 u d e n g e s e t z e zu sprechen und führte u. a. aus: Wachsende Armut, Arbeits- und Erwerbslosigkeit, schwere Not haben die Nürnberger Gesetze den Juden in Deutschend gebracht. Diese Not wird nach Erscheinen der Ausführungsbestimmungen noch gesteigert werden. Diese Anschläge gegen die Existenz der Juden sind von einem Diskriminationsfeldzug ungewöhnlicher Art begleitet. Die unlängst errichtete Akademie für die Geschichte des Neuen Deutschland hat beschlossen, dem Studium der Judenfrage Aufmerksamkeit zuzuwenden; dies gehe wohl auf einein neuen Versuch hinaus, die barbarischeste Judenverfolgung, die die Neuzeit erlebt hat, mittels Verfälschung von Tatsachen zu rechtfertigen. Gegen die mit ungeheuren Mitteln arbeitende deutsche antijüdische Propaganda kann nichts unternommen werden. Aber man soll auch dieser Propaganda gegenüber nichts unversucht lassen, um der Welt die wirklichen Tatsachen bekannt zu geben und zu zeigen, daß sich die Gefühle der Juden nicht vergewaltigen lassen. Nie werden die Juden die Nürnberger Ghetto-Gesetze und ihre Urheber vergessen. Montefiore befaßte sich auch, mit dem jüngsten Goebbels-Erlaß .über Auslöschimg jüdischer,,, Natten von .den Kriegsehrentafeln und sagte: jßald werde]i,man in ' Deutschland von .ijudenreinefn" Kriegsdenkmälern hören, es werde auf diese Weise ein Vorwand für Errichtung neuer Denkmäler geschaffen werden, auf denen die jüdischen Namen nicht mehr verzeichnet sein werden. Montefiore erzählte, er habe zahlreiche Briefe von Engländern erhalten, die fragen, wie sie den verfolgte1« Juden helfen können. Er habe erwidert: Erzählt es euren Kindern, Schülern und Freunden, wie die jüdische Gemeinschaft in Deutschland heute zur 'Verzweiflung getrieben wird. Montefiore wies auf den D a n z i g verurteilenden Beschluß des Völkerbundrates in Sachen der Petition-der Danziger Juden hin und erklärte, die zuletzt aus Danzig eintreffenden Nachrichten lassen erkennen, daß die Danziger Regierung entgegen dem Versprechers des Senatspräsidenten Greiser gegenüber dem Völkerbundrat nichts unternommen hat, um den Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 4und8-händlges Spiel auf 2 Klavieren Klassische und moderne Musik Anmeldung bei: HEDDY HAT - SCHNEIDER staatl. geprüfte Klavierpädagogin XVII., Braungasse 48 Tat. B 42-5-35 oder Neu« Schule für Musik unö Bflhnankunst I., Hegelgasse 3 Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborstraoe 12, Tel. D 46-5-5? Ausgiebige Braten-Menüs S 1.60 Itt'J „ Geflügel- ., S 2 20 lw- Vorzüglklie Zubereitung — Seliweehater Biere Naturweine. „Arbeitsplan" der neuen zionistischen Organisation. In Paris wurde in diesen Tagen die erste Plenarsitzung der Weltleitung (Nessiut) der Neuen Zionistischen Organisation abgehalten, in der das nächste Arbeitsprogramm, der NZO festgelegt wurde. Aus den Verstiegenheiten dieses Arbeitsplanes seien nur die folgenden hervorgehoben: Bildung einer Experten-Kommission in Erez Israel zur Vorbereitung des Zehnjahrplanes (früher hieß es Fünfjahrplan, d. Red.) für die Verwirklichung des Judenstaates durch Absiedlung von anderthalb Millionen .luden in Erez Israel. Nicht&pät'er als Anfang 1937 soll die erste Na t i,on a 1versammlungdeszionistischenWeltjudentums zusammentreten, die sich als das jüdische Weltvolk konstituieren und in seinem Namen die Durchfülirung des Zehnjahrplanes verlangen wird. Seit tausend Jahren Schon wird der Myrrhe-Extrakt, der sich gegen Lockerung der Zähne und Blutung des Zahnfleisches besonders wirksam erwiesen