Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 39 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Ni>:39 — 27. September 1935 > DIE WAHRHEIT Das Widderhorn. Von Prof. Dr. K. Kupfer. Jüd. Volksbildungsreferent der Stadt Wien. Ein jüdisches Instrument, das zur Altertumskunde gehört und Jahrtausende überdauert hat und dadurch zur lebendigen religiösen Gegenwart wurde, ist die Posaune, hebräisch Schofar genannt Sie gehört zu den ältesten Musik- und Signalinstrumenten und hat seit unvordenklichen Zeiten, innerhalb der religiösen Gebräuche unseres Volkes, einen besonderen Ehrenplatz erhalten. In den archäologischen Büchern, die von judenfeindlicher Seite geschrieben wurden, wird auf die Mischung von Kriegertum und Priestertum bei den Hebräern hingewiesen, da der Schofar sowohl Kriegszwecken wie auch priesterlichen Gebräuchen gedient hat. Der Ursprung des Schofar reicht in die religiöspoetische Legendenwelt hinein. Als Abraham seinen einzigen Sohn, den Sohn Sarahs, Isak, opfern sollte, standen am Fuße des Berges Moriah Ismael (der Stammvater der Araber) und seine Freunde und frohlockten, weil sie glaubten, daß der wahre Stamm Abrahams untergehen werde. Aber Gott rettete Isak. Der Engel sagte zu Abraham: Tue deinem Sohne nichts Böses, und an Stelle Isaks opferte Abraham einen Widder. Aus dem Hörne dieses Opfertieres verfertigte er die erste Posaune, stieß in dieses Lärmhorn und verkündigte damit die Unsterblichkeit des abrahamitischen Stammes. Der Schofar wurde im Laufe der Jahrhunderte zum Symbole des Neujahrsfestes und im Zusammenhange damit des vorhergehenden Monates Elul sowie Giganten der Unterwelt ab haute: KREUZ-KINO, Wien I. El n Fex - Film auch das Schlußzeichen des Versöhnungstages. Warum auch des Monates Elul? Als Kind glaubte ich selbst, daß das SchofarbJasen während des Monates Elul nur den Zweck der Uebung hatte, weil es notwendig war, sich •gründlich zu üben und dieses altehrwürdige Instrument .gebrauchsfähig zu machen. Auch hier zeigte sich die 'römische Regel: Non vi sed arte. Mehr die Geschicklichkeit als die Lungenkraft hatte zur Folge, daß die traditionell vorgeschriebenen Töne unschwer hervorgebracht wurden. Aber in gelehrten jüdischen Kreisen war man anderer Ansicht Der Monat Elul ist der Vorbereitung zu den ehrfurchtbaren Tagen des Neujahrsfestes und des ^Versöhnungstages geweiht Daher die Schofarrufe am JAorgen und am Abend während dieses Monates Elul. Dann wurde an eine Stelle aus der Traditionsquelle angeknüpft die uns berichtet: Das Volk Israel hatte bald ■nach der Erlösung Gott vergessen und die lange Ab- .'wesenheit seines Führers Moses dazu benützt, sich ein goldenes Kalb zu machen und es zu verehren. Nach .40 Tagen kehrte Moses vom Berge Sinai zurück und war über diese größte Verirrung seines Volkes entsetzt ftun hat Gott dem Volke verziehen, aber Moses, der in seinem gerechten Zorn die zwei Steintafeln zerschlagen Jjatte, mußte sich wieder, zum zweiten Male, auf den Berg Sinai begeben. Diesmal war er vorsichtiger. Er ließ in das Widderhorn blasen, um das Volk zu warnen, •daß es nicht wieder abfalle. Der erste Tag, an dem das Volk durch den Schofarton ernstlich gewarnt wurde, :war der Neumondtag des Monates Elul. Daher die Bestimmung, auch im Monate Elul Schofar zu blasen, wie es auch im Gesetzbuch des Moses Isseries, des Kommentators zum Schulchan Aruch, dem Ritualgesetzbuch •unseres Volkes, enthalten ist Wenn das Fest des Neujahres auf einen Sabbath fällt unterbleibt das Blasen des Schofar, weil es möglicherweise gegen ein Sabbathyerbot getragen werden könnte. Beim Anhören der 1' Im „S c h i 1 d", dem Organ des R e i c h s b u ndes jüdischer Frontsoldaten, werden anläßlich der durch die Gesetze von Nürnberg geschaffenen neuen Lage der Juden in Deutschland eindrucksvolle Worte an die Frontbundkameraden .gerichtet. Jeder wisse, daß diese Gesetze einen Abschnitt bedeuten. Mit einer Disziplin, die notwendiger denn je sei, und erfüllt von echtem Pflichtgefühl trete der Frontbund an die gewaltigen Aufgaben heran, die gestellt sind. „An diesem Abschnitt dürft Ihr, Kameraden, ■euch rückschauend sagen: Wir haben mit Deutschland gejubelt, wir haben mit Deutschland getrauert. -Wir haben mit Deutschland gelitten und haben für Deutschland gekämpft Ueber 12.000 der