Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1935-10-18 · Heft 42 (18.10.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 42 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3064555-3064596--20408-3085650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 42 — 18. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT DIE Greta Garbo wie noch nie „Der bunte Schleier" Herbert Marshall, Warner Oland Opern-1., stafa- VI»., Votivparkkino IX. klärte zwar, daß diese Maßnahmen nur erfolgen seilen, um künftig Einzelaktionen gegen Juden vorzubeugen. Für die jüdischen Staatsbürger ergibt sich daraus aber als nächste Folge, daß sie n e u e n gesetzlichen Beschränkungen in der Berufsausübung unterworfen werden sollen. Man vermutet, daß die Stellung eines Betriebsführers künftig an die Voraussetzung geknüpft sein wird, daß der Betreffende die bürgerlichen Ehrenrechte eines Reichsbürgers besitzt, von denen alle Nichtarier ausgeschloissen bleiben. Die Kundgebung des Dr. Frick fand höchst in bezeichnender Weise in Saarbrücken statt, obwohl für das Saarland die zwischen dem Völkerbund und der deutschen Reichsregierung vereinbarte Bestimmung gilt, die die saarländischen .luden bis zum Februar 1936 vor Entrechtung schützen soll. In Wahrheit dient, wie man sieht, auch diese Bestimmung bloß zur Tarnung des nationalsozialistischen Beutefeldzugs gegen die Juden. Ihren Biicftrerfoeclarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HEBPIAMM TUCH WER, Hl Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns iür nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Uebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Amerika gegen das Dritte Reich. Von Francois de T e s s a n. Minister a. D., Mitglied der französischen Deputiertenkammer, Vizepräsident der Kammerkommission Auswärtiges. Die Empörung gegen die antisemitischen und antikatholischen Maßnahmen des Dritten Reiches wird von der gesamten Bevölkerung New Yorks und der Vereinigten Staaten geteilt. Der freiheitliche und kosmopolitisch» Sinn dieser Stadt ist hoch entwickelt: New York stand immer in der ersten Reihe, wenn der Kampf um die Erringung geistiger und religiöser Freiheiten ging. Die Juden- und Intellektuellenverfolgungen zu Beginn der Aera des Dritten Reiches hatten daher in New York eine gewaltige Protestbewegung ausgelöst, die von da auf die Gesamtheit der Vereinigten Staaten übergriff. Zur Brandmarkung der Methoden der Nazis wurden zahllose Riesenmeetings abgehalten. Als sich das Dritte Reich in jüngster Zeit auch noch an den letzten Resten der geheiligten Rechte von Rasse und Religion vergriff, wuchs die Empörung der Bevölkerung Amerikas gegen die Nazis nur noch mehr. Man hat auch die insolente Propaganda des Dr. Goebbels und seiner Agenten in Nordamerika nicht vergessen, die in höchstem Maße die geistigen Nachkommen eines Washington und Jefferson vor den Kopf stoßen mußte. Die Nazis haben versucht, in Nordamerika ihre politischen und paramilitärischen Truppen aufzustellen, die Hitlerdoktrin mit ihrer Hilfe in Amerika zu verbreiten und auf die Behörden einen materiellen und moralischen Druck auszuüben. Die Tätigkeit der Nazipropagandisten wurde derart unverschämt, daß der Senator D i c k s t e i n eine Enquete über die „Umtriebe der von Hitler nach den Vereinigten Staaten zur Schürung des Religions- und Rassenhasses entsandten Agenten" anregte. In Washington wirkte die immer mehr zunehmende Zahl subventionierter Hitlerblätter und Hitlervereinigungen beunruhigend. Der deutsche Botschafter in Washington, Dr. Luther, wurde aufgefordert, sich über die Verbindung der deutschen Konsulate in Amerika mit den staatsfeindlichen Propagandastellen zu äußern. Die Schüler Hitlers hielten sich bei ihrer politischen Tätigkeit lediglich an die* Lehre, die ihnen „Mein Kampf" zuteil werden läßt. „Auf dem amerikanischen Kontinent ist der germanische Mensch, der sich frei von jeder fremden Beimischung erhalten hat, berufen, als Herr zu regieren." Der deutsche Nationalsozialismus sollte sich also auch Amerikas bemächtigen und es nach seinem Bilde formen! Wie sollten solche Prätentionen nicht