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Die Wahrheit · 1935-11-01 · Heft 44 (1.11.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 44 (1.11.1935)
Date
1935-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 44 — 1. November 1935 Seite 3 Stellenjagd der Jüdischnationalen. Wir Juden sitzen heute in einem Glashaus. Die Umwelt blickt schärfer denn je auf uns und beobachtet genau unser Tun und Lassen. Jeder einzelne Jude hat daher im Interesse der Gesamtheit heute mehr denn je die Verpflichtung, bei seinen Handlungen sich von Prinzipien leiten zu lassen, die der schärfsten Kritik standhalten. Ist dieser Grundsatz für den einzelnen Juden richtig, um wieviel mehr gilt er für die ehrenamtlichen Mandatare der Kultusgemeinde und für die Wiener Israelitische. Kultusgemeinde selbst. Diese Kultusgemeinde wird nach einer mehr als hundertjährigen glanzvollen Herrschaft der konservativ eingestellten Nichtnationalen seit nun fast drei Jahren von Jüdischnationalen beherrscht. Kann diese politische Partei, wenn man an sie die Frage richtet, ob sie sich bei ihrer Herrschaft nur von gemeinnützigen und nicht von eigennützigen Prinzipien leiten läßt, können die Jüdischnationaleu diese von Freund und Feind gestellte Frage mit ruhigem Gewissen mit Ja beantworten? Wir bestreiten dies und wir legen heute der Oeffentlichkeit einen neuen Beweis für die unumstößliche Tatsache vor, daß die Jüdischnationalen ihre Herrschaft in der Kultusgemeinde zu selbstischen Zwecken mißbrauchen. In allgemeiner Erinnerung ist noch der Protektionsfall Rath. Im April d. J. haben die Jüdischnationalen ihren Klubkoilegen Moses Rath zum Bibliotheksdirektor der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde bestellt, trotz des entschiedenen Protestes der „Union" und ohne auf deren Verlangen zu hören, daß diese Stelle öffentlich ausgeschrieben werden müsse, um sie dem wirklich wissenschaftlich Qualifizierten zu geben. Die Jüdischnationalen sind über alle diese und die vielen anderen Einwände der „Union" hinweggegangen, sie haben verlegen den Vorwurf eingesteckt, daß sie mit Posten, die die von den Steuergeldern aller erhaltene Gemeinde zu vergeben hat, Mißbrauch zu Parteizwecken treiben. Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die Affäre Rath so viel Staub aufgewirbelt hat. Die Gemüter haben sich noch nicht beruhigt und schon werden sie wieder durch eine Nachricht erregt, die in den letzten Tagen allgemein kolportiert wird. Es ist keine neue Nachricht, die diese Erregung ausiöst. Sie ist, sollte sie auf Richtigkeit beruhen, nur die Bestätigung jener Gerüchte, die seit dem Ableben des Amtsdirektors der Israelitischen Kultusgemeinde, Reg.-Rates Guido F u c h s g e 1 b, allenthalben auftauchten und auch in — bezeichnenderweise unwidersprochen gebliebenen — Notizen in jüdischerTZeitungen zum Ausdrucke kamen. Noch ist es nicht so weit und noch besteht die Hoffnung, daß die Jüdischnationalen von dem ungeheuerlichen Plane, der ihrer politischen Karriere ein jähes Ende bereiten müßte. Abstand nehmen werden, aber wir betrachten es als unsere jüdische und journalistische Pflicht, schon in diesem Stadium der Oeffentlichkeit Kenntnis davon zu geben, was beabsichtigt ist: Der derzeitige Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der Jüdischnationale Dr. Josef Löwenherz, will dieses Ehrenamt niederlegen, um — Amtsdirektor der Kultusgemeinde zu werden. Ist es wirklich nötig, hier ausführlich darzulegen, was alles gegen diesen krassen Beweis protektionistischer und eigennütziger Gesinnung spricht? Muß nicht der einfache Menschenverstand, das primitivste Gefühl für Anstand und Sitte einem sagen, daß es direkt unmöglich