Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 36 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 36 — 6. September 1935 DIE WAHRHEIT Nazi-Gauleiter warnen und— hetzen. In den letzten Tagen brachte die Presse in Berlin und in der Provinz Warnungen der Gauleiter der NSDAP, vor eigenmächtigen Aktionen von Volksgruppen gegen die Juden-. Diese Warnungen und auch verschiedene andere Anzeichen lassen darauf schließen, daß sich die Ausschreitungen gegen Juden, namentlich in den Provinzorten, in einem außerordentlichen Maße gesteigert haben, worüber aber die Presse mit Rücksicht auf das Ausland 'nicht berichten darf. So hat der Gauleiter für O s t Ii a n n o v e r, Staatsrat Te I c h o w, bei einem Appell der politischen Leiter des Kreises Harburg-Wilhelmsburg größte Disziplin gefordert. Leider hätten sich, so betonte der Gauleiter, in der letzten Zeit Dinge zugetragen, die nicht ohne weiteres die Billigung des Führers gefunden haben und finden könnten. Daß es in Deutschland noch eine Judenfrage gäbe, stehe außer allem Zweifel. Die Gesetzgebung werde schon dafür sorgen, daß es den Juden nicht wieder gelinge, Einfluß zu gewinnen und Herrschaftsgelüste auszubreiten. Aber es sei ein für alle Mal jede Einzelaktion gegen Juden verboten. Wenn sich ein Jude gegen das Gesetz vergangen habe, so sei er der Staatsgewalt zu übergeben. In diesem Zusammenhange wies der Gauleiter auf Vorfälle hin, die sich in Harburg ereignet hätten, wonach 'versucht worden sei, auf eigene Faust Politik zu treiben. Die Polizeipräsidenten von Magdeburg und der Abschnitts- und Kreisleiter veröffentlichen folgende Erklärung: „Der Kampf gegen das Judentum ist nicht Sache einzelner Volksgenossen oder Volkskreise, sondern lediglich Sache des Staates und der Partei. Nach dem Willen des Führers und Reichskanzlers haben daher alle Einzelaktiqnen gegen Juden zu unterbleiben. Die Polizei und die Partei werden rücksichtslos gegen alle derartigen Einzelaktionen vorgehen und mit allen Mitteln für unbedingte Ruhe, Sicherheit und Ordnung Sorge tragen. Polizei und Partei überwachen gemeinsam die Durchführung der gesetzlichen Lösung der Judenfrage und werden gleichzeitig jüdische volksschädigende Machenschaften zu verhindern wissen." Der gauamtliche „Mainzer Anzeiger" veröffentlicht unter der Ueberschrift „Laßt Euch nicht provozieren!" folgende Mitteilung der Polizeidirektion in Mainz: „Den Parteigenossen und anständig gesinnten Volksgenossen ist bekannt, daß der Wille des Führers, den Einfluß des Judentums im öffentlichen und Wirtschaftsleben zu bekämpfen, unabänderlich ist. Der Führer befiehlt aber, daß von Einzelaktionen in dieser großen und gerechten Sache abzusehen ist, da sie nur den Interessen des internationalen Judentums fördernd sind und zu einer schamlosen Hetze im Ausland verwendet werden. Saboteure und Leute, die kaum davon zu unterscheiden sind, haben diesem Grundsatz zuwidergehandelt und werden strafrechtlich verfolgt. Die Polizei weist darauf hin, daß sie jede Einzelaktion gegen Juden verhindern wird, soweit sie nicht von der Partei gebilligt ist." Auf einer Kundgebung im Saarland hielt Gauleiter B ü r c k e I eine Ansprache, in der er folgendes ausführte: Das Weltjudentum proklamiere den verschärften Boykott. Man habe sich als Werbemittel Pogrome in Deutschland auf Abruf bestellt. Eine eingeworfene Fensterscheibe sei ein unbezahlbares Propagandamittel, und aus einem wegen Sittlichkeitsverbrechens eingesperrten Juden mache man einen unschuldigen Märtyrer. Machen wir die Judenfrage zur Charakterfrage, dann wird sie in geordnete, gesetzliche Bahnen kommen, und kein Ausland wird uns wegen einer gesetzlichen Regelung angreifen. Wir werden alle jüdischen und deutschen faulen Spekulanten auf die Reise schicken. Das ist die Lösung der Judenfrage! Die „Frankfurter Zeitung" gibt folgende Mitteilung der Kreisleitung der NSDAP in Fulda wieder: „In der Nacht auf Mittwoch wurden bei verschiedenen Geschäften Maßnahmen durchgeführt, die mit dem Abwehrkampf um die Erhaltung der deutschen Geschäfte nichts mehr zu tun haben. Die Kreisleitung der NSDAP ist bereit, sich mit eiserner Konsequenz schützend vor diejenigen Volksgenossen zu stellen, die während der schweren Aufklärungsarbeit vor den jüdischen Geschäften ihren Mann gestanden haben. Die Kreisleitung hält es aber für ihre Pflicht, in aller Oeffentlichkeit von jenen