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Die Wahrheit · 1935-09-06 · Heft 36 (6.9.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 36 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Grosehen In Deutschland verboten! Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag [npniiproitniniiiniim Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 6. September 1935 Nummer 36 OI>TIKJER M. SCHACHTER 11., GlOffiengasst 25 Genaueste Ausführung von Rezepten* Große Auswahl an modernen Fassungen» Samstag geschlossen _ _Bei Berufung auf dieses Blatt 5 Prozent Rabatt! Rechtlos! Die deutschen Juden fallen der Verzweiflung anheim. Eine hervorragende nichtjüdische journalistische Persönlichkeit, die als Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in der allerletzten Zeit Deutschland bereist hat, gibt auf Grund unmittelbarer persönlicher Beobachtungen das folgende Bild von der wirtschaftlichen, juridischen und seelischen Situation der deutschen Juden und der Auswirkung dieiser Situation auf das gesamte deutsche Leben. Trotz aller Einzelheiten, die über die neue antisemitische Welle in Deutschland bekannt geworden sind, kann doch keine Rede davon sein, daß die Verfolgungen, denen die jüdische Gemeinschaft dort ausgesetzt ist, anders als nur in den a 11 ergröbsten Umrissen bekannt geworden wäre. Die großen Zentren unterliegen noch einigermaßen der Kontrolle der internationalen Oeffentlichkeit. Aber die Tragödien, die sich in den abgelegenen Städtchen und Dörfern z. B. Pommerns und Ostpreußens abspielen, bleiben schon deshalb unbekannt, weil infolge der kleinen in Betracht kommenden Zahl der jüdischen Bevölkerung bei jeder Mitteilung der Gewährsmann unter Umständen ermittelt werden kann und damit den schlimmsten Repressalien preisgegeben ist. Trotzdem gelangen von oppositionellen nichtjüdischen Peitsonen, die über die Geschehnisse empört sind, Dinge zur Kenntnis der Oeffentlichkeit, die die unter dem schärfsten Terror stehenden Juden nicht mitzuteilen wagen. Das Auffallendste ist dabei, daß es in den meisten Fällen zahlenmäßig ganz unbedeutende Minderheiten sind, die der Bevölkerung von selbst größeren Orten ihren Willen im judenfeindlichen Sinne aufzwingen. Alle Beobachter aus den verschiedensten Teilen des Reiches stimmen darin überein, daß die antisemitische Propaganda insbesondere der Stürmerleute sich übernommen hat und vielfach auf Abneigung, gelegentlioh sogar auf Widerstand stößt. Die wirtschaftlichen Schäden der antisemitischen Propaganda werden immer erst nachträglich erkannt und es ist bemerkenswert, daß neben der Vernichtung der jüdischen Existenzen zahlreiche nicht jüdische in den Strudel dieses wirtschaftichen Unsinns gezogen werden. Erst verhältnismäßig spät ist bekannt geworden, daß als Folge der Unruhen am Berliner Kurfürstendamm, die den dortigen Cafes und besonders auch dem bekannten Cafe Dobrin schwere wirtschaftliche Einbuße gebracht hat, die n i c h t j fiel i s c h e Belegschaft von Dobrin einen geharnischten Protest an die Gauleitung erlassen hat, in dem sie darauf hinweist, wie schwer durch solche Dinge gerade die arbeitende, auf täglichen Erwerb angewiesene Klasse leide. Genützt hat es nichts. Die Veränderung der seelischen Haltung der Berliner jüdischen Bevölkerung ist in letzter Zeit besonders auiiällig. Sie zeigt sich auf wirtschaftlichem Gebiet besonders stark, da die Unternehmungslust immer geringer wird und der wichtige Sektor der jüdischen Wirtschaft nur mehr ..auf Abbau" besteht. Nur der Umstand, daß in ganz Deutschland geradezu krampfhaft nach Möglichkeiten der Geldanlage in Substanzwerten gesucht wird, daß es aber nicht möglich ist, sie zu finden und daher alle ersparten Gelder in die Richtung gedrängt werden, die ihnen die wirtschaftliche Diktatur zuweist, hat bisher den Zusammenbruch der gesamten staatlichen Anlagen, des Geldwesens und der testverzinslichen Werte verhindert. Auf die Dauer erscheint er unausbleiblich und er wird zur Vernichtung eines sehr erheblichen Teils der ohnehin zusammengeschmolzenen jüdischen Reserven führen. Das sehen die weitesten jüdischen Kreise in Berlin, aber auch in der Provinz heute ein. Diese Gewißheit, durch eine in irgend welche angeblich gesetzliche Formen gegossene Enteignung um die Früchte des Fleißes von Generationen gebracht zu werden, hat eine dumpfe Gemütsstimmung bei vielen Berliner Juden geschaffen, die sich sehr nachteilig von der verhältnismäßig großen Zuversicht unterscheidet, die in Berlin im Gegensatz zu vielen Provinzplätzen noch im Frühjahr zu finden war. Der äußere Anblick des jüdischen Lebens in Berlin hat sich gleichfalls grundlegend geändert. Theater und Konzerte werden von den meisten schon lange nicht mehr aufgesucht. Seit den Ereignissen um „Patterson und Bendel" hat auch die Zahl der jüdischen Kinobesucher erheblich