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Die Wahrheit · 1935-09-06 · Heft 36 (6.9.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 36 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 36 — 6. September 1935 DIE WAHRHEIT DIE öffentlichen Armenpflege nicht zur Last gefallen. Daß dies in absehbarer Zeit der Fall sein werde, ist nach den Angaben ihrer Verwandten und der israelitischen Kultusgemeinde nicht zu gewärtigen. Die Annahme der Behörde findet daher im Gesetz keine hinreichende Stütze und die gezogenen Schlußfolgerungen sind nicht haltbar. Die getroffene Entscheidung mußte daher wegen Rechtswidrigkeit aufgehoben werden. Die Welt wird sich in diesem Falle' weniger an der Rechtswidrigkeit der aufgehobenen Entscheidung stoßen als an ihrer Herzlosigkeit. Man sollte meinen, daß die breite Oeffentlichkeit von der jüdischen Charitas genug Wohltaten empfängt, um der „Gefahr", daß ihr zwei hilflose Judenfrauen, politische Flüchtlinge, gegen alle .Wahrscheinlichkeit einmal zur Last fallen könnten, auch noch gefaßt ins Auge sehen zu können. Angesichts solcher behördlicher Verfügungen ist es keim Wunder, wenn allzu stürmische Optimisten zur irrigen Meinung gelangen, daß Oesterreich tatsächlich schon Gau VIII. des Dritten Reiches geworden ist So weigerte sich ein Major a. D., seiner Quartierfrau den Mietzins zu bezahlen, weil Die Soeben erschien in der Editions du Carrefour (83, Boulevard du Montparnasse, Paris IV) ein Buch „Das braune Netz", welches auf Grund von Originaldokumenten die erste zusammenfassende Darstellung über die Tätigkeit des Nationalsozialismus und der Gestapo im Auslande gibt. Es ist ein dokumentarischer Bericht, der aufgebaut ist auf Akten, Tatsachenberichten, Rundschreiben und Erklärungen der nationalsozialistischen Regierung und der Partei, die in zweijähriger Arbeit gesammelt wurden. Das Buch gibt eine Darstellung aller Organisationen, die sich im Dritten Reiche mit Auslandsarbeit beschäftigen. Es kommt zu dem bündigen Schluß, daß das Dritte Reich jährlich 262 Millionen Reichsmark für Auslandsarbeit der Gestapo und des Nationalsozialismus verwendet. Eine Liste von rund 600 Propagandisten. Agenten, Spitzeln und Spionen im Auslande ist beigefügt. Das Buch ist 375 Seiten stark und enthält über 100 Bilder und Dokumente. Es nennt 307 deutsche Zeitungen im Auslande, die unter der Kontrolle Göbbels stehen. In einem „Judenhetze als Mittel tiitlefscher Außenpolitik" überschriebenen Kapitel heißt es: Die antisemitische Weltpropaganda hat Rosenberg dem Gauleiter von Franken, Julius Streicher, übertragen. Unter dem Protektorat Rosenbergs hat Streicher die „A n t i j ü d i s c h e W e 111 i g a" gegründet, die am 9. Mai 1935 ihre erste deutsche Veranstaltung in Nürnberg abhielt, in der der Franzose Jean Boissel Adolf Hitler als „Titanen" im Kampfe gegen das Weltjudentum bezeichnete. Von Erfurt aus wird eine dreisprachige antisemitische Korrespondenz versandt, der .,W e 11 - D i e n s t" — ..Service Mondial" — „World Service". Sie erscheint vierzehntägig im Bodung-Verlag und wird von Streichers „wissenschaftlichem" Beirat, dem Oberstleutnant a. D. Ullrich Fleischhauer, geleitet. Im Titelkopf der Korrespondenz wird gesagt: ..Diese Blätter sind bestimmt, unter Nichtjuden von Hand zu Hand zu gehen. Der „Welt- Dienst" ist nicht auf Gelderwerb eingestellt. Er beabsichtigt vielmehr, die schlecht orientierten Nichtjuden aufzuklären — welchen Staat auch immer sie ihr Vaterland nennen mögen —. Diese Informationen über das Treiben der jüdischen Unterwelt gehören zum geistigen Rüstzeug eines jeden Nichtjuden. Sehr erwünscht ist die Weitergabe an die gutgesinnte Presse." Der „Welt-Dienst" wird besonders stark verbreitet in den französischen Kolonien in Nordafrika, in Algier, in Tunis und in Marokko. Diese antisemitische