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Die Wahrheit · 1935-11-01 · Heft 44 (1.11.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 44 (1.11.1935)
Date
1935-11-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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"Seite 6 Nr. 44 — 1. November 1935 ri: ß-r > i? l»ft-. UHI B'i; Li Sil! m h-fc n®? * Iii i« . DIE WAHRHEIT Schandurteil. So unglaublich es auch klingen mag: bis zum heutigen Tage ist in Palästina das Gesetz der Nagaika in Geltung. Das palästinensische Gericht kann nicht nur über eure Freiheit und euer Leben, sondern auch über euren Körper verfügen. Ein palästinensischer Richter hat genau so wie im Mittelalter das Recht, euch mit Schlägen auf den nackten Körper zu bestrafen, ebenso wie es die Inquisition im Mittelalter getan hat Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch ganz gut solcher Vorkommnisse aus dem Jahre 1921, als Araber aus Transjordanien zu 25 Rutenschlägen verurteilt wurden (was weiter unten noch beschrieben werden soll). Auch in den späteren Jahren waren solche Urteile keine Seltenheit; aber sooft ich daran ging, solche Dinge zu beschreiben, glühte ich vor Scham, zitterte die Feder in meiner Hand, da ich solche Grausamkeit unter dem blauen Himmel unseres wieder erwachten Landes schildern wollte. Das Herz krampfte sich in Weh und Schmerz zusammen, aber man wollte der Welt nicht die offenen Wunden zeigen, wollte Feinden keine Schadenfreude bereiten und guten Freunden keinen Schmerz antun. Aber nicht immer läßt sich die blutende Wunde verbergen, nicht immer kann man den würgenden Schmerz unterdrücken; irgend einmal muß das Wehgeschrei losbrechen; in irgend einem Augenblick kommt man zur schrecklichen Ueberzeugung, daß es unmöglich so weiter gehen kann und dann schreit man auf . . . Vor einigen Tagen brachte die J. T. A. eine Nachricht, die das Gewissen erschauern, eine Meldung, die die Fäuste ballen läßt Hier habt ihr sie: Zwi Safra, ein 17jähriger Jude, wurde vor dem Polizeigericht in Jerusalem angeklagt, weil er vor einem jüdischen Geschäft das Hitlerwaren verkauft Posten stand. Die palästinensische Polizei verhaftete ihn vor einem jüdischen Geschäft, im jüdischen Land, und bei dem schleppenden Gang der palästinensischen Justiz wurde das Urteil in einem wahren Blitztempo gefällt. Die Verhandlung fand vor dem englischen Richter Mister B o d i 11 y statt. Und das Urteil: Zwölf Monate Arrest und 12 Rutenstreiche au! den nackten Körper. Das Urteil ist grausam, unmenschlich; aber noch grausamer und zynisch ist die hypokritische Begründung des Richters Bodilly, die lautet: Indem der junge Safra vor jüdischen Geschäften, die deutsche Waren verkaufen, Posten stand, hat er dasselbe getan, was die liitleristen in Deutschland tun, und das schädigt die jüdische Würde und jüdische Ehre. Niemand von uns macht sich Illusionen über die palästinensische Administration und ihre elende Beziehung zum Jischuv, aber auch Zynismus und Schlechtigkeit haben eine Grenze. Wie gesagt: Die Rutenstreiche sind in der palästinensischen Justiz nichts neues. Vor einigen Jahren las ich im „DoarHajom" ein Stück Chronik; ich habe es wörtlich in Erinnerung: Frau Bat-Scheva Sch. fiel im Tel-Aviver Gericht in -eine schwere Ohnmacht, als der Richter ihren kleinen Sohn zu sieben Rutenstreichen verurteilte: Die herbeigerufenen Aerzte brachten die