Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 36 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064590--20353-3085589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DK WAHRHEIT Nr. 36 — 6. September 1935 Seite 7 Aas der braunen Hölle. In Nienburg a. d. Saale überwies der Gemeinderat einen Antrag an die Polizei zur Ausführung, wonach auf Wunsch der Anwohner die Adolf-Meyer- Straße einen anderen Namen erhalten und der Judenfriedhof beseitigt werden soll. Zur Begründung des letzteren Antrages wird darauf hingewiesen, daß die Anwohner nicht weiter beobachten möchten, wie die Juden nachts ihre Kinder begraben. * Die „Lippische Landeszeitung" in Detmold berichtet: „In der Nacht zum Sonnabend haben ruchlose Hände auf dem israelitischen Friedhofe an der Flurstraße 23 Grabsteine umgeworfen. Die Gedenksteine sind teilweise zu Bruch gegangen, zum Teile liegen sie auf den Gräbern oder sind auf anderen Ruhestätten gefallen. Der jüdische Friedhof bietet heute ein Bild der Verwüstung. Die Friedhofschänder haben sich in erster Linie an die Grabsteine der jüngeren Zeit herangemacht. Die älteren Denksteine sind fester verankert und waren nicht so leicht von der Stelle zu bewegen. In der S ynagoge an der Friedrichstraße haben wahrscheinlich dieselben Täter gewütet. Die verschlossenen Türen wurden aufgebrochen, der Altar sowohl wie Bänke und Leuchter sind zerschlagen und demoliert." * Der an der Rentzelstraße gelegene sogenannte Grindelfriedhof der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg ist stark beschädigt worden.*Aus den massiven, in Mauerwerk eingelassenen Eisengeländern wurden vier Felder von je vier Meter Breite herausgerissen und in das Innere des Friedhofes geworfen, wodurch die ersten Gräberreihen stark gelitten haben ud große Steine umgeworfen worden sind. Die Polizei hat die Nachforschung nach den Tätern aufgenommen. — Der Grindelfriedhof soll im übrigen, wie bekannt wird, in die Bebauungspläne für die betreffende Stadtgegend einbezogen und eingeebnet werden. Auf dem Friedhofe liegen sehr viele bekannte Persönlichkeiten begraben, so u. a. Gabriel Riesser, der Vorkämpfer der Emanzipation der deutschen Juden. * Nach Meldung des „Chemnitzer Tageblattes" haben der Polizeipräsident und der Oberbürgermeister von Chemnitz folgende Bekanntmachung erlassen: Der Zuzug von Personen jüdischer Rasse ist für Chemnitz ebenso unerwünscht wie für andere Orte, in denen die maßgebenden Behörden bereits Schritte gegen einen solchen Zuzug unternommen haben. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß solchen Personen jede öffentliche Unterstützung in offener Fürsorge versagt wird und daß sie bei Unterkunftsschwierigkeiten ausnahmslos kurzfristig im Obdachlosenheim untergebracht und gezwungen werden, die Stadt wieder zu verlassen. Im übrigen werden alle Hausbesitzer und Vermieter von Untermietswohnungen nichtjüdischer Rassezugehörigkeit hiermit dringend gewarnt, neu nach Chemnitz zuziehenden Personen jüdischer Rassezugehörigkeit Unterkommen zu gewähren; es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sich ein großer Unwille nationalsozialistisch gesinnter Bevölkerungskreise gegen solche Vermieter erheben würde, was für diese selbst unter Umständen sehr ernste Folgen haben könnte. Nach dem „Chemnitzer Tageblatt" wurde in einer Dienstbesprechung unter dem Vorsitz von Bürgermeister Dr. Hertwig-Chemnitz davon Kenntnis genommen, daß vom städtischen Personalamt ein „Pranger" für städtische Beschäftigte errichtet werden soll, auf dem diejenigen namhaft gemacht werden, die Waren in jüdischen Kaufhäusern gekauft haben. * Am Lübecker Rathaus ist ein großes Schild mit der Inschrift „Vor Juden und Taschendieben wird gewarnt" angebracht. * Die Dortmunder „Tremonia" meldet, daß den Leihhäusern in Barmen und Elberfeld sowie den Pfandvermittlern die Annahme von Pfändern von Juden untersagt worden ist. Von Juden angekaufte Pfandscheine werden nicht eingelöst. * Unter der Ueberschrift „Durchsichtige jüdische Manöver*. . ." veröffentlicht das Mannheimer „Hakenkreuzbanner" einen Bericht aus Karlsruhe, in dem das Blatt sich dagegen wendet, daß aus verschiedenen Bezirken des Reiches in den letzten Tagen jüdische Groß- und Einzelharidelsgeschäfte Mitteilungen an ihre Lieferanten gesandt haben, die fast