heftigsten Widerspruch bei einem Volke erregen, das Call Pension Echstcin Semmering Pension bei Mindestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10. tägl. seit jeher an die Institutionen des „seif controll" gewöhnt ist und Vertrauen in,seine freie Bestimmung besitzt? Professor M o 1 e y, der intimste Freund Roosevelts, erklärte, daß man das „Gift des Hitlerismus verhindern müsse, die amerikanische Seele anzugreifen", und damit drückte er, wie man annehmen kann, nur die Meinung des amerikanischen Bundespräsidenten selber aus. Moley stellte fest, daß die erdrückende Majorität den Nationalsozialismus als „ebenso verletzende wie ungeschickte Insulte für die Intelligenz des amerikanischen Volkes" ablehne. Und er setzte hinzu: „Die Existenz des Hitlerismus selbst ist die Negierung der primärsten Prinzipien des amerikanischen Volkes. Die dunklen Methoden, deren er sich zur Begründung seines Einflusses in der Welt bedient, seine Methode, die Vorurteile religiöser und rassischer Art auszunutzen, seine Verherrlichung der Gewalt verletzen unsere Instinkte aufs tiefste." Und er fügte noch hinzu: „Die Ideen, auf denen die Diktatur des Dritten Reiches beruht, sind der modernen Welt ebenso fremd wie die hörnerverzierten Wikingerhelme. D:ese Ideen sind von der allerprimitivsten Sinnlosigkeit. Der Staat darf nur aus reinrassigen Deutschen bestehen. Alle anderen sind Fremde, also Feinde. Im Innern dieses Staates werden alle individuellen Ueberzeugungen niedergeknüppelt. Der Staat standardisiert alle intellektuelle und kulturelle Tätigkeit. Er unterdrückt die öffentliche Meinungsäußerung. Er bedient sich der Universitäten zur Verbreitung der sinnlosen Theoreme, die er sich zum Spott der ganzen Welt zu eigen gemacht hat. Er erzählt der Jugend, daß der Einzelmensoh nichts gilt. Der Bürger ist ein Sandkorn, dessen Daseinszweck darin besteht, zum Aufbau des Großen Deutschland beizutragen." Dies ist die knappste und energischeste' Kritik des Nationalsozialismus in seinem Kontrast zur Tradition und politischen Philosophie der Völker Amerikas. Der Hitlerismus ist das absolute Gegenteil der menschlichen und sozialen Bestrebungen, die die großen Führer der Vereinigten Staaten im Verlaufe der Geschichte unermüdlich verkündigten. Ihr Ideal ist heut© lebendiger denn je. Es macht die Reaktion der breiten Masse der amerikanischen Bürger auf die tyrannische Willkür und die Primitivität der nationalsozialistischen Bestrebungen erst recht verständlich. Am Jörn kippur .. . Die große Czerno witzer Cuzisten- Tagung, die ursprünglich für R o s c h H aschanah einberufen, dann aber auf Jörn Kippur verlegt worden war, und bei der Professor George Cuza, der Sohn des Präsidenten' der Antisemitenliga Prof. A. C. Cuza, einen Bericht über seine Deutschlandreise erstatten sollte, ist im Hinblick auf die starke Erregungder jüdischen Bevölkerung über die geplante Veranstaltung im letzten Augenblick verboten worden. Feuilleton Ato*horeisso- Versteigerung. Von Moses Katz, Amsterdam. Erleichtert, ausgeruht und mit einer Neschome Jesseroh gehen die Juden des' kleinen polnischen Städtchens ins Beth-Hamidrasch. Es ist Simchas-Thora, der Ausgangstag einer Kette von Fest-, Fast- und Bußtagen. Sie fühlen und sind davon überzeugt, daß sie es wert sind, sich mit der Thora zu freuen. Wie in allen vergangenen Jahren und schweren Zeiten sind sie auch jetzt der Braut Gottes treu geblieben. Ihr zu Ehren ist der Tag bestimmt und — der Thora Ehre ist auch die Israels. Das Bethaus ist hell beleuchtet Durch einen bläulichen Nebel vom Zigarren- und Zigarettenrauch, der wie ein feines Gewebe nach den geöffneten Fensterläden sich hinzieht, huschen und flattern Fahnen und Fähnchen mit „Simchas-Thora'-Aufschriften, Davidsternen, Löwen und anderen Symbolen durch den Raum. An den Stangenspitzen sind knallrote Aepfel und graue Kartoffel befestigt, in denen brennende Kerzen steckea Durch unvorsichtige Berührungen der Fahnen mit den Kerzenflammen gerät hier und da eine Fahne in Brand, worauf ein Gejohle der Kinder entsteht. Auflachend unterbrechen die in heiße Dispute Vertieften die angeregte Unterhaltung