Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 39 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vfc in Deutschland verboten! Preis dieser Nummer 60 Groseben Neulahrs-Festnummer. Jüdische IDodiens dirift Die tUahrheif "mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden4* Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 27. September 1935 Nummer 39 Gleiche Rechte — gleiche Pflichten! Das alte Jahr geht zur Neige. Wir weinen ihm keine Träne nach. Es war ein trübes, ein trauriges Jahr für die gesamte Judenschaft, trüb und traurig bis zum unseligen Ende, an dem jener unvergeßliche Tag steht, da zur Schande des deutschen Volkes der Ausschluß unserer deutschen Glaubensgenossen von den Vollbürgerrechten, ihre Diskriminierung und Diffamierung vollzogen wurde. Wird das neue Jahr gleich unheilvoll sein? Wird die im Dritten Reiche tobende Brandung ihre braunen Schmutzwellen auch über die Grenzen dieses Landes ergießen? Diese schicksalsschweren Fragen erfüllen uns, da wir ein neues Jahr zu begrüßen uns anschicken. Bisher ist es dem staatsmännischen Wirken der Lenker unseres Vaterlandes, die die Größe der braunen Gefahr für ihre eigene Religion und für die Unabhängigkeit Oesterreichs erkannt haben, gelungen, das Eindringen der Schlammflut in unser Land abzuwehren. Es erfüllt uns die Hoffnung, daß diese im Interesse Oesterreichs gelegene Abwehrarbeit, die bis nun schon sich so segensreich in der Weltgeltung unseres Staates auswirkte, auch weiter erfolgreich fortgesetzt wird und daß die Gleichberechtigung aller Bürger dieses Staates nicht nur ein in seiner Verfassung verankertes formales Gesetz sein wird, sondern ein hohes sittliches Gebot, das die Herzen aller Bürger dieses Landes erfüllt. Wir österreichischen Juden haben keine andere Forderung an die staatlichen Gewalten zu stellen, es gibt neben dieser Kardinalforderung kein anderes spezifisch jüdisches Interesse in Oesterreich. Ein neues Jahr, für die „Union österreichischer Juden" ein Festjahr. Im Laufe dieses Jahres begeht sie ihr 50jähriges Jubiläum. Was ihre Gründer bezweckt, dem widmet auch ihre heutige Leitung ihre Kräfte, getreu dem Leitsatze unserer Statuten: „Energische Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als vollberechtigte und gleichverpflichtete Bürger des Staates unter Ablehnung jeder Sonderstellun g." Gleiche Rechte und gleiche Pflichten sollen auch weiterhin die beiden Pole unseres Handelns sein. Wir wollen wetteifern mit allen unseren Mitbürgern, wes Glaubens sie immer sein mögen, in der Betätigung der gleichen Pflicht gegen unser geliebtes Vaterland Oesterreich, wir wollen mit ihnen den schweren Kampf um die Wiederaufrichtung unserer durch den Weltkrieg niedergeworfenen Heimat führen. Wir wollen aber auch keinen Zollbreit weichen von dem Boden des gleichen Rechtes, des Rechtes, das wir uns erworben haben, nicht nur durch den Wortlaut des Gesetzes, sondern durch unsere hingebungsvolle, opferbereite Arbeit für das Blühen und Gedeihen unseres Vaterlandes, für das unsere Brüder und Söhne im mörderischen Ringen ihr Herzblut hingegeben haben. Gleiche Rechte und gleiche Pflichten! Mit diesem alten, doch immer noch unerfüllten Losungsworte wollen wir, bauend auf die Vorsehung und vertrauend auf unsere Kraft, das neue Jahr beginnen, zu dem allen Mitgliedern, Freunden und Anhängern der „Union" die herzlichsten Wünsche entbietet das Präsidium der „Union österreichischer Juden*4. Heilige Gefühle. Eine politische Neujahrsbetrachtung. Selbstverständlich halten wir Juden den Kampf der Nationalsozialisten gegen uns für aussichtslos! Würden wir auch nur im entferntesten an dieZweckmäßigkeit und an den Erfolg dieses Kampfes glauben — schon wären wir verloren! Es ist nicht nur der Selbsterhaltungstrieb, der uns diese, dem Gegner als allzu selbstbewußt erscheinende Haltung einnehmen läßt. Würden wir all das ernst nehmen, was uns in die Schuhe geschoben wird, alle Verleumdungen und Vorwürfe auch nur über jenen kleinsten Teil hinaus akzeptieren, zu dem ein jeder von uns sich seiner