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Die Wahrheit · 1935-11-15 · Heft 46 (15.11.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 46 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 46 — 15. November 1935 DIE WAHRHEIT Deutsehland — ein Käfig. Ernste Warnung der „Times" im Namen der zivilisierten Welt. In einem „Verfolgung ohne Nutzen" überschriebenen Leitartikel richten die „T i m e s" eine ernste Warnung an das heutige Deutschland vor einer Fortsetzung der Judenverfolgungspolitik, die doch niemandem in Deutschland Nutzen bringen kann, aber das Gewissen der Welt aufrührt. Im Ausland, schreiben die „Times", erwartete man nach Verkündung der Nürnberger Judengesetze das Ende eigenmächtiger Tyrannei gegenüber den jüdischen Bürgern. Man sagte sich, nach einer Zeit der Gesetzlosigkeit werde nun wieder ein Gesetz, wenn auch ein hartes und drückendes, herrschen; die Juden würden nun wieder einige Rechte haben, wenn auch nur Rechte von „Bürgern zweiter Klasse". Die fortdauernde, ja sich täglich steigernde tragische Lage der Juden zeigt, daß diese Annahme falsch war. Fanatisches Denunziation swesen, Unterdrückung und Verfolgung einer Gemeinschaft, die sich nicht wehren kann, dauern an und scheinen von Kontrolle und Verantwortung entfernter zu sein denn je. Ein Volk wird in einem Käfig gehalten und gefoltert. Entkommen kann es nicht. Nachdem man den Juden die Bürgerrechte genommen hat, wird ihnen nun auch das Recht zu leben aberkannt. Auf Geschlecht und Alter wird keine Rücksicht genommen. Selbst die Kinder entgehen nicht der vielleicht grausamsten aller Verfolgungen. Eine schließlich das ernten, was sie gesät hat. Wenn jedem gestattet ist, in das Privatleben des anderen einzugreifen, ja der Angeber sogar ermutigt wird, so darf man sich nicht wundern, wenn Deutschland im Auslande als ein „Paradies für Erpresser" gilt. Wem nützt das alles? Der Deutsche selbst leidet unter den Folgen des Bankrotts und der erzwungenen Liquidation jüdischer Betriebe. Wohl profitieren Einzelne, aber die Gesamtwirtschaft Deutschlands sowie sein Handel und Kredit im Auslande werden schwer belastet. („Gemeinnutz geht vor Eigennutz", D. Red.) Die Ereignisse, die das Gewissen der Welt so beunruhigt und so viel tiefe Entrüstung geweckt haben, werden in England vielleicht noch mehr bedauert als anderswo. Sie sind ein dauerndes und nicht zu überwindendes Hindernis für eine bessere Verständigung zwischen dem englischen und dem deutschen Volke. Das Propagandaministerium verfügte die Beschlagnahme der Nummer der „Times", die diese Warnung an Deutschland enthielt. Cafe Pension Eckstein Semmering Pension bei Miridestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10.— tägl. BESONDERS BILLIGE UND BEQUEME PALÄSTINA-REISEN ab Constantza nach Jaffa und Haifa mit den Luxusdampfern „POLONIA" und „KOSCIUSZKO" der Polish Palestine Line ABFAHRT JEDE WOCHE Reichliche«Verpflegung 9 Streng rituelle Küche Auskünfte und Anmeldungen bei der Generalrepräsentanz für Österreich: Off. Polnisches Reisebüro, ORBIS' Wien I., Kärntnerstr. 4-1, Tel. R 21 -5-76 Fabrikation von „Greuelmärchen" beschuldigt, — nirgends wurde behauptet, daß die Namen aus bestehenden Tafeln ausgekratzt werden sollten. Behauptet wurde vielmehr überall nur, daß i n Zukunft auf neu zu errichtenden Tafeln die Namen jüdischer Gefallener auszulassen seien und daß den lokalen Autoritäten freigestellt worden sei, schon bestehende Tafeln durch solche ohne Judennamen zu ersetzen. Da klar ist, was ein solches „Freistellen" in diesem Fall bedeutet, bleibt trotz oder gerade wegein aller Dementis bestehen, daß das Dritte» Reich in seinem Haß selbst vor Toten nicht halt macht und daß es ablehnt, Menschen zu ehren, die für Deutschland gefallen sind. Für Deutschland? Das ist die