Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 46 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I DIE WAHRHEIT Nr. 46 — 15. November 1935 Seite 3 Olympiade und Judenverfolgung. Ein Hauptgrund, weshalb die deutsche Regierung mit der Verkündung der Durchführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen zögert, ist der, daß sie eine nachteilige Wirkung auf die im Dezember tagende Convention der American Amateur Athletic Union befürchtet, die über die Beteiligung Amerikas an der Olympiade beschließen soll. Wird sich die A. A. U. entschließen, zur Berliner Olympiade zu kommen, dann fällt jedes Hemmnis fort und die Durchführungsbestimmungen werden verkündet werden. Sollte es schon vorher feststehen, daß die A. A. U. sich für Berlin entscheidet, so dürften die Durchführungsbestimmungen früher bekannt gegeben werden. Die Aussichten für eine Beteiligung Amerikas an der Olympiade stehen sehr schlecht. Der Präsident der ober wähnten American Amateur Athletic Union, Mahoney, warnte auf einem ihm zu Ehren gegebenen Dinner das Internationale Olympische Komitee davor, den deutschen Versprechungen hinsichtlich fairer Behandlung der jüdischen Sportler zu glaüben, wo doch Hitler „jedes von ihm gemachte Versprechen brach". Der bekannte amerikanische Staatsmann Henry Mo r genthau, der frühere amerikanische Botschafter äin der Türkei und Vater dtes jetzigen amerikanischen Finanzministers (die Morgenthaus sind bekanntlich Juden), erklärte Pressevertretern, Amerika müsse sich mit allen Kräften dafür einsetzen, daß die Olympiade 1936 aus Deutschland in ein anderes Land verlegt werde. Die Niederländische Sportvereiroiung beschloß fast einstimmig, keine Deleation zur Olympiade nach Berlin zu entsenden. Der Präsident des Holländischen Komitees zur Verteidigung des Olympischen Gedankens, Bernard van Dam, teilte dem JTA-Vertreter mit, ein Komitee werde am 20. November in Amsterdam in einer Massenkundgebung von Sportsleuten, Künstlern und Schriftstellern für eine Reinhaltung des olympischen Gedankens plädieren. Sein Komitee habe nichts mit Politik zu tun, aber Deutschland sei es, das Politik mit Sport verquickt. Inzwischen nimmt die Liquidierung jüdischen Besitzes als Folge ununterbrochener „Einzelaktionen", sowie unter starkem Druck seitens der „Beratungsstellen" der Deutschen Arbeitsfront immer panikartigere und verhängnisvollere Formen an; die Juden erhalten für ihre Betriebe nur einen kleinen Bruchteil des wirklichen Wertes. Den Ausschlag in dieser Frage gibt nicht Reichswirtschaftsminister Dr. Schaclit, sondern Reichsinnenminister Dr. F r i c k, der sich, wo es gegen die Juden geht, jeder besseren Einsicht verschließt. An der Berliner Börse machten sich am 8. und 9. November Zeichen der Panik bemerkbar, da Gerüchte im Umlauf waren, daß während der Fefer des Gedenktages des nationalsozialistischen Aufstandes in München die D u r c hführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen bekannt gegeben werden würden. Die Gerüchte haben sich nicht bewahrheitet. Eingeweihte wollen wissen, daß die Durchführungsbestimmungen den jüdischen Engros- und Detail- Handel einschneidend berühren, ferner den Ausschluß jüdischer Aerzte und Anwälte von der Praxis und eine „Regelung" des jüdischen Grundbesitzes im NSDAP-Sinn erbringen werden!. Die seinerzeitige Meldung der Jüdischen Telegraphen-Agentur, daß die Juden individuell als Geber wie als Empfänger von der Deutschen Winterhilfe ausgeschlossen sind, daß aber die jüdischen Firmen als unpersönliche Körperschaften verpflichtet seiemi, der Deutschen Winterhilfe Spenden in einer ihrer geschäftlichen Bedeutung entsprechenden Höhe beizutragen, bestätigt sich jetzt. Die jüdischen Firmen haben alle die Weisung erhalten, bestimmte Summen der Deutschen Winterhilfe zuzuführen. Die diesbezügliche schriftliche Weisung, in die der JTA-Vertreter einzusehen Gelegenheit hatte, ent- EPHRUSSI & Co, Gegründet 1856 BonhgeschiiHe «Her Ari Abteilungen für Wertpapiere und Devisen Wien IX., Wasagasse Nr. 2 liiiiiiiiiuiiiiiiiiuiiiiuiuiiiiuiiiiinii hält den sehr sonderbar anmutenden Vermerk, daß es Juden nur als Einzelpersonen