Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 40 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. -40 — 4. Oktober 1935 DIE WAHRHEIT Beruf vorbereiten. Mit Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit, insbesondere nach Palästina, wird dabei die HinführunR zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache im Vordergrunde stehen. Ein eigenständiger Kulturaufbau muß den kunst- und kulturschaffenden Juden Betätigungsmöglichkeiten geben und dem kulturellen Eigenleben der Juden in Deutschland djenen. 2. Dem gesteigerten Auswanderungsbedürfnis ist mit einer großzügigen Planung zu entsprechen, die vor allem Palästina, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt. Hierzu gehört die Sorge für die Vermehrung der Auswanderungsmöglichkeiten. Ausbildung in den für Auswanderung geeigneten Beruien. insbesondere Landwirtschaft und Handwerk, die Schaffung! von Möglichkeiten zur Mobilisierung und Liquidierung des Vermögens wirtschaftlich Selbständiger, die Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Transfermöglichkeiten. 3. Die Erhaltung und Betreuung der Hilfsbedürftigen, der Kranken und der Alten muß durch Ausbau der von den Gemeinden getragenen jüdischen Wohlfahrtspflege sichergestellt werden. 4. Diesen vielfältigen und schwierigen Aufgaben ist eine .verarmte Gemeinschaft nicht gewachsen. Die Reichsvertretung wird mit allen Mitteln versuchen, die wirschaftliche Kraft der Juden dadurch zu sichern, daß die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten erhalten bleiben. 5. Kraft in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft gibt das lebensvolle Fortschreiten im Aufbau des jüdischen Palästinas. Um das Judentum in Deutschland noch mehr als bisher in diese Entwicklung hineinzustellen, tritt die ReichsveTtretung als solche dem jüdischen Aufbauwerk e. V. (Keren Hajessod) bei und fordert die jüdischen Gemeinden und Verbände nachdrücklichst auf, ihrem Beispiel zu folgen. Im vollen Bewußtsein der Größe der Verantwortung und der Schwere der Aufgabe ruft die Reichsvertretung alle jüdischen Männer und Frauen, die gesamte jüdische Jugend zur Einigkeit zu jüdischer Haltung, strengster Selbstzucht und größter Opferbereitschaft auf." So erfreulich es ist, daß die deutsche Judenscliaft das selbstverständliche Gebot der Stunde: Unbedingte Einigkeit und Zurückstellung jedes Parteihaders erfaßt, so bedenklich muß die Basis erscheinen, auf der die Reichsvertretung der deutschen Juden diese Einigung vollziehen will. In der Reichsvertretung sitzen Männer, die noch vor ganz kurzer Zeit sowohl in ihrem eigenen Namen als auch in dem der von ihnen vertretenen Organisationen (Centraiverein, Jüdisch-liberale Vereinigung u. m. a.) jede Scheidung zwischen deutschem und jüdischem Volkstum aufs entschiedenste abgelehnt haben, erprobte Vorkämpfer der in ihrer Persönlichkeit, ihrem ganzen Wesen längst Wirklichkeit gewordenen Synthese von Deutschtum und Judentum. Das Gefühl tiefster seelischer und geistiger Verbundenheit mit dem Deutschtum war in der deutscher Judenschaft so stark verankert, daß auch der Zionismus in Deutschland niemals in jüdischen „Nationalismus" ausartete. Da die Natur Lippenbekenntnisse, die ihr widersprechen, gründlich Lügen straft, werden die deutschen Juden in Palästina, auch wenn sie sich mit jahrzehntelanger Zugehörigkeit zu zionistischen Organisationen legitimieren können, als Prototypen der Assimilation gewertet und deshalb angefeindet Um so schmerzlicher berührt es, i n Deutschland deutsch-jüdische Männer und Frauen die jüdischnationale Terminologie vom jüdischen „Volke" akzeptieren zu sehen und sie im selben Atem, in dem sie das Geständnis ablegen, daß d i e verarmte jüdische Gemeinschaft der Aufgabe der Wohlfahrtspflege nicht gewachsen ist, für den Keren Hajessod agitieren zu hören, der der englischen Mandatarmacht den Aufwand für die mit dem Mandat übernommenen Pflichten zu einem großen Teil abnimmt und ihr zu Ersparnissen verhilft, die fast zur Gänze den — Arabern zugute kommen. Die Bevorzugung der Araber durch die Mandatarmacht hat denen, die sehen wollen, längst die Augen über den Wert der Balfour-Deklaration geöffnet. Im September 1929 hat Weizmann seine schmerzliche Erkenntnis der Sachlage