Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 36 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 36 — 6. September 1935 Seite 3 BADGASTEIN KURHOTEL BRISTOI RESTAURANT TtfO Thermalbäder, fließendes Wasser Nachsaison Pensionspreis von S 12. vom Kongreß als gegen den Geist des Mandates gerichtet erachtet. Jeder gesetzgebende Rat, der auf der Grundlage der augenblicklichen Zusammensetzung der Bevölkerung Palästinas aufgebaut wäre und damit die Juden zu einer Min'derheit in Palästina stempeln würde, widerspräche den fundamentalen Rechten des jüdischen Volkes. Darüber hinaus stünde er aber auch im Widerspruch zu den ausdrücklichen Versicherungen, die Ministerpräsident MacDonald in 'seinem an Dr. Weizmann gerichteten Brief gegeben hat. Denjenigen gesetzgeberische Macht zu verleihen, die offene Gegner des Palästinamandates sind und in Opposition zur Errichtung des Jüdischen Nationalheims stehen, sei nichts anderes als eine Verletzung des Mandates. Solange nicht die Politik der Errichtung des Jüdischen Nationalheims die vollständige Anerkennung seitens der nichtjüdischen Bevölkerungsteile gefunden hat und solange nicht eine vollkommene Verständigung zwischen Juden und Arabern in Palästina herbeigeführt ist, werde die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims und die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes, deren Vorteile Juden und Araber in gleicher Weise genießen, durch den Vorschlag, einen Legislative Council einzusetzen, gefährdet. Ein solcher Legislative Council könne eine Quelle von Reibungen und Unzufriedenheit zwischen den Bevölkerungsteilen werden und die Chancen der Kooperation zwischen Bevölkerung und Regierung beeinträchtigen. Daher erklärt der Kongreß seine Gegnerschaft gegen einen Legislative Council unter den jetzigen Umständen und sieht sich gezwungen, den Plan, einen solchen Council einzusetzen, kategorischabzulehnen. Der Kongreß hörte „mit großer Sorge von der rechtlichen Beschränkung und Störung des Keren Kajemeth auf seinem Weg zur Erlösung des Bodens und beauftragte die Exekutive, bei der Regierung alle Anstrengungen zu machen, um die rechtlichen und administrativen Hindernisse, die der Erwerbung von Böden entgegenstehen, aus dem Wrege zu räumen." Dazu muß bemerkt werden, daß der Keren Kajemeth einer der. ältesten Fonds der zionistischen Bewegung ist, für den seit vier Jahrzehnten intensiv gesammelt wird. In dieser Zeit hat der Keren Kajemeth eine den Erdkreis überspannende Bürokratie organisiert. Seine „Erlösung des Bodens" hat sich jedoch auf den Erwerb einiger Flächen rings um Haifa beschränkt, mit denen man jetzt als Beweisen weiser Voraussicht Reklame treibt. In Wirklichkeit beweist derzeit die wüste Bodenspekulation in Palästina, also gerade das Uebel, zu dessen Verhinderung der Keren Kajemeth gegründet worden war, das Gegenteil weiser Voraussicht. Zwecks Bekämpfung der Seuche der Bodenspekulation verpflichtete der Kongreß die Exekutive: „1. das vom 18. Kongreß beschlossene zentrale Bodenkaufsinstitut zu errichten; 2. eine Kommission zur Kontrolle über die ländliche und städtische Kolonisationstätigkeit einzusetzen, die den jüdischen Jischuw im Lande und in der Gola davor bewahren soll, durch unsolide Tätigkeit auf diesem Gebiete Schaden zu erleiden. Der Kongreß fordert die Banken und Kreditinstitute auf, jedes Darlehen zu versagen, wo es sich um Bodenspekulation handelt." Hier hat der Kongreß eine wirkliche Gefahr für den Palästina-Aufbau bloßgelegt. Die Judenstaatspartei aber sieht die Gefahr auf politischem Gebiet: in der Vernachlässigung des Judenstaatsgedankens. Weizmann warnte davor, dieses Endziel immer wieder zur Unzeit zu betonen. „Dadurch, daß man fortwährend jahrein, jahraus große Redensarten über den Judenstaat führt, wird der Judenstaat nicht gemacht", sagte Weizmann. Das ist ein kluges Wort und ein recht grotesker Zwischenfall auf dem Kongreß hat sehr drastisch gezeigt, wohin es führt, wenn die zionistischen Organisationen „Staatspolitik" betreiben. Dem Arbeiterführer Ben ihre Eltern, denen man die Ursache des Uebels zuschrieb und die man dafür verantwortlich machte. Das öffentliche sittliche Bewußtsein fühlte sich gekränkt und äußerte sich in Verwünschung der Eltern und Erzieher der ungeratenen Kinder. „Fluch dem, der solches Kind zeugte. Fluch dem, der solches Kind erzog:"17) Nach Deuteron. XXII, 21, soll das einem Manne ehelich an- Ketraute Mädchen, das im Elternhause Ehebruch begangen hat, vor dem Eingang ihres Vaterhauses gesteinigt werden, damit die Eltern wegen der vernachlässigten Erziehung ihres Kindes der öffentlichen Verachtung ausgesetzt werden.ia) Es scheint auch vorgekommen zu sein, daß sich der Vater, enttäuscht über die Mißerfolge seiner Erziehung, selbst Vorwürfe machte: „Ich selbst bin schuld, da meine Erziehung schlecht war."Den Erzieher, der seinen Sohn irregeleitet hatte, verfolgte der Vater mit der Verwünschung: „Ausgelöscht werde der Name des N., der meinen Sohn schlechte Wege geleitet hat.'"-0) Entartete Kinder werden Tarbuth raah, böse Zucht, genannt. Was solche Kinder in einem Hause bedeuten, hören wir von einem Lehrer, der sagt, daß „böse Zucht" im Hause schwerer zu ertragen ist als die großen Kriege von Gog und Magog (Ezechiel 38) Die Typen der entarteten Söhne der Bibel sind nach dem Midrusch: Ismael, der Sohn Abrahams, Esau, Sohn Isaks, Absalom und Adonija, Söhne Davids.55) Aus späterer Zeit werden noch genannt: Der bekannte Acher, Elisa b. Abuja und nach einer Meinung ein Mischnalehrer namens Menachem, ein Schüler Hillels.ss) lr) Sanhedrin 32 a. ,8) Jer. Kethuboth IV zu Deuter. XX. 15. ") Pesikta de Räb Kahane S. (Buber), Einleitung, S. 4. =°) Gen. r XXVIII. 7. -l) Berachoth 7 b, Ex. r. Anfang, zu Ps. 3. ") Ecod. r. Anfang. =3) Chagiga 15 t>, vgl. Josephus Altertümer, XV, 5. 5, Kethuboth 45 a vgl. Siire 120, Echo rabbati Schochar Tob :;.:'!-;!'rri'j Kleine TutäFS'^äö'- Großa TiM' öNAÖ' iloort fbn.'i '•^■>-,A Den idealen jüdischen Lebensgefährten finden Sie schnell und sicher durch Die JOdische neirafszeltung Prna XIX., SoDorshä 8, CSU. Weiteste Verbreitung im In- und Ausland. Reichste Auswahl an Ehegesuchen, Einheiraten etc. Prospekt nur geg. Rückporto, neueste Probenummer Kc 4.— Ausland 2 internation. Antwortscheine / ifo>! v->\ Gurion wurde vorgeworfen, daiBi qr\irti-jeill«ff Pressekonferenz behauptet haben .^l^j-.diej. ^ijjgi,- stische Exekutive habe dem dejutscJb^i^,.^ic^s^ kanzler Hitler anläßlich des Ableb^eu^ j'y^)^ >ftirjj|e^- burg kondoliert. Er habe sich ferner geäußert, daß die Propaganda gegen Deutschland abgestellt werden müsse, da die zionistische Exekutive zu diesem Staat gute diplomatische Beziehungen unterhalten wolle. Ben Gurion besträt;t-4iU diss.r£r.habe nichts weiter gesagt, als daß die) zionistische Bewegung eine S t a a t s b e ,wie. aiun g iSei ( Andii-uaJp solche eine Staatsverantwt>rtu.n&tj^«;)siei:Rqnfle sich daher nicht solche ABnßerungß^ erlauben .»# irgendeine Bewegung, die eine, solcher. Ve/an^wofttung nicht zu tragen habet lUndi. da rüber, regieo. sicli ausgerechnet die Judenstaatsparteiler auf, dißrsonst nicht müde werden* , «iie.. staatspolitischei, Aufr machung des Zionismus mforden*. Es kann einem freilich nicht leicht etwas,. Unangenehmeres .passieren, aKs daß sich die Erfüllung; seiner, idealen Forderung als eine Farce; von unfreiwillige.r, ^ber unwiderstehlicher Komik entpuppt. . , Gau VIII. „Gau VIII" ist hn nazideutschen Jargon die Bezeichnung für Oesterreich. So wird schon sprachtechnisch aus einem selbständigen Bundesstaat eine unterworfene Provinz des dritten Reiches. Rein strategisch hapert es allerdings mit der Unterwerfung. So bleibt Hitler nur die Hoffnung, „Gau VIII" mit geistigen Waffen zu erobern. Der Osaf gibt, wie aus jüngst entdeckten Instruktionen für die illegale Nazipropaganda in Oesterreich hervorgeht, seinen getarnt arbeitenden Unterwühlern der österreichischen Selbständigkeit die Weisung, vor allem mit der mächtig aufzubauschenden Judenfrage zu operieren. Und sein Rezept wird befolgt... In der Nummer 34 der „Oesterreich.!