Unsern sind auf dem Felde der Ehre geblieben: Blutzeugen der Vergangenheit Die stumme Ehrfurcht, in der HERR UND FRAU P CAFETIER S. BUCHSBAUM danken auf diesem Wege allen Freunden und r. Bekannten für die ihnen anläßlich der BarMizwah ihres Sohnes erwiesenen Aafmetksamkeiten. Posaune herrscht größte Andacht Der Blasende und die_ Hörer müssen stehen und den tiefen Sinn, der darin liegt, beherzigen. Die Töne des Schofar sind nicht harmonisch, seltsam und fremd dringen sie in unser Ohr. Aber sie sind vom Neujahrsfeste nicht wegzudenkea Gott wird zum König des Alls ausgerufen und anerkannt Erinnerungen der Geschichte werden in uns wachgerufen, Rettungstaten Gottes, als er Noä und durch ihn die Menschheit vor dem Untergange bewahrte und als am Sinai die Wahrheit zu den Menschen kam. Das Widderhorn lenkt unseren Blick in die Zukunft und erinnert uns an die Verheißung, von der Jesaias meldet: Da wird man -in die große Posaune stoßen, und es kommen die Verlorenen aus Assyrien, die Verstoßenen aus Aegypten und werden Gott anbeten auf dem heiligen Berge in Jerusalem. Der Schofarton warnt den Sünder und Pflichtvergessenen, wie uns die großen Propheten Arnos und Ezechiel künden. Er ruft zum Gerichtstage und kündet den Jahreswechsel an. Im vorigen Jahrhundert fanden weltliche, der Religion entfremdete Männer, daß seine Töne nicht ästhetisch sind. Freilich gibt es andere, schönere Instrumente, wie die Flöte, das Flügelhorn usw. Aber der Schofar ist ein Symbol, eine geschichtliche Erinnerung, ein Warnruf und eine Zukunftsverheißung und deshalb unnachahmlich. Ist der Sirenenschall nicht schrill und durchdringend, aber er meldet die Gefahr und ist der Ausdruck der Verzweiflung der auf dem Meere Rettung suchenden Menschenkinder. Die mündliche Ueberlieferung gebietet uns, bestimmte Töne dieses Widüerhorns zu hören. Der erste, langgedehnte Ton, der auch der letzte ist soll ein Weckruf sein, nach den Worten des berühmten Maimonides: Erwachet ihr Schläfer . . . gedenket eures Schöpfers . . . bessert euch! Der zweite Ton ist in Bruchstücke zerlegt. Ein Sinnbild des zerbrechlichen, nichtigen und hinfälligen menschlichen Lebens. Der dritte Ton, die Tema, ist ein Freudenton, die Huldigung des Weltenkönigs, der Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Glaube an den Sieg der Gerechtigkeit, an den Untergang des Menschenhasses und an die Stunde der Befreiung unseres Volkes'von seinen Leiden, die die Zeit ihm gebracht hat Terna ist mit dem Worte rea verwandt und bedeutet Freundschaft und Menschenliebe. Die Posaune ist schließlich ein Mahnruf für den jüdischen Menschen. Sie erinnert ihn an seine Pflichten innerhalb der Welt, der Familie und des Judentums. Sie fordert 4hn auf, sein Herz, seine Seele und sein Können der jüdischen Religion und dem jüdischen Volke zu widmen. In ihren Tönen fliegt ein Versprechen und eine Verheißung. Wird der Jude gut handeln, dann wird Gott an ihn und an das jüdische Volk denken und unsere Geschicke im neuen Jahre jzum guten lenken. Er wird uns in ein Buch eines glücklichen Lebens, der Befreiung und Erlösung von allem Uebel eintragen. wir ihrer gedenken, ist die Haltung der Würde, mit der wir unsere Aufgabe in dem neuen Abschnitt anfassen. Diese schweigende Haltung möge von unserem Stolz zeugen und unser Gelöbnis in sich schließen. Denen, die unsere gefallenen Helden hinterlassen haben, wendet sich unsere unverbrüchliche Treue zu: den jüdischen Kriegswaisen, Kriegerwitwen, Kriegereitern, die ihr Liebstes hingaben, gehört mehr denn je unsere tatbereite Kameradschaft ebenso wie jenen Waffengefährten, die im feldgrauen Ehrenkleid Gesundheit und Erwerbsfähigkeit opferten. Wo immer ein Kamerad in Not ist, sei ihm die hilfsbereite Treue seiner alten jüdischen Frontkameraden nach bestem Können Stütze und Halt! ... Und von uns Kameraden soll dieser Geist in die jüdische Gemeinschaft hineingetragen werden! Den ihr nun zugewiesenen Lebensraum muß er bis in den letzten Winkel durchdringen! Was wir von je gewollt, fordert die Gegenwart mit letztem Ernst: Opferbereitscfiaft, Tapferkeit eines seelischen Soldatentums, Entschlußkraft und Verantwortungsfreudigkeit, äußerste Bewährung in Einordnung und Einsatz für. die Gemeinschaft." Der Aufsatz schließt mit dem Satze: „Unsere Ehre wird allein