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Die Wahrheit · 1935-10-11 · Heft 41 (11.10.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 41 (11.10.1935)
Date
1935-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 41 — 11. Oktober 1935 Seite 3 Wahre Verständigungsarbeit. Interview mit einem bekannten Originalbericht für die „Wahrheit" amerikanischen jüdischen Publizisten. von Artur Schweriner, New York. Das führende jüdische Magazin in Amerika, „The American Hebrew and Jewish Tribüne", dessen Leser- und Interessenkreis auf einem bemerkenswert hohen Niveau steht, hat in der Person seines Schriftleiters Louis Rittenberg dem langjährigen Syndikus in Berlin und geschätzten Freund unseres Blattes, Artur Schweriner, eine längere Unterredung gewährt, die für die gesamte Judenheit Oesterreichs von allergrößter Bedeutung sein dürfte. Herr Rittenberg, einer der besten und geachtetsten jüdischen Publizisten in New York, antwortete in liebenswürdigster Weise auf die folgenden Fragen: 1. Ich weiß, daß der „American Hebrew and Jewish Tribüne", an dem Sie seit langen Jahren mit so großem Erfolg arbeiten, alle Zeit "gute Beziehungen zu Oesterreich hatte. Ist das jetzt noch der Fall? Das seit langen Jahren verfolgte Ziel unseres Biattes, ein besseres Verstehen zwischen Christen und Juden zu schaffen, ist nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt geblieben. Dieses unser Bestreben ist von vielen bedeutenden Geistern, Juden und Nichtjuden, unterstützt worden, so von Männern wie dem ehemaligen Kriegssekretär Newton D. Baker, Erzbischof Edward J. Hanna, Dr. John H. Finley, Redakteur der „New York Times", dem früheren Botschafter Henry Morgenthau und vielen anderen. Diese Männer arbeiteten mit uns Schulter an Schulter, um eine größere Harmonie zwischen den Religionen herbeizuführen. Ein klareres Verständnis der wechselseitigen Probleme mußte naturgemäß auch in den verschiedenen Nationen wohltuend rückwirken, aus deren Bevölkerüngsschichten sicli Amerika zusammensetzt. So haben wir auch großen Widerhall in Oesterreich gefunden. Unter dem 22. November 1929 schrieb uns Präsident Wilhelm Miklas wörtlich: Die grundlegenden Gesetze der Oesterreichisclien Republik haben die uneingeschränkte gesetzliche Gleichstellung aller ihrer Bürger, die volle religiöse Toleranz und den Schutz sprachlicher Minderheiten festgelegt. Die Mitwirkung an der friedlichen Zusammenarbeit aller Nationen und Rassen zum Zwecke der Begründung einer einzigen Gemeinschaft ist das Ziel der Außenpolitik, wie sie von uns geführt wird. Die Menschheit kann nicht zur vollen Verwertung der ihr innewohnenden Kräfte und der höchsten geistigen und moralischen Vervollkommnung gelangen, wenn nicht alle ihre Teile, jeder in seiner Eigenart und in voller Freiheit, bei dem Aufbau der Zivilisation mitwirken. Der „American Hebrew" hat sich in den vergangenen 50 Jahren seines Bestehens diesem Ideal verschrieben. Möchte er auch in Zukunft in der Förderung dieses Zieles erfolgreich sein. Gez. Wilhelm Miklas. Gleich Miklas haben uns führende Persönlichkeiten der ganzen Welt ihre Sympathie für unsere Arbeit ausgesprochen, Menschen verschiedener Glaubens- und Rassenzugehörigkeit einander näher zu bringen. Die Verleihung einer „American Hebrew Medaille" in jedem Jahr an eine solche Persönlichkeit, die dem Fortsc Ii reiten der christlich -jüdischen Freundschaft am besten gedient hat, ist ein Ereignis, das nicht nur für unser ganzes Land bedeutsam seworden ist, sondern internationale Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. Presse, Radio und Kino wirken in gleicher und eifriger Weise mit, um die Bedeutung dieses Ereignisses zu unterstützen. Der Präsident, der Vereinigten'Staaten, Staatsmänner und Wortführer aller Richtungen sind mit uns an der Arbeit gewesen, den guten Willen zum Einvernehmen unter den Glaubensbekenntnissen, Volksgruppen