Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 41 (11.10.1935)
- Date
- 1935-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 41 — 11. Oktober 1935 Seite 5 Die Lage der Juden in Palästina. Auszüge aus einem Referat von A. W e i n s c h a i I, gehalten auf dem Kongreß der Neuen Zion. Organisation. Die Prosperity — eine Illusion. Die scheinbar günstige wirtschaftliche Lage in Palästina ist eine Illusion und ohne Angst, mit vollem Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit, müssen wir die Lage analysieren, die Wahrheit sagen, weil das der einzige Weg ist, den Schiffbruch zu vermeiden und einer Katastrophe vorzubeugen, die dem jüdischen Jischuv in Palästina und gleichzeitig der Judenheit der Welt droht. Aeußerlicher Glanz. Ja, äußerlich ist die Lage in Palästina glänzend. Die Zahl der Juden hat sich entschieden vergrößert. Im Jahre 1919 waren im Lande 55.000 Juden, im Jahre 1931 — 175.000 Juden und am Ende des Jahres 1934 — 280.000 Juden. Jetzt werden wahrscheinlich 350.000 Juden im Lande sein. Die Juden haben viel Geld mitgebracht, die Banken haben viel Einlagen, bis 20.000.000 Pfund, und wissen nicht, was sie mit diesem Geld anfangen sollen. Man baut viele Häuser in Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa usw., es entstehen Fabriken, man kauft Boden, man-pflanzt Orangen, überall sieht man neue Geschäfte, die Arbeiter werden gesucht und gut bezahlt. Heute ist die Lage, sind die Arbeitsbedingungen des jüdischen Arbeiters in Palästina viel besser als die Lage der Arbeiterschaft in jedem beliebigen Lande der Welt, so daß nicht nur Arbeitslose, sondern auch alle beschäftigten Arbeiter in Europa mit Neid auf den palästinensischen „Chaluz" blicken können. Das Geld fließt in die Taschen und nichts charakterisiert besser die Lage in Palästina als die Tatsache, daß in diesem Jahr nicht weniger als 10.000 Juden ins Ausland gefahren sind. Nicht als Auswanderer, sondern um ihre Sommerferien dort zu verbringen. Dies bedeutet mindestens eine Million Pfund für die Lustreisen. Ein anderes Merkmal dieser äußerlich glänzenden Lage ist die Vergrößerung der Einkünfte der palästinensischen Regierung, die hauptsächlich von Juden zufließen. In früheren Jahren betrugen die Staatseinnahmen weniger als 3,000.000 Pfund. Im vorletzten Jahre haben sie 4,000.000 Pfund erreicht und im letzten Jahre die stattliche Summe von 5,000.000 Pfund überschritten. Es ist zu bemerken, daß die arabische Bevölkerung allmählich von der Besteuerung befreit wird, und daß eigentlich die Vergrößerung der jüdischen Beteiligung an den Staatseinnahmen viel bedeutender ist, als es die obigen Ziffern zeigen. Dies weist auf Zahlungsfähigkeit des palästinensischen Jischuvs hin. Ein drittes Merkmal dieses sichtbaren Reichtums ist die Vergrößerung der Wareneinfuhr. Man hat im letzten Jahre nach Palästinafürzirk a 15,000.000 Pfund Waren importiert. Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Warenaustausch, denn Im selben Jahre wurden aus Palästina nur für 4,000.000 Pfund Waren exportiert; mit anderen Worten, man hat 11,000.000 Pfund für ausländische Waren im letzten Jahre bar ausgegeben. Palästina war genügend reich, um diese Summe zu bezahlen, es gab keine Zahlungsstockung; das zeigt, daß es den Leuten gut ging. Es ist bekannt, daß diese Einfuhr hauptsächlich für die Juden bestimmt war, also ein Beweis, daß die finanzielle Lage •der palästinensischen Juden glänzend ist. Kein Verdienst der alten Zionistischen Organisation. Aeußerlich also scheint die Lage wirklich glänzend zu sein. Auch wenn das so wäre, ist das kein Verdienst der alten Zionistischen Organisation. Wir, die in Palästina schon längere Zeit leben, wissen ganz genau, daß die alte Zionistische Organisation mit ihren Organen und Finanzinstrumenten dabei keine Rolle spielt und keine Aufgabe erfüllt. Man sammelt Geld in der Diaspora für die