Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 41 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 41 — 11. Oktober 1935 PJEWAHRHEIT WIEN II.. Pralerstraße - rdepiira b 4T-4-« Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. sion auf. Wiederholt ist der Vorsitzende genötigt, Suggestivfragen der Verteidiger zurückzuweisen. Als letzte wurde die Dzewiezka vernommen, jenes Unteirweltmädchen. das die Menge durch hetzerische Zurufe zu den Ausschreitungen angefeuert hat. Während sie in der Voruntersuchung: ihre Mitangeklagten schwer belastete, hält sie ihre Beschuldigungen jetzt nur noch gegen drei Angeklagte aufrecht und erklärt auf Befragen, sie sei von „jemandem" veranlaßt worden, auch die übrigen zu „verschütten". Es begann hierauf das Zeugenverhör, in dem grauenhafte Einzelheiten der Vorfälle geschildert wurden. Die Wiedergabe der Zeugenaussagen in der polnischen Presse wurde durch die Zensur zum großen Teil unterdrückt, so daß die Zeitungen mit spaltenlangen weißen Flecken erschienen. Einer der von den Angeklagten geführten Entlastungszeugen wurde in Sträflingskleidern vorgeführt und erklärte auf die Frage des Vorsitzenden, er sei wegen Raubmordes angeklagt Zwei weitere Entlastungszeugen wurden auf Verlangen des Staatsanwalts i m GerichtssaaJ verhaftet. Starken Eindruck machte die Aussage des Polizeibeamten Mazur. der eingehend schilderte, wie er in dem Tumult einige der Beschuldigten verhaftete, die sich dessen rühmten, daß sie ..einen Juden umgelegt" hätten. Bei Beginn seines Plädoyers übergab der Staatsanwalt Koszuchowski dem Gericht ein Aktenbiindel, aus dem hervorgeht, daß die vom katholischen Geistlichen Kriiger verbreitete Legende, ein Powonseker GSjähriger Judo hätte sich an einem christlichen kleinen Mädchen vergangen, vollkommen aus der Luft gegriffen sei; die Eltern des Mädchens haben die Legende erfunden, um bei dem Juden Geld zu erpressen. Die gegen den Juden eingeleitete Untersuchung wurde eingestellt, nachdem sich die Beschuldigung gegen ihn als vollkommen grundlos erwiesen hat. Tiefen Eindruck machte das Plädoyer des Vertreters der Witwe Delmans, Adv. Nathan Surowicz, der ein Bild der während! der Pogromausschreitungen anßerichteten Verwüstungen in jüdischen Geschäften und Wohnungen entwarf und die Leiden der zahlreichen verletzten Juden schilderte. Die vorbestraften Verbrecher, sagte Surowicz, die auf der Anklagebank sitzen, waren nur ein blindes Werkzeug in der Hand gewisser politischer Drahtzieher, die die Judenhetze für ihre Zwecke ausnutzen wollen. Diese Drahtzieher nützten dien 8. Juni, der für die Christen ein Tag von hoher religiöser Bedeutung war, um die Menge gegen die Juden aufzuhetzen, wodurch sie diesen Tag schändeten. Adv. Surowicz konnte sein Plädoyer nicht zu Ende führen, weil der Vorsitzende die Erörterung der Rolle der National-Radikalen, wie überhaupt Anspielungen auf die politischen Hintergründe, nicht zuließ. Adv. Surowicz appellierte an den Gerichtshof, der aber den Entscheid des Vorsitzenden, der ihm endgültig das Wort entzog, .bestätigte. Das Urteil. Das Warschauer Distriktsgericht hat am Diensttag, den 8. Oktober, abends, das Urteil gesprochen. Vier Angeklagte wurden zu je dreiein Ii alb, sechs Angeklagte zu je zwei Jahren Kerkers verurteilt, elf Angeklagte wurden freigesprochen. Die Familienangehörigen der, meist der verbrecherischen Unterwelt angehörenden Verurteilten, die sich vor dein Gerichtsgebäude versammelt hatten, versuchten nach der Verkündigung des Urteils