dureb unsere Bewährung ....... bestimmt". ... . lajels SeMvini-Resturut WM WIEN Ii., Pratentr&ße ss Telephon B 47-4-4» "^Qr Unter Aufsicht des ehrwürdigen ^"~™""T| Rabbinätes der Adas Jisroel (Schiffschul). H Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und ■ sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen ■ und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten/ H Diners und andere Festlichkeiten werden ■ in und außer Haus elegantest ausgeführt. H Jüdischnationale Verdrehungskunst. Im „Deutschen Dienst" schrieb am 16. September, einen Tag nach Erlassung der Nürnberger Judengesetzei der HauptschriftMter des offiziellen Deutschen Nachrichtenbüros Berndt zu den neuen Gesetzen unter an^ derem: Die vom Reichstag verabschiedeten neuen Gesetze, und zwar sowohl das Reichsbürgergesetz als auch das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehe, schaffen nach Jahren des Kampfes zwischen Deutschtum und Judentum ganz klare Verhältnisse. Es ist dadurch unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, daß das deutsche Volk gegen den Juden, solange er ein Angehöriger des jüdischen Volkes sein will und danach handelt, nichts einzuwenden hat, daß es aber anderseits ablehnt, den Juden als deutschen Volksgenossen anzusehen und ihm die gleichen Rechte und Pflichten wie dem Deutschen zuzuerkennen. Soeben tagte in der Schweiz der Zionistenkongreß, am" dem ebenfalls in aller Deutlichkeit festgestellt wurde, daß die Juden ein eigenes Volk sind, und es wurden die v ö 1 ki s chen A nsprüche des Judentums erneut angemeldet. Deutschland hat nur die praktischen Folgerungen davon gezogen und kommt den Forderungen des Zionistenkongresses entgegen, wenn es heute die in Deutschland lebenden Juden zu n a t i o n alen Minderheiten macht. Dadurch, daß das Judentum zu einer nationalen Minderheit gestempelt wird, wird es nun überhaupt wieder möglich,'normale Beziehungen zwischen Deutschtum und Judentum herzustellen. Die jüdische Minderheit In Deutschland erhält durch die neuen Gesetze ihr eigenes kulturelles Leben und ihr eigenes völkisches Leben. Sie kann sich eigene Schulen, eigene Theater, eigene Sportverbände schaffen; kurzum auf allen Gebieten des völkischen Lebens ist sie auf sich selbst gestellt. Das deutsche Volk ist überzeugt davon, daß es mit diesen Gesetzen eine auch für die Juden in Deutschland selbst heilsame und nützliche Tat vollbracht hat, indem Deutschland der jüdischen Minderheit Gelegenheit gibt, sich selbst zu leben. Dieses Eigenleben der jüdischen Minderheit, dem staatlicher Schutz gewährt wird, fördert die Volkswerdung des Judentums und trägt dazu bei, das Verhältnis zwischen den beiden Nationen wieder erträglicher zu gestalten." Angesichts dieser eindeutigen offiziellen Kundgebung mutet die Schlußfolgerung, die die letzte Nummer der „Neuen Welt" aus der nun für die deutschen Juden entstandenen Situation zieht, geradezu lächerlich an. Diese jüdischnational-zionistische Auslassung sei hier wiedergegeben, um zu zeigen, was sich die Herren in ihrer durch den Zusammenbruch ihrer nationalen Minderheitspolitik ausgelösten Verlegenheit an Verdrehungen zu leisten wagen. Das Blatt des Herrn Stricker schreibt : „Es ist notwendig, bei dieser traurigen Gelegenheit auf den verhängnisvollen Irrtum der jüdischen Assimilation nachdrücklichst zu verweisen. Die national eingestellten Zionisten haben immer und überall für jüdischnationales Minderheitsrecht gekämpft. Assimilatorische und leider auch gewisse zionistische Juden, die Juden Deutschlands allen voran, haben diesem Bestreben den Krieg verkündet und es als Vorschubleistung für den Antisemitismus förmlich gebrandmarkt. Jetzt erweist sich, daß der radikalste Antisemitismus die jüdischen Minderheitsrechte ebenso entschieden ablehnt, weil sie den Juden Schutz und Gleichberechtigung garantieren. Also: In Ansehung der nationalen Minderheitsrechte befinden sich nicht nationale Juden und Antisemiten auf gleicher Linie, sondern — wie das deutsche Beispiel jetzt so augenscheinlich lehrt — radikaler Antisemitismus und jüdische Assimilation. Nicht der nationale Zionismus, sondern seine Gegner sind in eine fürchterliche Gemeinschaft geraten." Die Antwort der deutschjüdischen Frontsoldaten auf Nürnberg: „Wir haben mit Deutschland gelitten ..."