Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 46 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 46 — 15. November 1935 DIE WAHRHEIT Sedeid. Tirol, 1200 m Wintersport im Gasthof Hochalm streng *ftW3 unter Leitung G. SCHEER Billigste Preise — Komiort. Danziger Svnagoge zerstört. In den Straßen von Dan zig kam es am S. November zu antijüdischen Ausschreitungen, die alle bisherigen Exzesse dieser Art in den Schatten stellten. Die Unruhen begannen damit, daß im Zentrum der Stadt fünf Juden, unter ihnen ein polnischer Staatsängehöriger,: von jungen Häkenkreuzlern überfallen und b 1 u t i g g eschlagen wurden. Den Angreifern schlössen sich zahlreiche uniformierte und nichtuniformierte Danziger Nationalsozialisten an. Die Menge zog in die Jbppengasse und in die Pfefferstadt, wo zwei von Juden besuchteRestaurants demoliert und die Besucher mißhandelt wurden. Sodann drang die Menge in die in diesem Stadtteil liegende Synagoge ein. Die Huligans hausten in der Synagoge wie Barbaren und zerstörten völlig die Einrichtung. Sie vergriffen sich auch an den Ritualgeräten. Die Danziger jüdische Bevölkerung ist in tiefer Sorge, da sie nicht weiß, wieweit die Menge, der die Behörden keinen Widerstand entgegensetzen, in ihrem Wüten gehen wird. Die neue Welle antisemitischer Exzesse nahm ihren Ausgang von einer judenhetzerischen Rede des Gauleiters Forst er auf der Danziger Tagung der ostpreußischen Hitlerjugend. Die Intervention der Danziger Jüdischen Gemeinde beim Senat gegen diese Ausschreitungen blieb ganz ohne Erfolg. Sven Hedin protestiert. Nach einer Kopenhagener Meldung haben die Nazis den schwedischen Forschungisreisenden Sven Hedin zwar kürzlich mit der Ueberreichung einer Luthermarke zu ehren versucht, aber fast gleichzeitig eines seiner in deutscher Sprache erschienenen Werke „aufgenordet". Der Verlag Brockhaus hat, wie auch wir seinerzeit meldeten, in der Neuausgabe seines Buches „V o n Pol zu Pol" kurzerhand einen Abschnitt gefälscht, in dem Hedin einen jüdischen Arzt mit großer Dankbarkeit erwähnt, der ihm einmal das Leben rettete. Hedin hat gegen die Verstümmelung seines Werkes beim Verlag protestiert und in diesem Zusammenhang offen von seiner jüdischen Abstammung gesprochen. ff Sturmereien. st „Der Stürmer" verlangt ün seiner soeben erschienenen Nummer die Schaffung jüdischer Gerichte. Deutsche Gerichte sollen nicht mit jüdischen Sachen behelligt werden. Deutsche Richter .wären zu schade für „Judereien". Wie wäre es, wenn auch die Nazi-Blätter sich fortab als zu schade für „Judereien" halten würden? Beim „Stürmer" soll eine derartige Wandlung schon allen Ernstes in Vorbereitung sein. Er soll gegen eine Riesen-Abfertigung für Herrn Streicher in den Mosse- oder Ullstein-Verlag übergehen und mit gemäßigt antisemitischem Inhalt, aber jedenfalls zimmerrein weiter erscheine«. Es scheint aber, daß Hitlers Liebling vom deutschen Publikum nicht nur als Journalist, .sondern auch als Redher immer deutlicher abgelehnt wird. Als jüngst der Kreuzer „Nürnberg" vom Stapel gelassen! wurde, fehlte unter den Festgästen auch der Nürnberger Gauleiter nicht. Aber er durfte nur zu 19 Matrosen, die aus der engeren Heimat Streichers stammen, also einem sehr geringen Bruchteil der Schiffsbesatzung sprechen. Die Melirheit der Mannschaft hat auf diesen Genuß verzichten müssen. Offenbar wollten die Schiffsoffiziere nicht mit einer — seekranken Besatzung die Fahrt antreten ... f Uebrigens soll der jüdische Kopf jetzt auch im Dritten Reiche wieder ein Betätigungsfeld finden und es ist ausgerechnet'der Herr Streicher, der dafür eintritt. Der „Stürmer" macht nämlich folgendeW Vorschlag: „Mit Bedauern müssen wir feststellen, daß es heute den jüdischen Konfektionsgeschäften immer noch erlaubt ist, die Fensterpuppen mit nicht jüdischen Köpfen zu zieren. Ich mache den Vorschlag, die nationalsozialistische Handels- und Gewerbeorganisation möge dafür sorgen, daß in allem jüdischen Konfektionsgeschäften die Schaufensterpuppen auch jüdische Gesichter tragen müssen." Nachdem der jüdische Kopf in Literatur, Kunst und Wissenschaft entthront worden ist, wird es für ihn sicherlich tröstlich seini, wenigstens eine bescheidene Wirkungsmöglichkeit zu finden, noch dazu im vollen