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Die Wahrheit · 1935-10-11 · Heft 41 (11.10.1935) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 41 (11.10.1935)
Date
1935-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten - II Ii I udische Die tÜanrhelt mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 11. Oktober 1935 Nummer 41 OPTIKJBR M. SCHACHTER II, OlOdfOiaasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen* Samstag geschlossen Bei Berufune auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! Jugend und Alfer. Eine Sukkotbetrachtung. Bei der Simchath beth ha-schoewa am Ausgange des 'ersten Sukkothrages sang der Chor der Jugend: „Heil unserer Jugend, sie beschämt nicht unser Alter!" Und der Chor der Alten: „Heil unserem Alter, es sühnte unsere Jugend!" Dia jüdische Jugend beschämte nicht das Alter. Wie das ganze Leben des Juden in strengen Grenzen und auf genau vorgezeichneten, längst ausgefahrenen Geleisen sich bewegte, so auch die Jugend, die in den Augen der Umwelt gar keine Jugend war. Man verlangte von ihr den Ernst des Mannes und die Entsagung des Alters. Sich austoben, den Most gären lassen, das waren dem Ghetto unbekannte Begriffe. Und in einem Alter, in dem man heute noch nicht daran denken kann, für sich zu sorgen, trug der Jude schon Sorge für Weib und Kind. Auch die Freuden des jüdischen Kindes waren andere als die der Umwelt. Früher als andere Kinder wurde es dem Schulzwang unterstellt. Aber was es dort lernte, war nicht totes Wissen, sondern Lehre fürs Leben. Aleph: lerne, Beth: im Hause, Gimmel: helfen, Daleth: der Armut. Diesem Alphabet entsprach das Leben im jüdischen Hause besonders in der Sukkothzeft. Da war das Haus voller Gäste, da kamen Arme von weit und breit und sie nahmen nicht, nur teil an der Festesfreude, sie erhöhten, ja sie schufen sie erst durch ihre Anwesenheit in der Sukka. Gehört die Sukka nicht besser zum Pessachfest? Paßte sie, als Symbol des Gottesschutzes auf der Wüstenwanderung, nicht eher hinein in die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten und seine Gotteswunder? Warum ist sie zum Schauplatz der Erntefreude bestimmt? Am Seder essen wir das Brot der Bedrückung und wenn wir uns dazu Gäste laden, unseren Kummer mit uns zu teilen, in einer Lage, in der wir ihrer Hilfe, ihres Trostes bedürfen, so liegt das näher, als wenn wir nicht daran zu denken brauchen, ob Menschen für uns da sind, sondern daran denken sollen, daß wir für andere da sind und sie an unserer Freude teilnehmen zu lassen haben. Und diese Freude, anderen Freude zu bereiten, die empfand das jüdische. Kind, wenn es im Auftrage der Eltern verdeckte Gaben in die Häuser der Armen trug, .wenn es an der Seite der Eltern den Armen in der Sukka gastlich bewirten half. Diese Jugend wandelte so treu in den Wegen der Eltern, wie Isaks Leben sich fast als Wiederholung des Lebens se:nes Vateirs Abraham abspielte. Diese Jugend beschämte das Alter nicht. Eine andere Zeit brachte andere Bildungsideale. In vielen jüdischen Häusern ohne Uebergang. Im allgemeinen Zuge der Zeit verwarf man dort die Religion als Kinderkrankheit. Viele verwünschten die alte Erziehungsweise, die sie um die besten Jahre betrogen habe. Daher noch heute in gewissen Kreisen des Ostens geradezu ein Haß gegen die Religion und mit ihr gegen alle mit ihr in Verbindung stehenden Institutionen, ja die ganze bestehende Gesellschaftsordnung. Vorherrschend wurde die Meinung: die moderne Weltanschauung und Lebensführung verträgt sich nicht mit Religion. Andere waren einsichtiger. Sie sagten sich, wenn ich in einem neuen Rock in ein altes Haus eintrete und das Haus stürzt ein, so liegt das wohl nicht am neuen ""Rock, sondern am alten Haus muß etwas nicht in Ordnung sein. Sie untersuchten das alte Haus mit dem Lichte der modernen Zeit und fanden, daß gewisse Träger und Pfeiler alt und brüchig geworden waren, daß