Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 40 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groscbea In Deutschland verboten! Jüdische IDodicnsdiri Die tDanrkeif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag iULU. JE_BL Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 4. Oktober 1935 Nummer 40 OPTIKER M. SCHACHTER IL, ülodfengasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten* Große Auswahl an modernen Fassungen» Samstag geschlossen \ K(1M(XC U1QI Zflll UIIQ illillP Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! Was bleibt von uns? Neilabetrachtung. „Kehre um einen Tag vor deinem Tode!" Und da keiner den Tag seines Todes kennt und jeder Tag es «ein kann, mit jeder Stunde es mit uns „zu Neila gehen" kann, darum sollen wir, den Tod vor Augen, jede Stunde so leben, daß wir uns mit Gott versöhnt fühlen. So leben sollen wir, als müßten wir im näohsten Augenblick unser Dasein liquidieren. Was nach dem Tode kommt, ist eine müßige Frage, wenn sie rein theoretisch gestellt wird und metaphysisch gemeint ist. Da wir uns ein körperliches Dasein nicht vorstellen können, würden wir auch eine Kunde über eine Fortdauer nach dem Tode, selbst wenn sie uns zuteil würde, nicht begreifen können. In weiser Zurückhaltung verzichtet deshalb das Judentum darauf, auf diese Frage näher einzugehen. Wie im Leben so im Tode bleibt uns nichts anderes als unbedingtes Gottvertrauen. Was hier auf Erden von uns bleiben kann und was wir zu tun haben, um dieses Erbe zu hinterlassen und ruhigen Gewissens aus dem Leben scheiden zu können, das allerdings ist eine Frage, auf die wir die Antwort nicht nur finden können, sondern auoh suchen sollen. Zumal sie nächst der Frage unserer Lebenserhaltung die wichtigste ist, die wir stellen können. Es ist nicht eine Frage des Egoismus, sondern der Teleologie. Wozu sind wir da? Worin besteht der Sinn und die Berechtigung unseres Daseins? Ein tiefer Gedanke liegt in dem Brauche des Islam, einem Toten zu Ehren einen Brunnen zu graben und nach ihm zu benennen. Daß Wasser Leben bedeutet, erfaßt man in der ausdörrenden Hitze des Orients, wenn mit dem ersten Tropfen, der über unsere Zunge gleitet, alle Lebensgeister in uns zurückzukehren scheinen. Welch ein Labsal, welch eine Lebensrettung oft für Mensch und Tier ein Brunnen in der Wüste! Man konnte Mirjam, die Schwester Moses nicht schöner ehren, als indem man ihrem Verdienst den Brunnen zuschrieb, der Israel durch die Wüste begleitete. Der Wert eines Andenkens besteht darin, daß, so oft man es sieht, so oft man es benützt, und wäre es an sich noch so wenig wert, man dankbar den Namen des Spenders spricht. Um wie viel mehr, wenn es ein Geschenk ist, das wir nicht entbehren können! Indem wir den Verschmachtenden noch nach unserem Tode durch eine solche Spende beleben, leben wir selbst wieder. Denn was ist Leben? Etwa eine gewisse Anzahl von Stoffwechselvorsängen, ein zeitbemessenes Wechselspiel von Aktionen und Reaktionen, von Ursachen und Wir- ■damMfflmimimniinnnm^ VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN «j^fr ^fl». KÄUFE - VERKÄUFE V r9IB ft*«m#i & BEB. AUT. SEISAL TEL. A 10-5-69 tmmmmmr kungen? Leben ist wirken. Als Mensch lebt man so viel, als man Gutes wirkt, als man Menschen hilft. Und wie man in der Wohltat lebt, so lebt man in ihr fort. Abraham wird verheißen: mit dir werden sich alle Völker der Erde gesegnet fühlen, wenn deine Nachkommen deinen Weg wandeln und zum Wohle der Menschen wirken werden. „Dann wird der Ewige über Abraham bringen, was er verheißen." Also erst in den Nachkommen wird an Abraham Gottes Wort sich erfüllen. In ihren Taten lebt er fort und — in dem Segen über sie wird er belohnt. Tat und Lohn sind abgelöst von seiner Leiblichkeit. Hier ahnen wir das Wesen der Unsterblichkeit. Unsterblich ist die Tat. Einmal erzeugt, nimmt sie fortzeugend unaufhaltsam ihren Weg. Leben bringt Leben hervor. Und was ist Glück, was Seligkeit? Eben die Tatsache, daß man unsere Tat segnet, daß sie ein Segen ist. Ein Segen für andere. Ein Segen auch für uns selbst, selbst \wenn wir diesen Segen, nicht sogleich erkennen. Wie oft ist etwas unser Glück, wir fühlen es aber nicht als solches, halten es vielmehr für unser Unglück. Viel später kommt uns erst die Erkenntnis unseres Irrtums. Also ohne daß wir es merken, fördert es unser Wohl, erhöht