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Die Wahrheit · 1935-08-30 · Heft 35 (30.8.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 35 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 35 — 30. August 1935 DIE WAHRHEIT Instinktiosigkeit? Nein, Anständigkeit. Ein Leitartikel des „Völkischen Beobachters" vom 4. August enthält einige Geständnisse zum Thema Judenpolitik, die besonderes Interesse verdienen. Schon mit dem ersten Satz sind wir im Kern der Sache: „Wenn drei .gebildete' Deutsche über die Judenfrage »debattieren4, kennen zwei zumeist je einen ,gründanständigen Juli e n\ auf den nun alles vorher als richtig Anerkannte plötzlich nicht mehr anwendbar sein soll." Aber nicht nur zwei Drittel der „Gebildeten" sind noch nach zweieinhalb Jahren Hitler-Regime widerspenstig. Das ganze Volk ist es! Der „Völkische Beobachter" muß überraschenderweise feststellen, daß das deutsche Volk in pünkto Antisemitismus das unaufgeklärteste der ganzen Welt sei Der Satz, in dem das angeprangert wird, ist denkwürdig: „Nirgendwo ist die Instinktiosigkeit weiter Bevölkerungsschichten gegenüber Rasseiragen so groß und eingewurzelt wie bei uns*" Diese beispiellose „Instinktiosigkeit weiter Bevölkerungsschichten" — die beinahe daran zweifeln läßt, ob die germanische Rasse wirklich geeignet zur Weltführung ist — äußert sich laut „Völkischem Beobachter" folgendermaßen: „Ist der Jude nicht ach so zuvorkommend, ist er nicht ach so liebenswürdig, ist er nicht ach so sozial seit Urväterzeiten, ist er nicht ach so rücksichtsvoll, und wird er gar jemals grob? Mit solchen Fragen quält sich manch gutwilliger Deutscher selbst noch beim Schlafengehen und beim Aufwachen, und die Antwort ist dann: .Es mag ja anderwärts anders sein, ein mir bekannter Jude aber ist eine Ausnahme'." Zum Glück gibt es die nationalsozialistische Propaganda. Ihr „Weckruf an das Rassebewußtsein" hat, wie der „Völkische Beobachter" fortfährt, — allerdings in neuerlich überraschendem Gegensatz zum Vorangegangenen, — „bereits in Millionen und aber Millionen deutscher Seelen Widerhall und Anklang gefunden". Trotz dieses Erfolges kann aber nicht verschwiegen werden, daJ3 der Widerhall und Anklang zu wünschen übrig läßt. Etwa: „Eines Deutschen unwürdig ist es, im dritten Jahr der nationalsozialistischen Revolution sich zu entsetzen, wenn dem Juden der Wirkungskreis beschnitten w i r d." Kurz und gut, alles Phrasengedreschs entkleidet: der „Völkische Beobachter" tobt darüber, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung von der großen Sache des Nationalsozialismus, der Judenpolitik, partout und partout nichts wissen will. Noch nie ist das so offen ausgesprochen worden. Noch nie ist zugestanden worden, daß diese Politik, .statt Begeisterung zu wecken, selbst den als „gutwillig" anerkannten Deutschen „Qualen" und „Entsetzen" verursacht. Ihren BUfheffbedarf decken Sie am besten und billigsten in der Buchhandlung - Antiquariat HERMANN TUCH IM ER, In Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch antiquarisch zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Brief aus Rumänien. Von unserem Korrespondenten. Der Numerus clausus steht jetzt in unserem Heimatlande im Mittelpunkte einer leidenschaftlichen Diskussdon, welche der frühere Regierungschef, Dr. Vaida-Voevod in der Exekutive der nationalzaranistischen Partei heraufbeschworen hat. Bei der Beratung über das Programm dieser regierungsfähigen Partei hat der Genannte einen Antrag eingebracht, daß der Numerus clausus, oder wie er noch erläuternd