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Die Wahrheit · 1935-09-06 · Heft 36 (6.9.1935) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 36 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 36 —6. September 1935 DIE WAHRHEIT DIE Schluß ohne Jubel. Während die Revisionisten vor zwei Jahren den 18. Zionistenkongreß, den letzten, an dem sie teilnahmen, vergebens zu terrorisieren versucht hatten, beherrschten sie den 19. Kongreß durch ihr Fernbleiben. Ein Kongreßredner, der im Rahmen einer Kritik der jüdischnationalen Parteien in bezug auf die Revisionisten die Aeußerung machte, der Abwesende habe von Haus aus Unrecht, hat gewaltig fehlgeschossen. Es hatte vielmehr den Anschein, als ob der ferngebliebene Revisionismus von allen Parteien stillschweigend als der eigentlich Tonangebende für ihre Taktik anerkannt wurde. Wenn Weizmann erst nach manchen Schwierigkeiten und Beleidigungen zum Präsidenten gewählt wurde, wenn die Marxisten, die sonst die soziale Frage in den Vordergrund stellen, ins nationalistische Horn stießen, der Misrachi, der gewöhnlich in religiösen Fragen keinen Spaß versteht, sich mit papierenen Beischwichtigungsformeki zufrieden gab, deren praktischer Wert ziemlich skeptisch beurteilt wird, und anderseits die Judenstaatspartei so maßlos heftige Oppositionstöne anschlug, wie Jabotinsky sie auf den Zionistenkongressen heimisch gemacht hatte, dann verriet sich die suggestive Gewalt von Banquos Geist, dessen Rolle der Revisionismus in Luzern spielte. Fast schien es, als ob bei allen Kundgebungen die bange Frage entscheidend mitwirkte: Was wird Jabotinsky dazu sagen? Nun, diese Neugierde wird ja bald befriedigt werden. Jabotinsky war schlau genug, sich das letzte Wort zu allen in Luzern behandelten Themen vorzubehalten, und er wird davon gewiß einen solchen Gebrauch machen, daß die Kritisierten wenig Freude darüber empfinden dürften. Da die Angst vor dieser Kritik unschwer als das treibende Motiv der Vorgänge und Diskussionen in Luzern zu erkennen ist, muß man schon etwas genauer in die Tiefe spähen, um die wirklichen Gedanken und Einstellungen der Kongreßteilnehmer zu den aufgeworfenen Fragen und Problemen zu entschleiern, wobei manch groteskes Bild sich dem forschenden Blicke bietet. Am meisten Genugtuung in der ganzen jüdischen Welt wird sicherlich die friedliche Bereinigung des Streites wegen der Sabbatruhe im Heiligen Lande im thoratreuen Sinne des Misrachi auslösen. Der Kongreß nahm in gehobener Stimmung folgenden Antrag an: „Der Kongreß beschließt, daß die Beschlüsse des Aktionskomitees in Jerusalem 1934 bezüglich der Arbeit am Sabbath und an jüdischen Feiertagen — an denen jede Arbeit im Feld und im Weinberg, im Häuserbau und in der Industrie, zu ruhen habe — verwirklicht werden sollen; der Kongreß beauftragt die Exekutive, über die Verwirklichung dieses Beschlusses mit allen statutenmäßig zulässigen Mitteln zu wachen." Namens des Misrachi gab Rabbiner Hoffmann die folgende Erklärung ab: „Nachdem die Mehrheit die Bedingungen, die der Misrachi an seine Mitarbeit knüpfen mußte, erfüllt hat, nimmt der Misrachi von nun an an den Arbeiten des Kongresses vollen Anteil und wird auch einen Vertreter ins Präsidium delegieren. Zum erstenmal seit langen Jahren hat der