übereinstimmend lauteten: „Ich muß Ihnen leider mitteilen, daß ich die am ... ten fällige Rechnung nicht bezahlen kann, da vor meinem Geschäft nationalsozialistische Posten stehen, die aufpassen, wer in meinem Geschäft kauft. Dadurch fehlen mir die Kasseneingänge, um meinen Verpflichtungen nachkommen zu können." .Ferner seien jüdische Einkaufshäuser dazu übergegangen, folgende und ähnliche Klauseln in ihren Auftragsformularen aufzunehmen: „Käufer ist berechtigt, von diesem Auftrag ganz oder teilweise zurückzutreten, wenn durch höhere Gewalt oder andere von ihm nicht zu beeinflussende Umstände der Geschäftsbetrieb wesentlich erschwert wird." * Das „Chemnitzer Tagblatt" berichtet, daß in einer Dienstbesprechung mit den Stadträten davon Kenntnis genommen wurde, „daß das Kulturamt Gelegenheit nehmen wird, ein früher erworbenes Gemälde des Juden Liebermaim gegen ein anderes Gemälde einzutauschen". Amerika protestiert. .. Auf einer Feier des „Instituts für öffentliche Angelegenheiten" (Institute of Public Aifairs) am Williams College in Williamstown (Massachussets) erklärte der Gouverneur des Staates New York Oberst Herbert Ii. Lehman: Ein Schauder erfaßt ganz Amerika angesichts der grauenvollen Verfolgungen, denen große Teile der Bevölkerung eines großen Landes wegen ihrer Religions- oder Rassezugehörigkeit ausgesetzt sind. Ein ganzer Volksteil ist zu wirtschaftlicher, religiöser und politischer Vernichtung unbarmherzig verurteilt. Gouverneur Lehman gab zum Schlüsse dem tiefen Glauben Ausdruck, daß die amerikanischen Ideale von Gerechtigkeit und Freiheit genug Widerstandskraft gegen die ausländische Propaganda in Amerika beweisen werden. Das Mitglied der Außenpolitischen Kommission des amerikanischen Kongresses G. M. Gilles erklärte dem JTA-Vertreter, die Kommission hat in einer eingehenden Diskussion mit „ernstem Nachdenken" das Problem der Judenverfolgungen in Deutschland behandelt. Die amerikanische Regierung wird alle möglichen Schritte in der Angelegenheit unternehmen. ... die Diplomaten schweigen. Auf Einladung des Chefs des außenpolitischen Amtes der NSDAP., Reichsleiter Alfred Rosenberg, besuchteni ausländische Diplomaten und ausländische Pressevertreter die im Spreewald gelegenen Arbeitsdienstlager. In Frankfurt a. Oder sprach zum Abschluß der Fahrt Reichsarbeitsführer Staatssekretär Hierl über Sinn und Zweck des deutschen Arbeitsdienstes. Nach dem Bericht des „Völkischen Beobachters" führte er im Verlaufe MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen. 99i Wien l.f Seitenstettengasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem L Tor _8am»t»g g««chIo»sen i_ seiner Ansprache folgendes aus: „Die materialistische Weltanschauung der liberalistisch-marxistischen Zeitepoche sah in der Arbeit nur ein Mittel zum Geldverdienen). Jüdischer Händlergeist hatte die Arbeit und den Arbeiter herabgewürdigtzurWare. Zersetzender jüdischer Geist hatte unser Volk gespalten m Arbeiter der Stirn und der Faust und beide gegeneinander gehetzt, um sie beide zu beherrschen." Revisionistische „Wahlen". Anfangs dieser Woche haben unsere Revisionisten die „Wahlen" zu ihrem Samstag beginnenden Gründungskongreß der „Neuen Zionistischen Organisation" durchgeführt. Der Ausdruck „Wahlen" ist hier allerdings recht fehl am Platze, denn Stimmrecht hatte jedermann, der vorher eine Deklaration unterschrieb, daß er den „Judenstaat in Palästina zu beiden Seiten des Jordan" erstrebe. „Wahllisten" gab es nur zwei (eine religiöse und eine Einheitsliste, die sämtliche revisionistische Gruppen umfaßte) und in den „Wahlkommissionen" saßen nur Revisionisten. Es gab also überhaupt keine Kontrolle; bei der Stimmzählung waren ebenfalls nur Revisionisten anwesend. Das Resultat ist immerhin interessant. Während sämtliche zionistischen Gruppen bei den Delegiertenwablen zum Luzerner Zionistenkongreß in ganz Oesterreich nur etwas über 12.000 Stimmen aufbrachten, gingen 14.000 Revisionisten zur Wahl. Auch den Außenstehenden fiel es auf, mit welch großem Aufwände diese „Wahlen" durchgeführt wurden. Gerade die Revisionisten haben doch immer gegen die „zu großen Spesen" gewettert Und auf einmal überschwemmten sie die Oeffentlichkeit mit Flugblättern, Plakaten und veröffentlichten in der Tagespresse lange Artikel, die zum Gaudium jder christlichen