Propaganda geht Hand in Hand mit der Arbeit der Agenten, die den Marokkanern, den Tunesiern, den Algeriern, die materielle Unterstützung Hitler-Deutschlands bei einem Aufstände gegen Frankreich versprechen. Neben dem „Welt-Dienst" besteht ein I nstitut zum Studium der Judenfrage, dessen Direktor ein Freiherr von Engelhard ist. er entdeckt hatte, daß sie nichtarischer Abstammung sei. Das Gericht mußte ihn aus seinen allzu rosigen Illusionen wecken . . . Oesterreich ist zum Glück noch keine Hitler- Kolonie; wir Juden können uns gegen Diffamierung noch wehren und es ist erfreulich, daß dies auch dort geschieht, wo nicht materielle Interessen, sondern die jüdische Würde auf dem Spiele steht: Bei den Vorführungen im Klosterneuburger Strandbad wurde unter anderen auch eine Schallplatte „Gstanzeln und Lozelachs von Ernst Arnold" öfter gespielt. Das jüdische Badepublikum sah nun in dem Refrain dieses Liedes eine arge Verhöhnung und gab seinem Mißfallen lauten Ausdruck. Die Platte, die erst in dieser Saison zur Vorführung gelangte, wurde bei einem „Wunschkonzert" des Strandbades, das vor drei Wochen veranstaltet wurde, von gewissen Kreisen in auffälliger Weise gewünscht. Nun hat sich die Direktion des Bades aber zu einem Verbot dieser Platte entschlossen. Wer es aufrichtig mit dem Kampf gegen literarischen Schmutz und Schund meint, kann das nur begrüßen. Nur sollte endlich nicht nur mit jüdischen, sondern auch mit antisemitischen „Lozelachs" aufgeräumt werden! 'Mark rollt Alle die internationalen Organisationen, die R os e n b e r g ins Leben gerufen hat, mögen sie völkischer, antisemitischer oder antibolschewistischer Natur sein, haben die eine Aufgäbe, im Auslande Maschine tig ewehrnester des Hitlerschen Imperialismus einzubauen. Eine große Rolle spielt hierbei der Volksbund für das Deutschtum im Auslande (VDA), dem 141 Vereine angeschlossen sind. Besonders intensiv wird die Judenhetze im Elsaß betrieben, der „Welt-Dienst" geht in Tausenden von Exemplaren ins Land. Bei einer Häuseradministrafiion Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Umfrage ergab sich, daß nicht ein einziger der Empfänger das Abonnement bezahlt. An den Kiosken in Straßburg und in anderen elsässischen und lothringischen Städten sind antisemitische in Deutschland hergestellte Broschüren in großen Mengen zu sehen. Eine dieser Broschüren trägt den Titel ..Das Recht der überlegenen Rasse", als Au|or ü.:t Isaac Blümchen, als Verleger Isidor Nathan Goldlust in Krakau angegeben. Auf der Umschlagbinde steht die Schlagzeile: „Wir Juden regieren Frankreich!" Die Broschüre beginnt mit den Worten: „Endlich ist das jüdische Volk Gebieter über Frankreich." Als Druckerei ist die „Imprimerie Speciale de Le Combat" angegeben. Es ist eine Spezialdruckerei in Hitler-Deutschland nahe der elsässischen Grenze. . Die Pogrome in N o r d a f r i k a sind v o n Hitler-Agenten arrangiert worden. Der Propaganda-Attache Hans Günther von Dinklage hat sich als Sonderbeauftragter der Hitler-Regierung in den französischen Gebieten Nordafrikas aufgehalten, als dort systematisch Judenpogrome vorbereitet wurden. Von den Auslandsstellen der NSDAP sind bis Ende 1934 mehr als 60 antisemitische Hetzschriften in orientalischer Sprache, vor allem in arabisch, hergestellt und größtenteils in Französisch-Nordafrika verbreitet worden. Durch eine Indiskretion aus dem Propagandaministerium ist bekannt geworden, daß Dr. Göbbels im Jahre 1934 allein in Französisch-Nordafrika, in Aegypten und Palästina nicht weniger als 3.360.000 Mark durch seine Agenten ausgegeben und verteilt hat. Im Herbst 1934 hat dieses Geld seine Früchte getragen. Es kam in der algerischen Stadt Konstantine zu einem Judenpogrom. Die Hitler-Zeitungen jubelten. Die Zeitung „La voix frangaise" berichtete, daß das Blatt der