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Die Wahrheit · 1935-09-13 · Heft 37 (13.9.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 37 (13.9.1935)
Date
1935-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 37 — 13. September 1935 DIE; WAHRHEIT JÜDISCHE BLTE1K! Kauft Schulbücher für Eure Kinder im Antiquariat Hermann Tuchner Wim II., Eck« Taborstrata 52 Volksschulen, Hauptschulen, Mittelschulen und alle „ Fachschulen Auch ANTIQUARISCH in größter AuOwabI zu sehr<näßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos, spesenfreie Zusendung überallhin. FÜR AUSKÜNFTE : TEL. K 41-4-20 Lehrbücher in den richtisen Autlagen für: fehlte ihm eben der Schlüssel zum Geist der Geschichte." Schließlich machte sich der Redner über die zionistische Auffassung, daß die bloße Pflege der hebräischen Sprache identisch mit jüdischer Kultur sei, lustig. Ein anderer Misrachist, Meir Berlin, ging auf dieses Thema näher ein und erzählte: „Einer der Lehrer in Palästina gab ein kleines Buch heraus über die von den Kindern Erez Israels am meisten verwendeten Worte und Ausdrücke. Daraus geht hervor, daß Worte wie „Maschiach, Mesusah, Schofar" dem Sprachschatz der Kinder langsam verloren gehen. Natürlich, wenn keine Mesusoth'angebracht werden, wie sollen sie das Wort kennen? Wenn sie keinen Schofar hören, vergessen sie eben dieses Wort, und der B egriff Maschiach wird verdrängt und ersetzt durch Histadruth, Fonds .usw. Nicht ich habe dieses Buch verfaßt, auch nicht einer meiner Freunde, aber so steht es schwarz auf weiß geschrieben. Als Dr. Weizmann hier von der Tekiah gdolah, die den Satan vertreibt, sprach, dachte ich mir: Einer, der in Motyly geboren und in der Schweiz erzogen ist, kann noch über die Tekiah gdolah und über den Satan sprechen, aber ein palästinensisches Kind wird es nicht einmal verstehen. Ich frage Sie: Wird uns der Unterricht der hebräischen Sprache, sogar so, wie er in Palästina betrieben wird, die Generation erziehen, die das Gebot der Stunde wird verstehen und erfüllen können? Es ist unmöglich, eine Generation nur mit der Sprache zu erziehen und die großen Schätze der alten hebräischen Kultur zu vernachlässigen. Die Sprache ist doch nur das Aeußere, man muß auch den Inhalt der Literatur studieren. Wir pflegen dieses Gefühl bei unseren Kindern nicht." Bezeichnenderweise wurden diese Reden vor leeren Bänken gehalten. Die Mehrheit der Kongreßteilnehmer zeigte keine Lust, von ihren thoratreuen Gesinnungsgenossen Belehrungen über das wahre Wesen des Judentums entgegenzunehmen. Wie kann da die „Stimme" hoffen, mit ihren Bekehrungsversuchen an dem nationalen Flüchtling aus der Kultusgemeinde mehr Glück zu haben? Doch vielleicht ist der Mann Sanguiniker. Dann wird er über die unerwartete Zurechtweisung von unbefugter Seite in heilsamen Zorn geraten und sich sagen: Wohlan, wenn Judentum und jüdische Religion identische Begriffe sind, dann ist mein Platz als Jude nicht unter denen, deren Phraseologie mich das hat vergessen lassen, 'sondern unter den anderen, die an diese Identität ständig erinnern und sie gegen jede sonstige Definition des Judentums beharrlich verteidigen. Und er wird nicht länger der Kultusgemeinde den Rücken kehren, sondern den falschen Propheten aus dem sogenannten nationalen Lager, deren irreführender Terminologie er aufgesessen war . . . Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Prof. Oskar Strnad und das Judentum. Eine Betrachtung von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Bestand ein innerer Zusammenhang — so dürfte sich wohl sofort der Einwand erheben — zwischen beiden, obschon der Verstorbene bis zum letzten Atemzug als treuer Sohn seiner'Abstammung sich bekannt hatte? Hat denn dieser Bühnenbildner internationalem Rufes'i5'.je-' Szenen, Kulissen, Draperien für jene Weltbühne'entworfen, über welche das Judentum -seit ^Jahrtausenden als Hiob zieht? Hat er seine Kunst in den'Dienst seines Volkes und Glaubens gestellt, oder ist Ter von ihnen irgendwie beeinflußt worden? Mit nichten. Worin die Verbundenheit dieses Künstlers mit seinem jüdischen Ursprung zum Ausdruck kam, war nur die Menschlichkeit, die ihm eigen gewesen.ist — Am kommenden Versöhnungstage werden wir lesen, daß der Hohepriester zu Jerusalem gerade, am heiligsten Feste Kleider nicht voll Prunk und Pracht, sondern ausschlichtem weißen Leinen trug als Symbol für die sittliche Reinheit des Judentums. Gewiß nimmt dieses nicht etwa für sich in Anspruch, vereinsamt, unerreichbar auf der Höhe der Ethik zu stehen, allein mit aller Bestimmtheit darf gesagt werden, daß solche Persönlichkeiten wie Professor Strnad den Beweis dafür liefern, daß die sittliche Anschauung des Judentums sich keines Vergleiches mit der anderer Religionen oder Nationen zu schämen brauche und daß jene Anwürfe, die von einer Minderwertigkeit oder einer Rassenschande sprechen, zu den Verleumdungen gehören, die auf den Beleidiger selber zurückprallen. Unsere Weisen meinen, „aus der Totenklage, die man über einen Heimgegangenen anstimmt, lasse sich erkennen, ob ihm die Ewigkeit sicher sei". Einzelne Ausdrücke in dem Nachrufe eines Schülers des Prof. Strnad beleuchten den unvergänglichen SeelenadeJ» dieses genialen Künstlers. Wir lesen Worte wie „Demut Werken und Menschen gegenüber", „Unerbittlichkeit gegen sich selbst", „Oberster Richter in seiner G erechtigkeit für alles, auch für seelische Dinge, welche die Schüler bedrängten." — Freilich darf und soll hier nicht verschwiegen werden, daß dieses Feingefühl des Künstlers ein Erbgut war, unmittelbar von seinem Vater erhalten. Wie von verläßlicher ehrenwerter Seite mitgeteilt worden ist, war sein Vafer Samuel Strnad aus Böhmetf:staiiimend, seinerzeit nach Wien gezogen, um einen Posten in einem großindustriellen Betrieb anzutreten. Dortselbst erwarb er sich das Vertrauen seines Chefs, als aber dieser eines Tages nach, erfolgtem Abschluß eines Vertrages Bedenken gegen den sittlich empfindlichen Mann äußerte, wurde dies zur Veranlassung, daß der Vater des Künstlers vom ansehnlichen Posten schied und sodann nur unter schweren Kämpfen sich ernähren konnte. — Professor Strnad hat durch sein Leben und Schaffen dem Judentum nicht geringen moralischen Nutzen gebracht, sollte er ihn nicht im Tode seinen jüdischen Kollegen gewähren? Man denke: Oskar Strnad besaß eine gesicherte materielle Basis in seiner beamteten Professur und sodann in seiner Genialität, die viele Hemmnisse und Hindernisse zu bezwingen vermochte. Wie mag aber das Los jener jüdischen Künstler sein, die ohne fixe Anstellung und ohne die Uebermacht und Durchschlagskraft einer stark überragenden Begatnujg vor geschlossenen Türen und Toren, vor Schraden, und Barrieren des Rassenhasses und der Voj-ürteile. stehen und oft nicht bloß keine künstlerische Beschäftigung; sondern auch kein nährendes trockenes Brot erlangen können? — Sollte nicht aus dem Ehrengrab dieses hervorragenden Künstlers, Juden und Menschen der Gedanke hervorsprießen, daß die jüdische Oeffentlichkeit sich mehr der zahlreichen in Freiheit, aber auch in schwerer Furcht und Sorge um den kommenden Tag wirkenden jüdischen Männer der Künst und Wissenschaft annehme, um ihnen in Ehren das Durchhalten in dieser schweren Zeit zu ermöglicheri? — Der Römer hat einst ein Wort geprägt,'„daß aus den Gebeinen eines Verstorbenen der Räch$ entstehen werde". Aus dem Andenken an den Vielgefeierten sollte einer oder viele Retter hervorgehen für die edelsten und zugleich schwächsten Teile unseres Volkes, für "die geistigen Brüder des Professor Oskar Strnad: die jüdischen Künstler