und Nationen in immer weitere Kreise zu tragen. Vertreter verschiedener Abordnungen, einschließlich österreichischer, haben uns ihrer Sympathie für die von uns gegründete Einrichtung versichert. Darüber hinaus haben wir in sehr vielen Fällen in freundschaftlichstem Geiste mit Oesterreich verkehrt. Ich erinnere mich z. B. eines Briefes, den ich vor einem Jahre von dem österreichischen Gesandten in Washington, Minister a. D. Edgar P r o c h n i k bekommen habe. In diesem Schreiben spricht er seinen herzlichen Dank aus für einen am 4. Mai 1934 im „American Hebrew" veröffentlichten Artikel: „ A11 e Wege führen nach Salzbur g". In diesem Artikel, der durch Bilder der Kathedrale und der Künstler Max Reinhardt, Max Pallenberg und Bruno Walter illustriert, war, brachten wir zum Ausdruck, daß Salzburg ein Stelldichein der erstrangigen Künstler der Welt geworden sei. Das Zusammenströmen der Intellektuellen aus allen Ländern in Salzburg sei geeignet, die Beziehungen zwischen den Glaubensbekenntnissen und Rassen zu verbessern. Minister Prochnik hatte damals in herzlichen Worten an uns betont, daß Oesterreich seine Arme weit ausstrecke, ohne Vorurteile und Intoleranz, zu allen, die willens sind und fähig, den Ruf Salzburgs zu vernehmen. Ich muß betonen, daß der „American Hebrew" auch in dunkelsten Stunden Oesterreichs seinen guten Willen bezeugt hat. Gerade wenn unverantwortliche Kräfte das österreichische Volk mit Judenhaß verseuchen wollten, haben wir es abgelehnt, zu glauben, daß das der Wille der österreichischen Massen oder der Regierung ist. Hie und da auftretende antisemitische Ausschreitungen Kleina Tube S —SO Grote Tute S 1.40 Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborstraße 12, Tel. R 46-5-51 •Mktai Ausgiebige Braten-Menüs S 1 00 *>»*■> '*»^ „ Geflügel- „ S 2.20 114/J Vorzügliche Zubereitung — Sehwechater Biere Naturweine. in Oesterreich haben wir blutenden Herzens zur Kenntnis genommen, aber wir haben niemals den Glauben an den guten Geist Oesterreichs verloren, wie er sich in den Vorkriegstagen, besonders in der österreichisch-ungarischen Monarchie, gezeigt hat, wo -das vornehme Wien und ganz Oesterreich ein Muster guter Sitten und hochstehender Kultur gewesen sind. 2. Was denken Sie über die politische Lage Oesterreichs im allgemeinen und die Lage der österreichischen Juden im besonderen? Wir haben in Amerika mit großer Freude verfolgt, wie Volk und Regierung in Oesterreich den Ansturm des Hitlerismus standhaft abgewehrt haben. Oesterreich möge versichert sein, daß es inmitten der internationalen Krisis sich höchster Achtung unter den Nationen erfreut. Muß ich betonen, daß die Lage unserer jüdischen Brüder in Oesterreich nicht erfreulich ist? Der Druck der nationalsozialistischen Agitation wirkt sich auf einen Teil der einheimischen Bevölkerung aus. Es ist sehr leicht, Menschen mit hungrigem Magen aufzuhetzen. Ich weiß, daß die Juden nicht besser dran sind als ihre christlichen Mitbürger und daß sie ihr Geschick als loyale Oesterreicher zu tragen wissen. Ihre Tapferkeit ist mustergültig und berechtigt sie, stolz darauf zu sein. 3. Was tun die Juden Amerikas tür die notleidenden Juden Oesterreichs? Die jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen in Amerika sind sich ihrer Pflicht, den notleidenden österreichischen Juden zu helfen, voll bewußt und tun ihr Bestes, ihre Menschenpflicht zu erfüllen. Ich bin sicher, es gibt hier keine Parteiunterschiede unter den Juden Amerikas. Die Unterstützungsbedüritigkeit von Millionen von jüdischen Brüdern in Polen, Deutschland, Oesterreich, Litauen. Rumänien, Griechenland und überall in der Welt macht uns nachdenklich, wie dieses Problem zu bewältigen ist. Die Herzen aller amerikanischen Juden schlagen für unsere bedrängten Brüder, ganz gleich wo sie wohnen. Sicherlich wird die Abneigung der meisten