Frau in bewußtlosem Zustande nach Hause, wo sie erst nach einigen Stunden zu sich kam. Was ich hier schreibe, ist kein Melodrama. Es ist der nackte Alltag in Palästina, es ist das Verhältnis der englischen Administration zu den drittrangigen jüdischen Bürgern — den „Natives". Und wenn auch die Oeffentlichkeit eine harte Haut Hgenfle für Trauungen hat und es nicht fühlt — das Mutterherz konnte es nicht ertragen... Und auch Safra hat eine Mutter. Ich habe es noch nirgends gesehen, daß man Kinder von Gerichts1 wegen schlägt; aber Erew Sukkot 5682 war ich Zeuge eines solchen grausamen Beispiels in einem Polizeilager bei Jerusalem. Dort wurde das Urteil — 25 Rutenschläge — an zwei Arabern vollstreckt die beschuldigt waren, die arabischen Polizisten und Soldaten aufgewiegelt zu haben. Niemals in meinem Leben werde ich diese grausame Szene vergessen, als man den ersten Araber an einen Wagen band und ein arabischer Sergeant ' mit einer Nagaika langsam, sadistisch die Schläge auf den nackten Rücken des verurteilten Arabers zählte, der beim 16. Schlag wie ein verblutender Menschenklumpen zusammensackte ... Die abgehärteten Soldaten, die im Kreise herumstanden, knirschten mit den Zähnen, die Farbe wich, aus ihren Gesichtern, viele haltten Tränen in den Augen. Nur der englische Kolonialoffizier stand ruhig, die Pfeife im Mund, und zählte die Schläge, gleichsam als wäre hier nicht ein lebender Mensch angebunden, sondern irgend ein Aas____ Ich bin sicher, daß derselbe Engländer in London einem Tierschutzverein angehört und empört ist wenn er sieht, wie ein Kutscher sein Pferd schlägt. Aber in England ist er ein zivilisierter Mensch unter seinesgleichen, während in Palästina Unentbehrlich für Rabbiner und Kantoren (Die Gesänge mit Noten von 'S. Sulzer) Sinniges Erinnerungsgeschenk an Brautleute Zu beziehen beim He-aufgeber: Max Schwager Wien H.| Zirkusgasse 50 Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang, Wien, Oberrabbiner Dr. S. Hevesi, Budapest Oberrabbiner Doktor D. Herzog. Graz. Musikdirektor A. Friedmann, Berlin, Präsident des Kantorenvereines J. Löwit, Oberkantor M. Mathyas, Oberkantor J. Müller, Oberkantor M. Löwy, Mähr.-Ostr&u, Oberkantor A. Wilkowitsch, Eger, Oberkantor H. Mayerowitsch, London u. v. a., haben sich über das obgenamite Werkchen in überaus anerkennender Weise, sowohl durch die Presse, als auch in freundlichen Zuschriiterf an den Herausgeber geäußert. litt ALTER? Das sorgenlose Einkommen : *;. REUTE ALLG. RENTENANSTALT WIEN I. .GRABEN 20 : JEL£pripW..U>;2 K-l5^ 1:Ö ': oder in einer anderen Kolonie die Zivilisation für ihn zu bestehen aufhört. Und noch etwas: Als der Engländer über den nationalen Jüngling Safra dieses unmenschliche Urteil verhängte, dachte er sich sicher: Juden schließen ein Transferabkommen und führen einen umfangreichen Handel mit Hitlerdeutschjand. Dann gibt es nur eines von beiden: wenn ihr mit Hitler Handel treibt, — dann könnt ihr ihn doch nicht zur selben Zeit boykottieren. Und die Schläge sausen nicht bloß auf den Körper des zufälligen Opfers, nein, es sind blutende Striemen im Antlitz des ganzen jüdischen Jischuv in Palästina. Es sind Schläge ins Antlitz der Herren, die gestern in Luzern den Hochverrat, das Tiansferabkommen mit Hitlerdeutschland bestätigt haben. Z. H. Wachsmann („Judenstaat", Prag). Greuel aus der braunen Hölle. Auf dem Gautag des Gaues Schlesien