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Die Wahrheit · 1935-10-18 · Heft 42 (18.10.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 42 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 42 — 18. Oktober 19.35 Seite 3 Abessinien-Konflikt und Palästina. Die Unsicherheit, die sich jüngst in Palästina im Zusammenhang mit dem italienisch-abessinischen Konflikt ergeben hat und bei einer Reihe von Banken zu Depositenabhebungen führte, hat die Palnews-Redaktion zu einer eingehenden Untersuchung des Tel Aviver Wirtschaftslebens in den letzten Tagen veranlaßt. Die Lage in Tel Aviv kann zweifellos in den großen Zügen als typisch für das ganze Land angesehen werden, trotz der Tatsache, daß beispielsweise in Jerusalem sich die Unruhe in viel geringerem Maße als in Tel Aviv geltend machte. Diese Untersuchung ergibt, daß. die .in Erscheinung getretene Unsicherheit bereits zweifellos angefangen hat, einen ungünstigen Einfluß auf das Wirtschaftsleben auszuüben. Ueber den Umfang der Depositenabhebungen von den palästinensischen Banken in den Tagen der Unruhe sind genaue Ziffern nicht bekannt. Nach den Schätzungen informierter Persönlichkeiten belaufen sich die Abhebungen auf ungefähr VA Millionen Pfund Sterl. Ein kleiner Teil der Abhebungen ist zu den Banken wieder zurückgeflossen, der größere Teil ruht in Safes oder in den Wohnungen der Abheber. In jedem Falle ist dieses Geld dem Wirtschaftsleben entzogen. Alle Banken legten in der ganzen Zeit eine große Stärke und Festigkeit an den Tag, nicht in einem einzigen Falle wurde die Auszahlung nicht auf sofortiges Verlangen getätigt. Jedoch besteht die Gefahr, daß die Banken gezwungen werden, aus der Situation die Konsequenz zu ziehen, daß sie ihre Kredite und Investierungen einschränken. Wenn man in Betracht zieht, daß das Wirtschaftsleben jedes Landes weitgehend auf Kredit beruht und daß dies in Palästina besonders der Fall ist — wo die wirtschaftliche Entwicklung isich in starker Expansion befindet — wird ohne weiteres klar, in welcher Weise das Land durch Kreditbeschränkungen in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Die Bautätigkeit im Lande beruht zu einem sehr großen Teil auf Baukrediten in allen Formen — vom Hypothekarkredit angefangen bis zum Wechselkredit an Bauunternehmer und Hauseigentümer. Eine Kreditbeschränkung würde daher in erster Linie die Bautätigkeit beeinflussen, die in den letzten Jahren der führende Faktor der wirtschaftlichen Prosperität im Lande war. Wie uns mitgeteilt wurde, haben die Banken beschlossen, Wechselkredit in Zukunft nur noch bis zu 90 Tagen statt wie bisher bis zu 12 Monaten zu gewähren. Das wird nicht nur auf dem Baumarkt von Einfluß sein, sondern auch in verschiedenen anderen Wirtschaftszweigen, deren Existenz auf langfristigem Kredit beruht, wie z. B. für den Automobil-, Maschinen- und besonders Pumpenhandel für Bewässerungszwecke. Wenn die Krediteinschränkung nicht zu plötzlich erfolgt, so werden die Kaufleute in der Lage sein, sie durch andere Banken ersetzen zu lassen, die an die Stelle derjenigen treten, die die Kredite einschränken. In der gegenwärtigen Situation jedoch können durch die Krediteinschränkungen für Unternehmungen, die sich im Stadium der Entwicklung und des Wachstums befinden, große Schwierigkeiten entstehen. Wie wir hören, hat sich der Baumaterialien i m p o r t infolge Zurückhaltung auf dem Baumarkt abgeschwächt, teils tragen Kreditschwierigkeiten zu dieser Zurückhaltung bei, teils will man eine Klärung der Gesamtlage abwarten. Andererseits wird uns mitgeteilt, daß auch Baumaterialienimporteure mit der Abnahme von Lieferungen in einigen Fällen zurückhalten, da sie fürchten, daß die plötzlichen Kreditschwierigkeiten die Finanzierung erschweren. Hieraus kann sich eine Verknappung an Baumaterial ergeben, die zu Preissteigerungen auf de^m palästinensischen Markte führen muß. Auch international machen sich gewisse Preissteigerungen geltend, so wurden beispielweise die Kartellpreise für Eisen um zirka 1 