Kongreß einen Beschluß einmütig gefaßt, der durch freie Entschließung der Arbeiterschaft ermöglicht wurde. Diese Tatsache wird die Beziehung zwischen der thoratreuen Judenschaft und der Arbeiterschaft verbessern." Die Einmütigkeit des Beschlusses besagt aber nicht, daß alle Arbeitergruppen für ihn gestimmt haben. Manche Gruppen haben bloß nicht dagegen gestimmt, sondern sich der Abstimmung enthalten und man vernahm dafür recht merkwürdige Begründungen. So gab die 27 Mann starke Delegation des Haschomer Hazair die Erklärung ab, daß sie ebenso wie die anderen Teile der Arbeiterfraktion mit der Durchführung der Beschlüsse des Aktionskomitees betreffend die Sabbatruhe einverstanden sei, da sie in ihr große soziale und nationale Werte sehe; sie lehne Caf€ Pension Echstcin Verbringen Sie die Feiertage in ÄZDÄ T^D PENSION STERN Fließendes Wasser, Meeraussicht, Küche, Reduzierte Herbstpreise bekannt gute Semmering aber jeden Versuch ab, der Sabbatruhe religiösen Charakter zu geben. Die Delegierten des Haschomer Hazair isind der Ansicht, daß die Durchführung der Sabbatruhe durch Wahrung der G ewissensfreiheit und nicht durch konstituierende Bestimmungen verwirklicht werden solle. Jeder, dem die Kämpfe der Sozialisten um den wöchentlichen Ruhetag in den Parlamenten der „Galuth" in Erinnerung sind, wo jeder, der sich im Namen der Gewissensfreiheit gegen die gesetzliche Normierung der Arbeitsruhe ausgesprochen hätte, als Arbeiterfeind angeprangert worden wäre, wird sich über obige Erklärung palästinensischer. Sozialisten redlich wundern. Ihr einziger Zweck ist wohl, den Sabbat seines religiösen Nimbus zu entkleiden und zu einer — nationalsozialistischen Institution zu machen. Man wird sich durch dieses, lächerliche Spiel mit Worten nicht die Freude darüber trüben lassen, daß der Sabbat, wie überall, wo Juden leben, nunmehr hoffentlich auch in „Erez Israel" gefeiert werden soll. In einer besonderen Resolution wurde von der Palästina-Regierung verlangt, daß sie die von ihr beschäftigten jüdischen Arbeiter an Sabbat- und jüdischen Feiertagen von der Arbeit befreie. Ferner soll allen jüdischen Stadtgemeinden (Munizipalitäten) das Recht gegeben werden, für ihren Bereich durch Verordnungen die Zwangssabbatruhe einzuführen. Eine andere Streitfrage, die die Gemüter erhitzte, entzündete sich an der A n g 1 o - P a 1 ästina-Bank. Die Judenstaatspartei enthüllte, daß diese Bank schlecht fundiert sei. So etwas kommt vor. Wir Oesterreicher wissen ein Lied davon zu singen, wie die scheinbar solidest fundierten Banken plötzlich zusammenbrechen können. Aber nicht die wirtschaftliche Grundlage der Anglo- Pälästina-Bank erregte das Mißtrauen der Judenstaatspartei, sondern ihre bautechnische: Man hat deutsches Zement beim Bau verwendet und das gab der Stricker-Partei Anlaß zu einem Run auf das Transfer-Abkommen mit Deutschland. Es zeigte sich aber, daß der Kongreß, der gegendie Stimmen der deutschen Delegierten eine recht scharfe Resolution gegen Hitler- Deutschland faßte, für einen Kampf gegen das Transfer-Abkommen mit diesem Lande nicht zu haben war. Wohl waren auch etliche Arbeiter- Delegierte gegen den Transfer, die Mehrheit aber dachte nicht an eine Kündigung, sondern bloß an eine Modifizierung des Transfer- Abkommens: Es