aber, tauschte man sie gegen neue aus, das Haus auch für Kinder der neuen Zeit wohnlich blieb. Und auch diese neuen Träger und Traversen waren nicht aus der Fremde zu beziehen, das Material dazu lieferte das wohlverstandenie Judentum Dosiere DHU gut und billig OesterrclcMsclies Qflaiitäis-Fabrikat Ueberau erhältlich selbst. Aber da war es das Alter, das sich hier und da dem Umbau entgegenstellte. Optimisten vertrauten der unerschöpflichen Schöpferkraft des Judentums und erhofften sich von der neuen Bewegung eine Neuschöpfung aus altem Judengeiste. Viele Anzeichen sprechen dagegen. Gab Mose einst einem Pharao die stolze Antwort: „Mit unserer Jugend und unseren Alten wollen wir ziehen," so haben jetzt die Alten die Jungen allein ziehen lassen. Sie haben mit der Jugend die Fühlung und in deren Augen jedes Anrecht auf die Führung verloren. Hier ist so manches gut zu machen. Heiil unseren Alten, wenn sie einsehen, welcher Anteil an dieser Schuld auf sie entfällt! Noch ist es Zeit» daß „unser Alter die Schuld unserer Jugend sühne!" —d. Die Weltjudenheit betet: Für die deutschen Juden und ihre Verfolger. Am Kol zeitig in Nidre-Abend wurde gleichtausenden jüdischen Bethäusern der Welt ein feierliches Gebet, überall mit demselben Text, für die deutschen Juden und ihre Verfolger von der Kanzel verlesen. Die mächtige religiöse Kundgebung war von dem Großrabbiner des Britischen Refches, Dr. J. H. Hertz. London, dem Großrabbiner von Frankreich, Israel1 Le vi, Paris, dem Warschauer Rabbiner, Professor Dr. M. Schorr, dem Oberrabbiner von Stockholm, Professor Dr. M. E hr cm preis, dem Oberrabbiner von Wien. Dr. D. F e tt c h t w a n g, dem Bukarester Oberrabbiner, Dr. J. Niemiirower und verschiedenen anderen weltbekannten religiösen Führern des Judentums angeregt worden. Das in schlichten, demütigen Worten gehaltene Gebet wurde in den überfüllten Gotteshäusern von hunderttau senden Andächtigen mit größter Rührung, von Schluchzen unterbrochen, angehört. Dieses einzigartige Gebet lautete: Laut Vorschlag einer Zusammenkunft von leitenden Rabbinern wird in dieser Stunde in tausenden von Gotteshäusern ein Ruf des Trostes und der Aufrichtung von den Kanzeln verlesen, der folgenden Wortlaut hat. Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen sensal _A 48-9-22 R. TAUBraANN Wien, II. Bezirk, Nordpolstraße 3/3 Reparaturkre dite Zinsvorschüsse kulantest An unsere Brüder! An diesem geheiligten, Tage flüchten wir uns aus dem feindseligen Leben in den Frieden unserer Synagogen und suchen Kraft in der Versöhnung mit Gott und den Menschen. Unsere verwundeten Herzen wenden sich in teilnehmender Trauer unseren schwergeprüften Brüdern zu, die in ihrer Existenz als Menschen und Juden vernichtet werden. Machtlose werden ihrer Menschenrechte und ihrer Menschenwürde beraubt. Die Einheit des im Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschengeschlechtes wird durch eine auf Rasseninstinkten gebaute Wahnlehre zerrissen. Die religiösen und sittlichen Grundlagen der Menschheit sind erschüttert. Das Leid unserer Brüder ist somit unser Leid und ihr Kampf ein allmenschlicher Kampf. Es ist der Kampf für das Göttliche, den es gilt. In demütiger Ergebung trägt ganz Israel das unseren Brüdern auferlegte Schicksal. Unerschüttert ist unser Glaube an die Gerechtigkeit Gottes, der die Geschicke der Menschen und Völker leitet. In ungebrochener Treue halten wir fest an den göttlichen Wahrheiten, die uns in der schriftlichen und mündlichen Lehre, in Thora und Talmud, überliefert sind. Keine Fälschung, keine Verunglimpfung vermögen u>;ser heiliges Erbe zu entkräften, welches die Grundlage alles gesitteten Lebens geworden ist. „Das Gras verdorrt, die Knospe verwelkt, doch das Wort unseres Gott.s besteht ewig." Unerschüttert ist unser Glaube an die Ünvcrgänglichkeit Israels als des berufenen Trägers der

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