betonte, der Numerus valachicus in Mittel- und Hochschule, Handel und Industrie in das Programm der künftigen Regierungspartei aufgenommen werde. Trotzdem dieser Antrag schon im Schöße der eigenen Partei sowohl seitens deren Präsidenten M i c h a 1 a k e und des gewesenen Regierungschefs Maniu sowie auch anderer führender Persönlichkeiten eine Mißbilligung gefunden und abgelehnt worden war, brachte er dennoch den Stein ins Rollen. Die nationalistischen Elemente haben sich dieser These des Herrn Vaida bemächtigt, die sie nunmehr auf jede Art und Weise ausschroten wollen. In der Hauptstadt gelangten Manifeste in deutscher und rumänischer Sprache^zur Verteilung, in welchen jeder zum Verräter an der Nation gestempelt wird, der gegen den Numerus clausus Stellung nimmt, während in Cluj eine derart lärmende Sympathiekundgebung für Vajda veranstaltet wurde, daß die Polizei zu vielen Verhaftungen schreiten mußte. Auch im Schöße der Advokatenkammern kam der Numerus clausus in einer lebhaften Debatte zur Sprache und immer weitere Kreise geraten in den Bann dieses berauschenden Schlagwortes. Für die Judenschaft ist dies nichts Neues. Denn ihre Gleichberechtigung ist in der Konstitution und in den Gesetzen statuiert Und wenn sich bei deren Interpretierung und praktischen Anwendung eine Meinung ergibt, welche mit dem Wortlaute des Gesetzes nicht im Einklänge steht, so ist dies von unwesentlicher Bedeutung, da ein Jude nur selten für ein nationales Recht in Betracht kommt. Die jüdische Minorität hat sich also in ihren Forderungen gemäßigt und sich mit ihrem Schicksale abgefunden. Das einzige Gebiet, wo sich der jüdische Geist veredeln kann, ist die Schule. Das weitere Gebiet aber für die wirtschaftliche Betätigung der jüdischen Bevölkerung sind nur noch die sogenannten freien Berufe, der Handel und die Industrie, wo die Judensdiaft unter ungeheuren Kämpfen und Schwierigkeiten um ihre Existenz ringen muß. Nun hat Herr Vaida noch das drohende Gespenst des Numerus clausus auch auf diese Gebiete heraufbeschworen, das sich nunmehr auch gegen die anderen Minoritäten, und dies sogar in noch höherem Maße richtet. Wenn der Antrag Vaidas — von seiner Partei zwar abgelehnt — sonst in der öffentlichen Meinung Rumäniens greifbare Formen annehmen sollte, würden die Deutschen und Magyaren davon am meisten betroffen werden. Bei den Deutschen beginnt auch schon diese Erkenntnis zu dämmern und ihre Parlamentarier begleiten mit ernster Besorgnis "die Bewegung in den nationalistischen Kreisen. Wo es sich um einen Affront gegen die Juden gehandelt, stellten sich die Deutschen in die vorderste Reihe, indem sie die Verdrängung der Juden nach Hitlerschem Muster propagierten. Und die antisemitische Hetze in Rumänien hat ihre Wirkung zum großen Teile der rollenden Mark zu verdanken. Da nun aber die Geister des Minoritätenhasses einmal schon toben, bleibt ihre verheerende Willkür nicht nur auf die Juden beschränkt. Auch die anderen Minoritäten werden nun am eigenen Leibe erfahren müssen, was das heißt, die häßlichen Instinkte der nationalen Leidenschaft wecken. Allerdings übersehen die nationalistischen Elemente in ihrem blinden Eifer, daß kein Land heutzutage sich mit einer chinesischen Mauer von der Welt abschließen kann und daß vielmehr die ganze Welt eine gigantische Einheit bildet, deren Glieder und Adern eng ineinandergreifen. Auch die Rede des derzeitigen Propagandaministers J a m a n d i beweist, daß die chauvinistischen Kreise in ihrer Auffassung zu kurzsichtig sind. Die Ausführungen dieses ausgezeichneten