Leser nicht unerwidert blieben. Von den Wählern, die tatsächlich zur Urne gingen, Jatten gewiß sehr viele keine Ahnung, worum es da eigentlich ging. Denfoi das Hauptargument der Schlepper, die1 krampfhaft die ..Massen" herbeizuführen versuchten, war der Hinweis, daß es „ohnehin nichts kostet". Das Auswandererproblem vor dem Völkerbund. In einer in Oslo abgehaltenen Beratung haben sich die Außenminister Dänemarks, Finnlands, Schwedens und Norwegens mit dem Problem der Auswandererhiife befaßt und beschlossen, den A ntrag Norwegens beim Völkerbund, eine Zentralinstanz zur Regelung und Ueberwachung der Auswandererhilfstätigkeit zu schaffen, tatkräftig zu unterstützen. Durch eine solche Regelung, die seinerzeit von dem norwegischen Außenminister Koht angeregt wurde, würden die Ausgewanderten sämtlicher Kategorien unmittelbar dem Schutz des Völkerbundes unterstellt werden. Palästina-Nachrichten. Nach Meldung der palästinensischen Tageszeitung „Dawar" teilt die arabische Zettung „A- Dif aa" mit, daß die Araber einen Anspruch auf mehrere tausend Dunam Boden aus der Huleh-Konzession geltend gemacht härten. Die Regierung habe daraufhin angeordnet, daß die gesamten Kultivierungsarbeiten im Huleh-Gebiet für den Zeitraum von drei Monaten eingestellt werden sollten. * Die Tageszeitung „D a w a r" meldet, daß von der Palästinapolizei in den Gefängnissen gegenüber jüdischen „illegalen Einwanderern" Methoden des „dritten Grades" angewendet werden, um sie zur Angabe ihrer Staatszugehörigkeit zu zwingen. Das Blatt erklärt, daß ihm ein Bericht eines Augenzeugen zur Verfügung stehe, und appelliert an die Regierung und an die Jewish Agency, Maßnahmen zu treffen, um dem unmenschlichen Vorgehen der Polizei ein Ende zu machen. * Zehn illegale jüdische Einwanderer im Gefängnis zu Akko verharren seit fast einer Woche im Hungerstreik und haben das Ersuchen jüdischer Führer, den Streik abzubrechen, abgelehnt. * Die Zahl der bei den Eisenbahnen Palästinas beschäftigten Juden geht ständig zurück. Neue jüdische Angestellte werden kaum noch aufgenommen. Dieser Tage wurden von der Bahndirektion des Kreises Lydda vierzig Arbeiter und Beamte aufgenommen, darunter 37 Araber und 3 luden. Die Zahl der jüdischen Schaffner ist von acht auf einen zurückgegangen. Sogar bei der Station T e I Aviv wird es infolge der äußerst niedrigen Löhne bald keine jüdischen Bahnbedienstete mehr seben. Toleranz in Kanada. Die kanadische Regierung hat die für den 7. Oktober festgesetzten Wahlen mit Rücksicht darauf, daß der Versöhnungstag auf den 7. Oktober fällt und die jüdischen Wähler an der Ausübung ihres Wahlrechts verhindert wären, auf den 14. Oktober verschoben. Nach der Wahlordnung muß die Wahl immer an einem Montag stattfinden. Die jetzt mit Rücksicht auf den jüdischen Feiertag vorgenommene Hinausschiebung der Wahl hat auch einen besonderen Ministerratsbeschluß erforderlich gemacht, durch den der Nationalfeiertag, der auf den 14. Oktober fällt, ausnahmsweise auf den 24. Oktober verlegt wird. Lev Winter gestorben. In Bad Gräfenberg in Schlesien verstarb im Alter von 59 Jahren der Führer der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Partei Dr. Lev Winter, der nach Entstehen der Tschechoslowakischen Republik erster tschechoslowakischer Minister für soziale Fürsorge wurde und auch späteren Kabinetten angehörte. Auch wurde er Delegierter der Tschechoslowakei beim Völkerbund. Lev Winter ist der Urheber des Sozialversicherungsgesetzes der Tschechoslowakischen Republik und Schöpfer der sozialen Fürsorge in diesem Staate überhaupt. Das offizielle Tschechoslowakische PreBbüro verbreitet einen Artikel „Zum Ableben Dr. Lev Winters", in dem es u. a. heißt: Der Verlust, den der tschechoslowakische Staat und das tschechoslowakische Volk durch den vorzeitigen Tod Dr. Lev Winters erlitten haben, läßt sich im ersten Augenblick gar nicht voll übersehen. Griff doch die reiche und vielseitige Tätigkeit Winters nachdrücklich in so viele wichtige Gebiete des öffentlichen Lebens ein, daß sein Abgang in seinem ganzen Umfang erst allmählich, und zwar nach langer Zeit fühlbar sein wird. Tempelsftze. Im türkisch-Israelitischen Tempel. Wien II., Zirkusgasse 22» werden für die hohen Feiertage Sitzkarten hr aHe» Preislagen abgegeben. Kanzlei von 2 bis 4 Uhr, Telephon R 43-3-35.