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Die Wahrheit · 1935-10-11 · Heft 41 (11.10.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 41 (11.10.1935)
Date
1935-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 41 — 11. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT Ihren BäidBieirbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HERMANN TUCHNER In Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisc billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Polestine Stripping Co. Ltd. Haifa Die angenehmste Überfahrt nach Palästina mit Einklassen-Luxusdampfer „Tel-Aviv" Regelmäßiger Dienst Triest-Haifa Nächste Abfahrten-. 25. Okt., 8. Nov. Generalvertretung: Reisebüro Universal I., Kärntnerring 3 (neben Hotel Bristol) göttlichen Lehre. Aus diesem Glauben schöpfen wir in.' dieser Zeit von Verkennung und Haß unseren Mut und unsere Würde. Brüder! Laßt uns Selbstachtung und Zuversicht nicht verlieren. Laßt uns Trost schöpfen aus der Verheißung unseres Propheten: „Jede Waffe, gegen Dich ge- Der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin Roosevelt, hielt anläßlich der Eröffnung der Internationalen Ausstellung in San Diego vor 60.000 Menschen eine Rede an.die amerikanische Nation, in der er erklärte, die Vereinigten Staaten seien fest entschlossen, sich allen künftigen Kriegen fernzuhalten. Diese Entschlossenheit, fügte Präsident Roosevelt hinzu, könne allerdings die Amerikaner nicht hindern. Teilnahme zu empfinden, wenn Ideale und Grundsätze, die in den Vereinigten Staaten gepflegt werden, verletzt würden. Roosevelt erwähnte bei dieser Gelegenheit religiöse Verfolgungen und die Verweigerung des Prinzips der Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz außerhalb der Vereinigten Staaten. Diese Ideale und Grundsätze seien untrennbar mit dem amerikanischen Nationalcharakter verbunden. „Obwohl es nicht unserer Rechtsprechung untersieht", fuhr der Präsident fort, „wenn andere Länder Gesetze einführenL' die mit unseren Anschauungen unvereinbar sind, so ist man hier doch in dem Glauben, daß Religion und ihre Ausübung nur durch Vernunft und Ueberzeugung, nicht aber durch Gewalt und Zwang bestimmt werden kann." Wenn auch Präsident Roosevelt es vermieden hat. direkt auf das deutsche Regime und auf die Nürnberger Judengesetze hinzuweisen, so haben doch alle seine Hörer verstanden, daß er mit seinen Worten eine Verdammung der Judenverfolgungen und der religiösen Verfolgungen in Deutschland überhaupt, speziell aber der Nürnberger Judengesetze aussprechen wollte. Der Board of Deputies of British Je ws (Vertr,eterschaft der englischen Judenheit) versammelte sich zu einer Sonderberatung, um zu den letzten Entwicklungen in der jüdischen Situation in Deutschland Stellung, zu nehmen. Der Präsident des Board Neville Laski schilderte in einer Ansprache, die bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck hinterließ, die individuelle und die kollektive Tragik der Juden in Deutschland, woraufhin einstimmig die folgende Resolution zur Annahme gelangte: „Wir, die Mitglieder des Deputierten-Ausschusses der englischen Juden, die die Juden des British Empire repräsentieren, bringen feierlich unseren Protest und unsere Entrüstung über die fortdauernde Diffamierung und grausame Verfolgungder Juden in Deutschland zum Ausdruck. Mit dem schmerzlichen Gefühl, grob beleidigt worden zu sein, waren wir Zeugen des letzten Stadiums der öffentlichen Degradierung der deutschen Juden durch einen vorbedachten Akt des Deutschen Staates. Wir bekräftigen die von uns am 18. September 1934 angenommene Resolution, wonach angesichts der fortdauernden antijüdischen Politik Deutschlands dieser Board sich das in der Erklärung des Präsidenten aufgestellte allgemeine Prinzip zu eigen macht, daß kein sich selbst achtender Jude mit deutschen Waren handeln oder sich deutscher Waren und schmiedet, wird zerschellen, jedes Wort der Verleumdung, das Dir zur Schuld erhoben wird, wirst Du zu schänden machen." O, Gott, Vater der Menschen und Lenker der Völker, der Du die Welt errichtet hast auf Liebe und Gerechtigkeit, öffne die Augen der Verblendeten, läutere die Herzen der . Irrenden, schenke Allen Einsicht, erfülle Alle mit Barmherzigkeit. Hilf uns allen, den Weg zu finden zu Dir — den Weg aus dem Dunkel