der NSDAP in Breslau erklärte Ministerpräsident G ö r i n g nach einem Bericht des ^Völkischen Beobachters"", daß mit den Nürnberger Gesetzen ein wichtiger Punkt des Parteiprogrammes durchgesetzt worden sei. Die neben dem Flaggengesetz erlassenen Gesetze seien notwendig gewesen, „um auch jenen unerhört wichtigen Punkt durchzuführen: Die Reinhaltung unserer Rasse und damit die Wiedergeburt des deutschen Volkes zu sichern, darüber hinaus auch dafür zu sorgen, daß nicht jeder, der zufällig in Deutschland anwesend sei, die gleichen Rechte haben soll wie der, der verantwortungsbewußt sein Deutschtum zu vertreten gewillt ist. Das sind Selbstverständlichkeiten, die nur einem liberalistisch-marxistischen System nicht eigen waren. Selbstverständlich, wenn ich alles in der Gleichmacherei gleich anerkenne, dann ist die logische Folgerung, daß ich schließlich auch jeden Juden zum Reichsbürger zu stempeln habe. Wenn aber ein Reich und ein Volk rassebewußt in der Erkenntnis der Zusammengehörigkeit seines Blutes ist, dann muß dieses Volk es selbstverständlich als richtig empfinden, die Leitung seiner Geschicke nur rasseeigenen Menschen anzuvertrauen. Wie die „Frankfurter Zeitung" berichtet, sagte Staatssekretär Dr. S t u c k a r t auf einer Frankfurter Tagung des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen u. a.: Für den nationalsozialistischen Staat wurzele auch das Recht in dem rassemäßigen Gemeinschaftsdenken ... Ein Jude könne deshalb kein öffentliches Amt wie das eines Richters oder Notars bekleiden, ebensowenig eigentlich das Amt eines Rechtsanwaltes. Es sei jedoch nur selbstverständlich, wenn auch diese Frage (die der Tätigkeit jüdischer Anwälte) nur allmählich gelöst werde. Aber es müsse dahin kommen, daß ein jüdischer Anwalt nur noch jüdische Klienten vertreten dürfe und daß die Zahl der jüdischen Anwälte in Einklang gebracht werde mit der jüdischen Bevölkerungszahl. Soeben erschien eine „Stürmer"-Nummer mit dem Datum vom 24. Oktober, die die Mitteilung enthält, daß der „Stürmer" nunmehr eine Auflage von 486.000 Exemplare erreicht hat. Zu Beginn dieses Jahres betrug die „Stürmer"-Auflage noch 200.000 Exemplare. Weiter wird mitgeteilt, daß die Verwaltung der Deutschen Reichsbahn Anweisung gegeben hat, daß der „Stürmer" in allen Bahnhöfen aufliegt. Begründet wird diese Maßnahme damit, daß diese Zeitung viel zur Popularisierung der Nürnberger Gesetze beigetragen hat. In sämtlichen Plakatflächen der Reichsbahn wurde dem „Stürmer" eine Fläche für seine Reklame gebührenfrei eingeräumt. Die erwähnte Nummer des „Stürmer" trägt an ihrer Spitze eine« von Julius Streicher unterzeichneten Appell an alle Mitglieder der NSDAP, sich mit der Verkündung der Nürnberger Judengesetze nicht zufrieden zu geben, sondern ihm, Streicher, zu helfen, eine neue anti jüdische Offensive zu organisieren. Jene Mitglieder der NSDAP, erklärt Streicher, die meinen, die Nürnberger Gesetze bedeuten die Endlösung der Judenfrage in Deutschland, seien keine guten politischen Soldaten; ein politischer Soldat müsse die Entschlossenheit haben, den Kampf gegen seine Feinde bis zum Ende durchzuführen. In unterrichteten Berliner Kreisen sieht man in Streichers Appell die Symbolisierung seines vollständigen Sieges über Schacht, der seine früheren Bemühungen, die Hinausstoßung der Juden aus der deutschen Wirtschaft aufzuhalten, nunmehr eingestellt