Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 40 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ME WAHRHEIT Nr. 40 — 4. Oktober 1935 Seite 5 Halali! Der Herbst hat eine Reihe hochpolitischer Jagdveranstaltungen mit sich gebracht. "Wenn die Natur stirbt, ist es auch für die Tiere des Waldes Pflicht zu sterben. Und da die unvernünftige Kreatur kein Verständnis für derlei symbolhafte Zusammenhänge hat, stellen die Menschen ihren überlegenen Intellekt in den Dienst dieser schönen, poesieumflossenen Sache. Sie vereinigen sich, von gegenseitiger Sympathie zu gemeinsamen Zielen geführt, auf fröhlicher Pirsch, und knallen lustig darauf los. Besonders die führenden Politiker aller Länder haben ein Faible für diesen aristokratischen Sport. Sie eilen vom grünen Tisch in den grünen Hain und oft genug registriert dann die Weltgeschichte die Böcke, die sie bei dieser Gelegenheit schießen. Die modernen Staatsmänner wissen aber, daß auch das Volk das Jagdvergnügen liebt und sie sind bestrebt, ihm dazu zu verhelfen. In den Wald nimmt man die misera plebs freilich nicht mit Das wäre standeswidrig und auch zu kostspielig. Es geht nicht an, daß Menschen ohne Rang und Titel auf das wertvolle Getier des Waldes losgelassen werden. Sie müssen ihre Weidmannslust an wohlfeileren Geschöpfen austoben. Zum Beispiel an Juden. So veranstaltete man zur selben Zeit, als der preußische Ministerpräsident Goering mit polnischen Ministern Hirsche, Rehe und Hasen jagte, ein polnisch-deutsches Fußballer- Treffen in Ratibor, das folgenden weidmännischen Verlauf nahm: Als das Spiel begann, hörte man aus den Reihen der Zuschauer Rufe: „Jude heraus, Jude verrecke!" Auch wurden Steine gegen die polnischen Spieler geschleudert. Ein Spieler wurde getroffen, woraufhin der Schiedsrichter das Spiel aufhob. Die fanatisierte Menge stürzte auf den Sportplatz und mißhandelte den auf polnischer Seite mitspielenden Juden, den 21jährigen Edmund Baumgartner. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo er seinen schweren Verletzungen erlag. Unter anderen Verhältnissen hätte man das einen Mord genannt. Aber im Dritten Reiche heißt solch Wochenendpläsier „Kraft durch Freude" und man machte, weiter kein Wesen daraus. Das Gegenteil wäre auch sehr unangenehm gewesen, weil es die Eignung Deutschlands zur Austragung der Olympiade in unliebsamer Weise beleuchtet hätte. So war man den Polen dafür dankbar, daß sie die Steinigung eines ihrer Staatsangehörigen nicht zum Anlaß einer Staatsaktion machten. Schließlich verlangte ja auch Preußen keinen Ersatz für die von den polnischen Ministern erlegten Hirsche ... Aber am Ende ist Polen doch ein Rechtsstaat. Das mußte der jüdische Kaufmann Abraham Nachtun Halber Stadt in Warschau zu seinem Leidwesen erfahren. Halberstadt erhielt von der Dresdner Firma „Elektrodental-Fischer" eine Offerte. Er schickte den Brief uneröffnet zurück und schrieb auf den Umschlag: „Solange in Deutschland Hitler mit seinem Gesindel regiert, wird kein ordentlicher Mensch mit Ihnen Geschäfte machen." Der Briefumschlag wurde von der Reichspost an das Berliner Auswärtige Amt gesandt, welches auf diplomatischem Wege die polnischen Behörden ersuchte, Ha Iber Stadt wegen Beleidigung des Reichskanzlers zu belangen. Zwar hatte Hitler wie Goering auf dem Nürnberger Parteitag ausdrücklich betont, daß ein Jude sie nicht beleidigen könne. Auch erklärte Halberstadt, es sei gar nicht seine Absicht gewesen, den Reichskanzler zu beleidigen; er habe nur als Jude gegen die Verfolgung; Diffamierung und Entrechtung der Juden in Deutschland durch Weigerung, ein Angebot über deutsche Waren entgegenzunehmen, protestieren wollen. Trotzdem ersBeBea nndMUcfc Ub Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer iL, Irtwsdraflc lt. Tel. R 46-5-Sf mm« Ausgiebige Braten-Menüs 3 I.SO mm« 1*73 „ Genüge!