zum Licht, aus Verwirrung zur Klarheit, aus Schuld zur Vergebung, aus Kampf zur Versöhnung. Unser Vater, unser König! Oeffne die Tore des Himmels unserem Gebete! Führe uns zurück in vollkommener Buße vor Dein Angesicht! Mögen alle, Menschen und Völker, zu einem Bunde werden, um Deinen Willen mit ganzem Herzen zu erfüllen. Adolf Hitler verantwortlich. Das Exekutivkomitee der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit hat auf seiner soeben in Genf abgehaltenen Tagung, an der Vertreterinnen von Frauenorganisationen aus zehn Ländern teilnahmen, die folgende Entschließung gefaßt und an den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler gesandt: „Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit richtet die Aufmerksamkeit des Reichskanzlers Adolf Hitler auf die Tatsache, daß die Art der Behandlung der Angehörigen der jüdischen Rasse in Deutschland den Abscheu und die Verurteilung der zivilisierten Völker hervorgerufen hat; für diese Be- Caft Pension Eckstein Pemmering Pension bei Mindestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10.— tägl. IIIIIIHIBIBIIIlIBBIIIMIIieilBIIIIIIIB hawdlung ist aber der Reichskanzler selbst verantwortlich. Die Juden wurden nicht nur ihrer Bürgerrechte beraubt; in gewissen Teilen des Reiches, besonders in kleineren Städten und Dörfern, werden den jüdischen Männern, Frauen und Kindern überdies jede Existenz-, ja sogar Lebensmittel verweigert, so daß sie buchstäblich dem Hungertod preisgegeben! sind. Eine solche, die elementarsten Menschenrechte verletzende Behandlung kanir in den Augen der zivilisierten Welt die Achtung für Deutschland nur herabminder n." Dienste bedienen wird, so lange diese Politikandauert. Wir verpachten uns, mit allen gesetzlichen Mitteln und mit unbeugsamer Entschlossenheit den uns aufgezwungenen Kampf gegen diese systematische und barbarische Verleugnung aller Grundsätze von Freiheit und Gleichheit, auf die alle Menschen ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens ein Anrecht haben, fortzuführen." Präsident Neville Laski erklärte in seiner Ansprache: Seit Kriegsende und besonders in den letzten drei bis vier Jahren sind wir Juden Zeugen und gleichzeitig Objekt von Angriffen gegen die Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die wir für alle Zeiten gefestigt glaubten. Es gibt fundamentale Begriffe, die nicht erst durch die moderne Zivilisation akzeptiert worden sind, sondern die von altersher gelten und als Basis des Fortschrittes der Zivilisation angesehen wurden. Diese Grundgedanken sind in den letzten Jahren seitens eines Landes oder vielmehr der Regierung eines Landes, das bisher als in der vordersten Front der Zivilisation stehend angesehen wurde, mit voller Ueberlegung über den Haufen geworfen worden. Der Angriff auf den Liberalismus wurde zu einem erbarmungslosen Angriff auf die Juden. Die Verkündung der Judengesetze durch Herrn Hitler auf der außerordentlichen Sitzung des Reichstages in Nürnberg am 15. September kann als der Höhepunkt dieses Angriffs und als ein Meilenstein in der Rückwärtsentwicklung Deutschlands angesehen werden. Die Nürnberger Gesetze teilen die Bevölkerung Deutschlands in zwei Klassen, von denen die eine Anrecht auf volle Bürgerschaft hat. die andere, die alle Juden und von Juden Abstainmenden einschließt, unter keinen Umständen je den Status voller Bürgerschaft erlangen kann, sondern eine Klasse von Parias ist. Ein weiteres Gesetz verbietet Ehen zwischen Juden und arischen Deutschen und die Beschäftigung arischer weiblicher Hausangestellter unter 45 Jahren in jüdischen Familien. Dieses Gesetz trägt großsprecherisch den Titel: „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre." Die in diesem Titel enthaltene Beleidigung jüdischer Ehre und jüdischer Moral enthüllt die dem Gesetze zugrundeliegende Bosheit, die die Haupttriebfeder der nazistischen Politik gegen die Juden ist. Neville Laski gab eine Analyse der Arier- Theorie des deutschen Nazismus und wies nach, daß sie ohne jede wissenschaftliche Grundlage sei. Sie konnte nur innerhalb eines Volkes Verbreitung finden, welches viele Jahre lang selbst unter einem Gefühl, als inferior betrachtet zu werden, gelitten hat. Wenn aber die Nazis glaubten, durch die Propagierung solcher Gesetze nicht nur die Selbstachtung