in den offenen Worten zum Ausdruck gebracht: „Nie wird es einen Judenstaat geben! Im Nebel der Kriegsjahre und der ersten Nachkriegsjahre haben Baliour, Lloyd George und ich an den Judenstaat geglaubt Damals habe ich gesagt: Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch! Die Nebel sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat verloren! Er wird nie sein. Im Mandat steht: Nationalheim in Palästina, nicht Palästina als Nationalheim! Das ist kein Judenstaat Vom Judenstaate zu reden, ist nur gefährlich. Ich glaube nicht an den Judenstaat!" Diese Offenheit ist Herrn Weizmann übel bekommen. Sie hat ihm seine Führerschaft gekostet und es ist begreiflich, daß er sich jetzt, nach seiner Wiederwahl in Luzern, einer vorsichtigeren Ausdrucksweise befleißigt, ohne seine obige Erklärung aber je widerrufen zu haben. Anläßlich seiner Rückkehr aus Luzern nach England fand in London ein zionistisches Meeting statt, auf dem Weizmann erklärte, er habe sich nicht leichten Herzens entschlossen, die Führung wieder zu übernehmen. Neue Schwierigkeiten, und eine sehr ernste Zeit stünden bevor. Wenn Leute davon reden, Juden in allen möglichen Teilen der Welt anzusiedeln, so wolle er gegen solche Pläne nicht auftreten. Aber er sei dessen eingedenk, daß es Palästina war, wohin Moses die Juden führte. Wohl sei die Frage, die 16 Millionen Juden der Welt heute in Palästina anzusiedeln, nicht aktuell. Was aber geschehen könne, sei die Ansiediung der jüdischen Jugend in Palästina, damit sie dort eine Zukunft für das ganze übrige Volk aufbauen könne, denn es sei Raum für die Ansiediung von mehr als Call Pension Ecksfein Semmering Pension bei Blindestaufenthalt für 3 Tage komplett inkl. aller Abgaben S 10.— tägl. einer Million Juden im heutigen Palästina. In diesem Zusammenhang wies Weizmann darauf hin, daß Juden seit jeher die Entwicklung der Städte förderten. Heute gibt es in Brooklyn allein 600.000 Juden, um 200.000 mehr als in Palästina. Trotzdem halte er es für überflüssig, auseinanderzusetzen, welcher Unterschied zwischen dem Schicksal der Juden in Palästina und dem der Juden anderwärts besteht. Uns erscheint dies nichi so überflüssig. Denn ein anderer Redner, der sich auf dem Luzerner Kongreß die Mühe nicht verdrießen ließ, dem Unterschied zwischen dem jüdischen Schicksal in der „Heimstätte" und in der „Galuth" nachzuspüren, hat die unangenehme Entdeckung gemacht, daß es eigentlich — keinen gibt. Er hat dargelegt, daß auch die Juden in Palästina der Gefahr ausgesetzt sind, sobaid sie genug zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung des Landes beigetragen haben werden, den Stuhl vor die Türe gesetzt zu bekommen. Angesichts dieser Aussicht, auch in Erez Israel am Ende nur das typische Galuthschicksal zu erleben, ist es um so unbegreiflicher, warum der Reichsverband der deutschen Juden die unsäglichen seelischen, geistigen und materiellen Opfer empfiehlt, die er in seinem Aufruf andeutet. Man muß ihm natürlich die katastrophale Lage der Juden in Deutschland zugute halten. Da es eine Palestine Shlpplns Co. IM. Haifa Die angenehmste Überfahrt nach Palästina mit Einklassen-Luxusdatnpfer „Tel-Aviv" Regelmäßiger Dienst Triest —Haifa Nächste Abfahrten-, 11. Okt., 25. Okt., 8. Nov. Generalvertretung: Reisebüro Universal I., Kärntnerring 3 (neben Hotel Bristol) Auflehnung gegen den Willen des Führers nicht gibt, erscheint es einem oberflächlichen Beobachter vielleicht diplomatisch, auf diesen Willen einzugehen. Hitler wünscht ein „erträgliches" Verhältnis zum jüdischen „Volke". Also konstituiert man sich gezwungenermaßen als „jüdisches Volk", da man doch auf jüdischer Seite das „erträgliche" Verhältnis erst recht wünscht. Leider obwaltet in bezug auf das Wort „erträglich" ein Mißverständnis, das nicht politische, sondern rein etymologische Ursachen hat: Die Juden denken sich unter einem „erträglichen" Verhältnis ein Verhältnis, das sie ertragen können. Für die Nazi aber bedeutet „erträglich" etwas, das ihnen einen Ertrag abwirft. So kommt es, daß der jüdische Reichsverband auf Sicherung der wirtschaftlichen Kraft der deutschen Juden hofft, während sich Hitler die vollständige Enteignung der deutschen Juden angelegen sein läßt. Dieses groteske