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Die Wahrheit · 1935-10-11 · Heft 41 (11.10.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 41 (11.10.1935)
Date
1935-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 41 — 11. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT für das Agrarland Litauen entscheidenden Branchen aufgehoben. Ein Wirtschaftszweig nach 'dem anderen wurde von den staatlichen Coöperativen okkupiert, in denen die Juden nicht beschäftigt werden. Damit verlor nicht nur in Großlitauen eine Unmenge jüdischer Kaufleute ihr Brot, sondern auch in Memel, da die Coöperativen auch den Export der litauischen Agrarprodukte für sich in Anspruch nahmen. Der Lebensraum der Memeler Juden begann sich zu verengen. Die litauische Regierung legt Wert darauf, nicht als antisemitisch angesehen zu werden, es sind Männer an den verantwortlichen Positionen, die viel zu gebildet sind, um einen antisemitischen Kurs gutzuheißen, aber auf die Soziologie der jüdischen Minderheit wurde in der litauischen Wirtschaftspolitik keine Rücksicht genommen und dadurch wurde die Harmonie mit der jüdischen Minderheit gestört, zumal es auch nicht ausbleiben konnte, daß der im Reich entfachte Antisemitismus große Volksteile in den Randstaaten infizierte, eine Bewegung, die Goebbels und Streicher durch Spezialagenten noch fördert. So stehen die memelländischen Juden heute zwischen zwei Feuern. Als bewußte Juden haben sie den Boykott gegen das Dritte Reich vollauf erfüllt, sie haben dabei der litauischen Regierung, die sich bekanntlich in einem Wirtschaftskrieg mit dem Reich befindet, wertvolle Hilfe geleistet. Umgekehrt aber hat ihnen das den Zorn der Nazis diesseits und jenseits der Grenze eingebracht. . . Wird das Memelland rückgegliedert, so ist die jüdische Bevölkerung das erste und billigste Opfer der einrückenden SA. Dieser Situation sind sich heute bereits die Memeler Juden bewußt, wirtschaftlich und politisch abhängig von einer Bevölkerung, die der souveränen Regierung feindlich gegenübersteht bemühen sie sich möglichst, Neutralität zu bewahren, damit aber ziehen sie in Wirklichkeit nur die Ungnade beider Parteien auf sich. Die Signatarmächte aber haben eine große Verantwortung auf sich genommen, als sie Memel die Autonomie zugesagt haben. Das Leben von 3000 jüdischen Familien ist davon abhängig, ob der deutsche Imperialismus am Njemen gebändigt werden kann. R. Verlogene Ursache, getarnte Folgen. Wie erinnerlich, war die äußere Ursache für die überraschende Einberufung des deutschen Reichstags nach Nürnberg — so überraschend, daß die Abgeordneten, obwohl sämtlich Nationalsozialisten, nach Nürnberg, wo doch gerade der nationalsozialistische Parteitag abgehalten wurde, merkwürdigerweise erst telegraphisch einberufen werden mußten — das Urteil eines amerikanischen Richters, der die Demonstranten gegen die auf den deutschen Schiffen im New Yorker Hafen gehißte Hakenkreuzflagge freisprach und diesen Freispruch mit dem verletzten Kulturempfinden des amerikanischen Volkes begründete, dem das Hakenkreuz als — Piratensymbol erscheine, in dessen Zeichen -all das besudelt und entweiht werde, was der amerikanischen Seele vom Standpunkt der Menschenrechte und der Freiheit heilig sei. Dieses Urteil und noch mehr seine Begründung fiel den Nazi in Deutschland begreiflicherweise stark auf die Nerven, und um ihren Grimm hemmungsloser austoben zu können, ernannten sie den amerikanischen Richter, der es gewagt hatte, so unverblümt das natürliche Empfinden von Millionen Kulturmenschen aller Weltteile zum Ausdruck zu bringen, taxfrei zum Juden. So erhielten die Nazibonzen, die es natürlich nie gewagt hätten, das deutsche Volk gegen die Vereinigten Staaten aufzuputschen, einen bequemen Blitzableiter für die aufgestachelte Volkswut und zugleich einen Vorwand zur Legalisierung ihrer eigenen, mit kalter Grausamkeit erisonnenen Judenpolitik. Hitler und Goering tobten in Nürnberg um die Wette gegen das New Yorker Urteil, das als Ausfluß des ohnmächtigen „jüdischen" Hasses gegen das Dritte Reich bezeichnet und nicht nur zum Vorwand der formalen Entrechtung der deutschen Juden, sondern auch zum Anlaß einer frivolen Hetze