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Die Wahrheit · 1935-10-25 · Heft 43 (25.10.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 43 (25.10.1935)
Date
1935-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Serte 2 Nr. 43 — 25. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT Hitlers Antisemitismus. Von Georg Bernhard, Paris. Aus dem letzten Werke des eben 60 Jahre alt gewordenen Schriftstellers „Die deutsche Tragödie". (Orbis-Verlag,; Prag.) Die ganzen geistigen Unkosten der ersten Jahre der Hitler-Agitation wurden von dem antisemitischen Programm bestritten. Die Juden waren an allem schuld. Es gab nicht einmal gute und schlechte Juden, sondern das Judentum war ein Ganzes, das, über alle Welt verstreut, irgendwo einen geheimen Mittelpunkt hatte, der eine mystische Gewalt über Leben und Tod, über das Schicksal der einzelnen und der Völker ausübte. Es hetzte in Deutschland die Parteien aufeinander, die es alle selbst erfunden hatte — natürlich mit Ausnahme der nationalsozialistischen — eigens zu dem Zweck, die Einheit des Volkes zu zerstören. Aber das Judentum begnügte sich nicht mit dieser nationalen Rolle. So wie es im Inneren die Parteileidenschaften entfesselte, so steckte es auch hinter den nationalistischen Bewegungen der verschiedenen Länder, durch die es verhinderte, daß die sonst so friedlich gesinnten Völker zueinander kamen, denn der Jude könne seine Macht nur behaupten und seinen Reichtum nur so lange vermehren, als Bedrohung, Kampf, Krieg und Angst auf der Erde herrschen. Daß Juden in den Ländern, in denen sie lebten, leuchtende Taten des Patriotismus vollbrachten, daß Juden den Völkern, denen sich ihre Vorfahren vor SEVILLA PASTOR KOMMT Hunderten von Jahren zugesellt .hatten, unermeßliche politische Dienste geleistet hatten, das wurde nicht anerkannt und fiel nicht in die Wagschale. Daß in allen Ländern nicht bloß, wie sonst immer behauptet wurde, in erster Linie in den oppositionellen und revolutionären Parteien Juden tätig waren, daß vielmehr Juden auf Grund der patriarchalisch-konservativen Tradition, die ihnen durch die Offenbarung des Alten Testaments gegeben war, gerade die konservativen Parteien lieben, daß sogar in Deutschland nicht bloß der Jude Marx der Schöpfer' der sozialistischen Theorie war, sondern auch der Jude Friedrich. Julius Stahl, ein Schüler Hegels, die Grundlagen für die christliche Staatsauffassung des preußischen Gottesgnadentums gelegt hatte, das war keine Entlastung. Das war im Gegenteil ein Beweis für die Richtigkeit der Hitlersehen Anklage, daß diese Menschen, die ihr Sittenideal aus dem von einer teuflischen Priesterkaste ersonnenen Talmud sogen, dem Befehl ihrer Oberen getreu, sich überall einschlichen, wo es galt, das Glück der Völker zu zerstören und die Einigkeit unter den Klassen, den Rassen und den Völkern zu vernichten. Wenn irgendwer diese Gedankengänge vor Jahren a!»3 wichtigsten Inhalt einer politischen Lehre bezeichnet hätte, die in Deutschland ernst genommen wird, so würde man vermutlich außerhalb der Grenzen Deutschlands herzlich über einen solchen Spaßvogel gelacht haben. Heute hat die Welt aus amtlichen Kundgebungen der Hitler- Regierung, aus dem Munde des Führers und seiner Unterführer so oft diese erstaunlichen Unsinnigkeiten vernommen, daß man wenigstens die Richtigkeit der Darstellung nicht mehr bezweifeln kann. Aber was man außerhalb Deutsclilands noch immer nicht begreift, ist, daß dieses Sammelsurium von Unsinnigkeiten überhaupt auf Deutsche zu wirken vermochte und daß sich mehr als zwanzig Millionen von Deutschen um die Fahnen des Verkünders dieses Wahnsinns scharen konnten. Um das zu begreifen, muß man wissen, daß Deutschland eine alte antisemitische Tradition hat. Im kaiserlichen Rußland, das für die Außenwelt als Land Ilmren