entscheidende Frage. Ist es noch dasselbe Deutschland, für das sie gefallen sind, das heute diese ungeheuerliche Anordnung erläßt? Die ganze Welt, Gemeinschaft, die so viel Böses zuläßt, wird ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■na nicht nur alle;-aiten Deutschen, müssen sich diese Goebbels dementiert. Die Welt ist viel gewohnt — schreibt „D e r christliche Ständestaat" in seiner letzten Nummer — sie hat es gelernt, sich über nichts mehr aufzuregen, was aus dem Dritten Reich kommt, und dieses etwa so zu betrachten wie einen Raubtierkäfig, vor dessen Inhalt man eine Mischung aus Angst'und Neugierde empfindet. Die Welle des Abscheus und der Empörung zu Beginn der „nationalen Erhebung" verebbte bald und machte „rationalen" und „politischen" Erwägungen, Pakten und Sicherungen Platz — um im Bilde zu bleiben, man interessierte sich mehr für das Gitter als für das, was dahinter liegt und ließ das Dritte Reich Drittes Reich sein, oder fing gar an, zu glauben, daß es Deutschland sei. Da geschah in diesen Tagen — man glaubte offenbar in Berlin die Interessen der ganzen Welt ganz und gar auf den abessinischen Konflikt konzentriert — etwas, was selbst den Stumpfesten Nerven zu viel war und was kein „Brückenbauer" wagen könnte, irgendwie zu beschönigen. Die systematische Judenverfolgung des Dritteni Reiches machte vor dem Tod nicht halt. Das Reichspropagandamirästerium — im Dritten Reich fällt das Totengedenken offenbar unter das Ressort „Propaganda", doch was fiele nicht darunter? — gab eine „Geheimanweisung" heraus, daß in Zukunft auf Totengedenktafeln die Namen jüdischer Gefallener — für Deutschland Gefallener — nicht mehr zu nennen seien. Gleichzeitig wurde es den lokalen Behörden überlassen, bestehende Ehrenmale durch neue, „judenreine" zu ersetzen. Die Empörung der ganzen Welt über diesen ungeheuerlichen Erlaß, der durch einen (für Herrn Dr. Goebbels) unglücklichen Zufall zur Kenntnis der entsetzten Oeffentlichkeit kam, war ungeheuer und einhellig. Es gab niemanden, der gewagt hätte, diesen Leichenschändungsversuch irgendwie zu verteidigen. Für einen Moment nur, aber immerhin für einen Moment, wurde das Interesse der Kulturmenschheit von den Nebenproblemen, mit denen sie sich augenblicklich beschäftigt, abgezogen und auf das große, entscheidende Problem hingelenkt, vor dem sie immer wieder die Augen verschließt: die Existenz einer kompakten, bedrohlichen Masse in Europas Mitte, die alle Grundlagen von Recht und Sitte leugnet und mit Füßen tritt, was diesem Europa heilig ist — oder sein sollte. Goebbels sah sich vor die Notwendigkeit versetzt, etwas zu tun, denn die allgemeine Empörung in allen Ländern der Erde drohte nachgerade das augenblicklich bedeutungsvollste Ziel der nationalsozialistischen Propaganda zu gefährden: die 01 y m p i a d e. Die Art und Weise aber nun, wie dieses Dementi erfolgte, war überaus bezeichnend für den Geist der nationalen Erneuerung und nebenbei auch für die Art, in der man zu Berlin das Urteilsvermögen des Auslandes einschätzt. Man ließ nämlich erklären, es sei nicht wahr, daß <Üe„Auskratzungder Namenjüdischer Gefallener" aus den deutschen Kriegermalen angeordnet worden sei. Nun kann man alle Zeitungen der ganzen Welt durchlesen, — selbst die, die das Propagandamrnisterium der hauptamtlichen Frage vorlegen, von der das Schicksal unseres Kontinents abhängt. Die Frage, welcher Rassei die also Geschändeten) angehörten, als sie glaubten, für Deutschland zu fallen, ist durchaus belanglos, hier handelt es sich nicht mehr um die Grenzen zwischen Rassen, sondern um die Grenze zwischen Mensch und Unmensch. Denn nur unmenschlich kann dieser Erlaß genannt werden, nicht tierisch und auch nicht barbarisch, denn das wäre eine Beleidigung der Tiere und der Barbaren. Mit der Feststellung