des Volkes, sondern auch die Achtung anderer Völker für dieses Volk zu heben, so haben sie sich schwer getäuscht: die Wirkung in anderen Ländern war gerade entgegengesetzli;; die Wielil-Inteflligenz weigert sich, die Arier-Theorie zu diskutieren. Laski zollte den katholischen und protestantischen Führern in Deutschland, die mutig gegen die Verleugnimg eines der fundamentalsten Prinzipien des Christentums protestiert haben — insbesondere Kardinal Faulhaber — hohe Anerkennung. Die neuen Reichstagsgesetze, fuhr er fort, hätten nur eine Position „legalisiert", die faktisch bereits bestanden hat; es wurde eben der von der Nazipartei gegen die Juden geübte Terror zum Gesetz erhoben. Aber die verschiedentlich ausgesprochene Hoffnung, daß mit Verkiindung dieser Gesetze die individuellen Terrorakte, genannt „Einzelaktionen", abnehmen würden, hat sich als grundlos erwiesen. Wie wenig diese Hoffnung begründet war, zeigte ja schon die Rede Hitlers in Nürnberg, der die Möglichkeit noch grausamerer Maßnahmen gegen die Juden unterstrich. Es ist heute schwer vorauszusagen, welches die wirkliche Situation der Juden in Deutschland sein wird. Die Gesetze sind demütigend und bedrückend, aber ihre Wirkung liegt mehr in der Tendenz, denn faktisch änderten sie nichts an der bereits früher bestandenen jüdischen Rechtlosigkeit. Was bedeutet schon der Verlust der Bürgerschaft in einem Lande, in dem es eine freie Bürgerschaft gar nicht gibt. Was die Zukunft betrifft, so ist die Annahm e, Hitler werde angesichts der Verantwortungen seines Amtes sich veranlaßt sehen, seine Politik gegen die Juden zu mäßigen, falsch; Hitler befindet sich vielmehr mit Streicher, Goebbels und den anderen Radikalen auf einer Ebene. Laski trat auch dem Argument entgegen, daß Deutschland mit der Unterdrückung der Juden aufhören wird, falls ihm selbst eine angemessene Anerkennung zuteil wird. Hut doch Deutschland in dem Maße, als es seine Bewaffnung forcierte und sich sein Freiheitsgefühl steigerte, die Verfolgungen verschärft. Trotzdem ist das Nazi-Regime gegenüber der Meinung des Auslandes nicht unempfindlich; ergreifen doch die Parteiführer jede Gelegenheit, ihre antijüdische Politik vor dem Ausland zu rechtfertigen, bzw. die Akte der Judenverfolgung einfach wegzuleugnen, wobei sie sicli nicht scheuen, eine Distanz zwischen ihren Behauptungen und der Wahrheit zu schaffen, wie sie nur in den Legenden des Barons Münchhausen zu finden ist. Laski wies auf die Beisteuer der deutschen Juden zu den deutschen Errungenschaften in der Justiz, in der Medizin und auf allen Gebieten des Fortschrittes hin und unterstrich den Patriotismus der deutschen Juden, die stets bereit waren, auch ihr Blut für Deutschland herzugeben. All das hat nicht verhindern können, daß im heutigen Deutschland Judesein ein unsühnbares Ve'rbrechen ist. Laski wies auf die Arbeit des deutschen Nazismus in allen Ländern der Welt, wo die Nazis die Ritualmordlegende, die „Protokolle" und gefälschte Zitate aus den religiösen Schriften der Juden verbreiten, hin und schloß: Unsere Geschichte ist voll dunkler Seiten, aber eine der dunkelsten ist das, was die Juden in Deutschland jetzt erduldlen müssen. Aber kein Leid wird unseren Geist, der von dem heiligen Schrifttum genährt ist, brechen. Wie können wir den Juden in Deutschland helfen? Die jüdischen Proteste helfen nicht, wohl aber helfen die nichtjüdischen Proteste. Dankbar verzeichnen wir die Haltung der verantwortlichen Presse und der Führer des öffentlichen Lebens in England. In materieller Hinsicht werden wir bis zur äußersten Grenze unserer Leistungsfähigkeit gehen, um unseren Brüdern zu helfen. Außerhalb. Deutschlands wird kein sich selbst achtender Jude deutsche Waren kaufen oder deutsche Dienste in Anspruch nehmen. Jede Aktion, die dem Nazi-Regime zeigt, daß Verfolgung sich nicht bezahlt macht, hat unsere Billigung. Eröffnung des Maimönides-Instituts. II., Praterstraße 11. Die Vorlesungen des Winter-Semesters beginnen am Sabbath Bereschis, 26. Oktober. 4 Uhr nachmittags, mit einem Vortrage des leitenden Dozenten Dr. Armand Kaminka. Das volle Vortragsverzeichnis wird demnächst bekanntgegeben. Präsident Roosevelt gegen die Nürnberger Gesetze. Der Protest der englischen Juden.

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