Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 37 (13.9.1935)
- Date
- 1935-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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{ Seite 2 Nr. 37 — 13. September 1935 DIE WAHRHEIT 11 I II *sl> BADG ASTEIN KURHOTEL BRISTOL ■ffiO RESTAURANT ^3 Thermalbäder, fließendes Wasser Nachsaison Pensionspreis von S 12.— Zionismus, die Liquidation des Galuth, oder wie immer man die phantastischen Ideen eines Säkularplanes nennen mag, zu gewährleisten? Jabotinsky — der Realist Er konstatiert die Planlosigkeit der Verwaltungsmethoden in Palästina. Im Westjordanland sind zwei Drittel des Bodens unbebaut, ohne richtige Ausforschung der brachliegenden Ländereien, ohne Versuch der Bildung einer Bodenreserve und einer Anleihe für Meliorationsarbeiten. Das Ostjordanland, von kolonisatorischem Standpunkt .das Hauptgebiet, ist für die Juden verschlossen. Die Zollhoheit des Staates wird nicht wie in allen Kulturländern für die Förderung der Landesproduktion ausgenützt, sie wird für Fiskalzwecke ausgebeutet, auf Kosten der einheimischen Landwirtschaft, und die Industrie, deren Entwicklung durch eine zügellose Importüberschwemmung gehemmt wird; Ohne Bodenreserve, ohne Transjordanien ist es beinahe unmöglich, neue landwirtschaftliche Siedlungen zu schaffen.' Vom riesigen Kapitalsaufwand der letzten Jahre konnte bloß ein gefährlich kleiner Prozentsatz in neuer landwirtschaftlicher oder in neuer industrieller Produktion angelegt werden. Der sogenannte „Aufschwung der Produktion drückt sich eigentlich in dem Häuserbaufieber aus, wobei die Hauptfrage, wovon nämlich die Einwohner jener Häuser leben sollen, unbeantwortet bleibt". Jabotinsky kenzeichnet dann den unerhörten Widersinn, der darin gelegen ist, daß die finanziellen Mittel, die der Aufbau Palästinas in Anspruch genommen hat und die zu 80 Prozent aus Privatkapital herstammen, die also dazu dienen sollten, die Privatinitiative zu fördern und zu pflegen, dazu verwendet wurden, um „die Konkurrenzfähigkeit der jüdischen Baby-Wirtschaft in jenem Baby-Lande durch die Befriedigung amerikanischer Lohnansprüche zu gefährden." Mit diesen Privatmitteln wurde in Palästina ein vollständig künstlicher Klassenwahnsinn erzeugt.' und eine Chaluzim-Bewegung „voll von "edler Sehnsucht nach Opfern und Entbehrungen" ist hi eine Histadruth-de-Luxe entartet. Vernünftig denkt auch der Führer des Revisionismus über die Gestaltung der Beziehungen zwischen Religion und Volkstum. Religion ist und bleibt Privatsache im Sinne, unserer individuellen Weltanschauung. „Aber es ist nicht Privatsache, ob es noch Tempel gibt oder nicht, ob Sinai und die Propheten als lebendige, geistige Faktoren gelten oder im Museum unter Glas abgesperrt liegen, eine Art hochgeschätzte Pharaonen- Mumie oder Azteken-Antike." Auch den sozialen Problemen gegenüber hat Jabotinsky eine realpolitische und richtige Einstellung. „Nie," ruft er aus, „werden wir eine Weltordnung bejahen, wo Hunger und Tränen geduldet werden!" Aber im Streitfalle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern soll der Richter entscheiden, nicht Streik oder Lockbut. „Die soziale Gerechtigkeit soll wie jede andere Justiz nicht durch Zweikampf, sondern durch die Anrufung des Gerichtes erreicht werden." Verbringen Sie die Feiertage in ÄilEÄlDA Ittb PENSION STERN Fließendes Wasser, Meeraussicht. bekannt gute Küche, Reduzierte Herbstpreise Das Legislative Council-Projekt lehnt die neue zionistische Organisation ab. Wie uns scheint, mit Unrecht. Im Mandat ist die Errichtung einer parlamentarischen Repräsentation vorgesehen. Seit dem westfälischen Frieden ist der Mechanismus der Cair p'c iiTi o"n r Semmering Verhinderung einer Majorisierung in religiösen Glaubens- und Gewissensfragen erfunden. Die „Itio in Partes" sicherte den Religionsfrieden zwischen Katholiken und Protestanten. Auch für den Schutz nationaler Minoritäten vor Majorisierung haben verschiedene Verfassungen oder Verfassungsentwürfe zweckmäßige Vorkehrungen geschaffen oder vorgeschlagen. Insbesondere die Vorschläge des unvergeßlichen Adolf Fischhof zur Beendigung des Nationalitätenstreites in Oesterreich, die leider nie verwirklicht wurden, liefern ein brauchbares Muster für eine richtige Regelung. Der Fortbestand, die Entwicklung, das Gedeihen und die