BttclMsrfeedaurf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung — Antiquariat HERMANN TL CH IM ER, In Wien Ii, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Uebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauit und gut bezahlt! antisemitischer Massenexzesse galt, war der Antisemitismus — so schauerlich auch die Formen waren, in denen er manchmal in Erscheinung trat — nichts weiter als ein Requisit der Staatsraison, das dann hervorgeholt wurde, wenn man es gerade brauchte, um die Massen von anderen Dingen abzulenken. Aber selbst im zaristischen Rußland hat es einen militanten Antisemitismus, dei als Ueberzeugung in die Tiefe der Gesellschaft oder selbst nur der regierenden Kreise eingedrungen wäre, kaum gegeben. Die Ausbildung diesei ganz besonderen Art von Antisemitismus ist Deutschland vorbehalten geblieben. Die antisemitische Bewegung der Achtziger- und der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts predigt bereits die Grundzüge der Hitlerschen Systematik, und der letztere Begriff ist ja das deutsche Zauberwort. Auch die Hitler-Bewegung arbeitete allmählich das auf keine Frage die Antwort schuldig bleibende System, das ihr Führer vortrug, immer mehr auf den wissenschaftlichen Leisten um. Die wissenschaftliche Folie des Judenhasses wurde das Rassenproblem. Vegetierte der Jude auf der untersten Sprosse der rassischen Stufenleiter, so thronte ganz oben, hell und hehr, vom Sonnenglanz höchster sittlicher Reinheit umflossen, die nordische Rasse, an die sich nun bis hinunter zu den Juden die verschiedensten Zweige des Menschengeschlechtes anschlössen. Das so viel verlästerte, gequälte und verfolgte deutsche Volk wurde eben als das Symbol des Guten von den anderen, minderwertigen Rassen gehaßt und verfolgt. Die Beweise für diese Theorie holten sich diese deutschen Rassengelehrten aus den unverstandenen und für ihre Zwecke entstellten Lehren der wirklichen Wissenschaftler und außerdem von all den vielen Dilettanten, die sich mit diesem schwierigen Problem der Menschheit Cai€ Pension EcKstein Semmering Pension bei Mindestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10.— tägl. Rasiere DHU gut und billig Oesferreichisciies Guaiitäls faDriha« Ueberau erhältlich herumgequält hatten. Die Urquelle all dieser Doktrinen ist jener Graf Joseph Arthur Gobineau, der in seinem ileimatlande Frankreich und bei den wissenschaftlichen Geistern der ganzen Welt ais ein dilettantischer Sonderling gilt, in Deutschland aber zusammen mit seinem Galvanisator Houston Stewart Chamberlain unter die Götter der Walhalla versetzt wurde. Leider konnte sich dieser, in ein System gebrachte Antisemitismus auf eine bereits während des Krieges zynisch vorbereitete Stimmung stützen. Als das deutsche Volk in seiner großen Mehrzahl noch glaubte, daß der Krieg mit einem großen Erfolg Deutschlands enden würde, sahen gewisse militärische, industrielle und politische Kreise bereits genau voraus, wie die Dinge ablaufen würden. Seit dem Jahre 1917 trafen diese Gruppen schon Vorbereitungen für ein Ablenkungsmanöver, um zu verhindern, daß man sie als Schuldige am Zusammenbruch verantwortlich machen würde. Man glaubte zwar damals noch nicht an eine Revolution. Aber man fürchtete doch, daß der zurückkehrende Kaiser schwierige Verhältnisse vorfinden und heftigen Angriffen ausgesetzt sein würde. Dann aber sollten zur Ablenkung, genau so, wie es bereits nach dem preußischen Zusammenbruch zu Napoleons Zeiten und noch einmal nach den Befreiungskriegen geschehen war, die Juden verantwortlich gemacht werden. Es ist gar kein Zweifel, daß Hitler schon in den Frühzeiten der Bewegung von denjenigen Kreisen, die alles Interesse hatten, ihr Treiben vor der Oeffentlichkeit zu verbergen und ihre Schuld auf andere abzuwälzen, ideell und materiell unterstützt worden ist. Vernichtungskrieg gegen die deutschen