menschlichen Schwächen bewüßt ist; zugeben, daß wir die Söhne des Teuiels sind, daß alle schlechten Eigenschaften, die uns zugeschrieben werden, bei uns tatsächlich in größerem Maße vorhanden sind als bei jeder anderen Gemeinschaft; glauben schließlich, daß der Querschnitt durch die Menschheit längs den Rassen verläuft und die Einteilung nicht vielmehr in gute und schlechte, anständige und unanständige Leute bei den Juden genau ,so wie bei allen anderen das einzig Richtige ist — wir müßten uns auch dann aufgeben, wenn unsere Geschichte nicht schon die unerhörtesten Verfolgungen und immer wieder die wunderbarsten Rettungen aufzuzeigen hätte. Wenn unsere Gegner, die ihre eigene Ideologie aus vergangenen Zeiten und ihr Werk von Ahnen-Nachweis und Nacheiferung abzuleiten suchen, aus unserer Geschichte nichts gelernt haben, dann sollten auch wir unsere Abwehrkraft nicht ausschließlich auf den Rückblick beschränken. Wir leben in der Gegenwart. Gibt es auch heute noch Kräfte, die uns helfen, wenn schon an einem Teil der Menschheit verzweifelt werden muß? Sie sind vorhanden; es ist dies — drücken wir es simpel aus — der andere Teil der Menschheit; es sind diejenigen, die nicht nur den Antisemitismus, sondern den Nationalsozialismus ablehnen, die an Fortschritt und nicht an Rückschritt, an Geist und nicht an Kraft, an Humanität Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen sensal A 48-9-22 R. TAUDPIANN Wl«n, II. Bezirfc, NordpoistraBe 2/3 Reparaturkredite Zlnsvorschfisse kulantest Basiere Ditfi gnt und billig OcstcrreidtfsdKS Qualität* raDrüraf Ueberau erhältlich und nicht an Kraftmeiertum glauben. Es sind diejenigen, die Menschen nicht mit Schemen verwechseln. All dies klingt recht pathetisch, zumal am Vortage kriegerischer Verwicklungen, wo brutale Gewalt über Vernunft und Gefühle zu siegen scheinen; aber ist dieses tatsächlich der wirkliche Ausdruck unserer Epoche? Sind Kriege und Eroberungen Ziel und Zweck des menschlichen Strebens? Sollen wir den Krieger als den Mann unserer Epoche werten und nicht mehr die Geister, die Köpfe, die Dichter? Soll man nationale Ideale und nationalistische Idiotie wirklich verwechseln können? Wir leben in einer Zeit sozialer und weltanschaulicher Umwälzungen, als deren Ausdruck auch Kriege und Diktaturen zu werten sind. Indessen sind sie nichts als Nebenerscheinungen, die neben dem Wesentlichen zurücktreten. Selbst die Diktatoren müssen an heilige Gefühle appellieren, denn nicht Realitäten und brutale Wahrheiten, sondern nur heiIige Gefüh 1 e und hohe Ideale vermögen die Nationen in ihrem Innersten aufzurühren und zu Taten veranlassen. Ist der Antisemitismus nun ein solches Gefühl? BHckt man auf die Entwicklung in Deutschland, so scheint es fast, als würde sich im Kampf gegen das Judentum der gesamte revolutionäre Elan erschöpfen. Aber Deutschland ist — ohne die Spannungen und Erschütterungen, die von ihm in die ganze Welt ausgehen, zu unterschätzen — nur. e i n Land, und so wenig man den nationalsozialistischen Antisemitismus als eine lokale deutsche Erscheinung abtun darf und ihr eine gebührende Stelle in der Gesamtbilanz des Weltgewissens verweigern kann, so bleibt er doch, summiert man auf der anderen Seite alle gegnerischen Strömungen, alle guten und heiligen Gefühle der Menschheit, als ein vereinzeltes Monstrum stehen, so kommt der Rassenwahn auch nicht im entferntesten auf gegen die Demokratie und Humanität aller anderen Nationen, die sich mit ihrer Staatsraison voll und ganz decken; so kommt er auch nicht auf gegen die Dogmen der Kirchen und Bekenntnisse, nicht gegen den zivilisatorischen Fortschritt, nicht gegen die Kultur der Wert und auch nicht — ein Faktor, den alle unterschätzen, die eine neue Weltanschauung diktatorisch durchsetzen wollen — gegen die primitivsten Regungen der menschlichen Seele, gegen das gesunde Urteil des einfachen Mannes. Der Nationalsozialismus gibt sich der überheblichen Ueberzeugung hin, die Judenfrage gelöst zu haben, wenn er jene wenigen Juden, die in Deutschland gelebt und ais Deutsche mehr denn