freisteht, zur speziellen jüdischen Winterhilfe beizutragen, daß aber die jüdische F i rm a, „die ja auch aus ihren arischen Verbindungen Vorteile zieht", der Jüdischen Winterhilfe keine Spenden zuführen dürfe. Diese Weisung, von der die jüdische Oeffentiichkeit in Deutschland sehr unangenehm überrascht wurde, bedeutet einen schweren Schlagfür die Jüdische Winterhilfe. Das Berliner Hauptbüro der Jüdischen Winterhilfe hat mit einer Quote von einer Million Mark allein in Berlin gerechnet. Der bisherige Spendeneinlauf ließ auch hoffen, daß die Quote voll erreicht wird. Die neue Weisung aber hat die Aussichten des jüdischen Winterhilfsfeldzuges wesentlich herabgemindert. Die Mitschuld der schweigenden Zeitgenossen. Von Dr. Armand Kaminka. Bei der Eröffnung des gegenwärtigen Studienjahres des „Maimonides-Institutes für religiös-wissenschaitliche Studien" in Wien hielt der Leiter des Instituts, Herr Rabbiner Dr. Armand Kaminka, einen Vortrag über „Die biblische Lehre von der Gleichheit der Menschen", wobei er den Gedanken eines der Weisen im Talmud, Ben Azai, erläuterte, wonach der Satz in der Schöpfungsgeschichte: „Dies ist das Buch der Geschichte des Menschen" der wichtigste in der Lehre Moses sei. Nach einer Darstellung der religionsphilosophischen und kulturhistorischen Bedeutung des Axioms von den gleichen Rechten aller Menschen kam er auf die Verhältnisse der Gegenwart zu sprechen und führte folgendes aus: Wir erleben jetzt täglich die Tragödie der Beraubten und Enteigneten, denen das Leben und Atmen in .ihrer Heimat unmöglich gemacht wurde und die, ehemals wohlhabende und für das Wohl anderer wirkende Bürger, als hilfsbedürftige Flüchtlinge auf das Erbarmen der Menschen angewiesen sind. Daß ganze Volksklassen unter den Bewohnern eines Landes bedrückt wurden, ist in der Geschichte seit den ältesten Zeiten häufig vorgekommen. Wenn man allerdings die gegenwärtig Stellung der Juden im Dritten Reiche mit der der Heloten in Sparta vergleicht, so tut man den Spartanern bitteres Unrecht" Denn die Heloten waren zwar unterjochte Bauern und Kriegsgefangene, sie hatten aber doch eine sichere Existenzmöglichkeit und bestimmte Rechte im Lande. Sie hatten den Acker zu bestellen und einen Teil des Ertrages dem Herrn abzuliefern, der Rest aber gehörte ihnen und sie durften davon leben. Sie konnten auch Kriegsdienste leisten und wenn sie sich auszeichneten, zu Bürgern avancieren. Dies alles ist den Juden nicht nur versperrt, sondern die unzähligen Auszeichnungen und die ruhmreichen Leistungen zum Wohle des Landes, auf die sie hinweisen können, werden annulliert, und statt Ehre wird ihnen durch grauenhafte, gewissenlose Verleumdungen Schande geboten. Auch Bekenner anderer Religionen wurden in manchen Ländern, und in nicht gar so weit zurückliegenden Zeiten, mitunter schwer bedrückt und verfolgt Aber bei Betrachtung derartiger Analogien sieht man auch gleich, um wieviel trauriger und finsterer es in der gesitteten Welt geworden ist Gerade erwacht in diesen Tagen die Erinnerung an eine Verfolgung, die vor genau 250 Jahren stattgefunden hat. Ende Oktober des Jahre 1685 wurden durch Widerrufung des Ediktes von Nantes sämtliche Bekenner der reformierten Kirche, nachdem man sie vorher aus allen Aemtern und Würden ausgeschlossen, ihre Geistlichen in den Kerker geworfen, ihnen ihre blühenden industriellen Unternehmungen und die Möglichkeit wirtschaftlicher Betätigung weggenommen hatte, zur Auswanderung aus Frankreich gezwungen. Louis XIV. hatte dies als Forderung seines autoritären und totalitäten Regimes für unvermeidlich gehalten und es fanden sich sogar Schmeichler, die dies als geschichtliche Großtat priesen. Zufällig war die Zahl jener Verfolgten ungefähr 500.000, ähnlich der Zahl der jetzt enteigneten und zur Auswanderung gedrängten deutschen Juden. Aber welcher Unterschied im Verhalten der Umwelt! Damals wetteiferten die Nachbarländer, die Schweiz, Holland und sogar Brandenburg im freundlichen Entgegenkommen gegenüber den Unglücklichea Sie konnten sehr leicht in einer neuen Heimat ihre Zelte errichten. Anders jetzt Es gibt, wenn man von Palästina mit seiner beschränkten