Ausdehnung der jüdischen Siedlungen in Palästina sind in erster Linie von der Herstellung eines friedlichen und freundschaftlichen Verhältnisses zu den Arabern abhängig. Auf dem Boden des Legislative Council können sich Juden und Araber in gemeinschaftlicher Liebe zu ihrer Heimat die Hände reichen und nach Kräften das Aufblühen ihres gemeinsamen Vaterlandes Palästina fördern. Dr. H. 0. Neue deutsche Judenhetze. Anlaß: Der Freispruch der Demonstranten gegen die „Bremen". Der New Yorker Richter B r o d s k y hat bekanntlich einige Personen, die wegen Herunterreißung der Hakenkreuzflägge vom deutschen Dampfer „Bremen" im Hafen von New York angeklagt waren, freigesprochen mit der Begründung, daß keine gesetzwidrige Zusammenrottung stattgefunden habe. Die Hakenkreuzflagge, führte der Richter weiter aus, habe bei den Angeklagten, berechtigter oder unberechtigter Weise, die Vorstellung von einer Piraten flagge hervorgerufen. Es kann wohl sein, daß das Zeigen der Hakenkreuzflagge im New Yorker Hafen von den Angeklagten oder anderen Teilen unserer Bürgerschaft als unerwünschtes Hissen eines Zeichens betrachtet wurde, das alles das versinnbildlicht, was den amerikanischen Idealen von den gottgebenen und unverrückbaren Rechten aller Bürger, sowie von Leben, F reih ei t undi:dem Streben nach Glück zuwiderläuft. Nach Ansicht der Versammelten bedeutet dieses Zeichen der Naziregierung Krieg der Religion, Vernichtung von Mitbürgern lediglich aus religiösen und ethnologischen Gründen, Entwürdigung der gelernten Berufe, kurz gefaßt, wenn ich einen biologischen Begriff gebrauchen darf, einen atavistischen Rückschritt in mittelalterliche, wenn nicht gar barbarische, soziale und politische Verhältnisse. Das Urteil und seine Begründung haben den nationalsozialistischen Zeitungen in Deutschland Anlaß zu einer rücksichtslosen Jude nhetze gegeben. Das Signal hierzu gab der Reichsjuristenführer und Reichsminister Dr. Hans Frank, Präsident der Akademie für deutsches Recht, der in 'einer ad hoc einberufenen Tagung der Juristen-Führung, über die offiziell mitgeteilt wird, daß zu ihr die Vertreter der deutschen Richter, der Staatsanwälte, Rechtsanwälte usw. erschienen waren, u. a. ausführte: „B r o d sk y i s t Jude. Juden können weder unsere Flagge noch unser nationalsozialistisches Deutschland irgendwie beleidigen. Daß ein Jude das Ehrenkleid eines Feuilleton Nachdruck verboten. „esches chajil" Meiner Gottseligen Mutter gewidmet. 1. Seelen-Bilanz stiftet Ehe. Wer findet ein tugendsam We'b, höher im Wert ist sie als Perlen. Salomo. Sie mit ihren Eltern lebte in einer Mittelstadt in Russisch-Polen, er mit seinen Eltern in einer solchen Stadt im österreichischen Kronlande Galizien, und ohne einander in einem mondänen Kurorte begegnet zu sein, wurden sie ein Paar. Wieso? Durch die Vermittlung einer passiven Bilanz. Erschrecke nicht, lieber Leser, es war nicht die prekäre wirtschaftliche Bilanz ihres oder seines Vaters, welche diese Verbindung schuf. Zur Zeit, als diese Ehe geschlossen wurde, waren Sanierungsehen im jüdischen Hause noch unbekannt. Vielmehr war es die Seelen-Bilanz, der cheschbon hanefesoh, eines gerechten, frommen Mannes, welche diese Ehe stiftete. Als eines Abends ihr Vater Seelen-Bilanz machte, stellte er zu seinem großen Kummer fest, daß diese passiv sei. ^Vohl, überlegte er, werden Gottes Worte in meinem Hause gepflegt und geübt, wohl leben und weben meine elf Kinder — Söhne und Töchter, welche bereits reichlich versorgt waren — mit ihren Familien nach den (Gesetzen von Moses und .Israel, dies allein reicht.-aber-lange .nicht aus, um die Seelen-Bilanz eines Juden, in der höchsten Bedeutung dieses Wortes, aktiv zu gestalten. Zu diesem Zwecke muß ein Jude überdies für sein Judentum etwas Positives, etwas Unvergängliches geschalten haben. Daß er dieses Etwas noch sticht geschaffen hatte, war ihm klar. Nun dachte er lange wegen einer solchen Tat für die Ewigkeit nach. Von nun ab, sagte er, sollen Gottes Worte in meinem Hause nicht mir gepflegt und geübt, sondern auch gelehrt und vermehrt werden. Wie als Symbol der zwölften Stunde erinnerte er sich an sie, sein zwölftes und jüngstes Kind. Diese seine Tochter, ein kluges, im Glauben erzogenes Mädchen von ungeiähr neun Jahren, mit einem großen Talmudgelehrten zu verbinden, beschloß er an jenem