und die jüdischen Gelehrten. Iiiiis seiftwaKi-BcstanTut WIEN II.. Praierstraoe 33 . Telephon R 47-4-49 . Unter Aufsicht des ehrwürdigen - Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carfe-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. ff ri Oeffentliche Aufforderung 1 In Nummer 35 vom 30. August 1935 hat „Die Wahrheit" in sachlicher und objektiver Weise einen Aufruf des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" kritisiert, in dem diese unpolitische Vereinigung von Eitern jüdischer Schüler aller Wiener Schulen für die neue jüdischnationale Volksschule der Wiener Kultusgemeinde Propaganda machte. Es wurde in dem erwähnten Aufsatz der Vereinigung der Vorwurf gemacht, daß sie mit dieser einseitigen Propaganda ihren Wirkungskreis überschreite, und die Frage aufgeworfen, ob dieser Aufruf mit Kenntnis und Billigung aller Vorstandmitglieder des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" erlassen worden ist, von denen' so manche nichtnational eingestellt sind und daher das nationale Schulwerk ablehnen. In einer am 3. d. M. stattgehabten Sitzung des Vorstandes des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" hat — wie wir erfahren — der Obmann dieser Vereinigung, Herr Dr. Isidor KI a b e r, zugegeben, daß der Aufruf ohne Kenntnis und Billigung der übrigen Vorstandsmitglieder erlassen wurde und sich wegen dieses Fehlers entschuldigt. Er hat aber die Gelegenheit wahrgenommen, um gegen den ihm unbekannten Artikelschreiber niedrige Beleidigungen vorzubringen. Ich fordere hiemit Herrn Kultusvorsteher Dr. Isidor K1 a b e r, Obmann der Schulkommission der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Obmann des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" auf, seine Beleidigungen wortgetreu vor einem öffentlichen Forum oder schriftlich zu wiederholen, damit seinem Wunsche, daß der Artikelschreiber für diese Beleidigungen gerichtliche Sühne verlange, Rechnung getragen werden {kann. Oskar Hirschfeld, Herausgeber und Chefredakteur der Jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit". Slkefto-tfcftiilen. i Im „Reichsministerialamtsblatt" erscheint' in diesen Tagen ein Erlaß des Reichserziehungsministers, der die Einrichtung von jüdischen Volksschulen im Deutschen Reich vorsieht, und zwar für den Zeitpunkt von Ostern 1936 ab. In der Zwischenzeit werden Erhebungen über die rassische Zugehörigkeit der Schü- 1 e r erfolgen. In dem Erlaß des Reichserziehungsministers heißt es dann unter anderem: Die auf meine Anordnung bisher vorgenommenen Stichproben in einzelnen preußischen Gebietsteilen haben gezeigt, daß die öffentlichen Volksschulen noch immer in nicht unerheblichem Maße von jüdischen Schülern und Schülerinnen besucht werden. Für die Entwicklung des nationalsozialistischen Schulueserts ergeben sich hieraus schwere Hemmungen. Die Errichtung öffentlicher und privater jüdischer Schulen hat zwar an einzelnen Orten zt; einer gewissen Sonderung derjenigen jüdischen Schulkinder geführt, die der mosaischen Religion angehören. Die Trennung nach Konfessionen ist jedoch für ein nationalsozialistisches Schulwesen nicht ausreichend. Die Herstellung nationalsozialistischer Klasserigemeinschaft als Grundlage einer auf dem deutschen Volkstumsgedanken beruhenden Jugenderziehung ist nur möglich, wenn eine klare Scheidung nach der Rassenzugehörigke-it der Kinder vorgenommen wird. Ich beabsichtige daher, vom Schuljahr 1936 ab für die reichsangehörigen Schüler alier Schu'- arten eine möglichst vollständige Rassentrennung durchzuführen. Die sogenannten Viertel juden, bei denen ein Grpßelternteil jüdisch ist, beabsichtige ich, bei der auf dem Gebiet des Schulwesens vorzunehmenden Rassetrennung außer Betracht zu lassen.

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