sogenannten zionistischen Fonds (Keren Kajemeth, Keren Hajesod) und in Verwendung dieser Gelder in Palästina sieht die alte Zionistische Organisation ihre Hauptaufgabe. Aber wenn ich sagen werde, daß im Aufbau des Landes (Binjan Haaretz) die Beteiligung der alten Zionistischen Organisation 5 Prozent ausmacht, wird das eine gewaltige Uebertreibung sein. Alle diese Häuser wurden nicht mit den Mitteln des Keren Kajemeth und Keren Hajesod gebaut; alle diese Fabriken wurden nicht von oder mit Mitteln der Zionistischen Organisation gegründet; die Arbeitsgelegenheiten wurden nicht durch die Zionistische Organisation verschafft. Und bei dieser zügellosen Spekulation auf dem Bodenmarkt stehen die F i n a n z i n s t r umente der Zionistischen Organisation hilflos da, ohne irgendwelche nennenswerte Rolle zu spielen, ohne Bodenreserve, die die Spekulation eindämmen kann, noch schlimmer, die alte Zionistische Organisation und ihre Bodengesellschaften tragen dazu bei, die Bodenspekulation zu vergrößern. Die Juden, die nach Palästina kommen, um ihre Mittel zu investieren, im Lande, wo sie die Verhältnisse nicht kennen, und jeder experimentiert auf sein eigenes Risiko, und falls ihm dazu Mut fehlt, sieht er zu, was ein anderer Jude macht, und macht es ihm nach. Ein Jude baut ein Wohnhaus, also ist es sicher ein gutes Geschäft. So baut der zweite, der dritte, der hundertste. Ein iju'de eröffnet ein Kaffeehaus, so Isind hunderte' da, die ihm. nachahmen. Jemand hat gesagt, daß,die Orangen eine vorteilhafte Investition bedeuten, so strömt alles in dieser Richtung. Die Tätigkeit der Zionistischen Organisation bleibt in einem Winkel versteckt und niemand merkt von ihr etwas im palästinensischen Jischuv. Ich will aber nicht behaupten, daß die alte Zionistische Organisation und ihre Organe überhaupt keine Rolle für den jüdischen Jischuw spielen. Es ist ein Gebiet, auf dem wir alle die Juden m Palästina und speziell die Juden in der Diaspora, diese Rolle schmerzhaft empfinden. Das ist die Verteilung der Zertifikate. Das hat mit dem positiven Aufbau des Landes nichts zu tun. Die Zahl der Zertifikate wird von der Regierung von Zeit zu Zeit bestimmt. Der alten Zionistischen Organisation ist es nicht gelungen, die Regierung zu veranlassen, die Zertifikate in einer entsprechenden Zahl zu geben, in einer Zahl, die der jüdischen Not, ja sogar den Ansprüchen der palästinensischen Wirtschaft entsprechen könnte. Aber die Zionistische Organisation bestimmt, wem diese Zertifikate zugeteilt werden. Und auf diesem Gebiet herrscht eine große Unzufriedenheit im Lande und außerhalb. Trotz aller Ableugnungen werden die Zertifikate nach parteiischen Gesichtspunkten verteilt. Die obersten Instanzen der alten Zionistischen Organisation erblicken darin ein wirksames Mittel, nach Palästina diejenigen Elemente einzulassen, deren treuer Unterstützung sie sicher sein kühnen. Ueber Ungerechtigkeiten auf diesem Gebiet kann man Bücher schreiben. Dadurch wurde im palästinensischen Jischuw künstlich eine Mehrheit geschaffen, die in ihren zionistischen und sonstigen Anschauungen im Gegensatz zu den Judenmassen in der Diaspora steht. Aber die Lage ist auch unhaltbar vom Standpunkt der palästinensischen Industrie und Landwirtschaft. Während der letzten Jahre ist es dem Kolonistenverband und dem Industriellenverband (Hitachduth baale taassia) gelungen, nach großem Kampf eine kleine Zahl der Zertifikate zu bekommen, die sie selbst verteilen dürfen. Aber im großen und ganzen bleibt die Lage so unhaltbar wie früher. Das ist das einzige Gebiet, wo die Existenz der alten Zionistischen Organisation in Palästina fühlbar ist. Also, ich wiederhole, was ich schon vorhin gesagt habe: Die alte Zionistische Organisation hat mit der Prosperity in Palästina nichts zu tu n. Jemand wird vielleicht sagen: Um so hesser! Wenn die Lage gut ist, wenn sich das Land aus