Auinahmsfähigkeit absieht, kein Land in der weiten Welt, wohin die zur Verzweiflung getriebenen Menschen sich wenden könnten, um Schutz und Lebensmöglichkeit zu finden. Die Pforten aller Länder sind verschlossen. Wie im Buche Josua berichtet wird: „Die Stadt Jericho war versperrt und verriegelt vor den Kindern Israel", so ist die Vor lastigen Verfärbungen a c h Q t z t OOOL-Zahnpasta Ihre Zähne. OOOL- Zahnpasta reinigt gründlich. OOOL- Zahnpasta macht Zähne wlo Perlen t Kleine Tube S — SO Große Tube 3 1.40 ganze Welt ein einziges Jericho geworden. Die Thora ordnet an: Wenn jemand verfolgt wird wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat und das nur durch unglückliche äußere Umstände ihm zur Last gelegt wird, so „werde ich einen Ort vorsehen, wohin er sich flüchten kann". Wir fragen: Wo ist der Ort wo ist die Zuflucht, wo ist dasAsylfürdie Bekenner der mosaischen Lehre, die weder wissentlich, noch unwissentlich, sich gegen jemand vergangen haben und nur deshalb, weil sie dem Stamme Israel angehören, mit glühendem Hasse verfolgt werden. Je furchtbarer uns die Lage erscheint desto schwerer ist die Verantwortung für alle Menschen, die diese Gewalttaten als Zeitgenossen erleben, die sie vor ihren Augen sehen oder von ihnen lesen und nicht alles tun, um dem Unrecht entgegenzutretea Man hört vielfach, es gebe sogar in unmittelbarer Nähe der Veriolgten weite Bevölkerungskreise, die die Vorgänge nicht billigen, ja sogar über das Unrecht empört sind. Und in allen anderen Ländern der Welt soll es Millionen Bürger geben, in denen das Gefühl für Gerechtigkeit und für die Solidarität der Menschen nicht erloschen ist. Warum schweigen sie? Warum tun sie sich niciit zusammen, um mit ilammenden Zorne das die Gesittung der Menschheit schändende Unrecht laut zu verurteilen? Auf diese Frage hört man oit die Antwort: Sie können nicht, sie sind ohnmächtig, die organisierte Macht des Unrechtes ist zu stark. Jedes Auftreten wäre zwecklos, jeder Versuch, der Macht entgegenzutreten, würde scheitern. Darauf muß ich mit folgender lehrreichen Erzählung aus dem Talmud erwidern: In jener Stunde sagen unsere Weisen, als bestimmt war, daß die ganze Stadt Jerusalem wegen der Verbrechen und Missetaten, die in ihr begangen waren, untergehen sollte, wollte Gott, der Allgiitige und Barmherzige, wenigstens die friedlichen, ehrsamen, unschuldigen Bewohner der Stadt vom Verderben retten. Er gab daher einem Engel den Auftrag (so ist es im Buche Ezechiel erzählt), ein Zeichen auf die Stirne derer zu setzen, die umkommen sollten; die anderen, die Unschuldigen, sollten als Gerettete gekennzeichnet sein. Hierauf trat die „Middatli ha-Din". die personifizierte Eigenschaft der absoluten Gerechtigkeit Gottes als Anklägerin auf und es entwickelte sich folgendes Gespräch: Die Gerechtigkeit: „O Herr, ich sehe, daß Du die Bewohner dieser sündigen Stadt in zwei Klassen geteilt hast. Wodurch unterscheiden sich denn die Einen von den Anderen?" Gott: „Die Einen sind ja die Verbrecher, die ruchlose Taten begangen haben und untergehen müssen: die anderen, das sind unschuldige, gerechte und ehrsame Menschen, die nie etwas Böses getan haben." Die Gerechtigkeit: „Das sind gerechte und ehrsame Menschen? Warum sind sie denn nicht den Gewalttätigkeiten und Verbrechen entgegengetreten, warum haben sie sie nicht gehindert?" Gott: „Das konnten sie nicht, sie waren zu schwach. Sie fanden keinen Weg, um sich der Gewalt gegenüber Geltung zu verschaffen." Die Gerechtigkeit: „Sie konnten nicht? Warum haben sie es nicht versucht? Sie hätten doch wenigstens alles, was in ihrer Kraft lag, unternehmen müssen, um die Ruchlosigkeit zu hindern." Gott: „Wenn sie das getan hätten, hätten sie nichts erreicht. Ich kann es bezeugen, ich weiß es, daß das vereinte Auftreten der Gutgesinnten zu keinem Erfolge geführt hatte." Die Gerechtigkeit: „Du, o Gott, magst es wissen; Für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salz er« Eingehende Informationen für jedes Mitglied der .Union" unentgeltlich, Wien I„ Kohlmarkt 8,1. Stock,Tür 4, täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10—12 Uhr vormittags.