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Die Wahrheit · 1935-09-27 · Heft 39 (27.9.1935) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 39 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JfSS DIE WAHRHEIT Nr. 39 — 27. September 1935 Seite 3 wohnte Festkleidung zu verzichten, darf er doch der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Ernst der Zeit manchen, der hoch abseits stand, dem religiösen Leben unserer Gemeinschaft wieder zugeführt habe. Die jüdische Religiosität kann es sich eben leisten, auf repräsentative Aeußerlichkeiten zu verzichten; es kommt dadurch ihre innere Wahrhaftigkeit nur um so stärker zur Geltung. Und man kann sich gar keinen charakteristischeren Gegensatz vorstellen, als den zwischen der jedes äußerlichen Pompes entkleideten Zwiesprache der in ihrem tiefsten Innern aufgewühlten deutschen Judenschaft mit ihrem Gotte und dem nationalsozialistischen Parteitag von Nürnberg, der mit dem größten Aufwand dekorativen Prunkes die innere Verlogenheit und brutale Barbarei seiner Beschlüsse zu drapieren suchte. Unter dem Vorwand, mit dem jüdischen „Volke" ein „erträgliches" Verhältnis zu suchen, beraubte Hitler auf diesem Nürnberger Parteitag die deutschen Juden ihres Staatsbürgerrechtes. Allerdings sind auch die deutschen Nichtjuden ziemlich rechtlos. Sie bekommen zwar den Staatsbürgerbrief, der den Juden vorenthalten wird, aber das ist eine rein relative Privilegierung: Absolut dürfen sie gegen das herrschende Nazi- Regime ebensowenig aufmucken wie die Juden. Man müßte sich deshalb einigermaßen darüber wundern, daß Hitler es mit der Sanktionierung seiner Judengesetze, die der im Dritten Reiche längst eingerissenen Praxis ohnehin sehr verspätet nachhinkt, plötzlich so eilig gehabt hat. Doch der Führer hat dafür gesorgt, daß die Welt begreift, worauf es ihm ankommt: Er hat die dunkle, aber trotzdem vielsagende Drohung ausgesprochen, daß er die endgültige „Lösung" der Judenfrage der nationalsozialistischen Partei überlassen werde, wenn — der ausländische Boykott gegen die deutschen Ausfuhrartikel nicht aufhöre. Man versteht diese Sprache, obwohl sie von einem Staatsmann in verantwortungsvoller Stelle noch nie gehört worden ist: Es handelt sich um den klaren Versuch einer Erpressung an den ausländischen Juden. Diese sollen die durch das Hitler-Regime verschuldeten wirtschaftlichen Nöte des Dritten Reiches lindern, indem sie der entjudeten deutschen Industrie unanbringliche Waren abkaufen, die öden Geistesprodukte des arisierten deuschen Büchermarktes lesen und die judenreinen Kitsch-Filme der Ufa besuchen — alles in der trügerischen Hoffnung, dadurch ihren Glaubensgenossen in Deutschland eine Lebensmöglichkeit zu sichern. die Beschlagnahme der bei den Beschuldigten vorfindlichen fertigen und halbfertigen Fabrikate sowie des etwa vorhandenen Rohmateriales vorzunehmen. Bald nach dieser Auftragserteilung wurde ich telephonisch angerufen. Ein Organ der „Polizei" fragte an, was mit den im Geschäftslokale des einen der Beschuldigten vorgefundenen und in Beschlag zu nehmenden etwa 300 Paar Schuhen geschehen solle. Es wären übrigens auch noch in Menge Schuhbestandteile und Rohstoffe vorgefunden worden. Ich gab Auftrag, die beschlagnahmten Gegenstände in einem zu dem Geschäftslokale gehörigen Nebenraume aufzubewahren, diesen Raum abzusperren und Siegel an die Türe zu legen. Auf die Frage, wie bei den anderen Beschuldigten vorgegangen werden solle, antwortete ich: „In gleicher Weise." Etwa eine Stunde war nach diesem telephonischen Gespräch vergangen. Da trat heulend und schreiend ein armseliges Judenweib, begleitet von einer ganzen Schar Kinder, in mein Büro. Es dauerte lange, bis ich dem schrecklichen Lamento, dem Jargon-Redeschwalle entnehmen konnte, welches Uebei der Armen widerfahren war: Drei Paar Stiefel hatte die Polizei in ihrer aus einem Räume bestehenden Wohnung vorgefunden, hatte die vielköpfige Familie aus der Wohnung gewiesen und die Wohnung versiegelt! Das findige Polizeiorgan — irgendein Feldgendarm — hatte meine Weisung, bei den anderen Beschuldigten genau so vorzugehen wie bei dem ersten, bei welchem eine so große Menge von Waren in Beschlag genommen worden war, leider«, allzu wörtlich genommen und kurzerhand eine ganze Familie delogiert, um in dem einzigen Zimmer der Wohnung drei Paar Stiefel unter Siegel verwahrt zu halten. Dem jammernden Weibe konnte bald geholfen werden. Garantiert Kunerol ist vollständig reines Fett aus Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschlußsiegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwurden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. MWM, Das100%reine Kokosnußfett Nur echt in Originalpackung! Wie töricht diese Hoffnung wäre, verrät indes schon die schlechte Regie der in Nürnberg inszenierten Komödie „Erträgliches Verhältnis zum jüdischen Volke". In Wirklichkeit ist die „Lösung" der Judenfrage längst Herrn Streicher und seinen Kumpanen überantwortet. Diese bedingungslosen Judenfresser halten sich nicht einmal so weit zurück, pro forma eine Anstandsfrist abzuwarten, innerhalb derer die Auslandjuden