sich selbst entwickelt, wenn man keinen Eingriff seitens der alten ^pnpa* m bei der Bücher Sdiwedcnbrüdte! SOCffllANDLONG SCONtlDCDACo. Wien 1., rranz Josels-Kal f Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, 30 g und 50 g aufwärts Katalog gratis! HERRENKLEIDERSALON S. FROST . III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt für die kommende Herbst- und Wintersaison die zweckmässige Maßkleidung für den eleganten Herrn Billigste Preiserstellung und aufmerksamste Bedienung Zionistischen Organisation braucht, besteht kein Grund zur Beschwerde. Die Prosperity Palästinas ist aber tatsächlich ein gefährliches Scheinbild. Die richtige Fragestellung lautet: Hat man in Palästina mit dieser gewaltigen Anstrengung des jüdischen Volkes, mit diesen enormen Geldmitteln, mit dieser ungeheuren Quelle der- Menschenenergie solide Grundlage für die Zukunft geschaffen, die Existenz der Einwanderer und derjenigen, die noch hinzukommen werden, gesichert? Unsere Antwort lautet: Leider nicht. Die Investitionen. Man hat in der letzten Zeit in unserem Lager viel davon gesprochen, wie unrationell die jüdischen Kapitalien in Palästina investiert wurden. Nur ein kleiner Bruchteil davon wurde für produktive Zwecke gebraucht. Die neuerlich veröffentlichte Statistik zeigt, daß im letzten Jahre die Juden in Palästina 10,000.000 Pfund investiert haben. Davon wurde mehr als die Hälfte für den Häuserbau verausgabt. Jemand wird behaupten, daß es sehr wichtig ist, Häuser zu bauen, besonders im Lande mit einer großen Einwanderung. Die Immigranten müssen doch irgendwo wohnen. Aber wovon werden sie leben? Man kann nicht die Hauptmittel für den Hätiserbau verwenden, und für die Industrie und Landwirtschaft, die die Hauptbeschäftigung der Juden in Palästina bilden sollen, nur ein Fünftel davon lassen. Aber man spricht sehr viel bei uns von der Bodenspekulation. Man könnte glauben, daß die Juden sehr viel Boden erworben haben und daß deswegen die Bodenpreise in die Höhe getrieben wurden. Die Lage ist nicht so. Man hat für den Bodenkauf von Nichtjuden im letzten Jahre nur 5 Prozent aller jüdischen Investierungen herausgegeben. Im großen und ganzen 500.000 Pfund. Wenn man aber bedenkt, daß die Bodenpreise in den letzten paar Jahren um das Dreifache, ja sogar um das Fünffache gestiegen sind, Preise, die dem reellen, wirtschaftlichen Werte des Bodens nicht entsprechen, so kann man leicht ausrechnen, daß der mit diesem Gelde erworbene Boden einen noch kleineren Wert darstellt. Die genaue Analyse der Lage zeigt, daß eine optimistische Auffassung der Lage falsch ist. Tatsächlich ist die politische und wirtschaftliche Lage unhaltbar und bedarf einer gründlichen Revision. Pogromprozeß in Warschau. Am Mittwoch, den 2. Oktober,; begann vor dem Warschauer Kreisger ich t unter Leitung des Senatspräsidenten Dembicki der Prozeß gegen die Teilnehmer an den p o g r oma^r tiffen Ausschreitungen, die im S o m m e r' f934 1 m Warschauer Powonski-Viertel durch Anhänger der antisemitischen national-radikalen Partei verübt wurden und in deren Verlauf der 32jährige Jecheskel Delman getötet wurde. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Kocuchowski. Die Verteidigung1 hatten die bekannten antisemitischen Rechtsanwälte Demowski, Sokolowski, Tarkowski inne. Als Vertreter der Privatbeteiligten hat sich im Auftrag der Mutter des ermordeten Delman Rechtsanwalt Nathan Surowicz zu einer formellen Entschädigungsforderung im Betrag von einem Zloty dem Verfahren angeschlossen. Angeklagt waren insgesamt 21 Personen im Alter von 14 bis 31 Jahren, unter ihnen befindet sich auch eine Frau Dzewiecka, die die Menge zu Exzessen aufgehetzt hat Die Ausschreitungen am 8. Juni v. J. haben nach dem Ergebnis der Voruntersuchung folgenden Verlauf genommen: Gegen 9 Uhr abends bewegte sich eine katholische Kirchenprozession gegen das Powonski-Viertel. Zu