jüdische Straßenpassanten anzugreifen, wurden jedoch von der Polizei daran gehindert. fort, den Weg der Ordnung und des Fortschrittes, gestützt auf die demokratische Verfassung und eine volkstümliche Monarchie. Der Träger der rumänischen Krone, König Carol II., ist der höchste Bürge für die demokratischen Bestrebungen des rumänischen Volkes." Der ehemalige Finanzminister iMadgearu erklärte: „Der Nationalismus der nationalen Bauernpartei fügt sich ein in den Rahmen ihrer demokratischen Auffassungen. Demzufolge ist die Nationale Bauernpartei der Ansicht, daß die Förderung des rumänischen Bevölkerungselements ausschließlich auf dem Weg des Wetbewerbes vollzogen werden muß, in einem Konkurrenzkampf, der ein „fair p 1 a y" für alle das Land mitbewohnenden Nationalitäten sichert. Die Nationale Bauernpartei schließt daher alle Gewaltmethoden aus und glaubt, daß ein nationaler Exclusivismus unvereinbar ist mit den höheren Interessen des Staates, in dem die Minderheiten einen bedeutungsvollen Platz einnehmen. Deshalb ist die Nationale Bauernpartei gegen alle nationalistischen und insbesondere antisemitischen Parteien aktiven oder passiven Charakters, die sie für unfruchtbar und gegen die wahren Interessen des rumänischen Staates gerichtet hält." Z. T. A. Judentum auf dem Balkan. 7u£o§foniicn. Anläßlich seines kürzlichen Aufenthaltes in Prag hat das Direktionsmitglied des Bundes jüdischer Gemeinden Jugoslawiens, Präsident der sephardischen Gemeinde in Belgrad und Großpräsident des jugoslawischen Distriktes des Bne Brith-Ordens Dr. Dukits P i j a d e dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur auf dessen Ersuchen ein Interview über die Situation der Juden in Jugoslawjen gewährt. Er führte zu diesem Thema aus: Die ersten Spuren eines jüdischen Aufenthaltes auf dem Gebiete des heutigen Jugoslawiens führen uns bis in die ersten Jahrhunderte nach Christi zurück. Darüber bestehen historische Denkmäler, von denen als letztes eine in Südserbien ausgegrabene Synagoge zu erwähnen wäre. Verschiedenen Verfolgungen ausgesetzt, konnte sich die jüdische Gemeinschaft auf diesem Erdfleck nicht bedeutender entwickeln, obwohl sie zu gewissen Zeitpunkten am Handelsleben einen regen Anteil hatte. Erst nach der spanischen Inquisition, als die spanischen Juden in größerer Anzahl nach den Ländern des türkischen Imperiums zogen, bildeten sich auch auf dem Balkan größere jüdische Gemeinden. Die sephardischen Juden hielten sich hauptsächlich im Süden des heutigen Jugoslawien auf. Die aschkenasischen Juden dagegen konzentrierten sich hauptsächlich im Norden, in den Gebieten, die früher von der österreichisch-ungarischen Monarchie verwaltet wurden, außerdem in Bosnien, besonders nach der seinerzeitigen Okkupation Bosniens seitens Oesterreich-Ungarns. Die jüdische Gemeinschaft Jugoslawiens zählt heute rund 70.000 Seelen, davon 25.000 Sephardim und 45.000 Aschkenasim. Die größte Gemeinschaft beherbergt Belgrad: 10.400 jüdische Einwohner, von denen der sephardischen Gemeinde 8000. der aschkenasischen Gemeinde 2400 angehören. Die zweitgrößte Gemeinde beherbergt Zagreh: ca. 9000 Seelen, hauptsächlich Aschkenasim; nur ein kleiner Bruchteil, ca. 500 Seelen, gehört der sephardischen Gemeinde an. Es folgen Sarajewo mit über 7000 Sephardim und 1250 Aschkenasim, Subotica mit 5000, Novi-Sad mit 3700, Bitolj mit 3300, Skoplje mit 3200, Osijek mit 3200 Juden. Dem Verband der jüdischen Gemeinden, welcher der offizielle Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft ist, gehören 110 Gemeinden an. Bis zum Weltkriege lebten die Juden auf dem Gebiete des heutigen Jugoslawien unter verschiedenen politischen und kulturellen Bedingungen. Seit dem Weltkriege aber sind sie alle bestrebt, ihre Interessen gemeinschaftlich" zu gestalten, und auch die verantwortlichen führenden jüdischen Stellen arbeiten an dem Ausbau einer konstruktiven'-einheitlichen Lebensauffassung der jugoslawischen jüdischen/ Gemeinschaft. Diese bestellt hauptsächlich darin, daß der Jude sich in jedem AugeuWick sowohl seiner patriotischen Aufgaben, aber auch seiner Pflichten als Angehöriger des jüdischen Volkes h.-wiiLU sei. Das Verhältnis zwischen der jüdischen Gemeinschaft und dem Staate ist durch ein Gesetz vom Jahre 1929 geregeh worden. Die jüdische Religionsgemeinschaft -st ulien übrigen anerkannten Religionen gleichgestellt Eine vom Vorhand der jüdischen Gemeinden geleitete theologische Anstalt wird vom Staate subventioniert. In kultureller Hinsieht hat die jugoslawische jüdische Gemeinschaft die Möglichkeit zu einer vollen selbständigen Entwicklung. Die Gemeinschaft nimmt aber regen Anteil an allen Manifestationen des jugoslawischen Kulturlebens. Wirtschaftlich ist die Judenheit Jugoslawiens, ebenso wie die übrige Bevölkerung, von der Weltkrise ziemlich betroffen. Besonders arg ist es dabei um die größeren sephardischen Gruppen in Bosnien und in Südserbien bestellt. Ein Antisemitismus ist in Jugoslawien nur in milderen Formen bemerkbar. Die antisemitische Weltpropaganda bemüht sich, auch in Jugoslawien Wurzel zu lassen. Vorläufig sind nur sporadische antisemitische Erscheinungen zu bemerken, die sich zwar häufen, aber von den maßgebenden Faktoren nicht geduldet werden. Die jüdische Gemeinschaft ist bestrebt, die schlimmen Folgen der wirtschaftlichen Krise durch charitative Organisationen zu mildern. In allen größeren Gemeinden bestehen entsprechende Vereinigungen. Der auch gesetzlich anerkannte Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft ist der Verband der jüdischen Gemeinden. Zwischen den Sephardim und Aschkenasim herrscht eine brüderliche Zusammenarbeit. Für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steuer- und Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salz er. Eingehende Informationen für jedes Mitglied der .Union" unentgeltlich, Wien I., Kohlmarkt 8, l.Stock. Tür 4. täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10 — 12 Uhr vormittags. Rumänien. „C u r i e r u I Israeli t", das Organ der Union rumänischer Juden, gibt Erklärungen wieder,- die Innenminister Jon Inculetz und der Generalsekretär der nationalen Bauernpartei! und ehemalige Finanzminister Virgil Madgearu zur Judenfrage und zur antisemitischen Bewegung Rumäniens in der amerikanischen Presse veröffentlicht haben. I n n e n m i n i s t e t Inculetz erklärte: ..Eine Judenfrage besteht in Rumänien formell nicht. Unsere Verfassung gewährt den rumänischen Juden Gleichberechtigung und bürgerliche Gleichstellung. Unterschiede der Rasse oder des religiösen Bekenntnisses sind ihr unbekannt. Es ist richtig, daß es auch Antisemitismus in Rumänien gibt. Er war schon vor dem Krieg, ebenso wie in anderen Ländern, vorhanden. Die drei regierungsfähigen Parteien: die nationalliberale Partei, die Volkspartei und die nationale Bauernpartei stehen und bleiben auf den konstitutionellen de m o kra ti s ch e n Ordnung herbeizuführen, ist bedeutungslos und hat keine Gefahr dar. Ihr Streben, eine Aenderung der inneren Ordnung herbeizuführen, ist