hat. Eine blutrünstige Hetze entfaltet der „Stürmer" gegen angebliche jüdische Devisenschieber; er teilt mit, daß fast täglich von deutschen Gerichten jüdische Devisenschieber verurteilt werden. Er fordert, daß jüdische Devisenschieber als „Landesverräter" mit dem Tode bestraft werden. Der „Münchener Beobachter", die Stadtbeilage des „Völkischen Beobachter", bringt unter der Ueberschrift „Feuerschutzabgabe für Synagogen" folgende Meldung: „Durch die in letzter Zeit eingetretenen Rechtsänderungen ist auch eine Neufassung der Feuerschutzabgaben- Satzung notwendig geworden, die rückwirkend ab 1. April 1935 in Kraft treten soll . . . Bisher waren, wie die Kirchen und Bethäuser, auch die Synagogen von der Feuerschutzabgabe befreit. Hierin soll nun eine Aenderung eintreten, da eine Abgabenvergünstigung für israelitische Kultstätten mit den Grundsätzen nationalsozialistischer Weltanschauung nicht zu vereinbaren ist . . . * Die „Weichsel-Zeitung" in Marienwerder berichtet über eine Gerichtsverhandlung, in der ein 67 Jahre alter Jude angeklagt war, einem acht Jahre alten Schüler eine Ohrfeige versetzt zu haben. „Grund hiefür war das Einwerfen eines Fensters in der Synagoge durch andere Schüler. Der Angeklagte, der 14 Tage in Schutz-, bzw. in Polizeihaft war, ist bisher unbestraft gewesen. Das Urteil lautete wegen Körperverletzung auf eine Woche Gefängnis, die durch die Haftstrafe als verbüßt erachtet wurde. Es wurde bei der Urteilsverkündung zum Ausdruck gebracht, daß kein Jude das Recht habe, einen deutschen Jungen zu schlagen. Das Urteil fiel deshalb so milde aus, weil berücksichtigt werden mußte, daß der Angeklagte bisher noch unbestraft war und in der Erregung gehandelt hat." Wie schon einmal berichtet, wurde der jüdische Großkonfektionär Dresel aus Görlitz in Schlesien vom Gericht von der Anklage wegen „Rasseschändung" freigesprochen, nachdem zwei Lehrjungen im Gerichtssaal gestanden haben, daß sie von Nazis angestiftet worden waren, eine falsche Anzeige gegen Dresel zu erstatten. Dresel ging zur Erholung nach mehrmonatiger Haft in einen schlesischen Badeort, wurde aber dort neuerdings verhaftet, weil inzwischen eine „Volksbewegung" gegen ihn inszeniert worden war. Sein Geschäft in Görlitz wurde demoliert, so daß es geschlossen werden mußte. Wie man jetzt erfährt, wurde der Frau des Dresel mitgeteilt, daß ihr Mann in der Haft „gestorben" sei. Es stellte sich aber heraus, daß der Tod im Breslauer Gefängnis gewaltsam erfolgt war. In Görlitz hat, wie der „Neue Vorwärts" mitteilt, dieser neue Mord so große Erregung hervorgerufen, daß die Nachricht von ihm auch ins Ausland drang,, obwohl die Polizei dies unter schwersten Drohungen zu verhindern versucht hatte. # Dem „Pariser Tageblatt" wird aus Berlin gemeldet: In dem Berliner Vorort Petershagen wurde der allgemein beliebte praktische Arzt Dr. Manasse nachts zu einem Schwerkranken gerufen. Mit Rücksicht auf das hohe Alter des Arztes und die vorgerückte Stunde erbot sich sein Söhn, ebenfalls Mediziner, den Patienten zu besuchen. Als er in die Wohnung des angeblich Schwerkranken kam, wurde er von SA-Leuten überfallen und mit schweren Verletzungen auf die Straße geworfen. Der Jüdische Kulturbund hatte eine Aufführung der Mozart-Oper „Cosi Fan Tutti" vorbereitet. Am Abend vor der Premiere wurde dem Kulturbund seitens der

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