soll eine Garantie dafür geschaffen werden, daß aus Deutschland nach Palästina exportierte Waren den Gegenwert der zugunsten deutscher Juden auszuführenden Kapitalien nicht übersteigen sollen; unter der Maske von Kapitalsausfuhr betätigte Manipulationen seitens Privatpersonen sollen verhindert werden. Da Palästina bereits mit deutschen Waren gesättigt ist, müssen Absatzgebiete in Syrien und in anderen Ländern des nahen Orients gesucht werden, um eine weitere Einwanderung von deutschen Juden nach Palästina zu ermöglichen. Von den Resolutionen, die der XIX. Zionistenkongreß auf Vorschlag seiner Politischen Kommission angenommen hat, ist besonders beachtenswert die betreffend den Legislative Council. In ihr wird zum Ausdruck gebracht, daß der XIX. Zionistenkongreß angesichts des Wunsches der Mandatarmacht, in Palästina einen Legislative Council einzusetzen, von tiefer Sorge erfüllt sei. Ein solcher Schritt werde Feuilleton Über Erziehung im talmudischen Schrifttum*) Von L. W i e s n e r, Wien. . Warum beginnt im 3. B. M. XXVI, 42, die Aufzählung der Stammväter mit Jakob und nicht, wie gewöhnlich, mit Abraham, dem ersten Stammvater? Weil Jakob der Kinderreichste der Stammväter war und mehr als die anderen die Beschwerden der Kindererziehung (zaar giddul Bonim) erfahren hat.1) Schon aus dieser Antwort ersehen wir, daß unsere Lehrer die Erziehungstätigkeit und die mit ihr verbundene Mühsal zu würdigen verstanden. Noch mehr kommt das gleiche Motiv in einer Fürbitte Jakobs für seine Nachkommen zum Ausdruck. Jakob spricht zu Gott: „Zeit meines Lebens habe ich um sie gebangt; wie Küchlein habe ich sie großgezogen und ihretwegen alle Sorgen der Erziehung getragen: willst du, lieber Gott, mir das nicht gedenken, daß du dich meiner Kinder erbarmst?"*) Den eigentlichen zaar giddul Bonim, die Plage des Großziehens der Kinder, trägt hauptsächlich die Mutter3). Sobald aber das Kind der unmittelbaren Pflege der Mutter entraten kann, setzt die väterliche Erziehung ein, es beginnt die religiöse Erziehung. Diese ist die Domäne des Vaters.4) Josephus sagt: „Vorzüglich aber streben wir nach sorgfältiger Erziehung der Kinder und machen das Bewahren der Gesetze und der *) Aus einer Reihe von Aufsätzen über „Das Kind ■im Talmud und Midrasch".; *) Midrasch Agada Bechukotai (Buber). Midrasch Lekach Tob Bechukotai (Buber) vgL Sabbat 89 b, Sanhedrin 19 b. '.. *) Midrasch Echo rabbati, Einleitung Buber, S. 14. s) Jebamoth 63 a, JVÜdrasch Lekach Tob (Bechukokai), Boiber s. v. Wesacharti vgl. Samuel Edels zu Sanhedrin 19 b. ') Nasir 29 a. überlieferten Frömmigkeit für diese zum wichtigsten Werke unseres Lebens."5) Die Faktoren der religiösen Erziehung sind hauptsächlich frühzeitige Gewöhnung und vorbildliches Beispiel. Frühzeitige Gewöhnung an gottesdienstliche Handlungen ist eine unerläßliche Aufgabe der religiösen Erziehung. Sobald die Sprechorgane des Kindes ausgebildet sind, soll das dunkle Ahnen des Göttlichen in ihm sprachlich zum Ausdruck gelangen, indem ihm der Vater wichtige Glaubenssätze einprägt und diese von ihm sprechen läßt, so z. B. „Thora ziwah lanu Mosche morascha khillath Jakob" und den ersten Satz von „Schma Jisrael". Versteht der Knabe, von Zizith und Lulaw religiösen Gebrauch zu machen, ist der Vater