Abend. Dieser Beschluß wurde sehr gewissenhaft ausgeführt. Nach nah und fern wurden Briefe versendet, welche die Botschaft beinhalteten: Der bekannte, fromme und reiche Mann N. in der Stadt X. sucht für seine jüngste Tochter einen großen Talmudisten zum Manne. Eine Reihe1 junger Gelehrter wurden in Vorschlag gebracht. Der Rabbiner der Stadt X. besuchte der Reihe nach die jungen Leute, um sie auf ihre Kenntnisse zu prüfen. Als der Rabbiner am Ende seiner Erkundigungspeise ihrem Vater berichtete, daß er wohl vielen Talmudgelehrten begegnet sei, daß jedoch einer, in der galizischen Stadt Y., alle an'Wissen überrage, wurden sie und dieser große Talmudist nach einem Brautstand von einigen Jahren Mann und Frau. 2. esches chajil's Lehrjahre. Sie sieht sich um nach Wolle und Leinen . und arbeitet mit .munteren Händen. Salomo. Die ersten Jahr seiner Ehe verbrachte das Paar im Hause ihrer Eltern. Hier waren sie vor allem jeder materiellen Sorge enthoben. Er entfaltete eine segensreiche Tätigkeit auf talmudischem Gebiete, und bald war ein großer Kreis von Schülern um ihn versammelt. Sie war glücklich, überglücklich. Nicht etwa in irdischen Genüssen bestand dieses Glück. Vielmehr war es sein Abglanz, welchen sie in bescheidener Zurückgezogenheit genoß. Gab es doch zu jener Zeit für eine jüdische Tochter nichts Wünschenswertes, als eineiü Manne zu gehören, welcher sich ständig mit der heiligen Lehre befaßte. ' - Dieser Zustand wurde durch den Tod ihres Vaters jäh unterbrochen. Wohl verfügte das Paar über eine größere Summe Geldes. Diese reichte aber nicht allein zum Lebensunterhalt aus. Man mußte sich um einen Erwerb umschauen. Daß er einen Rabbinerpösten annehme, wäre wohl in dieser Situation naheliegend, aber mit der Aufgabe eines Teiles seiner, geistigen Arbeiten verbunden gewesen. Dazu konnte weder er noch sie sich entschließen. Da trat sie zum erstenmal hervor. Er, sagte sie, darf Seine hohe Mission, welche zu erfüllen er bestimmt ist; nicht unterbrechen, ich werde einen Beruf ergreifen. Sah sie ihren Vater seinerzeit Häuser bauen, so begann sie jetzt dasselbe zu tun. Sie pflegte ein Kind, versah die Wirtschaft, beaufsichtigte den Bau eines Hauses und war glücklich, grenzenlos glücklich. Hat sich doch inzwischen sein Ruhm über das ganze Land verbreitet. Werke, die er veröffentlichte, fanden die höchste Anerkennung, und fortan wurde er nicht meiir bei seinem Namen, sondern beim Titel seiner Werke genannt. Daß sie an all dem ihren großen Anteil hatte, daran auch nur zu denken, verbot ihr ihre unendliche Bescheidenheit. Und wenn zuweilen ein leiser Schatten ihr Antlitz ein wenig verdunkelte, so waren es nicht materielle Sorgen, welche ihr wohl auch nicht unbekannt blieben, die diesen Schatten hervorriefen, vielmehr etwas ganz anderes. Am frühen Morgen, während sie sich gewöhnlich anschickte, ihre physische Tagesarbeit zu beginner. pflegte er, nach zwanzigstündigem Dienst, seine geistige Werkstatt zu verlassen, um sich einige Stunden Ruhe zu gönnen. Zu dieser Stunde tauschten sie die Erfahrungen des vorangegangenen Tages aus. Ohne jede Absicht berichtete er ihr manchmal, daß er während der Nach! gut gearbeitet und einige gelungene Gedanken notiert habe. Alle seine Gedanken könnte er jedoch nicht zu Papier bringen, weil die allzu stark in Anspruch genommene Feder plötzlich versagte. Eine solche harmlose Erzählung rief bei ihr jenen leisen Schatten hervor. Denn daß eine zweite Feder nicht vorhanden war. daß an einem solchen Abend nicht noch mehr heilige Worte das Licht der Welt erblicken konnten, das verschuldet zu haben, klagte sie sich selbst an. Hielt sie es docli für ihre Pflicht, damit er seine heilige Arbeit, seine awodath hakodesch, auch nicht für einen Moment zu unterbrechen braucht, seinen Arbeitstisch mit Schreibutensilien zu versorgen. Doch die Freude über die Uebergabe eines neuen von ihm fertiggestellten Werkes ah den Buchdrucker machte solche Zwischenfälle bald vergessen. Noch lange hätte ihr unbeschränktes Glück gewährt, wenn nicht damals alle Ausländer, somit auch unser Paar, eines Tages Russisch-Polen hätten verlassen müssen. 3. esches chajil's Wanderjahre. Kraft und Schöne sind ihr Gewand, sie lacht des späten Tages. Salomo. In seinem Heimatlande, wohin sich das Paar gewendet hatte, wurde er in Ehren empfangen. Ein hohes