Maßnahmen abzurücken, die unkontrollierbare Elemente ausgeführt haben in der Absicht, den Aufklärungskampf der NSDAP zu schädigen und zu sabotieren. Die Polizei hat den Auftrag, ohne Rücksicht auf Person und Parteizugehörigkeit u n n a c hsichtlich durch zugreife n." Schließlich hat der schlesische Gauleiter Wagner eine besonders interessante Bekanntmachung erlassen, in der es unter anderem heißt: Es gibt noch immer Menschen, die sich berufen fühlen, einen Kampf gegen das Judentum oder gegen andere Feinde des Staates auf eigene Faust führen zu müssen. Sie glauben ihren meistens etwas sehr spat erkannten Nationalsozialismus dadurch unter Beweis zu stellen, daß sie jüdische Geschäfte mit Zetteln bekleben oder nach der Art wildgewordener Spießer andere antijüdische Kundgebungen veranstalten. Als Vertreter der Reichsregierung in Schlesien bestimme ich ganz allein, wann und in welcher Weise gegen jüdische Staatsfeinde vorzugehen ist. Die Bevölkerung Schlesiens hat nur dann zu Handeln, wenn ich es befehle. * Geheiminstruktion zur Judenverfolgung. Das „Pariser Tageblatt" ist in der Lage, ein Rundschreiben der NSDAP Hannover zu veröffentlichen, aus dem sich schwarz auf weiß ergibt, daß die antijüdischen Pogrome parteioffiziell befohlen und organisiert werden, und zwar in der Weise, daß sie den Eindruck der „Spontanität" machen sollen. Das Rundschreiben lautet: „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Bezirk Süd-Hannover, Braunschweig. Hannover, 28. Juli 1935, Dincklagehaus, Fernsprecher 24.451. Bezirkspropagandabüro. SChMA. — An alle Bezirkspropagandaleiter und Lokalgruppen-Propagandaleiter. Das Betragen der Juden in unserem Bezirk wie im ganzen Reich ist kürzlich sehr anmaßend geworden. In seiner Frechheit hat der Jude anscheinend vergessen, daß er als Gast in Deutschland lebt und sich entsprechend aufführen sollte. Eine noch weitere Duldung solcher Dinge würde Verrat am Volke und am Staate bedeuten. Wir sind daher gezwungen, alle Bezirkspropagandaleiter und Lokalgruppen-Propagandaleiter wie folgt zu instruieren: Am 10. August sind in allen Ortschaften dieses Bezirks Schilder zu errichten mit folgenden Aufschriften: (siehe Anlage, zum Beispiel: Juden sind unwillkommene Gäste). Die Mindestgröße dieser Schilder wird auf 1,50 mal 9,80 Meter bestimmt. Das Schild ist auf zwei Pfosten von zwei Meter Höhe zu befestigen. Als Farben haben wir schwarze Blockschrift (große und kleine Buchstaben) auf weißem Hintergrunde gewählt. Das Wort „Jude" soll rot unterstrichen werden und muß gut auffallen. So weit wie möglich ist das Schild mit einem schwarzen Rahmen zu umgeben. Die Schilder sind an allen Zuführungs- und Abgangsstraßen des Ortes aufzustellen. Zur Finanzierung der Schilder ist ein Abkommen mit der Parteiorganisation, der Frauenorganisation, dem Bauernverein, der SA. usw. zu treffen dahingehend, daß jeder von ihnen es übernimmt, ein solches Schild zu liefern, die dann von ihnen am 10. August aufgestellt werden. Darüber hinaus sind alle Organisationen des Ortes aufzubieten. Sollten unüberbrückbare Schwierigkeiten erwachsen, so hat der Bezirksschatzmeister sich bereit erklärt, die Lieferung und Errichtung eines Schildes aus dem Lokalgruppenfonds zu genehmigen. Die Aufstellung soll am 10. August mit einer Feier erfolgen, unter Beteiligung der ganzen Bevölkerung des Ortes. Eine kurze eindrucksvolle Ansprache durch einen Rassenkameraden (!) sollte die Handlung umrahmen, und zum Schluß sind Lieder wie „Wir Sturmsoldaten, jung und alt" oder ähnliche in der Menge (!) anzustimmen. Die Presse darf vorher keine Berichte bringen, doch ist nachher die Handlung umsomehr aufzumachen. Zum Schluß senden wir Ihnen ein Zirkular, das im Bezirk Göttingen nachts an die Fenster und Türen aller Personen geklebt wurde, die in jüdischen' Geschäften kaufen. Plakate sind zu erhalten durch die Göttinger Nachrichten, Göttingen, zum Preise von 5 Mark das Tausend. Heil Hitler! gez. H. Huxhagen, Bezirkspropagandaleiter." Die „Anlage 1" zu diesem Pogrombefehl empfiehlt die folgenden Parolen zur Auswahl: „Juden Die dem britischen Kolonialamt nahestehende Zeitschrift „N e a r E a s t and I n d i a" befaßt sich im Leitartikel ihrer letzten Nummer mit der auf dem Zionistenkongreß in Luzern erhobenen Forderung nach verstärkter jüdischer Palästina ei nwanderung. Die sowohl aus sittlichen wie aus wirtschaftlichen Gründen