- schen Arbeiterz eitun g", des Zentralorgans der christlichen Arbeiter- und Angestelltenbewegung, hat Staatssekretär Großauer einen mit vollem Namen und Titel signierten Artikel veröffentlicht, in dem er seine Erlebnisse in russischer Kriegsgefangenschaft schildert. Einen dieser Absätze, der den Zwischentitel „Ein Heldenstück" führt, hat der Autor freundlicherweise seinen jüdischen Mitgefangenen gewidmet. Es heißt da: Ein Heldenstück. In der Baracke hatten wir einmal bei 70 Juden, alle waren „Handels- oder Kaufleute". Es waren auch gute Menschen darunter. Ich erinnere mich,daß ein Zugsführer aus Lemberg, in der Zeit als unsere Baracke zwischen den feindlichen Linien, die sich heftig beschossen (Kosaken und Rotgardisten), lag, sich täglich aus dem Lager schlich und abends schwer beladen mit Lebensmitteln, zurückkam. : die er den kranken Kameraden, chne Unterschied ihrer Abstammung, umsonst ausfolgte. In der Regel.hatten wir mit dieser Rasse keine Freude. Jeden Tag waren von den Siebzig mindestens sechzig krank und die, die sich zur Arbeit meldeten, hatten meist zwei linke Hände und waren den anderen Kameraden im Wege. Als zum Beispiel einer davon „eine Seitenfabrik", er war von Beruf Seifenkoch, eröffnete und Arbeitskräfte anwarb, lehnte er Juden uridi Feklwebe! ab. Wenn aber irgend eine Fassung im Anzug war, und dies wußten diese Leute . sofort, . standen . alle siebzig um den Eingang, zürn Verwaltungsgebäude, um ja bei der Fassung 'als erste daranzukommen. Es ist klar, daß es bei solchen Anlässen saftige Hiebe gab. An gewissea Tagen standen sie frühmorgens, vier Uhr. umJden, Ofen, um ihre Gebete zu verrichten: das ging nicht ganz still ab. Bis einmal ein vom Schlaf aufgescheuchter Kroate seinen Koffer unter die Betenden warf:'JDie Kroaten wären sehr gereizt, weil sie abends,.nicht zum Schlafen kamen. sie waren leidenschaftliche Kartenspieler. Es kam vor, daß sie von Samstag nach Arbeitsschluß1 bis Montag zu Arbeitsbeginn ununterbrochen bei ihren Karten saßen, wobei man ga)jz kräftig fluchen hörte. Staatssekretär Großauer ist sicherlich einer der begeistertsten Aposteldes selbständigen christlichen Ständestaats. Trotzdem müßte die Art, wie eis es als. selbstverständlich hinnimmt, daß ein jüdischer Zugsführer seine mit Lebensgefahr erlangten Lebensmittel an kranke Kameraden ohne Unterschied ihrer Abstammung verteilt, daß aber die; Jüdischen..Kameraden bei der Arbeit und tfei Fassungen den anderen im Wege standen und saftige Hiebe erhielten, im Dritten Reiche die gleiclfe lebhafte Befriedigung auslosen wie die unverständliche Toleranz des Herrn Staatssekretärs gegenüber dem von ihm ohne den leisesten Tadel geschilderten krassen Fall von Religionsstörung. Aus der Verwaltungspraxis ist jüngst folgender Fall in die verblüffte Oerfentlichkeit gedrungen: Zwei Frauen aus Deutschland, Frau! Berta E. und ihre Tochter Mirjam, waren nach der Machtergreifung der N. S. D. A. P. mach Oesterreich geflüchtet. Da die beiden vollkon>men rn-i tte ll os waren, wurden sie von hier rebenden Verwandten unterstützt. Die Wiener Polizei- -direktion verfügte die Abschaffung der beiden als „Lä s t i ge A us 1 ä n deri n ne n" mit der .Begründung, daß dies aus Gründen der örfentbcheofi.Ordnung im Sinn des Schubgesetzes notwenidig. sei. Der Sicherheitskommissär für1 Wien hat diese Entscheidung best ä-tigt. ' \ Der Bundesgerichtshof- (Vorsitz Serfatspräsident Dr. S c a p i n ei1 i) hat die E n tscheidung mit folgender Begründung au ige- höberi: . Ausländer können aus Gründen: der Ordnung J.ünd; Sicherheit abgeschafft werden. Die Behörden begründen die vorliegende Abschaffung damit, daß '!dle Frauen mittellos sind! ünd' Vpnf Unterstützungen "yöri Verwandten leben. Aus diesem Umstand aHein 'kann aber nicht auf eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung geschlossen werden. ,! ' Die beiden Frauen haben sich bisher nichts ■zu Schulden kommen lasseh und sind auch der