ihre „Besserung" erweisen könnten. Aus allen Teilen des deutschen Reiches werden antisemitische Einzelaktionen gemeldet, die Hitler von Nürnberg aus angeblich verboten hat. Den Juden wird nicht bloß die geschäftliche Betätigung, sondern auch der Einkauf von Lebensmitteln und Medikamenten unmöglich gemacht. Jüdische Friedhöfe und Gotteshäuser werden geschändet. Die für jüdische Besitzer wertlos gewordenen Unternehmungen werden um einen Pappenstiel aufgekauft und es hat sich — schamlos genug — schon ein Konsortium gebildet, das Ariern zur Abtreibung jüdischer Geschäfte Bargeld vorstreckt. Das bedenklichste Symptom für die katastrophale Zuspitzung des antijüdischen Wirtschaftskrieges ist die Bekehrung Schachts zum Antisemitismus Hitlers; während er vor kurzem diesem noch entgegengetreten ist, hat er jüngst selbst die völlige Arisierung der deutschen Wirtschaft angekündigt und von den Beamten seiner Reichsbank die Erfüllung des Arierparagraphen verlangt. Gleichzeitig nimmt die Hetze gegen jüdische „Rassenschänder" groteske Ausmaße an und täglich wächst die Zahl der unter diesem Titel an Leben und Freiheit bedrohten Juden. So zeigt sich die Verlogenheit der ganzen nationalsozialistischen Phraseologie im Großen wie im Kleinen, im Wesentlichen wie im Nebensächlichen und es ist erfreulich, daß die Boykottkomitees in Amerika und Holland dem nationalsozialistischen Köder nicht auf den Lehn gehen, sondern, statt sich die Milderung der Boykott-Propaganda erpressen zu lassen, im Gegenteil die Verschärfung des Boykotts der deutschen Wirtschaft propagieren. Das wird den deutschen Nazi um so unangenehmer sein, als sich ihre Judengesetze auch sonst schon als ein sehr schlechtes Geschäft für Deutschland erweisen. Durch das Verbot, daß ab 1. Jänner kein Jude Dienstmädchen unter 45 Jahren beschäftigen darf, werden Ende dieses Jahre zirka 40.000 Hausgehilfinnen brotlos. Infolge des Boykotts der jüdischen Geschäfte haben sich deren Inhaber veranlaßt gesehen, viele Aufträge an Fabriken und Handwerker zu widerrufen. Das hat sogar solche Gewerbe-Organisationen, die bisher zu den Vorkämpfern der Judenhetze gehörten, nachdenklich gestimmt und zu der Frage angeregt, ob auf diesem Gebiete nicht doch des Guten zu viel geleistet wird . .. Reumütig hat der Magistrat in Bad Harzburg, von wo die Juden kürzlich ausgewiesen wurden, jüdische Gäste wieder offiziell zum Besuch eingeladen und ihnen Sicherheit garantiert. Andere deutsche Badeorte, die unter der Fuchtel der S.-A.-Mannen am Judenboykott festhalten, suchen dessen für sie geschäftlich verheerende Folgen durch die naive Erklärung zu mildern, daß sich ihr — bekanntlich „rassisch bedingter" — Judenhaß nur auf die inländischen Juden beziehe, während ausländische Juden unbehelligt ihr Geld bei ihnen anbringen dürften. Und wenn die Veranstalter des Münchener Oktoberfestes von dieser aussichtslosen Methode, Brutalität durch Dummheit auszugleichen, abrücken, ahmen sie bloß das Beispiel des Fuchses nach, der die ihm unerreichbaren Trauben als „sauer" ablehnt. Wie lange wird es dauern, bis das ganze deutsche Volk ernüchtert sein wird? Bis dahin werden die deutschen Juden noch manch schweren Tag und manche, harte Prüfung zu bestehen haben. Aber sie werden sie bestehen. Denn sie sind nicht so wehrlos, wie ihre Verfolger glauben. Allerdings erscheint die Wehr, die sie besitzen, den Hakenkreuzlern wertlos und verächtlich, weil sie nichts damit anzufangen wissen: Diese jüdische Wehr ist das Vertrauen auf den ewigen Gott, den Schirmer der moralischen Güter der Menschheit, der Glaube an die sieghafte Gewalt der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe. Unser Neujahrfest ist der Tag des Alarms, der uns zum Gebrauch dieser Waffen aufruft und uns die Kraft gibt, uns ihrer zu bedienen. Der Vorstand der israelitischen KultusgemeindeWien hat in seiner Plenarsitzung vom 24. September folgende Protestresolution einhellig beschlossen: Die schwere Bedrückung und die unmenschliche, an das tiefste Mittelalter erinnernde Behandlung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, ihre soziale und politische Aechrung, der gegen sie systematisch geführte wirtschaftliche Vernichtungskampf und die Sanktionierung ihrer Entrechtung durch die Gesetzesbeschlüsse des Nürnberger Reichstages haben in der Wiener jüdischen Bevölkerung Mitgefühl und tiefste Entrüstung ausgelöst. — Die Wiener Judenschaft protestiert gegen die zur Begründung der judenieindlichen Maßnahmen vorgeschützten, unwahren und böswilligen, gegen die gesamte Judenschait erhobenen Anklagen. Sie richtet an das durch den Völkerbund repräsentierte Weltgewissen, an alle an der Spitze der Staaten stehenden verantwortlichen Männer den Appell, die gegen die Juden gerichteten deutschen Gesetze, die ihnen zugrundeliegenden Motive und Ziele, als den Grundsätzen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Kultur widerstreitend, zu verurteilen, und erklärt sich feierlich mit allen Bestrebungen solidarisch, die eine Beseitigung der der gesamten Judenschaft angetanen Schmach herbeiführen wollen.

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