diese-r Empörtin;;, schließt „Der christliche Ständestaat" seinen bemerkenswerten Aufsatz, sollte sich die Welt aber nicht begnügen. Eine praktische Konsequenz liegt nahe, es ist dieselbe, die die für den furchtbaren Erlaß Verantwortlichen im Auge hatten, als sie ihr Täuschungsmanöver versuchten. Ein Wort genügt: Olympiade. Sollen Menschen, die auf Menschenwürde noch Wert legen, wirklich der Einladung zu harmlos-sportlichen Wettkämpfen in ein Land folgen, in dem solche Erlässe gemacht werden1? Das „Nein" auf diese Frage muß das „ceterum censeo" aller anständigen Menschen in den kommenden Wochen sein, ob man nun damit durchdringen wird oder nicht! N. D. Sie schweigen. Ihren Bttdierbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Dncnhanilliiiig - Antiquariat BEEPIAMM TECH HER, in Wien II-, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Uebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! In der Wiener Kultusgemeinde gehen Dinge vor, welche die jüdische Oeffentlichkeit in Spannung und Erregung halten. In allen Kreisen wird eifrigst debattiert und diskutiert, in diesem Blatte wird Artikel um Artikel geschrieben, überall ist ein Raunen und Lispeln — nur diejenigen, die es angeht, hüllen sich in Schweigen. Vergebens wird man in den jüdischnationalen Blättern „Die Stimme" und „Die Neue Welt" auch nur ein Sterbenswörtchen suchen, welches auf die Affäre Löwenherz Bezug nimmt. Sie schweigen, wie sie im Protektionsfalle Rath lange geschwiegen haben, und klagen sich selbst damit an. Sie schweigen im Vollbewußtsein ihrer Schuld, sie schweigen in ihrer Ohnmacht, eine Sache zu verteidigen, die sie nicht verteidigen können. Oder sollten sie aus Scham schweigen? Ist es nichts als die Scham, welche - ihnen, die sonst so schreiblustig sind, die Feder aus der Hand reißt? Weil sie nichts zu ihrer Rechtfertigung sagen können, dürfen ihre Leser nichts davon wissen, daß der langjährige Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. L ö w e n h e r z, Amtsdirektor der Kultusgemeinde werden soll, nichts davon wissen, daß die „Union" gegen die beabsichtigte Ernennung die triftigsten Gründe ins Treffen führt und dagegen Sturm läuft. Schweigen, eisiges Schweigen in den Parteiblättern, als ob in der Kultusstube sich nichts ereignen würde. Die Herren der „Stimme" und der „Neuen Welt", die sonst so grob dreinhauen, wenn ihnen auch nur ein Nadelstich versetzt wird, scheinen sicli jetzt damit zu begnügen, die Faust in der Tasche zu ballen, wenn sie gewissermaßen mit der Lanze durchbohrt werden. Hier, wo scharfe Worte und Anflegelungen selbst ihren Leisem nicht genügen könnten, hier, wo sie Argumente anführen müßte, verstummt die „Stimme". Sie muß verstummen, weil ihr Argumente fehlen und Grobheit kein Argument wäre. Die „Gesinnungsgenossen" werden durch ihre Leibblätter, die ihnen selbst den Beschluß des Vertreterkollegiums auf Ausschreibung der Stelle des Amtsdirektors der Kultusgemeinde verschweigen mußten, wahrscheinlich auch weiterhin -nichts erfahren — offenbar aus Rücksichtnahme auf ihre Seelenruhe und aus Schonung ihrer Nerven. Um so lauten wird aber unsere Stimme ertönen, um so heftiger werden unsere Angriffe sein. Nichts, aber auch nichts wird uns davon abhalten können, die jüdische Oeffentlichkeit über die Dinge, die in der Kultusstube vorgehen und über welche die Herren einen dienten Schleier zu breiten scheinen, rücksichtslos aufzuklären und das. was die Jüdischnationalen erreichen wollen, unmöglich zu machen. Es wird keine Verhüllungen geben, die von uns nicht werden enthüllt werden. Die jüdische Oeffentlichkeit hat ein Recht auf volle Wahrheit lind wenh sie nicht hören kann die Wahrheit der „Stimme", soll sie von uns die Stimme der „Wahrheit" hören.

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