ist, daß ein Mann, der von der Wählerschaft in den Kultusvorstand entsendet wurde, um dort ehrenamtlich und gemeinnützig zu wirken, nun plötzlich mit Uebergehung aller Beamten als aus dem Gemeindesäckel hochbezahlte Kraft an die Spitze des Beamtenkörpers treten soll? Das ist ein Schlag ins Gesicht der Wählerschaft wie der Beamtenschaft, vor allem aber: eine Schädigung des Ansehens der Kultusgemeinde vor der gesamten Oeffentlichkeit. Der Plan ist ungeheuerlich und dennoch wird er erwogen, ja, mehr noch, er steht, wenn unsere Informationen richtig sind, vor der Ausführung. Die Ausführung entspricht der absurden Idee. Wie wir hören, will die jüdischnationale Mehrheit des Kultusvorstandes diesmal die vakante Stelle ausschreiben. Sie will dies tun, weil — im Falle Rath die „Union" den Jüdischnationalen den Vorwurf gemacht hat, daß sie die damals offene Stelle des Bibliotheksdirektors nicht ausgeschrieben hätten. Die Herren, die jetzt auf einmal das Gefühl für das, was sich gehört, haben, wissen sehr genau, daß die von ihnen diesmal beabsichtigte Ausschreibung nur eine Farce ist. Wer immer sich melden wird — und er sei für den Posten noch so geeignet —, wird bei den Jüdischnationalen kein Glück haben. Ausgepackelt ist, daß der Vizepräsident Dr. Löwenherz diese fette Pfründe erhalten soll. Es ist nicht zu glauben, aber man wird es glauben müssen. Zu intensiv sind die Bemühungen, die in den letzten Tagen unternommen wurden, um einflußreiche Mitglieder der „Union", die natürlich diesem phantastischen Plane allen nur möglichen Widerstand entgegensetzen wird, dazu zu veranlassen, ihren Einfluß in der „Union" dahin geltend zu machen, daß diese keinen allzu großen Widerstand leiste. Es ist natürlich überflüssig, zu betonen, daß diese Bemühungen vergebliche sind. Aber es ist bemerkenswert festzustellen, daß die Bemühungen der Allgemeinen Zionisten, die Judenstaatspartei des Herrn Stricker zu einer Zustimmung zu dem Plane zu bewegen, von Erfolg begleitet waren. Und man kennt auch schon den Preis für diesen Kuhhandel: Oberbaurat Robert Stricker, der für alles nur nicht für die Führung einer Religionsgemeinde die Eignung besitzt, wird an Stelle des zurücktretenden Dr. Josef Löwenherz Vizepräsident der Kultusgmeinde. Können die Jüdischnationalen, fragen wir neuerlich, wenn sie das, was sie hier vorhaben, Kleine Tube S —SO Große Tut» S 1.40 Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborslraße 12, Tel. R 46-5-57 um« Ausgiebige Braten-Menüs S 1.60 lß/-> „ Geflügel- „ S 2.20 IK/J Vorzügliche Zubereitung — Sehwechater Biere Naturweine. ausführen, nämlich ihren eigenen Parteigenossen, die ehrenamtlich in den Kultusvorstand berufen wurden, einträgliche Posten in dieser Kultusgemeinde zu verschaffen, können sie mit ruhigem Gewissen von sich behaupten: Wir haben in der heutigen Zeit, da das Judentum so angefeindet wird, darauf gesehen, daß seine Repräsentanz, die Knltusgemeinde, in Ehren dasteht. Sie, die ihren Parteigenossen Moses Rath zum Bibliotheksdirektor machten und nun den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, zum Amtsdirektor bestellen wollen — und auch künftige ähnliche Ereignisse werten schon ihre Schatten voraus —, diese .lüdischnationalen haben das Anrecht darauf verloren, sich als eine Partei zu bezeichnen, die nur zum Wohl der Allgemeinheit die Kultusgemeinde verwaltet. Die Wiener Kultusgemeinde wird von ihnen ohne Rücksicht auf die unzulässige Belastung des Gemeindesäckels zu einer Sinekure für jüdischnationale Kultusvorsteher degradiert. Das Wiener Judentum wird die Methoden, die da unter iüdischnationialer Herrschaft in der Kultusgemeinde einreißen, nicht ruhig hinnehmen, sie