abgenommen. Restaurants, auch solche jüdischer Besitzer, wie das weltbekannte Restaurant Kempinski, beklagen das fast völlige Ausbleiben der jüdischen 'Kundschaft, und selbst vor dem Besuch jüdischen Besitzern gehörender, traditionell schon immer überwiegend von Juden besuchter Cafds macht die Auswirkung des erlittenen Schreckens, der sich jeden Augenblick erneuern kann, nicht halt. Das einst so arbeitsame, an allen kulturellen Errungenschaften bereitwilligst teilnehmende, mitstets einsatzbereiter Unternehmungslust ausgestattete Berliner Judentum kämpft schwer um die Grundlagen seiner wirtschaftlichen Behauptung auch in dem bescheidensten Rahmen, führt ein zurückgezogenes Leben und ist von einem dumpfen Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit nicht weit entfernt. Zuversicht auf Recht und Gerechtigkeit gibt es — obwohl gerade die älteren Richter in den erprobten Bahnen der Unparteilichkeit zu wandeln versuchen — umso weniger, als die rechtsprechenden Gerichte, vor allem die zivilen, vor der Verwaltung, die fast alle Kompetenzen an sich zu reißen versteht, in ihrer Bedeutung für das Volksleben, immer mehr zurücktreten. Herr Schacht mag noch so sehr betonen, daß in Deutschland jeder zu seinem Rechte komme, für den jüdischen Teil der Bevölkerung ist das einlach nicht wahr. Nicht aEein, daß die Schachtsche Rede keinen Einfluß auf die gegenwärtig immer mächtiger werdenden Parteitormationen hat ausüben können, die Fälle sind schon Legion geworden, in denen die vom Staate selbst aufgestellten Normen für die Behandlung der Judenfrage von den kleinsten ParteHnstanzen über den Haufen geworden werden. In Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen Sensal A 48-9-22 R. TAWBMMINN WI«n, II. Bezirk, NordpolatraB« 2/3 Reparaturkredite ZinsvorscfaQsse kulantest Rasiere Dich gm and billig OeslerrelcMsdics QnaiHäls f aDrlkat Ueberau erhältlich der Judenfrage ist es der neuen Welle gelungen, wieder einen rein revolutionären Zustand der Rechts Unsicherheit herzustellen. Die Dinge sind soweit gediehen, daß selbst bei völlig klarer Rechtslage die Räte der Ministerien nicht mehr eine Entscheidung zu treffen wagen. Eine sehr hohe Stelle hat kürzlich voller Verzweiflung ausgerufen, man bringe ihr doch einen Parteibe fehl, dann sei sie bereit, alles zu veranlassen, um den Uebelständen abzuhelfen, aber ohne einen solchen sei sie paralysiert. Dieses eingestandene Unvermögen, auch bei gesetzlich klarer Lage etwas im Sinne der Gesetze zu tun, wenn nicht Parteiinstanzen ihre Einwilligung geben, muß weit über den Rahmen der Judenirage hinaus zur völligen Auflösung des staatlichen Gefüges führen und setzt immer mehr an die Stelle von Verwaltungsgrundsützen die reine Parteiwillkür. Unter solchen Vorzeichen wird die Arbeit der jüdischen Organisationen, soweit sie sich nicht reine Ausiwanderunüsawgaben gestellt haben, i mm e r schwieriger. Die maßgebenden jüdischen Presseorgane hat man mit monatelangen Verboten schon mundtot gemacht, die Auihebung des Verbots der „Jüdischen Rundschau" geschah nur mit Rücksicht auf den Luzerner Kongreß. Eine allgemeine Regelung für die jüdischen Zeitungen steht bevor. Ueber ein Verbot ihres öffentlichen Verkam's, insbesondere in Kiosken, ist bereits gemeldet worden. Darüber hinaus sind auch Beschränkungen des Leserkreises und sogar des Inhalts geplant, um so immer mehr den Anteil der Juden an den Vorgängen des allgemeinen deutschen Lebens einzuschränken. Die Möglichkeit, die Welt über die Vorgänge im deutschen Judentum auch nur in der gewiß mehr ah zurückhaltenden Weise zu unterrichten, in der das bisher geschah, soll hierdurch noch weiter vermindert werden. In dieses überaus trübe Bild der gegenwärtigen Lage deis deutschen Judentums läßt sich als einziger Lichtblick neben die würdige und verantwortungsbewußte Art, in der das große Leid von den Betroffenen getragen wird, nur das Verhalten weiter Kreise der Bevölkerung einzeichnen, die aus ihrer Ablehnung der Stürmerpropaganda und des brutalen Antisemitismus kein Hehl machen. Zu offenem Protest langt es auf diesem wie auf anderen Gebieten bei der gesamten Seelischen und charakterlichen Konstitution des deutschen Volkes noch nicht. Aber die Kundgebungen der öffentlichen Meinung erfolgen doch in einer nicht mißzuverstehenden Form. Die Nazis selbst sind erschrocken, daß sich hier eine große Kluft zwischen ihnen und einem erheblichen Teil der Bevölkerung, die sonst mit ihnen geht, aufgetan hat. Durch neue Uebersteigerungen sucht man die Volksgunst festzuhalten. Trotz aller Schacht-Reden muß darum mit weiteren antisemitischen Exzessen, mit weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen zur Unterdrückung der Juden und mit weiteren Ausschaltungsmaßnahmen auf dem Wirtschaftsgebiet gerechnet werden.

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