Mißverständnis kann nur mit der Aufklärung enden, daß sich die Hoffnungen des Reichsverbands als illusorisch, damit aber auch seine ideologischen Opfer des zugunsten eines Hitler- Zionismus verleugneten Deutschtums als überflüssig erweisen. Wenn den deutschen Juden heute das Schicksal ihrer spanischen Glaubensgenossen von 1492 droht, können sie sich deren Treue zur nationalen Sprache und Kultur zum Vorbild nehmen. Die Nachkommen der jüdischen Emigranten aus Spanien sprechen und pflegen heute noch die Sprache Calderons. Und die Nachkommen der deutschen Juden, die zur Zeit der Kreuzzüge vom Rhein nach Osteuropa flohen, bewahren in ihrem „Jargon" mittelhochdeutsches Sprachgut und haben ein wesentliches Verdienst an der Erhebung der deutschen Sprache zur Weltsprache. Die deutschen Juden unserer Tage werden sich gewiß von ihren mittelalterlichen Vorfahren nicht in der Treue zur angestammten Muttersprache beschämen lassen. Und wenn Hitler in seinem Buche ..Mein Kampf" erklärt, es sei ehrenvoller, im deutschen Vaterland Straßenfeger zu sein als im Ausland König, dann werden sich die deutschen Juden, auch wenn sie im Ausland als Straßenfeger leben müssen, mit ihrem Deutschtum unzertrennlicher verbunden fühlen als ein aus dem Ausland nach Deutschland zugereister Reichskanzler und Führer. Die Enteignung der deutschen Juden. In diesen Tagen ist von deutscher amtlicher Seite einer Reihe ausländischer Pressevertreter wieder einmal mitgeteilt worden, daß „auf dringende Forderung von Dr. Schacht" auf einer Sonderkonferenz der Reichsleiter und Gauleiter in Nürnberg die Anweisung gegeben wurde, daß künftighin antisemitische Eingriffe in die Wirtschaft zu unterbleiben haben; vor allem solle die Boykottpropaganda abgebaut und die Diffamierung von Besuchern jüdischer Geschäfte eingestellt werden. Wie der soeben von einer Deutschland-Reise zurückgekehrte Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur festzustellen Gelegenheit hatte, spiegelt die obige Meldung i n keiner Weise den wahren Sachverhalt wider; im Gegenteil: die Boykottpropaganda wird mit unverminderter Stärke weitergeführt. Was aber die jüdischen Kreise und die Wirtschaftskreise im allgemeinen noch mehr beunruhigt, ja mit tiefster Sorge erfüllt, ist der Umstand, daß die seit einiger Zeit in der Oeffeniüichkeit und auch unterirdisch lancierten Pläne zur Enteignung jüdischer Vermögen immer realere Formen annehmen. Der vom parteiamtlichen Wirtschaftsdienst enthüllte Plan der Schaffung einer „Auffang-Gesellschaff zur — eingestandenermaßen — möglichst billigen Erwerbung noch gut gehender Geschäftsbetriebe auswanderungswilliger Juden begegnete von Anfang an tiefem Argwohn, weil es sich auch hier offenbar um einen Plan handelt, ein akutes Problem eigenmächtig und ohne Mitwirkung der anderen Seite zu lösen. Aus verschiedenen Teilen Deutschlands in Berlin eintreffende absolut zuverlässige Nachrichten lassen erkennen, daß der Plan der Enteignung der Juden bereits greifbare Formen annimmt. In erster Reihe ist es der in jüdischen Händen befindliche Haus- und Grundbesitz, der die Begehrlichkeit gewisser Parteikreise geweckt hatte. In vielen Städten und Landkreisen wurden die Juden, die Grundbesitz ihr Eigen nennen, von den Banken instruiert, daß ihre Hypotheken fristlos gekündigt seien und daß die Hypothekarschulden sofort bezahlt werden müssen. Solche Instruktionen ergingen von verschiedenen Stellen gleichlautend, so daß es offenbar ist, daß man es hier mit einem durchdachten System zu tun hat. Da die Banken den Juden seit längerer Zeit schon systematische Kredite verweigern, sind die jüdischen Haus- und Grundbesitzern nicht in der Lage, der plötzlichen Zahlungsaufforderung nachzukommen. Ihr Besitztum kommt zur Versteigerung und es wird überall die Sache so arrangiert, daß der Besitz arischen Deutschen, meist zu Schleuderpreisen, zugesprochen wird. Sehr viele jüdische Haus- und Grundbesitzer sind auf diese Weise ihres gesamten unbeweglichen Eigentums verlustig gegangen, ohne auch nur einen Pfennig aus dem investierten Kapital retten zu können; ja vielfach stehen sie vor der Notwendigkeit, noch restliche Hypothekarschulden sofort zu decken, da die ersteigerte Summe zur Deckung der Hypothekarschulden nicht ausreicht.