derselben Zeit fand in der Nähe eine Versammlung statt, in der über einen Ueberfall auf die jüdische Bevölkerung beraten wurde. Die Versammlungsteilnehmer gingen mit Stöcken und Schlagringen bewaffnet auf die Straße und verbreiteten das Gerücht, Juden hätten die Prozession mit Steinen beworfen. Es wurden Juden auf der Straße mißhandelt, der von der Arbeit nach Hause zurückkehrende Bäcker Jecheskel Delman brach aus acht Kopfwunden blutend zusammen. In rohester Weise wurde der schon auf dem Boden liegende Delman mit Messern und Eisenstangen he arbeitet: er erlag bald darauf seinen Verletzungen. Inzwischen waren die Exzedenten auch in Wohnungen und Geschäfte eingedrungen; sie mißhandelten die Bewohne rund zerstörten die Einrichtungen. Auch die Perez-Bibliothek wurde bei den Ausschreitungen vernichtet. Aussagen der Verhafteten ergaben, daß es sich um einen von der nationalradikalen Partei planmäßig vorbereiteten Ueberfall gehandelt hat Die Verhandlungen gegen die HuHgans fanden große Anteilnahme bei der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung. Der Zuhörerraum im Großen Saal des Warschauer Kreisgerichts war überfüllt Sehr viele Juden aus dem Powonskiviertel. die die Schreckenstage im Juni v. J. miterlebt haben, folgten den Verhandlungen, aber auch den Angeklagten nahestehende Mitglieder der Unterwelt und Angehörige der antisemitischen Intelligenz sind anwesend. Geladen waren insgesamt 70 Zeugen, von denen 23 — Polizisten und Juden, die bei den Ausschreitungen zu Schaden kamen — von der Staatsanwaltschaft benannt worden sind. Der zuerst vernommene Wladislaw Chorosz bekennt sich schuldig. Er will, als er sich vor dem Lokal der Nationalradikalen in der Dzika-Gasse aufhielt, gehört haben, daß einer katholischen Prozession von Juden der Durchzug durch das Powonski-Viertel verwehrt wurde. Daraufhin habe er sich mit Kameraden zusammengetan, um die Prozession zu „schützen". Die Zwischenfrage des Vertreters der Privatbeteiligten, R. A. Surowicz, ob der Angeklagte der n a t i o n a 1 r a d ikalen Partei angehört habe, wird von diesem bejaht. Eine weitere Frage des Anwalts, welcher Redner an dem betreffenden Tage im nationalradikalen Parteilokal gesprochen habe, wird vom Vorsitzenden nicht zugelassen. (Der Privatbeteiligtenvertreter wollte offenbar die geistigen Drahtzieher der Vorfälle aufdecken). Aus den weiteren Aussagen des Angeklagten geht hervor, daß er in einer jüdischen Färberei beschäftigt war und keinen Anlaß zu Klagen über die Behandlung durch seine Brotgeber hatte. Die Angeklagten Jan Lewinski und Majewski leugnen die Schuld, verwickeln sich aber bald in Widersprüche, nachdem der Staatsanwalt ihnen in einem scharfen Kreuzverhör ihre Beteiligung an der Plünderung der Perez-Bibliothek und der Zerstörung von Salzmanns Bäckerei sowie ihre Aussagen in der Voruntersuchung vorhält. Felix Kruszewski, der beschuldigt wird, den getöteten Delman mit einem Stein auf den Kopf geschlagen zu haben, widerruft seine Angaben während der Voruntersuchung. Er sei bei der Prozession gewesen, als er plötzlich in der Powonskowskagasse Schreie hörte. Er habe dann gesehen, wie Delman von etwa 20 Personen mißhandelt wurde, habe sich aber nicht einmischen wollen. Der Staatsanwalt gibt seinem Erstaiinen über dieses passive Verhalten angesichts der schweren Mißhandlung eines Menschen Ausdruck. Auch die Beschuldigten Nowotko, Pozsondkowski, Potiralski, Kowski, Struzik — ein „Bräutigam" der mitangeklagten Dzewiecka —, Gozdowski und Jakubiak verlegen sich aufs Leugnen. Sie ziehen ihre Geständnisse und vielfach gegenseitigen Beschuldigungen aus der Voruntersuchung zurück und wollen alle nur z utällig (!) auf den Schauplatz der Vorfälle, an denen sie unbeteiligt gewesen seien, gekommen sein. Immer wieder taucht das Märchen von den Alarmriiferr wegen eines angeblichen jüdischen Ueberfalls auf die Prozes-