Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 37 (13.9.1935)
- Date
- 1935-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dMeer Nummer 40 Groschen Jüdische Die UUrU 'c~r':";\ Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.018 51. Jahrgang Wien, 13. September 1935 Nummer 37 OPTIKER M. SCHACHTER II., GIOdfCDgastt 25 Genaueste Ausführung von Rezepten »Große Auswahl an modernen Fassungen*Samstag geschlossen __ Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt!_ Jabotinsky — der Utopist Kurz nach Beendigung des Zionistenkongresses in Luzern hat Jabotinsky den Gründungskongreß der Neuen Zionistischen Organisation nach Wien einberufen und in einer mehrstündigen, großangelegten Rede, die zweifellos eine oratorische Leistung ersten Ranges gewesen ist, die Ziele der Revisionisten innerhalb und außerhalb Palästinas gekennzeichnet. Mit Recht nennt die „Reichspost" Jabotinsky einen interessanten und merkwürdigen Mann. In ihm vereinigt sich die utopistischeste Phantasie mit realem Wirklichkeitssinn. Jabotinsky verbindet mit fregolihatter Geschicklichkeit irrealen, radikal-jüdischnationalen Zionismus mit einer realen Erkenntnis der Schwächen der Exekutive, ihrer Palästina- Politik und der Gefährdung des bisher in Palästina Erreichten durch eine schwächliche Wandelpolitik, die den Wünschen der Mandatsmacht, die von ganz anderen Voraussetzungen beinflußt sind als von Bedürfnissen heimatloser Juden, unbedingten Gehorsam leistet. Seine große Rede begann Jabotinsky mit einer Feststellung, diedengeschichtli'chen Tatsachen widerspricht. Er behauptet, daß „der Versuch, die Frage des jüdischen Daseins durch Gleichberechtigt! ng undkulturelleAssimilation zu beseitigen, auf allen Gebieten mißlungen i s t". Er übersieht den Zustand, in dem die Juden am Ausgang des 18. Jahrhunderts vor Emanzipation und Assimilation in Europa lebten, und übersieht insbesondere die mittlerweile in den Vereinigten Staaten entstandene größte Siedlung der Juden, die unter dem Sternenbanner sich der Freiheit und Gleichheit amerikanischer Vollbürger erfreuen, die sich mit Stolz als Angehörige der großen amerikanischen Nation fühlen und als solche von ihren Mitbürgern bedingungslos angesehen und anerkannt werden. Jabotinsky verschließt sich der Tatsache, daß durch die russische Revolution auch die zweitgrößte jüdische Siedlung der1 Welt in Rußland Gleichberechtigung und Bürgerrecht erlangt hat und daß deren Angehörige nur unter der allgemeinen Not des russischen Volkes zu leiden haben aber von dem besonderen Schmerz, von ihren Mitbürgern bedrängt und als Fremde verfolgt zu sein, verschont sind. Jabotinsky konstatiert „das totale Verschwinden des programmatischen ja-sagenden Assimilantentums" und irrt; die große Majorität der Juden der Welt jagt nicht den Phantomen des nationalen Judenstaates und des „Hochzionismus" nach, die große Majorität der Juden der Welt will ihren Glauben, aber auch ihr Vaterland behalten und lehnt die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Nation ab. Angesichts dieser großen geschichtlichen Tatsache und der unveräußerlichen Rechte der Juden der ganzen Welt!, die zuerst aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, dann aus dem im Kampf mit Blutopfern. errungenen, den reaktionären Mächten entrissenen Verfassungen der europäischen Staaten sich ableiten, kann nur ein von einer fixen Idee beherrschter Fanatismus davon sprechen, daß „in der Diaspora für die Juden kein Platz" sei. Angesichts dieser geschichtlichen Tatsachen ist die Diaspora ein längst überholter anachronistischer Begriff, die D.iaspora ist überwunden, wenigstens zum allergrößten Teil in derWelt überwunden, durch Emanzipation, Gleichberechtigung und kulturelle Assimilation. Die gegenwärtige Lage der .Glaubensgenossen auf der Welt real sich vor Augen haltend, von einem „Welt-Ghetto" zu sprechen, ist maßlose Uebertreibung, verglichen mit den Zuständen am Ausgang des 18. Jahrhunderts, vor der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, der französischen Revolution und dem Siegesmarsch der Freiheit im Jahre 1848. Das hindert uns natürlich nicht, zu erkennen, daß es schwere Rückschläge gibt, daß insbesondere in Deutschland eine unfaßbare, unvorhersehbare Reaktion eingetreten ist, aber aus dem Gesichtswinkel der Geschichte