Pfd. Sterl. pro Tonne erhöht. Auch die Frachtsätze sind gestiegen. Auch auf dem Gebiet der Lebensmittel machen sich Preiserhöhungen fühlbar, da die Detailhändler von den Grossisten größere Mengen als gewöhnlich kaufen. Die Grossisten haben daher die Preise erhöht und den Detailkaufleuten die Kredite beschränkt. IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIM f EPHRUSSI & CsJ H . Gegründet 1856 | Bankgesdifif aller Art §j Abteilungen für Wertpapiere und Devisen g □ Wien IX., Wasagasse Nr. 2 m Der Kampf ist zu Ende und der Sieger ist — Jankel Kiesmer (K'le semaur), der alte Musikant, der hauptsächlich von jüdischen Hochzeiten lebt und — auf den man am wenigsten gerechnet hat. Für fünfzig Rubel, für fünf Hochzeiten, für hundert Stunden Spielen hat Jankel Kiesmer die „Mezie" eingehandelt, das Ato horeisso gekauft. Daß er zahlen wird, liegt auf der Hand; denn Jankels Ersparnisse, der Nadan (Mitgift) für seine heiratsfähige Tochter, sind beim Gemeinde-Präses aufbewahrt; das heißt schon eher eine — Vorauszahlung. Und Jankel Kiesmer, ein Alltagsjude mit dem Ziegenbärtchen und den verträumten, tiefen Augen, die er stets beim ..Reiben'" des Bogens zuhält, legt feierlich den Bethaus-Tallis an und geht — etwas zitternd — nach dem Amud. Die festlich Gestimmten erheben sich von ihren Sitzen und bilden gönnerhaft Spalier. Man hat jetzt vor Jankel Kiesmer. großen — derech erez... (Respekt). Und Reb Jankel Kiesmer sagt das Ato horeisso. -letzt allerdings steht vor dem Amud, das heißt vor Gott, kein Alltagsjude, sondern ein glücklicher, siegreicher Mensch, der inbrünstig und sich schaukelnd die alte Melodie singt: „Ato horeisso ludaas, ki adoschem hu elokim, ein aud milwadau!" Edelsteine sind es, die sich jetzt aus seinem Munde schütten und die die fromme Gemeinde mit Ekstase aufliest. „Leause nifluaus gedaulau lewadau ki leaulom chasdau!" Jankel schöpft jetzt Mut und Kraft iür ein neues arbeitsames Jahr, in dem sein Leben einen Sinn haben wird. < * Bei anderen Völkern gibt es Jägerfeste, auf denen Schießkönige gewählt und gefeiert werden, und die Helden behalten den Königstitel bis zum nächsten Jägerfest. Die Juden im Beth-Hamfdrasch feiern Simchas- Thora, an dem ein Jankel Kiesmer ein Ato horeisso- Held werden kann . . . In anderen Branchen macht sich teilweise eine Abschwächung der Umsätze geltend. Der Absatz von Pfandbriefen und anderen Wertpapieren hat sich verringert. Teilweise macht sich ein gewisses Angebot palästinensischer Wertpapiere geltend, das zu einer Kursermäßigung geführt hat. Als Folge der in Palästina geschaffenen Situation, deren Echo natürlich das Ausland erreicht hat, verminderte sich in der letzten Woche der Zustrom ausländischen Kapitals nach Palästina in starkem Maße. Aus diesen Informationen ergibt sich schlüssig, daß das Wirtschaftsleben des Landes im Begriff ist, Schäden zu erleiden. Wenn die Nervosität sich nicht batd beruhigt, wird die Schädigung ernsthaftere Ausmaße annehmen, ohne daß dafür wirkliche Gründe vorliegen. Aus Nervosität und Urteilslosigkeit heraus schädigen die Einwohner des Landes sich selbst und das Land. Die Regierung und die Banken verfolgen die Lage natürlich sehr aufmerksam. Nach unseren Informationen bestehen in Bankkreisen zwei verschiedene Tendenzen hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahmen: Die eine dieser beiden ist bestrebt, alle Anstrengungen zu machen, um Kreditbeschränkungn zu vermeiden; die andere geht dahin, die Kredite zu beschränken, um das Publikum zu zwingen, seine Aengstlichkeit aufzugeben und wieder zu einer normalen Abwicklung des Bank- und Geschäftsverkehrs sich zurückzufinden. Es ist kein Zweifel, daß durch eine Kreditbeschränkung für das Wirtschaftsleben nachtei 1 ige Folgen entstehen können. In dieser Situation ist es die Aufgabe der Banken, ihre Kredite nicht nur nicht einzuschränken, sondern sie sogar auszudehnen. Es leuchtet allerdings ein, daß die Banken das nicht selbständig ohne Unterstützung der Regierung tun können. Es ist uns wohl