und schauen mit strahlenden Augen nach den lodernden Fahnen, um sich bald desto intensiver im Gespräch zu ereifern. Die Wortführer sind meist Chassidim, die die Jomim nerauim auf Rabbis Hof verbrachten und jetzt die Wunder des Rabbis und die Erlebnisse mit anderen Chassidim schildern. Ein heiliges Geräusch herrscht hier. Die meisten unterhalten sich über Gottes Triumphe, über den schönen, siegreichen Verlauf der vergangenen Feste. Man wiederholt die schönsten und süßesten Gesangstücke, die immer noch ergreifen. Manche sind bereits vom genossenen Wein und „Wischriik" (Kirschsaft) angeheitert und singen das neueste „W'isoij kol leawdechu", das besonders gut gefällt. Ein wunderbares Durcheinander ist es, wirklich wie in einer Judenschul geht es hier zu. Dies dem Fremden eigenartig klingende Geräusch ist die schönste Musik der jüdischen Kindheit, die herrlichste Symphonie der jüdischen Jugend... Was weiß ein Fremder von den inneren Erlebnissen eines Chassids, der, von einer höheren Eingebung gepackt, plötzlich und mit Ekstase „Ochilo lokel achale ponow" zu singen beginnt, als stünde er vor dem Amud. „Ich sage Eiuch, ein Kanarek (Kanarienvogel) war er und kein Chasen. — Escha-a-io mimenu maa-a-ne loschaun' — Genau, wie Ihr es hört' — Ascher bikal am oschiro isau' — betete er so trillernd und so herzlich ,Ai, ai, ai' Ich verging bald vor Mesukas (Süsse). Dafür bekam er (der Chasen) vom Rabbi einen Ijascher koach." Dies eigentümliche Durcheinander wird plötzlich durch Schamos-Schläge unterbrochen und die Stimme des Chasen ertönt so heiter und melodisch: „Borchu es adoschem hamworooch" und alle stimmen ein: „Ai. ai, ai, ai, ai." In der Freude auf die bevorstehende Hakufaus wird das Abendgebet schnell hergesagt und, nachdem alle festlich Gekleideten ihre Plätze wieder eingenommen haben, so daß der Raum um das Empore leer ist, erklingt des alten Schamos singende Stimme: „Ein Rubel für Ato horeisso, Ein Rubel für Ato horeisso zum ersten Mal." „Zwei." „Fünf." „Acht" „Zehn." „Zehn Rubel für Ato horeisso. „Zehn Rubel für Ato horeisso zum ersten Mal" singt der Schamos, durch den Raum spazierend. „Zwölf" winkt ihm Reb Izsche Meier zu. „Fünfzehn" unterbricht ihn bald Reb Binim. der Schnittwarenhändler. Gespannte Situation. Eine kurze Pause tritt ein. Keiner wagt es noch vorläufig, den Betrag zu erhöhen. „Zwanzig" ruft bebend Zwi Bromberg, aber Jechiel Perlmutter hebt die Hand mit den fünf auseinandergespreizten Fingern. Eine Bewegung geht durch die Gemeinde. „Fünfundzwanzig Rubel iür Ato horeisso zum ersten Mal", singt jetzt der Schamos lauter und fester. „Dreißig" donnerte dazwischen Reb Schloime Henneies, der reiche Obsthändler, der das Ato horeisso für seinen „zu Gast" weilenden Kost-Eidam erhaschen will. Aber Reb Jechiel Rafalowitsch, der Waldhändler und Hoflieferant, der nur an den Feiertagen zu Hause weilt, ist auch ein Baln (Interessent) auis Ato horeisso und luft lachend: „Schnei peamim chij!" Mit bebender Stimme singt jetzt der Schamos: „Sechs-und-dreis-sig Rubel für Ato horeisso zum ersten Mal, zum zweiten Mal und zuuuuuuum" „Vierzig" ruft eine unbekannte Stimme aus dem Hintergrund. Ein Raunen und Flüstern geht durch die Gemeinde. Manche stehen auf, um nach dem Hintergrund zu schauen. Der Schamos schreitet jetzt etwas unsicher nach hinten, um sich über die Echtheit des „Preistreibers" und „Wucherers" zu überzeugen, und spaziert wieder singend nach der Ostwand zu: „Vierzig Rubel für Ato horeisso zum ersten, zum zweiten und zuuuuuuuuum" „Fünfundvierzig" ruft Reb Schloime Henneies und — der Schamos atmet auf... „Fünfund..." „Sechsundvierzig" unterbricht ihn Reb Jechiel — aber bevor der Schamos auch diese Zahl verkündet, ertönt wieder die unbekannte, aber jetzt zitternde Stimme aus dem Hintergrund: „Fünfzig!" Eine erschreckende Stille tritt ein. Die Hintergrundstimme hat jedem Angst eingejagt; sie klang wie ein Protest und eine Warnung, bei der alle verstummt sind. Matt und fast heiser singt jetzt der Schamos: „Fünfzig Rubel für Ato horeisso zum ersten, zum zweiten und zuuuuuuum — dritten Mal!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.