Lichte der Oeffenrlichkeit. Das Auslagefenster der jüdischen Konfektionsgeschäfte wird bald sein letztes RefugSum sein. Wie England jüdische Helden ehrt. Die jüdische Gefallenen-Ehrung im Rahmen der Feier des Waffenstillstandes in London nahm Mn ■ diesem Jahre einen besonders eindrucksvollen Verlauf. Der Chef des Generalstabs der englischen Armee, Feldmarschall Sir A r c h ibald A. Montgomery-Massingverd", nahm den Vorbeimarsch von' 5000 jüdischen Kriegsteilnehmern bei der VL Parade des jüdischen Kriegsteilhehmerverbandes ab. 30.000 Zuschauer waren bei den Zeremonien auf dem Hor.se Guards Paradefeld zugegen und weitere 10.000 bildeten in den zum Grabe des Unbekannten Soldaten Führenden Straßen Spalier. Am Grabe des Unbekannten Soldaten wurde von den jüdischen Frontsoldaten ein Kranz aus Mohnblüten niedergelegt. Den Feierlichkeiten folgte ein Tee in der Albert Hall, dem Sir A r c h i b a 1 d A. Montgomery-Massingverd als Ehrengast beiwohnte. Der Leiter der Veranstaltung, Major Brunei-Cohen, verlas ein dem König gesandtes Huldigungst'e legramm, sowie die Antwort des K ö n i g s, in welchem für die Grüße der jüdischen Frontkämpfer herzlich gedankt wird. Der Chief Rabbi des Britischen Reiches, Dr. J. H. Hertz brachte einen Toast auf Feldmarschall Sir Archibald und die übrigen anwesenden hohen Offiziere des britischen Heeres und der Marine aus. Zu den Gästen gewandt, sagte er u. a.: „Sie sind die Repräsentanten von Englands Macht, aber auch Träger des Symbols von Englands Humanität. England steht für Freiheit und Gerechtigkeit ein. Ein Land, welches diese Prinzipien außer Acht läßt, ist zur Barbarei zurückgekehr t." * Im County Hotel in Newcastle fand die Jahrestagung des Distrikts Nordost des Verbandes jüdischer Kriegsteilnehmer unter dem Vorsitz von H. V. Marks statt. Zu der Tagung waren zahlreiche ehemalige Frontsoldaten aus Newcastle und; anderen Ortschaften, sogar ans den weit entfernten Städten Leeds und Hull erschienen. Als Gäste nahmen an der Veranstaltung der Bürgermeister von Newcastle, Dalgliekh, Vizebürgermeister W. Locke und ihre Gattinnen, der Sheriff Gilbert Oliver, der Ehrensekretär des Komittees für die Organisierung der Gefallenengedenkfeier des jüdischen Kriegsteilnehmerverbandes William Hurwitz, sowie Abordnungen der Ortsgruppen Newcastle und Sunderland der British Legion des allgemeinen Kriegsteilnehmerverbandes Engäands teil. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Weihe der von Herrn und Frau H. V. Marks gestifteten Fahne durch Rabbiner Top er off (Sunderland). Bürgermeister D a 1 g 11 e s h hielt eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: „Ihr Juden habt eure Pflicht im Kriege hervorragend erfüllt. Vor Jahren war ich in Rußland und sah, wie die Juden aus diesem Lande vertrieben wurden. Es bot sich mir manch trauriger Anblick. Rußland ist nicht aufgeblüht, seit es seine .luden vertrieb — aber Amerika hat davon gewonnen. Ich meine, daß dies der Welt eineLehre sein sollte. Als Bürgermeister dieser Stadt möchte ich sagen: Ihr Juden gebt ausgezeichnete Bürger ab. Ihr seid große Kaufleute, und es sind die großen Kaufleute, denen die Städite ihr Werden verdanken. Die Welt braucht die Juden." Eine Bukarester jüdische Firma muß 150 jüdische Angestellte entlassen. Die Bukarester jüdische Firma „Socec" hat auf Geheiß des "A r beitsrhinist e r iums 150 jüdische; Angestellte entlassen. Die Forderung des Ministeriums soll auf dem G esetz „zum Schutze der nationalen Arbeit" basieren. Nach diesem Gesetze müssen die Angestellten jedes Unternehmens, auch privater Betriebe, zu 80 Prozent rumänische Staatsbürger sein, Ausländer dürfen nur 20 Prozent sein. Nach der Verfassung wird aber ein Unterschied zwischen den christlichen Rumänen und Rumänen anderer Religionszugehörigkeit nicht gemacht. Die entlassenen Angestellten der Firma „Socec" sind durchwegs rumänische Staatsbürger. Dennoch wurden sie, weil sie Juden sind, entlassen. Als das Gesetz „zum Schutze der nationalen Arbeit", publiziert wurde, ist seitens der rumänischen Gesandtschaft itfi-ondoir auf eine Anfrage von englisch-jüdischer Seite ausdrücklich erklärt worden, das Gesetz wolle die rumänischen Staatsbürger vor der ausländischen Konkürrenz schützen, bei