wird ihrem Abscheu vor einem solchen Beginnen gehörig Ausdruck zu verleihen wissen und deshalb: Caveant consules! Römische Impressionen. Rom, Oktober 1935. Erew Rosch Haschana war angebrochen und ich pilgerte von meinem Quartier aus mit dem Machsor unter dem Arm durch halb Rom, um in die Hauptsynagoge zu gelangen. Unterwegs überfällt mich ein kleiner, vielleicht zehnjähriger Junge mit einem Schwall italienischer Worte, um mich zum Kauf von Ansichtskarten zu bewegen. Ich werfe einen Blick darauf, sehe leicht kitschige Panoramen von Rom, den Papst en face und im Profil, und will weiter. Aber der Junge fällt mir in den Arm, und unter dem italienischen Wortschwall höre ich immer wieder: Hebraco, und sehe, wie er mit bedeutungsvoller Gebärde auf sein Herz schlägt. Mir wird etwas ungemütlich, ich denke an die Papstbilder und will' weiter. Aber schon hat mir der Junge das Gebetbuch aus der Hand genommen, das Olenu-Gebet aufgeschlagen und beginnt mit singender Stimme mir sephardisch etwas vorzudawnen. Nun sind die Widerstände überwunden, ich habe zwar kein Portemonnaie bei mir, finde aber in einer Westentasche 'noch eine Lira und kaufe dem Hebraco Bambino seine Papstpostkarten ab, ich vernehme ein leschana towa tikatewu und schalom und komme schließlich doch noch bis zur Synagoge, die schwarz von Menschen ist. Ich drücke mich in eine Ecke und brauche lange Zeit, mich zu gewöhnen. Denn das Sephardische im Gottesdienst ist doch dem Ohr zu ungewohnt. Jetzt wird die Tora-Lade ausgehoben und um mich herum geraten die Menschen in Verzückung, sie schlagen mit beiden Händen an die Stirn, dann auf ihr Herz, führen sie zum Mund und werfen Kußhände hin zur Tora. Immer und immer wiederholt sich dieses Bild, solange der Schrein geöffnet ist. Südländische Frömmigkeit, denke ich mir, nun ja, hier sitzen die Gefühle lockerer, man versteht hier gar nicht unsere norddeutsche Schwerblütigkeit und unsere Sparsamkeit in Gebärden. Ich lasse den Blick über die Kehilla schweifen, um doch nochmal zu überprüfen, ob ich mich auch wirklich in einem jüdischen Gottesdienst befinde. Aber die italienischen Juden und die italienischen Katholiken kann kein Mensch mehr unterscheiden. Indessen sind wir bis zum Kaddisch gekommen, und nun sehe ich, wie die zahlreich anwesenden Soldaten — alle Waffengattungen und Chargen scheinen vertreten; oft auch hohe Offiziere — zum aron hakaudesch strömen und der Oberrabbiner seine Hände hebt, um die Krieger zu segnen. Mir wird etwas gedrückt zumute — der Krieg, und es durchzuckt mich: wieviele von denen, die hier stehen, werden im neuen Jahr zum Leben eingeschrieben werden? Das Dunkel ist angebrochen; ich trete ins Freie, gehe über eine Brücke, einen Berg hinauf und sehe hinunter auf die ewige Stadt. Gestern war ich am Titusbogen, dem Wahrzeichen für Edoms Sieg über Israel. Er steht noch da wie einst und vom Tempel in Zion steht nur noch das Stückchen Klagemauer. Dort hinten marschiert wieder ein Trupp Schwarzhemden, und mir fällt es schwer auf die Seele: Erew Rosch Haschana und was bringt das neue Jahr----Kurz vor meiner Abfahrt aus Berlin hatte ich in einem alten Buch aus dem Jahre 1720 über den jüdischen Messiasglauben all die midraschischen Berichte und rabbinischen Erzählungen über die Wehen der Messiaszeic gelesen, daß dann, wenn Gog und Magog miteinander um den Erdball ringen werden, vor den Toren Roms als Bettler in Lumpen der Messias sitzt. Hans Joachim S c h o e p s, Berlin. Spazialhaus für Wolle und Striekgarae Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborstraße Nr. V7 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 49-3-69 _

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