arabischen Nationalisten von Fez „La volonte du peuple" vom deutschen Propagandaministerium unterstützt werde. Als Verbindungsmann wurde ein Hauptmann Liegend ge- WIEN iL. Praterslraoe SS Telephon R 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. nannt, der zur Zeit des Pogroms im Hause des deutschen Konsuls von Tanger, Herrn von Wangenheim, wohnte. Als nationalsozialistischer Agent mit besonderen Aufträgen wurde ein deutscher Professor Bertelomen bezeichnet. In England existiert eine Cecil Rhodes- Stiftung, die Studenten aus England, U. S. A. und Deutschland unterstützt. Die deutschen Stipendiaten bilden einen Klub, der eine Hitlersche Propagandastelle ist. Sie haben in ihrem Klub eine Liste von Hitler-Gegnern angeschlagen und darunter den Satz geschrieben: „Trefft ihr einen von diesen, so schlagt ihn tot! Ist es aber ein Jude, so zerbrecht ihm jeden Knochen einzeln!" Ein Hauptzentrum der Nazi-Propaganda im englischen Weltreich liegt im Nahen Orient. Die arabischen Agitatoren, die im Nahen Orient arbeiten, sind zum Teil in besonderer Schule vom Braunen Haus in München ausgebildet worden. 1934 haben die Nazis in Palästina eine a rabische nationalsozialistische Partei gebildet, die von Deutschland aus materiell unterstützt wird. Arabische Broschüren und Flugblätter, die in P a- 1 ä s t i n a zur Verteilung kommen, sind i n Berlin und in Hamburg gedruckt. Die deutschen Schiffe bringen Riesenladungen antisemitischer Broschüren ins Land. In der Schweiz arbeitet der Antisemitismus mit den gleichen Argumenten wie in Hitler- Deutschland. Die Propaganda des Nationalsozialismus in der Tschechoslowakei wird von Dresden aus geleitet, wo auch die Zentrale der österreichischen Nationalsozialisten sitzt. Der Antisemitismus ist ein Hauptpropagandamittel dieser Zentrale. In Amerika wird der Antisemitismus von den Nazis mit besonderer Schärfe propagiert. Eine ganze Reihe von nationalsozialistischen Agenten beeinflussen und unterstützen die antisemitischen Organisationen in Amerika. Da sind die „Silver Shirts" und die Geheimbünde „Order of 76" und „Erwachende Amerikaner" mit dem Losungswort „Kill the nearest .lew" (Tötet den nächstbesten Juden). Da ist die „American Vigilant Intelligence Federation" (A. V. I. F.), die ihre Mitglieder nicht mit Namen, sondern als echter terroristischer Verschwörerklub mit Nummern führt, ihr Leiter ist Harry A. Jung. Der Untersuchungsausschuß des amerikanischen Parlaments hat festgestellt, daß „Jung ein bewußter Agent des Dritten Reiches" ist. Das hochinteressante Buch gibt auch Aufschlüsse über die Arbeit der Nazis in allen übrigen Ländern der Welt und schließt mit einer Darstellung der Entführung von Berthold Jacob aus der Schweiz nach Deutschland mit Hilfe des Agenten Dr. Hans Wesemann. Niedriger hängen! Ein spanischer Zeitungsmann läßt sich in einem Madrider Blatte u. a. vernehmen: „Wenn den deutschen Juden das Bürgerrecht abgesprochen wird, so verlieren sie nur etwas, was sie nie empfunden haben . . .!" Weiß denn dieser Verleumder nichts davon, daß gerade die deutschen Juden ihr Vaterlandsgefühl durch das Opfer von 12.000 Menschenleben im Kriege bewiesen haben? Weiß der Verleumder garnichts davon, mit welcher Liebe auch heute noch der Großteil der deutschen Juden an seinem Vaterlande hängt? Jedenfalls sei hierzu nur der Ausspruch eines gut christlichen Schriftleiters einer großen englischen Zeitschrift mitgeteilt: „Die Aufgaben eines Reporters und mehr noch die eines Redakteurs sind in der furchtlosen Vertretung der Wahrheit und Gerechtigkeit zu suchen. Wir sind dazu da, um für die einzutreten, die sich iselbst nicht verteidigen können. Gemeinheiten, wie die des spanischen.Journalisten, treiben uns anständigen Journalisten die Schamröte ins Gesicht!"

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