Staatsmannes, wonach „die Minoritäten in Rumänien sich als staatstreues und nützliches Element bewährt haben, und daß man diese viereinhalb Millionen zählende Bevölkerung nicht glattweg übergehen könne" — wurden ihm zwar nicht gut angekreidet. Unleugbare Tatsache ist es aber, daß Großrumänien als Agrarstaat mit bloß 20 Prozent nicht agrarischer Bevölkerung seine Entwicklung und seinen Fortschritt auf jedem Gebiete zum nicht geringen Maße den Minoritäten zu verdanken hat. Dem gewesenen Innenminister und späteren Regierungschef Dr. Vaida ist dieser Umstand auch nicht unbekannt; da aber das ganze PUÖMIX IM Iii Pulver Herrn Vaidas verschossen zu sein scheint, mußte derselbe aus der Rumpelkammer der abgedroschenen nationalistischen Schlagworte neuen Explosivstoff holen. Es bleibt nun abzuwarten, welche Wirkung dieses verschimmelte Produkt hervorbringen wird. Vorderhand hat Herr Vaida mit seiner Agitation nur Mißerfolge zu verzeichnen. Die Zeitung „Frontul romanesc", das offizielle Organ der Bewegung zur Einführung des „Numerus valachicus", hat das Erscheinen eingestellt. In politischen Kreisen wird dies mit den Bemühungen um die Wiedervereinigung der abgespaltenen Vaida-Gruppe mit der dem demokratischen Programm treu gebliebenen nationalzaranistischen Mutterpartei in Zusammenhang gebracht. Es gilt sogar als gewiß, daß Vaida Voevod selbst . für einige Zeit von der politischen Bühne abtreten wird. Bernhard Rippel, Czernowitz. Die Union der rumänischen Juden veröffentlicht das folgende Kommunique: Die Repräsentanz der rumänischen Juden stellt, die letzten Ereignisse überprüfend, fest, daß die rumänischen Juden in Gefahr sind. Die Aufrechterhaltung ihrer bürgerlichen Rechte sowie ihrer Menschenrechte ist in Frage gestellt Die Union gibt dem rumänischen Volk die Versicherung, daß die rumänischen Juden ohne Unterschied dem Lande treu ergeben sind. Sie hatten nie ein anderes und haben kein größeres Interesse, als zur Konsolidierung des Vereinigten Königreichs beizutragen und das rumänische Volk — das seit zwei Jahrzehnten in seine vollen kulturellen, wirtschaftlichen und poliitischen Rechte eingesetzt ist — in einem ständigen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aufstieg zu sehen. Die Union rumänischer Juden erklärt aber, daß jede Aktion, welche die Verletzung der Menschen- oder der Bürgerrechte der rumänischen Juden zum Ziele hätte, trügerisch ist. Staatsprobleme können nicht gelöst werden, indem dem einen das Brot aus dem Munde genommen wird, um es dem anderen zu geben, sondern nur dadurch, •daß man es allen gewährleistet. Nicht auf dem Wege der Privilegien1 für die einen auf Kosten der anderen, sondern nur durch die Anregung der Initiative aller kann das allgemeine Volkswohl gesichert werden Die Union rumänischer Judera protestiert gegen die Beschuldigung, daß die Juden alles an sich reißen, sowie gegen die falschen Statistiken, die von manchen Zeitungen veröffentlicht werden, um gewissen ungerechten und ungesetzlichen Lösungen den Schein der Berechtigung zu geben. Die Juden haben nicht die Gesetze des Staates gemacht — sie haben sie befolgt. Sie haben nicht die Steuern festgesetzt — sie haben sie gezahlt. Die Juden haben es weder versucht, noch vermocht, die Rumänen daran zu hindern, eine beliebige Karriere zu wählen, oder ein wirtschaftliches Unternehmen zu gründen. Die Union rumänischer Juden ruft alle rumämschen Juden, ohne Unterschied ihrer politischen Gesinnung, auf zum Verteidigungswerk im Wege

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