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Die Wahrheit · 1935-10-18 · Heft 42 (18.10.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 42 (18.10.1935)
Date
1935-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen IDoch In Deutschland verboten ens chri i)ie Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 18. Oktober 1935 Nummer 42 OPTIKER M. SCHACHTER II., tiloffiengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen _ _ Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! _______ Hitlers „erträgliches Verhältnis si Die Anbahnung des von Hitler angeblich gewünschten „erträglichen" Verhältnisses zu den Juden beschränkt sich, wie die Geschehnisse der letzten Tage beweisen, auf die — T a r n u n g d e s unerträglichen Schicksals, das man in Wahrheit den deutschen Juden bereitet. Von dem ganzen Rüstzeug des germanischen Heldentums, das von Sage und Dichtung überliefert worden ist, findet charakteristischerweise ausgerechnet die T a r n k a p p e die heißeste Liebe des neudeutschen Heroentums, das sich ums Hakenkreuzbanner schart. Wie sehr das Tarnen für die Nazi schon Selbstzweck geworden ist, beweist die ungeheuerliche Verhaftung des Berliner Oberrabbiners Dr. Leo Baeck am Jaum kippur und die Festhaltung des geschäftsführenden Präsidenten der Reichsvertretung der deutschen Juden Dr. Otto Hirsch wegen einer von ihnen im Namen der Reichsvertretung unterzeichneten Gebet-Proklamation, deren Verlesung in allen deutschen Synagogen am Jaum kippur geplant war, jedoch von der Polizei verhindert wurde. In dieser rein religiösen Proklamation heißt es: „Mit der gleichen Kraft, mit der wir unsere Sünden selbst bekennen, weisen wir die Lügen und Verleumdungen, die über uns, unsere Religion und ihre ewigen Wahrheiten verbreitet werden, zurück. Unsere Religion hat der Welt den Glauben an den ewigen und einen Oott gegeben, unser Glaube legte die Wurzeln zu der Reinheit im persönlichen Leben und im Familienleben. Unser Glaube hat der Welt den Gedanken der Achtung vor dem Menschen als dem Ebenbilde Gottes, den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit gegeben. Im Judentum haben diese Samen Wurzel geschlagen. An diesen Tatsachen prallt jeder uns angetane Schimpf ab. Unsere Geschichte ist eine Geschichte geistiger Größe und geistiger Würde. Daran denken wir, sooft wir angegriffen und gedemütigt werden, wann immer Not und Leid uns treffen. Wir stehen heute vor unserem Gott, vor ihm beugen wir uns, aber vor den Menschen bleiben wir aufrecht. Und wir glauben an die Zukunft." Daß die Juden im Dritten Reiche Lügen und Verleumdungen ausgesetzt sind, dürfen sie also nicht einmal unter sich bereden. Deshalb mußte das geistliche Oberhaupt der deutschen Judenschaft den Jaum kippur im Columbia-Haus, dem berüchtigsten Berliner Gefängnis, verbringen. Noch ernster ist das Schicksal des Dr. Hirsch, der bis ^ntmnniiiramii™ VERWALTUNGEN «X^ SÄTZE - HYPOTHEKEN ^> KAUFE - VERKÄUFE V JL__... 4* SZILAGYI BEH. HUT. SEISAl IX, ROTENLÖWENQ. 3 TEL. A 10-5-69 'vnnutimiffifflMnBHf^^ heute aus dem gleichen Gefängnis noch nicht freigelassen ist. Alle Versuche seiner Kollegen aus der Reichsvertretung und seiner Angehörigen, mit ihm in Kontakt zu kommen, sind bisher erfolglos geblieben, die Polizei verweigert auch jede Auskunft über sein persönliches Befinden und über die Art der gegen ihn geführten Untersuchung. Die Kreise der auswärtigen Diplomaten in Berlin interessieren sich sehr für das Schicksal des Verhafteten, doch betrachten sie die Entwicklung dieser Angelegenheit mit Pessimismus; sie glauben, triftige Gründe für die Annahme zu haben, daß die Partei ihn sozusagen als Geisel halten will, um die Reichsvertretung der Juden in Deutschland zu zwingen, die zitierte Gebet-Proklamation, in der eine Kritik an den Nürnberger Judengesetzen erblickt wird, in aller Form zu widerrufen, ferner zu erklären, daß die Nürnberger Gesetze von den Juden gutgeheißen werden, schließlich auf die iüdischen Gemeinschaften im Auslande Einfluß zu nehmen, dahingehend, daß der gegen die deutschen Waren und Dienste geübte Boykott abgebrochen wird. Unter diesen Umständen sei — so glauben die auswärtigen Diplomaten — mit einer