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Die Wahrheit · 1935-11-15 · Heft 46 (15.11.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 46 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen IDoch In Deutschland verböte! ens ckri Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Efsdhekit jeden Freitag „..„jpffliniiiiiHiiiniiiiiiiiiiimniiin _________ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 15. November 1935 Nummer 46 OPTIKER M. SCHACHTER II., GlOffiengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten. Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen Bei Berufung anf dieses Blatt öProzent Rabatt! Der Geist der Toleranz. Es ist die Tragik dieser Zeit, daß ein Staatsmann, der die Notwendigkeit von geistiger und religiöser Toleranz betont, schon durch diese bloße Tatsache die Welt verblüfft aufhorchen läßt. Und die Sensation ist um so größer, wenn es sich um eine repräsentative Persönlichkeit des autoritären Staatsgedankens handelt, den eine oberflächliche Kritik mit tyrannischer Unterdrückung jeder individuellen Meinung und mechanischer Gleichschaltung der Geister identifiziert. Es ist das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst des österreichischen Bundeskanzlers Dr. S c h u s c hn i g g, in einer Sonntag in Linz gehaltenen Rede diesem Irrtum überzeugend entgegengetreten zu sein. Dr. Schuschnigg hat in dieser Rede auf die Tatsache hingewiesen, daß zwischen den politischen Parteien weltanschaulich entgegengesetzter Richtungen oft das stillschweigende Uebereinkommen galt, daß kulturelle Fragen nicht in den Vordergrund treten durften. Dem gegenüber habe gerade der autoritäre Staat nicht nur die Möglichkeit, sondern geradezu die historische Aufgabe, einen Einklang zwischen Politik und Kultur zu finden. Als fundamentalen Leitsatz der österreichischen Kultur gilt dem Bundeskanzler der Satz: „Es gibt nur einen Gott und dieser Gott kann nicht Staat, Nation oder Rasse heißen." Sittlich erhebend wirkt es, wenn Bundeskanzler Dr. Schuschnigg einer in Waffen starrenden Welt verkündet, daß Oesterreich nicht nach seinem machtpolitischen Radius und nach der Anzahl seiner Bewohner oder nach seinen wirtschaftlichen Hilfsquellen zu werten sei, sondern von einem viel höheren Standpunkt aus Anspruch auf die Achtung der Welt erhebt: als Symbol d e is alten abendländischen Gedankens, dessen Anerkennung allein dauernde Ordnung in Europa verbürge. Wie ganz anders klingt dies als die säbelrasselnden Drohungen im Namen von „Völkern ohne Raum", wie anders aber auch als die opportunistischen Friedensbeteuerungen der nationalsozialistischen Staatsmänner gegenüber dem Ausland, während im Inland der grausamste Vernichtungskrieg gegen gewaltsam zu Staatsfeinden gestempelte Bevölkerungsschichten, deren einziges „Verbrechen" ihre.Wertlosigkeit ist, geschürt wird! Die Rede des österreichischen Bundeskanzlers ist frei von solch heuchlerischer Doppelzüngigkeit. Dem zitierten Appell zu Ordnung und Frieden in Europa entspricht ein höchst beachtenswertes Bekenntnis zu einer inneren Politik von w e i t- VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN KÄUFE -VE KÄUFE Dipl.-Kaufm. r <fr ft.SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 Ig!} BEH. AUT. SEISAL TEL. A 10-5-69 gehender religiöser Toleranz: „Wir alle wissen, welche unselige Wunden unserem Volk der Glaubensstreit geschlagen hat. Wir wissen, daß diese Wunden nicht von heute auf morgen vernarben können, wir wissen auch, daß es kein Segen für unser Volk und Land wäre, Religion und Volkstum zu identifizieren. Wir wissen, daß dies ein Kardinalirrtum bleibt, aber auch, daß dieses so betont christliche Oesterreich, das, zahlenmäßig gesehen, zu tiefst katholisch ist und als katholisch anerkannt werden muß, bereit ist, weitgehende Toleranz zu üben. Unter Toleranz kann natürlich nicht verstanden werden blinde Duldung all dessen, was vorsätzlich unternommen und versucht wird,' um den Staat oder den Staatsgedankeh zu unterminieren .... Im christlichen Oesterreich soll jeder Kampi der Weltanschauungen und insbesondere jeder Streit der Konfessionen vermieden sein. Voraussetzung hiefür bleibt, daß es sich beim konfessionellen Bekenntnis um Glaubens- und Ueberzeugungssache und nicht um eine politische Angelegenheit handelt." Uns vaterlandstreuen österreichischen .luden ist jedes dieser Kanzlerworte, die wohl an eine andere Adresse gerichtet waren, aus der Seele gesprochen: Wir bekämpfen ja die