hat, verwendet ODOL-Mundwasser enthält neben dem ODOL-Antiseptikum. den Myrrhe-Extrakt. Die Judenfrage in Rußland. Dr. Maurice .1. K a r p f. der bekannte amerikanische Soziologe und Führer der jüdischen sozialen Fürsorge, nichtzionistisches Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, ist nach einem einmonatigen Besuch in Rußland und darauffolgenden kürzeren Besuchen in Polen und Deutschland soeben in London eingetroffen. In einem dem .ITA- Vertreter gegebenen Interview teilte er mit, daß er in Rußland nicht nur die Großstädte, sondern auch etwa 50 jüdische Kolonien in der Krim und der Ukraine, sowie mehrere Schulen und Fabriken besucht hat, um ein Bild von der wirklichen Situation der Juden im heutigen Rußland zu gewinnen. Seine Eindrücke faßte Dr. Karpf im folgenden zusammen: In dem Maße, als sich in Rußland die Lage im allgemeinen bessert, bessert sich auch die Lage der Juden. Obwohl eine wirkliche religiöse Freiheit dort nicht besteht, kommt v e rliältnismäßig wenig religiöse Verfolgung vor. Ich besuchte an den hohen jüdischen Feiertagen Synagogen in verschiedenen Teilen Rußlands und konnte mich davon überzeugen, daß die Gottesdienste ohne die geringste Störung vor sich gingen. Dr. Karpf beobachtete die kolonisatorische Arbeit von Agro - Joint in der Krim und der Ukraine und traf mit dem Leiter dieser Arbeit, Dr. Joseph Rosen, zusammen. Ich sah, erzählt Dr. Karpf, wie unsere Menschen dort leben, arbeiten und spielen. Agro-Joint hat ein kolossales Werk vollbracht, von dem die We 11 leider zu wenig weiß. Zehntausende Juden hat d i e s W e r k am Leben erhalten. Die Kolonien entwickeln sich gut und können sich nun mit Leichtigkeit selbst erhalten. Auch die Arbeit der anderen jüdischen Organisationen, besonders die der JCA, ist sehr schätzenswert, wenn auch in einigen Punkten noch nicht vollendet. Die Regierung, fuhr Dr. Karpf fort, nimmt ein aktives Interesse an der Zuführung der Stadtjuden zur Landwirtschaft und gibt hierfür große Summen aus. Mit Begeisterung sprach Dr. Karpf von dem Geist der Arbeiter in den Kolonien. Zu essen gibt es reichlich, die Unterkünfte sind gut, der Lebensstandard steigt stetig. Was vor einigen Jahren noch als ein unvorstellbarer Luxus erschien, z. B. Elektrifizierung, ist heute bereits eine Tagesnotwendigkeit. Die Kolonisten verfügen über weite Gebiete fruchtbaren Bodens, einige von ihnen klagen sogar, sie hätten zu viel Land zu kultivieren für ihre beschränkten Kräfte. Die Regierung fördert die jüdische Kulturaiitonomie genau so wie die der anderen Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion. Ich begegnete in Rußland vielen deutsch-jüdischen Aerzten. die sich dem russischen Leben glänzend angepaßt haben. Kein Schächtverbot in der Tschechoslowakei. Die Regierung der CSR hat im Senat einTierschutzgesetz eingebracht, dessen Paragraph 8 dahin lautet, daß sich „derjenige strafbar macht, der bei der Tötung eines Tieres ihm überflüssige Qualen zufügt, insbesondere derjenige, der ohne vorherige Betäubung Schlachtvieh zum gewerbsmäßigen Fleischverkauf tötet". Zu diesem Punkt 8 werden durch R e g i e r u n g s- Verordnung Ausnahme n ~ für die „T öt u n g von Tieren nach religiösen Vorschriften" erlassen. Demnach fällt die Scheehita nicht unter das neue Tierschutz g e s e t z. Kostenloser Begleiter für unverschuldet in Not geratene hochtalentierte Opernu. Konzertsängerin, gesucht. Unter ..Möglichst 2. Bezirk'' an die Administration des Blattes.

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