bekannt, daß die Regierung in den Tagen der Unruhe nicht passiv blieb und auf der Wacht stand und auch weiter steht. Angesichts einer derartigen Psychose darf die Aktivität der Regierung jedoch nicht auf den Bereich ihrer Amtsräume beschränkt sein und sie muß sich bemühen, in ständiger und wachsamer Fühlung mit GUTER KAFFEE UND KAFFEE SIND EIN BEGRIFFS der nervösen Oeffentlichkeit zu stellen. Die Regierung sollte das Publikum durch ein autoritatives Kommunique beruhigen. (Dieses Kommunique — siehe unten — ist inzwischen erfolgt. D. Red.) Sie soll auch den Banken ausreichende Kredite zur Verfügung stellen, die sich in diesen Tagen als sehr widerstandsfähig und gesund erwiesen haben. Dadurch werden die Banken in die Lage versetzt, ihre Kredite an die Wirtschaft nicht zu beschränken. Mehr als je ist die Normalisierung des gesamten Wirtschaftslebens in dieser Situation von der absoluten Normalisierung des Geschäftsverkehrs der Banken abhängig. (Palnews.) * Der stellvertretende High Commissioner von Palästina, Chefsekretär John Hathorn Hall, hat die Oberhäupter der religiösen und nationalen Gemeinschaften in Palästina, die Leiter der Jewish Agency und der arabischen Exekutive, hervorragende Vertreter des Bank- und Wirtschaftswesens, sowie andere führende arabische und jüdische Persönlichkeiten zu sich berufen und ihnen eine aus London eingetroiiene Botschaft des High Commissioner Sir Arthur W a u c h o p e zur gegenwärtigen Lage übermittelt. In dieser Botschaft erklärt der High Commissioner, die Furcht vor dem Ausbruch eines Weltkrieges sei unbegründet Die Lage i m Mittelmeergebiet sei gesichert und der italienisch-abessinische Krieg auf seinen Schauplatz lokalisiert. Die Bevölkerung Palästinas könne sich kein genaues Urteil darüber bilden, in welchem Ausmaß Palästina — wenn überhaupt — von dem italienisch-abessinische n Konflikt in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Zum Schluß gibt der High Commissioner seiner Zuversicht Ausdruck, daß die versammelten führenden Persönlichkeiten ihre Einsicht und Sachkenntnis zur Beruhigung der Oetfentlichkeit einsetzen werden. In einem in der arabischen Tageszeitung „F a 1 e s t i n" erschienenen Artikel wird der Versuch unternommen, den i t a I i enisch-abessinischen Krieg für die iantizionistische Propaganda auszuwerten. Der Verfasser meint, daß die entschlossene Haltung der Mächte in Genf zugunsten Abessiniens den Arabern ein Beweis dafür sein sollte, daß sie sich im Kampfe gegen den Zionismus des Völkerbundes bedienen können. Die palästinensischen Araber werden aufgefordert, eine Aktion, und zwar insbesondere in der Türkei, in Persien und im Irak, zur Unterstützung des Kampfes gegen jüdische Einwanderung nach Palästina zu unternehmen. Diese Mächte würden sich bestimmt im Namen der vierhundert Millionen Mohammedaner der Welt iür die Araber Palästinas einsetzen. Konfessioneller Friede in Ungarn. Der Zemplener Obergespan Dr. Stefan F a y erklärte bei seinem Amtsantritt auf eine Begrüßungsansprache, die Rechtsanwalt Dr. Josef Roth namens der drei jüdischen Religionsgemeinden von Satoraljaujhely an ihn hielt, er werde unter allen Umständen den konfessionellen Frieden wahren. „Das Interesse des Vaterlandes," sagte der Obergespan, „gebietet allen Konfessionen, in friedlicher Eintracht nebeneinander zu leben. Sollte die jüdische Konfession von irgendwoher, von rechts oder von links, angefeindet werden, werde ich entsprechend den Intentionen unserer Regierung jede extreme Bewegung zu verhindern wissen. Ich kenne die patriotische Gesinnungder J u- •d e n, ich habe mich von ihrer Tapferkeit auf den Schlachtfeldern persönlich überzeugt und sie als brave Kameraden kennen gelernt, die im Verein mit den Soldaten anderer Konfessionen ihr BI u t für das Vaterland hergegeben haben. Sagen Sie, bitte, Ihren Glaubensgenossen, daß ich Ihrer Konfession ein guter Freund sein werde, und überbringen Sie meinen Gruß allen Mitgliedern Ihrer Gemeinden."

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