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Die Wahrheit · 1935-08-30 · Heft 35 (30.8.1935) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 35 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 35 — 30. August 1935 Seite 5 Klaber als Erzieher. Wir haben vor einiger Zeit über den blamablen Mißerfolg berichtet, den die gegen den Willen der „Union" von der Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes gegründete neue jüdische Volksschule bei ihren ersten Einschreibungen zu verzeichnen hatte. Trotz aller Bemühungen, diese Schule den jüdischen Eltern schmackhaft zu machen, trotzdem an 600 im Umkreis der neuen Schule wohnende jüdische Eltern Prospekte verschickt worden sind, •trotzdem in allen der Gemeinde zur Verfügung stehenden Lokalitäten!, insbesondere in den Tempeln, Anschläge auf diese Schule aufmerksam machten, trotzdem in allen Wiener jüdischen Zeitungen diesbezügliche Hinweise erschienen sind, haben sich, wie wir damals mitteilen konnten, bloß sage und schreibe dreiundzwanzig jüdische Schüler um die Aufnahme in die erste Klasse der neuen jüdischen Schule beworben, das sind nicht einmal zwei Prozent der heuer schulpflichtig werdenden 1200 jüdischen Kinder Wiens. Man hätte nun annehmen können, daß dieser schwere Mißerfolg die Herren der Mehrheit des Wiener Kultusvorsitandes zur Einsicht bringen hätte sollen, daß ihre Auffassung, es handle sich bei dieser jüdischen Volksschule um ein „dringendes Bedürfnis", falsch gewesen ist. Man hätte weiter annehmen können, daß sie in Erkenntnis ihres Irrtums ihren Plan fallen und Schritte unternehmen würden, um die wenigen angemeldeten jüdischen Schüler anderwärts einer wirklich jüdischen Erziehung zuzuführen, wozu sich durch eine Kombination mit der in auffallender Nähe des Standortes der neuen jüdischen Volksschule befindlichen Talmud Thora-Schule die Möglichkeit geboten hätte. Nichts von all dem ist geschehen, im Gegenteil, der KultusvorstaTid verstärkt seine bisher vergeblichen Bemühungen, Interesse für seine Schule bei den jüdischen Eltern zu erwecken, der Erfolg dieser Bestrebungen ist aber weiterhin1 fraglich und bleibt abzuwarten. Neuerdings ist nun der blamierten jüdischnationalen Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes eine Organisation zur Hilfe gekommen, bei der man eine solche einseitige Stellungnahme eigentlich nicht hätte erwarten dürfen. Der „Jüdisch-Kulturelle Elternbund" wendet sich in einem Aufrufe „dringendst" an die jüdischen Eltern, „ihr Kind in die neueröffnete jüdische Volksschule einschreiben zu lassen". Der „Jüdisch-Kulturelle Elternbund" ist unseres Wissens eäne unpolitische Organisation, die die Zusammenfassung der Eltern der an allen Wiener Schulen lernenden jüdischen Kinder zu kulturellen Zwecken anstrebt. Eine Propaganda dieser Vereinigung bei den jüdischen Eltern für eine bestimmte Schultype ist daher angesichts des allgemeinen Charakters dieser Organisation unstatthaft. Sie wäre selbst dann unerlaubt, wenn diese neue jüdische Schule wirklich eine so „außerordentlich große Bedeutung für die jüdischreligiöse Jugenderziehung" hätte, wie in dem Aufruf des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" behauptet wird. Man muß sich aber insbesondere dann gegen diese unerlaubte Reklame wenden, wenn man weiß, daß die „Bedeutung" der neuen jüdischen Schule nach dem Willen ihrer Gründer mehr auf n a t i o n a 1 e m als auf religiösem Gebiete liegt. Und darum muß man die Frage aufwerten, ob dieser Aufruf mit Kenntnis und Billigung aller Vorstandsmitglieder des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" erlassen worden ist, von denen so manche nichtnational eingestellt sind und daher das national-jüdische Schulwerk ablehnen. Man muß aber auch die Frage stellen, wie es kommt, daß trotz seiner inzwischen erfolgten Berufung zum Obmann der Schulkommission Herr Dr. Isidor Klaber noch immer Obmann des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" ist, obwohl es doch leicht vorkommen kann, daß dieser ..Elternbund" nicht immer mit den Bestrebungen der nun von Herrn Dr. Klaber geleiteten Schulkommission konform geht. Leute, die solcher Art ein einmal „erobertes" Pöstchen für alle Ewigkeit behalten wollen, bezeichnet man in Wien mit einem Worte, das sich aus einer Vokalauswechslung im Namen des genannten Herrn leicht ergibt. Das unglaublichste Stückchen leistet sich der erwähnte Aufruf aber mit folgendem Satz: „Nach der von uns an zuständiger Stelle eingezogenen Erkundigung bildet die bereits erfolgte Anmeldung