betrachtet, wird die deutsche Bedrückung unserer Glaubensgenossen eine Episode bleiben, die als warnendes Beispiel für alle Zeiten die weitestgehende Entartung eines Nationalismus charakterisieren wird. Jabotinsky — der Phantast. Als solcher spricht er, der mit großer Meisterschaft einprägsame Bilder formt, die nur den Fehler haben, gänzlich verzeichnet zu sein, „von dem Höhepunkt des Sturmes", „vorn der vormessianischen Tiefe des Elends", von der Schaffung „des diesem Elend ebenbürtigen H o c h z i onismus". Als ob das spezifische Elend der Juden, wie gezeigt, in früheren Jahrhunderten nicht noch unermeßlich größer gewesen wäre und als ob nicht Millionen der lebenden Generation von Nichtjuden von gleichem »oder noch größerem Elend erfaßt wären. Den „V o 11 - E x o d u s" verlangt Jabotinsky nicht korrektiv zur Diaspora in der Form einer Muster-Enklave in Palästina, sondern Liquidation der Diaspora. Letzten Endes vermutlich nicht weniger als Liquidation der Galuth. „Vielleicht ist es sogar ein sehr bescheidenes Ziel:'das jüdische Volk zu normalisieren, so normal wie die große französische oder die kleine dänische Nation: alle im eigenen. Staate; alle frei; und keine Diaspora." Im Sturm seiner oratorischen Leidenschaft verliert Jabotinsky vollständig den realen Boden unter den Füßen, er vergißt die 2000jährige Schicksals-, Kultur- und Sprachengemeinschaft der Franzosen und Dänen und anderer Nationen in geschlossener Siedlung im eigenen Land. Auch deT Judenstaat ist für Japotinsky nicht Endziel. Der Judenstaat ist nur der erste Schritt im Prozesse der Verwirklichung des Hochzionismus. Dann, wird der zweite folgen, die Heimkehr des Rasiere Dich gut und billig OcsferrclcMsdics Qualität* rabrikat Ueberau erhältlich Volkes, der Exodus, die Lösung der Juden* frage. Aus dem Konglomerat der Völker, in denen die 16 Millionen Glaubensgenossen zum größten Teile aufgegangen und mit denen sie untrennbar verbunden sind, will der Führer der Revisionisten die Juden loslösen und ohne gemeinsame Sprache und ohne gemeinsame Kultur nach 2000 Jahren unterbrochener Schicksalsgemeinschaft nach Palästina verpflanzen. Schon vor diesem Zeitpunkte soll aber die Weltgemeinde des Zionjudenrums proklamiert werden, die ihre Parlamente „Parlamente" nennen, offizielle Anerkennung ihrer Hoheitsrechte, offizielle Vertretung in Genf und überall verlangen soll. Was hier verlangt wird, ist nicht mehr oder weniger das Verlangen nach Errichtung jüdischnationaler Ghettos in allen Ländern und Staaten, die Errichtung des Weltghettos, das erst geschaffen werden soll, damit uns dann die Revisionisten aus ihm befreien. Für die erste Etappe des Hochzionismus wird nach dem Muster der Marxisten und Nationalsozialisten ein Zehnjahrplan empfohlen, „für die Verwirklichung des jüdischen Mehrheitsstaates auf beiden Seiten des Jordans". Dieser Zehnjahrplan muß die Ansiedlung von etwa eineinhalb Millionen jüdischer Einwanderer in Aussicht nehmen, muß diese Zahl auf die verschiedenen Diaspora-Länder aufteilen, so daß ein jedes von diesem Anfang der großen Evakuation genießen soll. Hoffentlich aber nur dann, wenn die Juden der einzelnen Länder auch wollen. Wir sind der Ueberzeugung, daß bei der Durchführung dieses Planes so manche Quote unausgenützt bliebe. Ist dem Führer der Revisionisten klar, daß die Durchführung des Planes, der die Einwanderung von mehr als 100.000 Juden im Jahr erfordert, in Mittel- und Westeuropa, in Rußland und in Amerika nicht leicht möglich sein wird. Ebenso utopistisch spricht auch Jabotinsky von dem Verhältnis der Juden zu England. Er träumt davon, daß „ein großes, adefsittliches Volk sich an ein anderes großes adelsittliches Volk wenden darf. Willst du rriir helfen, zusammen ein Versprechen Gottes zu erfüllen, aber ohne Schacher, ohne Diskont, voll, groß, adelig, wie du und ich? Wie man um MitteraacH an die Sonne glaubt, glaube ich an den endgültigen Beschluß dieses Ritter- und Richtervolkes". Kann sich jemand ernstlich dem Wahn hingeben, daß Großbritannien alle seine vermeintlichen und wirklichen internationalen Interessen dem revisionistischen Programm, wie es Jabotinsky entwickelt, .hintansetzen wird, um statt der Erfüllung des bescheidenen Versprechens einer Heimstätte in der Balfour-Deklararion, den Voll-Exodus, den Hoch-