der BUCHHANDLUNG SCHNEIDER d CO Wien l., Franz Josefs-Hal 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, 30 g und 50 g aufwärts Katalog gratis! die von den Finnen angeforderten Listen, in denen auch die ethnische Abstammung und Religionszugehörigkeit der Angehörigen angegeben werden sollte, hätten lediglich „statistische Zweck e". Wann ändert Jena seinen Namen? Alle Straßen und Plätze, die in Deutschland an Juden erinnern, werden jetzt umgetauft. Wann kommt die Stadt Jena dran, die vom hebräischen Jajin ihren Namen haben soll. So nämlich ist in der Festschrift „Das alte Jena und seine Universität" von Ernst Borkowsky (Jena 1908) zu lesen: Hinc placet Hebraeo nobis hanc nomine dici et vetus an Jayn nomen Jena tenet. Palästina-Nachrichten. Führende jüdische Kreise in Palästina haben die Information erhalten, daß der High Commissioner Sir Arthur Wauchope, der in dieser Woche wieder in Jerusalem eintrifft, am Freitag, den 15. November, die Schaffung des Legislative Council für Palästina proklamieren wird. Der Council soH aus 6 Mohammedanern, 2 Christen und 10 Engländern: bestehen. Für die Juden sollen 4 Sitze reserviert werden, die jedoch im Hinblick auf die Ablehnung des Councils durch die Juden unbesetzt bleiben dürften. Der High Commissioner wird als Vorsitzender uneingeschränktes Vetorecht gegenüber den Beschlüssen des Council haben. (Diese JTA- Nachricht ist mit Vorsicht aufzunehmen. D. Red.) Die Palästinaregierung hat der Executive der Jewish Agency die ersten 1000 Zertifikate als Vorschuß auf die Schedule des Halbjahres Oktober 1935/März 1934 übergeben. Wie es heißt, sollen 500 dieser Zertifikate für deutsche Juden registriert bleiben. Wie schon mitgeteilt, hat die Executive der Jewish Agency infolge der noch ungeklärten wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina bisher davon abgesehen, der Regierung einen Vorschlag betreffend die neue Schedule zu unterbreiten; dies wird nachgeholt werden,, sobald die Verhältnisse eine Klärung erfahren haben. Der Papst empfing den Erzbischof und vatikanischen Delegierten für Aegypten, Palästina und Transiordanien, MonsignoreTesta, in längerer Audienz. Monsignore Testa, der seinen Hauptsitz in Jerusalem hat. schilderte dem Papst eingehend die augenblicklicherolitische Lage in Palästina, die Gestaltung der jüdischarabischen Beziehungen und unterstrich die wachsende Bedeutung, die die jüdische Gemeinschaft für Palästina gewinnt. * Die Palästina-Regierung dementiert offiziell die aus Berlin stammende Meldung, daß sie die Absicht hat, Waren aus Deutschland im Rahmen des Transferabkommens zu bestellen, um deutschen Juden die Ausführung von Teilen ihres Vermögens nach Palästina zu ermöglichen. * Von den drei Juden, die im Zusammenhang mit dem in Jaffa aufgedeckten Waffen- und Munitionsschmuggel verhaftet wurden, sind zwei wieder freigelassen worden, davon einer gegen Kaution. Irgendwelche Beweise der Schuld der Verhafteten sind nicht erbracht worden. * Der Senat der Hebräischen Universität Jerusalem hat den Professor an der Philosophischen Fakultät Dr. Hugo Bergmann zum Rektor für das Studienjahr 1935i36 gewählt. In der Nähe von Ajn Charod wurde der jüdische Polizeisergeant Mosche Rosenfeld ermordet aufgefunden. Der Mord geschah am Fuße der Gilboa-Hügel; am Körper Rosenfe'.ds wurden drei Einschußstellen festgestellt. Neben dem Toten fand man eine arabische Sc'out-Uniform, einen Revolver und Proviant. Mail nimmt an, daß Rosenfeld ermordöt würde, als er.fh den Orängenhain von Ajn Charod eingedrungene arabische Diebe verscheuchen wolte. Rosenfeld, der 28 Jahre alt wurde, ist der Sohn eines jüdischen Kolonisten. Er wurde in der Kolonie Menachemia geboren. Seit 10 Jahren diente er bei der Polizei. Er wurde in Ajn Charod feierlich zu Grabe getragen. Hinter dem SaTge schritten Rosenfelds betagte Eltern und seine kleinen Kinder sowie tausende jüdische Kolonisten aus allen Teilen des Emok. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Mosche Shertok hielt die Grabrede. Drei Araber wurden in Verbindung mit dem Mord verhaftet * Die halboffizielle Zeitschrift .^Great Britain and the East" (früher Near East and India) befaßt sich im Leitartikel ihrer letzten Nummer mit dem durch die Jaffaer