- „ 8 2.20 l»vJ sowie ä Ia Carte, Spaiien am Rott / Schöner staubfreier Gartea i Das große Wiener Filmereignis LUI Darias Hais Jarog Tagebad. der Geliebten Narla DnsdildrtzeU —~«it Sxöka Szakallf Attila Hörbiger, Anna Kallina, Sylvia de Bettln!, Eta v£a Storm Buch: Felix Joachimson . Regie: Hermann Kosterliti Musik: Paul Abraham Gartenbau-Kino, Wien I„ Kärntner-Kino, Wien I.. Busch-Kino. Wien IL. Haydn-Kino. Wien VI., Kolosseum-Kino, Wien IX. Ehr Panta-Fllm Im VerMlfr^aBl Frelwlrth blickte das polnische Gericht den Tatbestand der Beleidigung des deutschen Staatsoberhauptes als gegeben und verurteilte den angeklagten Juden zu. acht Monaten Gefängnis ohne Bewährungsfrist, also unbedingt. ) .1,. Weidmannsheil! ' n Simon Dubnow. Zu seinem 75. Geburtstage. Am 18. September konnte der Historiker Simon Dubnow-die Feier seines fünfundsiebzigsten Geburtstages begehen.: Der jüdischen Oeffentlichkeit ist der Gelehrte vor allem als der Vertasser der zehnbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" bekannt, die in den Jahren 1925—1929 auch in deutscher Uebersetzung erschien und eine weite Verbreitung fand. Selbst wer wie wir der nationaljüdischen Auffassung üubnows fernsteht, wird dennoch dankbar und bereitwillig anerkennen, daß sein Geschichtswerk zu den Großtaten der jüdischen Geschichtsschreibung gehört. Es ist ein sogenanntes Standardwerk, das keine große öffentliche Bibliothek entbehren und jeder jüdische Historiker von Fach besitzen muß. Es gehörte ein ungewöhnlicher Mut dazu, dieses Werk zu wagen. Denn die Neigung der Gelehrten unserer Tage, die mit Vorliebe in Spezialforschung sich ergehen, ist solchem Tun abhold. Wer in kühnem Wurfe eine zusammenfassende Darstellung eines Kroßen Stoffgebietes unternimmt, gerät stets in die Gefahr, des Dilettantismus geziehen zu werden. Dubnow hat diese Bedenken nicht gescheut; nach langjährigen Bemühungen durfte er den Ruhm ernten, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Graetz die erste moderne umfassende Darstellung der jüdischen Gesamtgeschichte verfaßt zu haben. Es war ein lange/ WeE der Vorbereitung und nneren Selbstprüfung, den er bis zur Abfassung seines Geschichtswerkes zurücklegte. 1860 in dem weißrussischen Städtchen Mstislaw.1 geboren, ist er in jener eigenbel der Biitiier Sdiwedenbrüdie! BUCHHANDLUNG SCDNCIDEB&CO. Wien l., Franz Josels-Kat % Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, SO H und 50 g aufwärts Katalog gratis! tümlichen Atmosphäre des aufklärerischen Rationalismus gereift, die die Bindung an das überlieferte Judentum löste. Achad Haam, der Begründer des rein geistigen Kulturzionismus, hat einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht Unter den Juden des östlichen Bildungsraums hat er sowohl als Publizist wie als Dozent eine große und nachhaltige Wirksamkeit entfaltet. Er lehrte in St. Petersburg, nach der russischen Staatsumwälzung nahm er ein Jahrzehnt — von 1923 bis 1933 — in Berlin Aufenthalt, zur Zeit lebt er in Riga. Bevor er sein großes zusammenfassendes Werk in Angriff nahm, hat er in der wissenschaftlichen Einzelforschung sich die Sporen verdient: Er lieferte unter anderem Beiträge zur Geschichte der Juden in Polen und Rußland, ferner entstammt eine ausführliche Geschichte des Chassidismus seiner Feder, die ebenfalls ins Deutsche übersetzt wurde. Aber diese verschiedenartigen Spezialiorschungen waren nur Vorstufe zu seinem Lebenswerk. Weltgeschichte des jüdischen Volkes! Schon in der Titelgebung ist das Neuartige und die Grundtendenz des Werkes klar ausgesprochea Der Volksgedanke steht im Mittelpunkt: Dubnow erzählt die Geschichte eines Volkes, dessen „Weltgeschichte", wie er selbst vermerkt, die ganze Kulturwelt in ihrer nahezu gesamten räumlichen Ausdehnung (mit Ausnahme von Indien und China), .sowie das geschichtliche Dasein der Menschheit in »seinem ganzen zeitlichen Verlauf umfaßt. Die Auswahl {und Darstellung des geschichtlichen Stoffes beruht auf Seinem festumrissenen "geschichtsphilosophischen Unter- 'bau: Dubnow beobachtet und arbeitet insbesondere die Schwergewichtsverschiebung in der Hegemonie (Vorherrschaft) des einen oder anderen „nationalen Zentrums" in der jüdischen Geschichte heraus. In seinen Anfängen noch von Graetz beeinflußt, ist Dubnow schließlich zu einer völlig neuen Methode der Geschichtsschreibung