gegen die Gleichberechtigung der ausländischen Juden in ihren Staaten mißbraucht wurde. Vor einigen Tagen mußte sich aber auf Verlangen der Vereinigten Staaten der deutsche Rundfunk zu der Verlautbarung bequemen, daß der angegriffene New Yorker Richter weder Jude noch jüdischer Abstammung, sondern Katholik und Nachkomme rassenreiner Irländ e r sei. Das angebliche Exekutivorgan jüdischen Rassenhasses gegen das Naziregime entpuppte sich demnach als engerer Glaubensgenosse Hitlers und Goerings und an nordischer Herkunft ihnen beiden noch um etliche Breitegrade überlegen. Es war eine Riesenblamage der nationalsozialistischen Führer, nicht gerade gemildert durch den Umstand, daß zu ihrer Verbreitung just das Hauptinistrument der deutschen Nazipropaganda,: der Rundfunk herhalten mußte. Die amerikanische Regierung hatte dies :• nachdrücklichst gefördert und die deutsche Staatsführung, mutig nur gegen wehrlose Juden, hat sich beeilt, diesem billigen Verlangen zu entsprechen. Die äußere Ursache, mit der Hitler die plötzliche Einberufung des Reichstags nach Nürnberg mit dem einzigen Zwecke, den deutschen Juden ihre Staatsbürgerrechte abzuerkennen, begründet liatte, ist somit hinfällig geworden. Es wäre aber natürlich mehr als naiv, daraus Hoffnungen auf eine Revision der deutschen Judengesetzgebung zu hegen. So nachgiebig sich die deutschen Hakenkreuzritter dem Drucke der ausländischen Großmacht jenseits der Atlantik zeigten, so wenig weichen sie dem Druck der Moral. Ja, der Staatsrat Grohe schwang sich zu der Behauptung auf, daß das Judentum für die deutschen Judengesetze noch — dankbar sein müsse, weil diese Gesetze zionistische Grundsätze verwirklichen. Es sei sehr großzügig vom nationalsozialistischen Staat, daß er rein gesetzlich vorginge und dabei dem jüdischen Volk das gleiche Eigenleben unter staatlichem Schutz zuerkenne, wie es anderen völkischen Minderheiten gewährt wird. Um diesen „Erfolg" ihrer nationalen Minderheitspolitik sind die Zionismen wahrhaftig nicht zu beneiden. Umso mehr Herr Julius Streicher, der den Tag, an dem in Nürnberg die Judengesetze angenommen wurden, als den glücklichsten seines Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Lebens bezeichnete. Sein Glück wird auch durch die Ausscheidung des an dieser Gesetzesannahme angeblichen schuldigen New Yorker Richters aus den Reihen der „jüdischen Verbrecher" nicht getrübt. Es hieße Streicher unterschätzen, wollte man glauben, daß er um andere Gründe für die Entrechtung der Juden verlegen sei. Er hat vielmehr gerade jetzt die sensationelle Entdeckung gemacht, daß die Juden am Italienisch-abessinischen Kriege schuld seien. Das ist gewiß eine Glanzleistung, doch leider liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen: Streicher griff heftig den Bürgermeister von Hannover an, der die Anbringung eines ,,Stürmer"-Plakates im Stadthaus mit der Bemerkung verboten hat, der „Stürmer" sei ein Privatgeschäft des Herrn Streicher, der die antijüdische Propaganda zu persönlichem Nutzen betreibt. Demgegenüber kann Streicher mit Recht darauf hinweisen, daß das Nutzenziehen aus dem Antisemitismus im Dritten Reiche zu einer Massenerscheinung größter Dimension geworden ist: Aus Inseraten der deutschen Zeitungen erfährt man indirekt, daß der Boykott eine immer größere Zahl jüdischer Firmen zwingt, ihre Geschäfte schnellstens zu Schleuderpreisen zu verkaufe n, Geschäfte, die seit 50 und mehr Jahren bestehen, deren Jahresumsatz bis zur Million zu reichen pflegt, sind „umstä'ndehalber schnellstens an rasch entschlossene Arier zu verkaufen". Manche Verkäufer inlserieren geradeheraus, daß sie Juden sind oder ihr Geschäft „wegzugshalber" sofort verkaufen wollen. Die früheren Aron- Werke, die heute den Namen Heliowatt-Elektrizitätswerke A. G. Berlin-Charloitenburg führen und die ein Aktienkapital von 8 Millionen Reichsmark haben, sind jetzt aus den Händen der Gründerfamilie an eine Großbank übergegangen. Es handelt sich um die Liquidierung eines jüdischen Unternehmens. Die Frankfurter Mühlenwerke Gebr. Wtflff haben die ihnen gehörenden 50 Prozent des 2,04 Millionen Reichsmark betragenden Aktienkapitals der Hafenmühle Frankfurt a. M. verkauft. Alfred