Amerikaner, nach dem Deutschland von heute zu fahren, die Besucb-ziffer der Amerikaner in Oesterreich weiter erhöhen und dieses gastfreundliche Land dadurch stärken helfen. Daß die heurigen Festspiele in Salzburg einen so glänzenden Erfolg hatten, hat mich außerordentlich erfreut. Möge es ein gutes Omen für den weiteren wirtschaftlichen Aufstieg eines von allen Kultur- Staaten geachteten Oesterreichs sein. Die Juden im Memeigebiet Die Wahlen im Memeigebiet sollten die politische Entspannung bringen, aber das vorliegende Wahlresultat läßt mit Recht den Zweifel aufkommen, ob zwischen Autonomie des Memelgebietes und der Souveränität des litauischen Staates die Synthese gefunden werden kann. Unter den 140.000 Einwohnern des Gebietes leben 3000 jüdische Familien — davon über 1500 in der Stadt M e m e 1. Die Memeler jüdische Gemeinde ist eine der ältesten im Baltikum: bereits Urkunden aus der Zeit des Litauer-Königs Vytautas im 15. Jahrhundert berichten von den Niederlassungen der Juden an der Mündung des Njeinen. wo sie Handelsbeziehungen unterhielten zu ihren Glaubensgenossen in Amsterdam und zu der norddeutschen Hansa. Damals war das heutige,Memeigebiet von einem litauischen Volksstamm bewohnt, den Szamogeten, die dem geographischen Begriff Samland den Na- ' men gegeben haben, aber zwischen den litauischen Dörfern gab es auch Siedlungen der baltischen Kuren, und ' erst im 16. Jahrhundert kamen deutsche Bauern ins Land, und zwar als Schützlinge der preußischen Ordens-, herren. Mit der politischen Vernichtung des alten Litauen gelangte das Memeigebiet in preußischen Besitz und ging völlig in die deutsche Kultur auf. Auch die Juden assimilierten sich, im Gegensatz zu den Juden im russischen Gouvernement Litauen, wo sie ihr Eigenleben weiterführten. Die jüdische Bevölkerung hat entschieden zum Wohlstand der Stadt Memel beigetragen. Auf jüdische Initiative sind die Holzschneidewerke zurückzuführen, die sich auch heute noch zu einem großen Teile in jüdischen Händen befinden und Tausenden von Arbeitern das tägliche Brot geben. Memeler Juden brachten den Bernstein auf die damaligen Weltmarktplatze. Die erste Verarbeitung dieses Materials wurde von jüdischen Handwerkern ausgeführt und der Vorläufer des preußischstaatlichen Bernsteinwerkes war ein jüdisches Unternehmen. Die erste Memeler Tageszeitung wurde im Jahre 1S49 von dem Rabbiner Rulf gegründet, also gleich nach der Emanzipation des Bürgertums, es ist das „Memel-Dampfboot". die Zeitung, die allerdings heute sich im Besitz des deutschen Propagandaministeriums befindet. Trotzdem konnte Memel niemals Konkurrenz für Königsberg werden, ja als die Memeler Kauileute begannen, regelmäßige Frachtenschiife laufen zu lassen, da schickten die Königsberger einige Kähne mit riesig schweren Feldsteinen, die sie in die Hafeneinfahrt versenkten. Das war im Jahre 1S27. und alsdie Memeler Kaufmannschaft wegen dieser Handlungsweise bei der preußischen Krone klagte, da erklärten bereits die Königsberger Kauileute. daß sie einzig allein die Memeler Juden mit der Sperrung des Hafens treffen wollten. 192A fiel das Memeigebiet unter die Souveränität der neuerstandenen 'litauischen Republik. Als Hafenstadt wurde Memel Litauens Fenster, zur Weit. Die jüdische Gemeinde erhielt starken Zuwachs aus Großlitauen. Der Handel der Stadt mit dem plötzlich neuerstandenen Hinterland florierte. Trotz aller kulturellen Unterschiede zwischen den ait-jüdischen Memelern und den zugezogenen Ostjuden war Lcbensrauni genug für beide vorhanden. Das Bild aber änderte sich mit der Fascisierimg der litauischen Wirtschaft. Während im Memeigebiet auf Grund des MemeLstatuts. für dessen Du-ehführung bekanntlich' die Signatarmächte haften. Jie Wirtschaft liberalistisch bleiben muß. wurde in Großlitauen der freie Wirtschaftsverkehr in den l \

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