gelangt: er ersetzte die ideologisch-idealistische Betrachtungsweise des Altmeisters durch eine soziologisch-kollektivistische; an die Stelle der Literatur-, Geistes-und Leidensgeschichte Israels, die.bei Graetz im Vordergrund steht, trat die Kultur-, Wirtschafts¬ und Sozialgeschichte, sowie die Heraushebung des (von Graetz vernachlässigten) Zusammenhanges zwischen allgemeiner und jüdischer Geschichte. Gewiß hat es demgroßen Werke: nicht an Kritikern gefehlt, die die Zurückdrängung der religiösen Zentralidee des Judentums zugunsten des Volksgedankens, tadelten. Historiker wie Ernst Simon und Israel Rabin haben neben anderen einen derartigen Einwand nachdrücklich erhobea Aber selbst wer aus grundsätzlicher Erwägung heraus die Geschichtsauffassung Dubnows ablehnt, wird sich stets dankbar dafür erzeigen, daß mit dem Werke die umfassendste Bilanz des jüdischen Geschichtswissens unserer Zeit gezogen worden ist Dr. Fritz Friedländer. Zeitgemäßes Gebet Owinu Malkenu! Zerstöre uns'rer Feinde Rat, Daß nicht aufgeht die böse Saat, Wie du 's getan zu allen Zeiten? Owinu Malkenu! Laß jubeln nicht den Uebermut, Der nicht erkennt, was bös und gut Und uns Verderben will bereiten! Owinu Malkenu! Hast uns verhießen Schutz und Trost Wenn Feindes Haß gleich Sturmwind tost, Vom Lebensweg uns will abgleiten! Owinu Malkenu! Zerstöre uns'rer Feinde Rat, Daß nicht aufgeht die böse Saat! Wie du 's getan zu allen Zeiten! Armin Wilkowitsch, Eger. Aus der braunen Hölle. „Prager Tagblatt" bringt folgenden Eigenbericht aus Berlin: Eine neue Aktion zur letzten endgültigen Ausbootung der letzten nicht arischen Elemente aus der gesamten Verwaltung hat begonnen. Sämtliche Beamte und Anstellte haben in diesen Tagen Fragebogen zugestellt erhalten, die sie innerhalb einer dreitägigen Frist zu beantworten haben und in denen sehr ausführliche Auskünfte über ihre Abstammung verlangt werden. Der grundsätzliche Unterschied im Vergleich zu der Reinigungsaktion' unter der Beamtenschaft, die der Narional- ' Sozialismus im April 1933 vorgenommen hat, geht aber ' daraus hervor, daß man diesmal davon abgesehen hat, an die Beamten und Angestellten die Frage zu richten, ob sie den Krieg als Frontkämpfer mitgemacht haben. Die Frontkämpfereigenschaft hatte bisher zahlreichen Nichtariern, auch Volljuden, ihre Stellung gerettet. Jetzt wird auch auf die Frontkämpfer nicht mehr Rücksicht genommen. Davon sind auch einige höhere Beamte in den Ministerien betroffen, die bisher als Frontkämpfer in ihren Stellungen verbleihen konnten. So wurde bereits der Leiter der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes, Ministerialdirektor Meyer, der eine jüdische Mutter hat, zur Disposition gestellt, ebenso der stellvertretende Gesandte Hey; ferner wurden im Auswärtigen Amt in den einstweiligen Ruhestand versetzt: Generalkonsul Wolff, der mit einer Jüdin verheiratet ist, und die Legationsräte Freudenberg und Lüttge. Verhältnismäßig zahlreicher war das jüdische und nichtarische Element bisher auch noch in der Justiz vertreten. Die letzten 75 richterlichen Beamten, die nicht als rasserein gelten, werden jetzt verabschiedet. Die zahlreichsten Opfer fordert die neue Aktion aber unter den Notaren. In Deutschland wurde bisher das Notariat von Rechtsanwälten im Nebenberuf ausgeübrj Für viele jüdische Anwälte, die als Frontkämpfer in ihren Beruf verbleiben und auch das Notariat behalten konnten, bedeutet der Verlust des Notariat» unter den heutigen Verhältnissen vielfach den Ruin der Existenz, da die Anwaltspraxis kaum mehr etwas einbringt, angesichts der weitverbreiteten Meinung, daß ,,Dr. Krttqer-Heim" Zentralanstale; für Mädchenerziehung und Fortbildung Telephon A 48-0-77 Wien II., Malxgaaae 7 Volks- und Hauptsdiule für Mädchen. Dreijährige Höhere Lehranstalt fBr wirtschaftliche Frauenberufe. Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung. Beth Jacob Religiorisiehrerinnen-Seminar. Zweijährige Kindeigärtaerinnen-Bildungsanstalt. Einjähriger praktischer Fortbildungskurs fBr Maturantinnen. Prospekt auf Wunsch. Internat. Streng rellft. Haukalt.