Orenstein ist aus dem Vorstand der Orenstein & Koppel A. G. ausgeschieden. Bei dem viertgrößten deutschen Warenhauskonzern Wertheim, Berlin, wurden Aenderungen im Vorstand und Verwaltung vorgenommen, wobei alle Nichtarier ausschieden. Es handelt sich bei den erwähnten Firmen um Betriebe, die von Juden aufgebaut und zum Nutzen des Landes entwickelt wurden; nunmehr sind aus ihnen die Gründer bzw. ihre Nachkommen aulsgemerzt worden. Die Frage, ob an jüdische Firmen Bankkredite gewährt werden sollen, wird von der nationalsozialistischen Zeitschrift „Die deutsche Volkswirtschaft" grundsätzlich verneint. Dagegen sieht das Blatt angesichts der herrschenden Kapitalsknappheit keinen Grund für arische Firmen, auf jüdische Kredite zu verzichten. Den Berliner jüdischen Notaren, die .als Frontkämpfer diesen Beruf noch ausüben durften, ist eine Verfügung des ihnen vorgesetzten Landgerichtspräsidenten zugegangen, in der mitgeteilt wird, daß ihnen wie sämtlichen volljüdischen Notaren auf Anordnung des Reichsministers der Justiz mit sofortiger Wirkung die Ausübung ihres Amtes untersagt wird. In vielen Rechtsanwaltskanzleien sind die Anwalts- und die Notariatstätigkeit so miteinander verquickt, daß die eine ohne die andere kaum noch ausgeübt werden kann. Auf Grund der Nürnberger Gesetze wurde eine Order erlassen, die die Juden in Deutschland von der Winterhilfe ausschließt. Alle jüdischen Mädchen unter 25 Jahren, die als Verkäuferinnen, Stenotypistinnen oder in sonstigen Büro- Berufen beschäftigt sind, müssen ihre Stellungen „für ein Jahr" verlassen. Die Order wird damit begründet, daß die Mädchen in diesem Jahr Hauswirtschaft erlernen sollen. Die Mädchen, sogar die von jüdischen Firmen beschäftigten, werden durch Arierinnen ersetzt werden. Diese Sorge um die hauswirtschaftliche Ausbildung der Judenmädchen wäre rührend, stünde sie nicht in verdächtigstem Gegensatz zu dem sonst'praktizierten Prinzip, den Nichtariern alle Ausbildungsmöglichkeiten zu verschließen. Es ist Mar, daß die jetzt zwangsweise aufgegebenen Stellungen für immer verloren sind. Die Order ist nicht nur ein schwerer Schlag für die betroffenen Mädchen, sondern auch, für viele hunderte jüdischer Familien, die jetzt völlig auf den Verdienst ihrer Kinder angewiesen sind. „Manchester Guardian" ist in der Lage, die folgende vom Berliner Propagandaministerium den deutschen Zeitungen zugegangene Direktive zu veröffentlichen: „Sehr wichtig! Die Aufmerksamkeit der Presse wird auf die Tatsache gelenkt, daß die Nationalsozialistische Bewegung nicht mehr als antisemitisch, sondern nur als antijüdisch zu bezeichnen ist. Wir haben nichts gegen die Araber und die anderen semitischen Völker, nicht einmal etwas gegen die Juden in Palästina! Aber wir widersetzen uns dem internationalen jüdischen Einfluß und wir wollen die von den Juden als Gästen in unserem Lande gespielte Rolle beschränken." Der Sonderkorrespondent des „Manchester Guardian" kommentiert diese Direktive dahin, daß Deutschland, das jetzt wieder danach strebt, eine Kolonialmacht zu sein und im Nahen und Mittleren Osten, sowie in Afrika einen Einfluß auszuüben, sich nicht mehr den Luxus leisten zu können glaubt, alle nichtarischen Völker als inferior zu behandeln. Ja, es möchte sogar im Interesse seines Handels auch den gegen das Judentum im allgemeinen geführten Kampf jetzt mehr ü n t e rirdisch tarnen. Er beschränkt nun seinen Antisemitismus auf die Juden im eigenen Lande, die nicht nur völlig schutzlos sind, sondern immer noch einigen Besitz haben, den man ihnen wegnehmen kann. 1 ■ Damit ist 'der „wissenschaftliche" Charakter der deutschen •Rassenpolitik endgültig als Schwindel entlarvt. . Nicht konsequente Durchführung naturgesetzlicher Rassenreinheit ist das wirkliche Prinzip der Nazipolitik, sondern skrupellose Ausschaltung der politisch Wehrlosen — und nur dieser — aus dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf. Prof. Juliusz Wolfsohn, der bekannte Klaviervirtuose und Pädagoge, hat seine Lehrtätigkeit sowohl privat als auch in seiner Musiklehranstalt wieder aufgenommen. Wien I., Goldschmiedg. 10, Telephon U 22-9-57.

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