es. unser Sein. So gibt es im Segen über unsere Tat ein unpersönliches Glück, wie ein unpersönliches Leben gelebt wird von der Tat, die wir als Wohltäter über unseren Tod hinaus üben. Was von uns bleibt? Wir sehen: selbst wenn der Leib in Staub zerfällt, selbst wenn mit der stofflichen Hülle das Individuum, die an die Sinnlichkeit gebundene Persönlichkeit verschwinden sollte, in unserer Tat läuft unabhängig von beiden, selbständig, losgelöst von allen irdischen Banden und Schranken unser Leben weiter, freilich unpersönlich. Aber wie trefflich bezeichnet Maimonides als den höchsten Grad der Wohltätigkeit den, wenn Spender und Nehmer einander nicht kennen, den unpersönlichen. Und wird nicht „chessed schel emeth", wahre Liebe, jene genannt, die wir den Toten erweisen, da diese Liebe nicht auf Dank zu rechnen hat? Ocsterreldilsdics üuaiitais fabrlkal Ueberau erhältlich Derselbe Maimonides ist es, der das höchste Glück in wissenschaftlicher Erkenntnis findet. Auch sie ist unpersönlich. Gewiß, jede Entdeckung, jede gelungene, erfolgreiche Arbeit bereitet dem, der sie geleistet, Freude. Ob sie ihm persönlich Glück bringt, das hängt nicht von ihm ab. Für die Menschheit ist sie jedenfalls, wenn sie nicht mißbraucht wird, eine Wohltat. Und wenn Maimonides in den ewigen Wahrheiten, die unser Geist erfaßt, seine Unsterblichkeit gesichert sieht, so ist demnach diese Unsterblichkeit, die unser Verstand begreifen kann, als unpersönlich gedacht. Daß wissenschaftliche Taten den Namen des Autors tragen, spricht nicht dagegen. Was ist ein Name, den man mit anderen teilt? Was Ruhm, der meist kein Jahrhundert überlebt? Was fühlt sein Träger nach dem Tode von ihm? Was ist an ihm persönlich? Taten wir Juden nicht gut daran, die Autoren nach ihren Werken, anstatt die Werke nach den Autoren zu benennen? Wohltäter der Menschheit, die edlen Menschenfreunde, Volkserzieher, Forscher und Künstler, leben fort nicht im Namen, nicht in Denkmälern, sondern in ihren Werken. Einer der Helden Davids heißt Bena jahu, Sohn .lehojadas, „ben isch chaj" (Sohn eines lebenden Mannes) oder, wie laut der Massora zu lesen ist: ..ben isch chajil" (Sohn eines Biedermannes). Statt eines Eigennamens steht hier ein Attribut. Es genügt Jehojadas Abstammung damit zu kennzeichnen, daß sein Vater ein braver Mann war und diese seine Bravheit „lebt" fort nach seinem Tode in seinem Sohn und Fnkel. Wohl dem, der nicht nur in den eigenen Taten weiterlebt, sondern dem Kinder beschieden sind, in deren Taten sein Geist fortwirkt! —d. Was ist ein „erträgliches Verhältnis"? SZILAGYI IX., ROTEN LÖWENG. 3 ff Die Reichs Vertretung der Deutschen Juden teilt mit: „Die vom Reichstag in Nürnberg beschlossenen Gesetze haben die Juden in Deutschland auis schwerste betroffen. Sie sollen aber eine Ebene schaffen, auf der ein erträgliches Verhältnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke (!) möglich ist. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist willens, hierzu mit ihrer ganzen Kraft beizutragen. Voraussetzung für ein erträgliches Verhältnis ist die Hoffnung, daß den Juden und jüdischen Gemeinden in Deutschland durch Beendigung ihrer Diffamierung und Boykottierung die moralische und wirtschaftliche Existenzmöglichkeit gelassen wird. Die Ordnung des Lebens der Juden in Deutschland erfordert die staatliche Anerkennung einer autonomen jüdischen Führung. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist das hierzu berufene Organ. Hinter ihr steht bis auf geringe Ausnahmen die Gesamtheit der Juden und jüdischen Gemeinden, insbesondere alle Landesverbände und alle Großgemeinden, sowie die freien jüdischen Organisationen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Centralverein der Juden in Deutschland, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Vereinigung für das religiös-liberale Judentum, die organisierte Gemeinde-Orthodoxie, Jüdischer Frauenbund, Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände. Die dringendsten Aufgaben der Reichsvertretung, denen sie in energischer Verfolgung des bisher von ihr eingeschlagenen Weges mit aller Hingabe nachgehen wird, sind: 1. Das eigene jüdische Schulwerk muß der Erziehung der Jugend! zu religiös getestigten, autrechten Juden dienen. Ueber die Wissensvermittlung hinaus muß die jüdische Schule das Kind planvoll für den künftigen