Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 39 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064593--20375-3085614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2__ Nr. 39 — 27. September 1935 DIE WAHRHEIT pjEJ Altes facht 6ei % Mushctiere mit Szöhe szakall, fellx Dressart, Otto Wallbnrg, Ernsl Verebes, Tlftor yod nalmaq, Karl Dnszar- Pnliu und Annemarie soreasen, Eta von Storni, Klara Karrg, Lotte Nedelsku Musik: NlkeltHS BrOdSZkQ als Juden geleistet und gegolten haben, vernichtet; wir wollen demgegenüber keineswegs behaupten, daß die Juden durch diesen Kampf gestärkt, daß sie besser, einiger und geschlossener geworden sind, bloß deshalb, weil der Nationalsozialismus sie ablehnt; das wäre eine zu simple Genugtuung für uns Juden. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß auch ohne die sehr kostspielige Göbbels-Propaganda die „Judenfrage" überall in der Welt erwacht ist und sie ist, vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet, von vornherein durch die nationalsozialistischen Judenverfolgungen in überaus günstigem Sinne belastet. Die Judenverfolgungen erscheinen der übrigen Welt unlösbar verknüpft mit allen anderen dunklen Seiten paralleler Bewegungen, die die Welt immer wieder aufs neue erschüttern. Wir sprachen vorhin von Idealen, von Menschlichkeit und ähnlichen Begriffen, wobei wir uns durch eine Einschränkung gegen den Vorwurf wehrten, allzu pathetisch zu erscheinen. Sind es wirklich nur Iiberalistische Utopien, Dinge für beschauliche Abendstunden, für Augenblicke sentimentaler Regungen, wie sie uns in diesen ehrfurchtgebietenden Tagen leicht überkommen? Sind diese Dinge nicht vielmehr das einzig Reale, die einzig wirklichen Imponderabilien, die aus dem menschlichen Leben und aus dem Zusammenleben der Völker und Staaten nicht fortgedacht werden können? Ist es auch nur denkbar, mit diesen Dingen ein Gefühl, wie es der Judenhaß ist, überhaupt zu verknüpfen? Kann man sich — und mag man mit der Phantasie eines Streicher begabt sein — ein zivilisiertes Land vorstellen, in dem als Idealzustand Judenblut vom Messer ispritzen soll? Wo Juden nur deshalb, weil sie Juden sind, gehenkt werden, wie es in dem Liede heißt? Wo sie dem „Kampf mit dem Teufel" zum Opfer fallen? Dies und nicht an die Aussichtslosigkeit das Judenkampfes zu glauben, ist, so meinen wir, eine Utopie, gewachsen in den Hirnen von Leuten, deren Begriffsvermögen den heutigen Tag und den Horizont eines überheblichen, von keiner Einsicht getrübten kleinsten und häßlichsten Intellekts nicht übersteigt; von Menschen, die von ihrem winzigen Ich, ihrem geistig und körperlich verkümmerten Dasein auf die große Welt schließen, die aber von ihnen nur mit Abscheu und Verachtung Kenntnis nimmt. Elisabeth Bergner in ihrer Weltsensation M (Escape me never) Regie: Paul Czinner Uraufführung: Burg- und Rotenturm-Kino Ein B. u. D. Film der Uhited-Artists bei Dr. Hauser & Co. Tage der Läuterung. Das jüdische Neujahrsfest ist in guten wie in bösen Zeiten ein Fest der Läuterung. In tiefster seelischer Erschütterung tritt der Jude vor seinen Gott, der die menschlichen Geschicke nach der Würdigkeit des einzelnen bestimmt, jedem zuteilt, was er verdient. Darum ist die jüdische Seele, Hüterin des am Sinai empfangenen Gotteswortes, nicht erfüllt von dem Rassendünkel völkischer Auserwähltheit, sondern von der Zerknirschtheit des in der Selbsterkenntnis der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit und Schwäche seinen Sinn auf Buße und seine Hoffnung auf die verzeihende Nachsicht des Schöpfers richtenden Sünders. Dieser veredelnde Geist der inneren Einkehr und Besinnung auf das bessere Ich prägt in den ersten Tagen des Tischri die Juden der ganzen Welt zu einer faktischen Einheit, aber nicht in dem materialistischen Sinne blutmäßiger Volksverbundenheit, sondern in der ungleich höheren und erhabeneren Bedeutung der geistigen Gemeinschaft gleicher Beziehung zu dem himmlischen Wahrer von Recht "und Gerechtigkeit über alle nationalen und sozialen Unterschiede des Alltaglebens hinweg. Nur die religiöse Inbrunst schlägt Brücken zwischen den in ihrer Geschlossenheit vielfach noch die Tradition alter Lebensformen wahrenden Massen des Ostjudentums und dem der modernen Zivilisation assimilierten Westjudentum. An den hohen Feiertagen, die das jüdische Jahr einleiten, fehlt unserer nichtjüdischen Umwelt nicht die Gelegenheit, sich schon durch den äußeren Augenschein davon zu überzeugen, daß auch die höchste Anpassungsfähigkeit der mittel- und westeuropäischen Juden an die modernen Lebensformen keineswegs gleichbedeutend ist mit religiösem Indifferentismus. Die Freiwilligkeit, mit der die angeblich nur auf Gelderwerb erpichten Juden ihre Geschäfte geschlossen halten, der Andrang in den jüdischen Gotteshäusern und zahllosen improvisierten Betstätten, obwohl die Teilnahme am jüdischen Gottesdienst keine karrierefördernde Pflicht gesellschaftlicher Repräsentation bildet, beweist schon rein äußerlich das erfreuliche Vorhandensein positiv religiöser Antriebe im jüdischen Gemüte auch dort, wo dieses seine Befriedigung nicht restlos auf religiösem Gebiete sucht, sondern auch in den profanen Gefilden der Kunst und Wissenschaft Anregung findet. Um so freier von jeder nichtreligiösen Beimengung istdiejüdischeAndacht. Ein wahrhaft erschütternder Beleg hiefür ist der Aufruf des jüdischen Gemeindevorstandes von Berlin anläßlich der bevorstehenden hohen Feiertage. Obwohl er den Gemeindemitgliedern mit Rücksicht auf die Hetze der Hakenkreuzler nahelegt, bei dem Besuch der heurigen Feiertagsgottesdienste auf die ge- Feuilleton Erlebnisse bei einem Militärgerichte. Von Dr. Karl Steiner. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die ernste Tätigkeit eines Strafrichters gar oft von heiteren Szenen unterbrochen wird, die ihn zu einem Lächeln und manchmal auch zu einem hellen Auflachen zwingen. Der Straffall mag noch so ernst sein, hie und da blitzt doch ein heiteres Moment auf. Als ich im Jahre 1915 fcum „Militärgericht des k. u. k. Kreisicommandos Lublin", welchem auch die Ausübung der Strafgerichtsbarkeit über die dortige Zivilbevölkerung oblag, versetzt würde und dort in einem bis dahin mir vollständig fremden Milieu meine Tätigkeit entfaltete, hatte ich manch heiteres Erlebnis, das teils in der Art und dem Wesen der dortigen jüdisch-polnischen Bevölkeruung, teils auch in der äußerst mangelhaften Organisation des selbstverständlich militärisch organisierten Polizeiwesens seinen Grund hatte. Einige dieser Erlebnisse seien hier erzählt. Die Unterschrift Ein alter Jude stand als Zeuge vor Gericht. Ich verhörte ihn. Vorsichtig und bedächtig, als ginge es um sein Leben und nicht vielleicht nur um eine gestohlene Kuh, stieß er zunächst auf jede noch so belanglose Frage ein lang gezogenes „Hm?" aus. Es schien mir, als ob er nach jeder Frage nur immer Zeit gewinnen wollte, die