Juden, Während die Aufmerksamkeit der Welt auf Abesisinien gerichtet ist und die internationale Diplomatie in Genf bemüht ist, dem Blutvergießen in Afrika ein Ende zu machen, tobt sich mitten in Europa der Vernichtungskrieg des Hitler-Regimes gegen die halbe Million Juden, die seit zwei Jahrtausenden in Deutschland bodenständig ist, immer hemmungsloser und vollständig ungestört von den Gralshütern der Völkerbund-Ideale aus. Die Entschuldigung, daß es keine Handhabe zur Einmengung in innerstaatliche Angelegenheiten des Dritten Reiches gäbe, ist umso weniger überzeugend, als auch das im Saargebiet zur Verhütung der Judendiffamierung im ehemaligen Abstimmungsgebiet vom Völkerbund eingesetzte und noch immer rechtskräftig bestehende Oberste Gericht vollständig versagt. Laut einem Bericht des „Pariser Tagiblattes" verhält sich dieses Gericht nicht nur den Vermögensansprüchen der Saar-Emigranten gegenüber ganz passiv, es sieht auch untätig zu, wie die in Genf übernommenen feierlichen Verpflichtungen des Dritten Reiches, daß kein Bewohner des Saargebietes eine Schlechterstellung wegen seiner politischen Ueberzeugung, wegen seiner Rassenzugehörigkeit oder wegen seiner Religion erfahren darf, täglich verletzt werden. Alle Juden, die finanziell dazu in der Lage waren, sind ausgewandert. Kaum zehn Prozent sind zurückgeblieben. Die Synagogen in Saarlouis, Spiesen, Neunkirchen i?-w. stellen zum Verkauf, weil die Kultusgemeinden die Erhaltungskosten nicht mehr aufbringen können. AlleSchikanen sind erlaubt, jeder Gang zu den Behörden bringt neue Schwierigkeiten. Die Juden müssen ihren Geschäfts- und .Grundbesitz zu Spottpreisen verkaufen. Die Hetze gegen die Juden läßt sich im Druck nicht wiedergeben. Die früher liberalen Zeitungen, voran die „Saarbrücker Zeitung", machen heute, in .schlimmstem Antisemitismus, um ihre Eignung zur Eingliederung in das neudeutsche Geistes- und Kulturleben zu beweisen. Wenn nun der Völkerbund sogar auf dem räumlich sehr beschränkten deutschen Gebiet, wo er in aller Form zur Eindämmung des Nazi- Terrors befugt, ja verpflichtet ist, nicht die geringste Anstrengung macht, um Unmenschlichkeiten zu verhindern, erscheint es mehr als naiv, irgendwelche Hoffnungen auf Errettung der Juden im übrigen Deutschland auf die Genfer Institution mit dem schönen Namen zu setzen und Vorschläge auszutüfteln, wie den, daß die Juden, die durch die Nürnberger Gesetze "ihr deutsches Bürgerrecht verloren haben, zu „Völkerbund-Bürgern" ernannt werden sollen. Die Wortführer des Nazi-Terrors fürchten so wenig unbequeme' Einmengungen von außen, daß sie sich sogar schon erfrechen, ihrerseits zu Drohungen gegen ausländische Juden überzugehen. So schreibt der „Völkische Beobachter", daß in den „dreckigen jüdischen Vierteln" von East London Plakate mit der Aufforderung hängen, ein für den 4. Dezember geplantes Fußballgastspiel eines deutschen Teams zu verhindern. Das Hitler- Blatt warnt die Londoner Juden ... Die Nazi ihrerseits ignorieren alle Warnungen und Proteste der Kulturwelt gegen die im Dritten Reiche täglich krasser werdenden Exzesse des braunen Terrors und. setzen ihren Raubzug auf das jüdische Vermögen, das auf vier Prozent des gesamten deutschen Nationalvermögens geschätzt wird, fort. Die Liquidierung jüdischen Kapitals in Deutschland, das auf zwölf Milliarden Reichsmark Anlagewerte geschätzt wird, wovon jedoch nur ein geringer Bruchteil realisierbar sein dürfte, nimmt bereits große Ausmaße an. In den letzten Wochen wurden zahlreiche Fälle bekannt, in denen Aktienpakete bekannter industrieller Unternehmungen, beziehungsweise große Firmen ihre Besitzer gewechselt haben. Zahlreiche nichtarische Interessenten haben sich aus Geschäften zurückgezogen und werden das in noch erhöhtem Maße in den nächsten Monaten tun.

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