erhobene Forderung nach stärkerer jüdischer Einwanderung nach Palästina, schreibt das Blatt, stand auf dem Luzerner Zionistenkongreß im Vordergrund. Ein Redner äußerte die Meinung, daß „freie Einwanderung nach Palästina und Transjordanäen" nur deshalb nicht gewährt werde, weil die Zionisten keine Einheitsfront gebildet hätten. Es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob die Mandatarmacht sich um die verschiedenen Gruppen, aus denen die zionistische Bewegung sich zusammensetzt, b esonders bekümmert. Ihre Politik in Bezug auf Einwanderung nach Palästina und Trjnsjordanien war konstant und ändert sich nich* Die Einwanderung im das erste Land wird geregelt durch seine wirtschaftliche Aufnahmefähig k e i t, die in das zweite durch die formelle Außerkraftsetzung der Mandatsbestimmungen betreffend das Jüdische Nationalheim. Die jüdische Einwanderung nach Palästina, heißt es in dem Artikel weiter, ist in den letzten ein bis zwei Jahren ungeheuer gestiegen und voraussichtlich wird in dem laufenden Jahr eine noch Spezialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel 'Wien, 2- Bez., Taborstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 49-3-69_ Sic ersparen viel Zell und Geld, wenn Sie zu Roich-Haschonoh statt spezieller Gratulationen allen Ihren Verwandten, Freunden, Bekannten, Kunden und Gästen in der Neujahrs-Festnummer der „WAHRHEIT" viel Glück sagen. Nur bis Freitag, den 20. September können Aufträge berücksichtigt werden. Um allen jenen, die durch »Die Wahrheit" gratulieren, die Gewißheit zu geben, daß ihre Gratulation auch alle jene Familien oder Personen erreicht, denen sie zu gratulieren beabsichtigen, werden wir an alle Adressen, die uns mit der Gratulationsbestellung aufgegeben werden, je ein Exemplar der Festnummer kostenfrei zusenden. -Ausschneiden!- Bestellscliein An die Administration „DIE WAHRHEIT", Wien IL, Heinestraße 13 Ich bestelle hiermit einen Rosch-Haschonoh-Glückwunsch *) Einfaches Feld zum Preise von S 6'— *) Doppelfeld zum Preise von SIT— welchen Betrag ich Ihnen gleichzeitig übersende *) Nichtzutreffendes bitte streichen. Textangabe:............................................................... Unterschrift: sind unwillkommene Gäste." — „Juden betreten diese Ortschaft auf eigene Gefahr." — „Verkehr mit Juden — Ausweisung aus Dorf und Gemeinde." — „Die Bewohner dieser Ortschaft wünschen keinen Verkehr mit Juden." — „In dieser Ortschaft haben Juden nichts zu suchen." — „Juden haben in dieser Ortschaft nichts zu suchen. Gezeichnet: Die Bewohner." — „Die Juden sind unser Unglück." — „Juden können hier nichts verdienen." — „Wir wollen keinen Juden sehen." Der Bezirkspropagandaleiter Huxhagen, von dem das Rundschrieben unterzeichnet wurde, untersteht dem Propagandaministerium und empfängt die Befehle von dort. Verantwortlich für die Pagrombefehle dieser Art ist demnach der Minister Göbbels. nie dagewesene Ziffer erreicht werden. Was die Aufnahmefähigkeit des Landes betrifft, so würden die Ansichten der Fachleute hierüber vermutlich noch lange auseinandergehen. Die Mandatarmacht, heißt es zum Schluß, muß alle möglichen Seiten des wirtschaftlichen Problems berücksichtigen; sie kann bei aller Treue gegenüber ihren Verpflichtungen von den von ihr f e s t g elegten Grundsätzen nicht weit abgehen; man würde fehlgehen, wenn man glaubte, daß eine Reduzierung des von den zionistischen Körperschaften verlangten Ausmaßes der Einwanderung auf Mangel1 an Sympathie mit den Einwanderungsanwänern zurückzuführen sei. Der Danziger Senat „antwortet". Der Danziger Senat hat der Jüdischen Gemeinde auf die Beschwerde wegen juden feindlicher Ausschreitungen in Danzig soeben eine Antwort erteilt, in der einige sehr ernste Angriffe auf Juden bagatellisiert werden und ferner mitgeteilt wird, der Polizeipräsident habe angeordnet, daß judenfeindliche Aufschriften von den Autos entfernt werden. Diese Antwort ist um so verwunderlicher, als die Aufschriften noch heute zu sehen sind. Auf die Beschwerde wegen Ueberfälle auf jüdische Kurgäste am Strand erwiderte der Senat, die Ueberfälle seien durch „provozierende Haltung besonders seitens polnischer und anderer Ostjuden" hervorgerufen worden. Das, „Danziger Echo" ist in kurzer Zeit nun zum neunten Male, diesmal wegen „Beunruhigung der jüdischen Bevölkerung", beschlagnahmt worden. Palästina-Einwanderung bleibt beschränkt