Beantwortung der Frage zu überlegen. Das Verhör, dessen heitere Momente allerdings noch verstärkt wurden durch die Redeweise des Zeugen, der selbstverständlich nur im Jargon sprach, spielte sich etwa in folgender Weise ab: „Sie heißen?" „Hm?" „Wie Sie heißen?" „Wer? Ich?" „Ja, Sie." „N. N." „Wo sind Sie geboren?" „Hm?" „Wo Sie geboren sind, auf die Welt gekommen." „Hier in Lublin." In dieser Weise ging das Verhör vor sich, nach dessen Beendigung ich ihm vorschriftsmäßig das Protokoll vorlas und ihn aufforderte, es zu unterschreiben. Wieder folgte ein Spiel von Fragen. „Unterschreiben Sie das Protokoll!" „Hm? Was soll ich unterschreiben?" „Das, was Sie mir gesagt haben, was ich hier aufgeschrieben und Ihnen jetzt vorgelesen habe." „Was soll ich schreiben?" „Ihren Vor- und Zunamen." „Wo soll ich unterschreiben?" „Da unten." Mit dem Finger wies ich auf die Stelle und reichte ihm die Feder. Das Fragespiel war zu Ende. Nun kam keine Frage mehr, aber folgende klassische Antwort,' nachdem er sich vorher genau erkundigt hatte, was er unterschreiben, was er schreiben und wohin er seine Unterschrift setzen soll: „Ich kann gor nix schreiben." Die Bitte einer Mutter. Ein Junge von etwa 16 Jahren stand am 1. Februar wegen irgendeines Deliktes vor seinen Richtern. Als ich nach Beendigung der Verhandlung — es war an diesem Tage die letzte gewesen — einen Stoß Akten tragend, den Verhandlungssaal verließ, stürzte draußen ein altes Mütterchen weinend mir entgegen und fragte, welche Strafe ihr Junge bekommen habe. „Einen Monat Kerker." „So viel?", heulte die Alte auf. Ich glaubte, in ihrem Schmerze sie trösten zu müssen und sagte: „Das ist nicht viel. Seien Sie froh, daß der Februar nur 28 Tage hat, sonst müßte er 30 Tage sitzen, jetzt erspart er schon zwei Tage." Der Straffall und dieses Erlebnis waren schon lange meinem Gedächtnisse entsohwunden, drängte doch die Fülle der Arbeit, die sich von Tag zu Tag häufte. Auf merkwürdige Weise sollte ich aber daran erinnert werden. Eines Tages trat eine alte Frau in mein Büro. Auf meine Frage, was sie wünsche, rückte sie mit der Bitte heraus, ich. möge ihren Sohn enthaften. Teilnahmsvoll erkundigte ich mich nach den näheren Umständen; des Falles, fragte, wer ihr Sohn sei usw. Darauf folgte ein Redeschwall, den sie endlich mit den Worten schloß: „Ich bitte Sie, schenken Sie ihm die letzten zwei Tage! Sie haben ihm doch schon zwei Tage geschenkt!" Diese letzten Worte machten mich stutzig. Zwei Tage geschenkt? Ich ließ mir den Akt holen. Während ich darin blätterte, fiel mein Blick zufällig auf einen Wandkalender. Es war der 26. Februar. Nun mußte ich hell auflachen. Plötz lieh waren mir die Worte eingefallen, die ich nach der Verhandlung zu dem Mütterchen gesprochen hatte. ' Ich sollte also den Monat Februar um weitere zwei Tage beschneiden und auf diese Weise dem Verhafteten zwei Tage schenken. So weit reichte meine Macht denn doch nicht und ich müßte das Weiblein damit trösten, sich noch zwei Tage zu gedulden. Die Beschlagnahme. Eine Reihe von Geschäftsleuten — Schuhhänd ler und Schuhmacher — und mit ihnen auch An gehörige anderer Berufe wurde wegen Lieferung mangelhafter Röhrenstiefel für ein russisches Kriegsgefangenenlager in hochnotpeinliche Strafuntersuchung gezogen. Nach Erhalt der Anzeige setzte ich mich sofort mit der Feldgendarmerie, welche in Lublin die Agenden der Sicherheitspolizei versah, in Verbindung und erteilte ihr den Auftrag, ohne Verzug