Freilassung von Dr. Hirsch in absehbarer Zeit kaum zu rechnen; denn es sei nicht anzunehmen, daß die Führer der deutschen Juden sich zu einer Erklärung in dem von der NSDAP gewünschten Sinne werden bereitfinden lassen. Daß die Vermutung der Diplomaten über den Zweck der Verhaftung des Dr. Hirsch keineswegs übertrieben ist, sondern auf richtiger Einschätzung der Nazi-Mentalität beruht, beweist folgende Auslassung des Berliner ..Judenkehners": „Wenn eine judenhörige fremde Armee Deutschlands Boden betreten wird, dann werden ihre Tritte über die L e ichengetöteterHebräer gehen." Dieser angebliche Judenkenner ist bestimmt ein guter Nazikenner, denn er enthüllt die Hoffnung der deutschen Staatslenker, sich durch die Behandlung der Juden ais Geisel sogar vor dem Verlust eines Krieges schützen zu können . . . Diese jüdischen Geiseln sollen verhungern. Daß eine solche infernalische Absicht besteht, beweisen die höchst merkwürdigen Vorgänge im Zusammenhang mit der reichsdeutschen Winterhilfsaktion. Auf Grund offizieller Informationen erließen die jüdischen Organisationen am Versöhnungstag einen gemeinsamen Aufruf, in dem es hieß: „Die Juden sind in diesem Jahre am Winterhilfswerk des Deutschen Volkes nicht beteiligt. Sie werden durch das Winterhilfswerk des deutschen Volkes nicht betreut und solien auch zu Spenden nicht herangezogen werden. Der Reichsbeauftragte für das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes hat die Betreuung der hilfsbedürftigen Juden der Zentralwohlfahrtsstelle in Gemeinschaft mit den ihr angeschlossenen Stellen nach den von ihm genehmigten Richtlinien als Jüdische Winterhilfe überlassen." Rasiere Didi gut und billig Oesferreichlschcs QuaMäls f abrihat Ueberau erhältlich Diese Verlautbarung hat den deutschen Amtsstellen nicht in den Kram gepaßt, zu offenkundig wurde da Hitlers vorjähriger Ausspruch, daß kein im Dritten Reiche Lebender im Winter zu hungern brauche, Lügen gestraft. Man dementierte also durch das Deutsche Nachrichten-Bureau kurzerhand die jüdische Bekanntmachung. Darauf eilten deren Verfasser, von neuen Hoffnungen erfüllt, zu den Behörden, um sich über den Umfang der geänderten Instruktionen zu informieren. Man sagte ihnen aber ganz unverblümt, daß von einer Beteilung notleidender Juden durch die offizielle Winterhilfe nach wie vor keine Rede sein könne und daß die Juden fortfahren mögen, ihr eigenes Winterhilfswerk zu organisieren. In einem Gehet mschreiben befahl Goebbels der deutschen Presse, das Jüdische Winter Hilfswerk nicht zu erwähnen, damit es nicht in eine Parallele zur offiziellen Winterhilfe gebracht werde. Es steht also fest, daß das Dementi des Deutschen Nachrichten-Bureaus, das eine in Deutschlund unbestrittene offizielle Tatsache dem Ausland gegenüber zu bestreiten versuchte, lediglich auf Wirkung außerhalb der deutschen Grenzen berechnet war. Offenbar war dieses Dementi, ebenso wie das kürzlich von der Spitze der deutschen Regierung ausgegangene Verbot von .,E i n z e 1 a k t i o n e n" gegen Juden, das ebenfalls bisher ohne jede praktische Wirkung geblieben ist, dazu bestimmt, die ausländischen, namentlich die englischen Kreise, die für eine Mitwirkung an einer deutschen Anleihe in Betracht kommen, zu beruhigen. Was werden diese Kreise zu der jüngst durch Reichsminister Dr. Fr ick erfolgten Ankündigung sagen, daß durch die A u sführungsbestimmungen zu den Nürnberger Judenge setzen eine Einschränkung der wirtschaftlichen Betätigung der deutschen Juden eintreten werde. Wie dem „Prager Tagblatt" aus Berlin hierzu gemeldet wird, .wird das Reichskabinett am 18. Oktober über die Ausführungsbestimmungen endgültig beschließen. Nähere Einzelheiten sind zunächst noch unbekannt, da die Auseinandersetzung darüber zwischen den Parteikreisen und den Ministerien, die auch an der Ausarbeitung der Gesetze beteiligt sind, bis in die letzte Zeit fortgeführt wurde. Die Andeutung Fricks über eine bevorstehende neue Einschränkung der wirtschaftlichen Betätigung der Juden läßt aber darauf schliefen, daß sich der Einfluß der Partei gegen die ministerielle Bürokratie durchgesetzt hat. Minister Frick er-

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