bedeutungslos und hat keine Aussicht auf Erfolg. Kleine Zwischenfälle, zu denen es gekommen ist, wurden von den Behörden schnell aus der Welt geschafft. Im Lande herrscht Ruhe. Und ich kann die Versicherung geben, daß die Ruhe nicht gestört werden wird. Die Regierung setzt ihren graden Weg Eine Million Amerikaner gegen die Berliner Olympiade. Die jü disch en Fr on tkä mpf e r in den U. S. A. haben einen Feldzug zur Aufbringung von einer Million Unterschriften unter eine Petition, die den Boykott der Olympiade, falls diese in Berlin stattfinden sollte, eingeleitet. Mehr als 5000 Personen, die dem Boxkampf Louis—Baer in New York beiwohnten, unterzeichneten auf dem Stadion Postkarten mit einer Erklärung gegen die Abhaltung der Olympiade in Berlin. In New York wird die Ankunft des Leiters des deutschen Olympia-Komitees Doktor Theodor Lewald erwartet, der versuchen will, der wachsenden Opposition gegen die Berliner Olyiypiade entgegenzuwirken. Loblied der Toleranz. Am gleichen Tage, an dem der ungarische Ministerpräsident G ö m b ö s in Hitler-Deutschland jagen ging, wurde in Budapest das 300jährige Jubiläum der Pazmany-Universität gefeiert. Im Parlamentsgebäude, vor vielen ausländischen Gästen, Gelehrten und Diplomaten, die zu dem Festakt geladen waren, hielt der R e i c h s v e rw e s e r H o r t h y eine Ansprache, in der er erklärte: „Die Universität wurde durch den militanten f uhrer der ungarischem katholischen Kirche gestiftet. Dennoch stand die Alma mater zu allen Zeiten den Söhnen aller Glaubensbekenntnisse offen, damit sie dort lernen und lehren. Weltberühmte Gelehrte gab die Universität unserer Nation, und keinen von ihnen fragte sie, aus welcher Schichte, welcher Konfession und welcher Nationalität unseres Volkes er kam. Die ungarischen Staatsbürger gleichmäßig einschließend, legte sie Zeugnis ab von der Kraft und dem nationalen Wert der Einigkeit." Im reichsdeutschen Ohren wird ein solches Loblied der Toleranz nicht gerade angenehm klingen. Es zeigt, daß . man selbst in Ungarn an höchster Stelle Wert darauf legt, sich nicht mit dem deutschen Kulturniveau zu identifizieren, — sogar und gerade dann, wenn der Ministerpräsident Gömbös in Berlin Freundschaftsbesuche macht. Eine bedenkliche Propaganda wird für die Exl-Bühne betriebeni, von deren Leitung wir. hoffen wollen, daß sie von diesen Machenschaften nichts weiß. Es werden nämlich in Wien massenhaft Flugzettel folgenden Wortlautes an Geschäftsleute versendet: 27. September 1935. Ihren Kunden werden Sie eine Freude machen, der Exl-Bühne aber, die als arisches Theater einen harten Daseinskampf führt, erweisen Sie einen großen Dienst, wenn Sie die beiliegenden Ermäßigungsanweiungen mit einer freundlichen Empfehlung weitergeben. Wie der Arier jüdische Geschäfte meiden soll, so seil er auch jüdische Vergnügungsstätten nie:den. Weitere Drucksorten auf Anruf (folgt Teiephonnummer). - Im Telephonbuch steht als Inhaber der ..angegebenen Telephonnummer ein Rittmeister, a.. D., der sich mit Kreditvermirtlungen befaßt. Welcher Art von Werbung diese Propaganda für die Exl- Bühne. die im Namen anonymer „Wiener Kunstfreunde" inszeniert wird, ähnlich schaut, braucht nicht näher erläutert zu werden. Ebenso ist es klar, daß die Versendung dieser Flugzettel den Tatbestand des unlauteren Wettbewerbes darstellt. Die politischen Hintergründe sind durchaus nicht geheimnisvoll. Es ist deshalb zu hoffen, daß die Verbreitung von Berliner Boykottparolen in Wien hintangehalten werden wird.