Jüdischnationalen gerade deshalb, weil sie das Bekenntnis zum Judentum aus einer Gl a u b e n ssache zu einer p o l i t i s c Ii e n Angelegenheit umfäischen. während wir in vollster Uebereinstimmung mit Dr. Schuschnigg die Identifizierung von Religion mit politischem „Volkstum" für einen Fluch halten, worin uns die Ereignisse im Dritten Reiche: die Anerkennung eines eigenen jüdischen Volkstums durch Hitler alis Vorwand für die Entrechtung der deutschen Juden, nur allzu sehr Recht geben . . . Wir Juden konnten uns niemals Vorteile von der Heraufbeschwörung weltanschaulicher Kämpfe erhoffen, sondern traten, wo immer wir politisch zu Wort kamen, im wohlverstandenen ureigensten Interesse für religiöse Duldsamkeit ein. Auch in dieser Hinsicht zeigt die Linzer Schuschnigg-Rede ein erfreuliches Durchsetzen der richtigen, uns Juden rehabilitierenden Erkenntnisse: Während in früheren Jahren Leichtgläubige allzu oft der antisemitischen Verleumdung aufsaßen, daß wir Juden das Christentum bekämpfen, hat jetzt der österreichische Bundeskanzler den Vorwurf, daß Bekenner des christlichen Gedankengutes die Rolle des staatlich Minderwertigen zugewiesen erhalten, gegen die Hakenkretizler. also unsere grimmigsten Feinde gerichtet. Es ist das unleugbare historische Verdienst der Nazi-Barbarei, den eindeutigen Beweis erbracht zu haben, daß der Haß gegen das Christentum aus densetben Quellen strömt wie der Haß gegen das Judentum. Denn bedeutsamer als alles Trennende zwischen Juden und Christen ist ihre Verbundenheit in dem Glauben an einen einzigen Gott, also die Gemeinsamkeit jenes Gedankengutes, das Bundeskanzler Dr. Schuschnigg als das Fundament der österreichischen Kultur preist. Rasiere Dich gut und billig Ocsferreichlsclus Quailfäfs-raDrikaf Ueberau erhältlich Und diese Kulturgemeinschaft straft alle jene Lügen, die die Juden als Andersdenkende in diffamierende Schranken weisen wollen und ihnen den allgemein menschlichen, von Christus gebilligten Ehrgeiz, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, als Uebergriff klassifizieren, gegen den die Staatsgewalt mobilisiert werden soll. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg polemisiert gegen die Alizuängstliehen, die den christlichen Ständestaat als Domäne des „politischen K a t h o l i z i sm u s" fürchten. Wie lächerlich muß ihm erst die Angst vor einem angeblich „politischen I ud e n t u m" erscheinen, das sich in der Fruktifizierung des jüdischen Intellekts im Dienste der Allgemeinheit erschöpft! Die „Neue Arbeiter-Stimme", die dem üewerkschaftsbund nahesteht, rühmte jüngst im Leitartikel den Dr. Viktor Adler als bodenständigen Oesterreicher und hob seine Verdientste um die Sozialgesetzgebung, die ja der christliche Ständestaat in seinen Schutz genommen hat. hervor. Wenn solcherart einem ausgesprochenen Politiker nichtarischer Abkunft gerecht zu werden versucht wird, welche Ungerechtigkeit bedeutet es dann gegenüber dem Heere verdienstvoller jüdischer Wissenschaftler, die sich niemals um Politik gekümmert haben, ihre rein fachliche Betätigung als politische Ueberhebung des Judentums zu qualifizieren! Es ist dies eine Argumentik. die unverkennbar aus dem Dritten Reich stammt, wo das Recht, das mit uns geboren ist. abgeschafft ist. Die Arbeitssitzung der ..Reichstachgruppe Hochschullehrer im Bund nationalsozialistischer Deutscher Juristen", die unter dem Vorsitz von Prof. Carl Schmitt tagte, stellte den folgenden Lehrsatz auf: „Der BGB-Begriii des „Menschen" und der „natürlichen Person" ist abzulehnen. Er verdreht und verfälscht die Verschiedenheiten von Volksgenosse, Reichsbürger, Ausländer, Jude usw." Wegen „Verherrlichung des Judentums" hat man jetzt in Preußen das Buch von Heinrich York- Steiner, ..Die Kunst, als Jude zu leben", verboten. Die im Dritten Reiche ohnehin brotlose Kunst, als Jude zu leben, darf nicht mehr gelehrt werden. Hat doch der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der N. S. D. A. P. Dr. Groß jüngst in Köln die Forderung erhoben, daß die Juden aus ganz Europa verbannt werden müssen. Fragt sich nur. ob sich Europa dem Kommando des Dritten Reiches fügen und nicht doch lieher zu dem von Dr. Schuschnigg als Wahrer de< abendländischen Toleranz-Gedankens empfohlenen Grundsatz bekennen wird, „daß es auch in Jer Politik keinen sogar an sich noch so guten Zweck geben kann, der ein unmögliches oder unerlaubtes Mittel rechtfertigen würde."

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