verpflichtet, ihn zur Erfüllung dieser Gebote anzuhalten; versteht er, Tefillin würdig zu behandeln, so kauft ihm der Vater Tefillin. Nach seiner Entwicklung und seinem Fassungsvermögen soll der Vater das Kind in das religiöse Leben einführen.6) Die üblichen Benediktionen erlernt das Kind am besten durch häufiges Vorsprechen des Vaters. Zum Zwecke der Gewöhnung an die religiöse Praxis darf der Vater die Benediktionen über Brot seinen Kindern auch vorsprechen, wenn er selbst nicht ißt.7) Es ist bei der religiösen Erziehung ebenso entschieden darauf zu achten, daß Kinder religionswidrige Handlungen unterlassen. Die talmudischen Lehrer nehmen mehrfach Anlaß, daran zu erinnern, daß den Erwachsenen die Pflicht obliegt, die Kleinen zu ermahnen (l'hashdr hagdolim al haktanim) *). Man halte alle Kinder vom Genüsse verbotener Speisen fern und lasse sie am Sabbath verbotene Handlungen nicht verrichten, damit sie sich an diese Handlungen am Sabbath nicht gewöhnen.•) „Du sollst (am Sabbath) keinerlei Arbeit verrichten, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter." (Exodus XX 10.) Unter „weder dein Sohn nach deine Tochter" können nur die Kleinen verstanden sein, da die Erwachsenen schon in dem Worte „du" inbegriffen sind.10) Für die Gewöhnung der Kinder an gottgefällige Handlungen ist folgende Anekdote bezeichnend. Der Vater des später als Arzt und Astronom berühmt gewordenen babylonischen Lehrers Samuel gab diesem, als er noch Kind war, kleine Münzen, damit er sie an einzelne Arme verteile und sich auf diese Weise daran gewöhne, Arme mit Gaben zu beteilen. Eines Tages erzählte der Knaibe ganz empört seinem Vater,--daß er gesehen habe, wie sich einer dieser Armen bei einem Stück Fleisch und Wein gütlich getan. „Gut", sagte der Vater, „von heute an mußt du diesem Armen mehr geben, er hat offenbar größeres Bedürfnis nach Speise und Trank."11) Groß ist das Verdienst desjenigen, der seine Söhne zum Thorastudium erzieht, er gehört zu den Erben der kommenden Welt12), nach anderen genießt er die Früchte dieses Verdienstes schon hienieden, der Hauptlohn bleibt ihm aber für das künftige Leben aufbewahrt13). Der höchste Ehrgeiz der Eltern war es eben, gelehrte Kinder zu haben1'). Hingegen ist derjenige, der Söhne hat und sie nicht zum Thorastudium erzieht, mit dem himmlichen Banne belegt, „menudde rschamojim"15)- Im Alter von 16 bis 22 Jahren, nach einem anderen Lehrer von 18 bis 24 Jahren, besitzt der junge Mensch die erforderliche Reife und Aufnahmsfähigkeit für moralische Lehren und Weisungen, die für seine Lebensgestaltung von entscheidender Wichtigkeit sind. Das ist nach Ansicht dieser Lehrer die rechte Zeit, Erztehungsfragen der Reifejahre zu behandeln und richtunggebende Grundsätze und Ratschläge für das weitere Leben zu erteilen, nach Spr. XXII, 6.16) Ungeratene Kinder wurden als Folge schlechter Erziehung angesehen und warfen dunkle Schatten auf °) Josephus, Kleinere Schriften, übersetzt von Clementz, 'S. 100. ") Sukka 42 a Jora dea § 245. 7) Rosch haschana 29 b. ") Jebamoth 114 a. ") Sabbat 139 a. 10) Mechilta Jethro. ") Jer. "Peah VIII. 8. a) Pesachim113a, vgl. Sotah 22a; Sabbat 127 a. ") Jer. Ghagiga II, 1. ") Pesachim 113 b. 1B) Kidduschin 30 a.

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