in einer öffentlichen Schule kein Hindernis für die Einschreibung Ihres Kindes in die Jüdische Volksschule der Kultusgemeinde." Also weil es jetzt eklatant ist, daß die Eltern von 98 Prozent der heuer schulpflichtig werdenden jüdischen Kinder Wiens nach wie vor die S i m u 11 a n s c h u 1 e als die geeignetste Schulgattung für die Erziehung ihrer Kinder ansehen und von einer Erziehung derselben in einen, jüdischnationalen Schule nichts wissen wollen, deshalb geht der „Jüdisch-Kulturelle Elternbund" nun darauf los, die schon in einer Simultanschule eingeschriebenen jüdischen Kinder dieser Schule abspenstig zu machen und sie der jüdischnationalen Schule in der Castelferwfitante §frohwitirer speisen «orzoglltb im Restaurant Höfel Stefanie vormals Operer 11., TaborstraOe 12, Tel. R 46-5-57 teM*fe> Ausgiebige Braton-Menüs J> 1 60 * Geflügel- ., S2.20 wJ sowie i la Carte, Speisen am Rost / Schöner staubfreier Garten lezgasse zuzuführen. Damit überschreitet er gewiß seinen Wirkungskreis und kennzeichnet sich als eine jüdischnationale Propagandavereinigung. Das wird man sich merken müssen, wenn der „Jüdisch-Kulturelle Elternbund" wieder 'sein Liebeswerben in unionistischen Elternkreisen beginnen wird. Aber auch die Bemühungen des „Elternbundes" werden die Schulblamage der jüdischnationalen Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes nicht aufhalten können. Es ist nun evident, wie recht die „Union" mit ihrem Widerstand gegen die Errichtung einer jüdischnationalen Schule hatte. Die Wiener Judenschaft lehnt in ihrer gewaltig überwiegenden Mehrheit eine Schule ab, deren Erziehungsmethoden zu einer Separation des jüdischen Kindes von seiner christlichen Umwelt führen müssen, also mit den Bestrebungen unserer wütendsten Feinde übereinstimmen. Emigration der „Rassenschänder". Eine neue Welle der Emigration ergießt sich jetzt aus Deutschland in die benachbarten Länder: die Emigration der „Rassenschänder". Die von den zentralen Parteiistellen in Deutschland systematisch betriebene Propaganda gegen jede Art von Zusammenleben zwischen Ariern und Juden hat ein böswilliges, sensations- und tumultlüsternes Denunziantentum auf den Plan gerufen, welches in der Wahl seiner Opfer sich in keiner Weise Skrupel macht. So werden nicht nur Personen, die wirklich in einem näheren Verhältnis mit andersrassigen Partnern leben, zur Anzeige gebracht und damit der Schutzhaft und dem Konzentrationslager ausgeliefert, sondern auch jede freundschaftliche und kollegiale Beziehung zwischen. Juden und Ariern verschiedenen Geschlechts wird zum Gegenstand einer Denunziation und Hetze gemacht. Nachdem diese neuen Aktionen des Nationalsozialismus es bewirkt haben, daß mehrere gemischtrassischer Beziehungen verdächtigte Personen es vorzogen, über die Grenze zu gehen, anstatt ins Konzentrationslager wandern zu müssen, sehen nunmehr offenbar die Behörden selbst in dieser Aktion ein wirksames Mittel, ihnen unerwünschte Personen auf dem Wege über die Rassenhetze ios zu werden. Es sind mehrere Fälle vorgekommen, daß z. B. jüdische Staatenlose, gegen die gar nichts vorlag, man also eine Handhabe zu ihrer Ausweisung nicht hatte, jetzt kurzerhand verhaftet werden, wobei ihnen erklärt wird, daß sie der Rassenschändung verdächtig seien und Gefängnis von mindestens einem Jahre zu erwarten hätten; man setze sie aber in Freiheit, wenn sie ein Geständnis der „Rassenschande" ablegen und freiwillig verschwinden. So kommt es, daß unter den in der letzten Zeit über die Grenze gekommenen „Rassenschändern" sich viele Staatenlose befinden, denen in den Billige Bücher bei der Schwedenbrücke. Buchhandlung Schneider & Co.. Wien I» Franz JoSefskai 7, Tel. R 22-0-15. Scholem Alechem, Die Geschichten Tewjes des Milchhändlers. Leinenband (S 7.—) S 1.70; Stempenju, Roman. Leinenband (S 7.—) S 1.70. Nathan Asch, Der 22. August, Roman, kartoniert (S 7.—), S 1.90. Gustav Meyrink, Der Golem, Leinenband (S 11.—) nur S 3.10; Das grüne Gesicht, Walpurgisnacht. Fledermäuse, jeder Band Halbleinen, nur S 2.70; Des deutschen Spießers Wunderhorn. 2 Halbleinenbändu, zus. nur S 6.30. Kurt Stechen. Palästina-Bericht eines Nichljuden, Ganzleinenband (S 6.—) nur S 1.90. Arnold Zweig. Herkunft und Zukunit, zwei Essays zum Schicksal eines Volkes, Leinen, nur S 3.—; Lessing. Kleist, Büchner, Leinenband, nur S 3.75; Der Streit um den Sergeanten Grischa. De Vriendt kehrt heim. Junge Frau von 1914, jeder Leinenband (S 14.80) nur S 4.80. jeder Band kart. nur S 3.50. Besuchen Sie unsere Buchhandlung. Sie linden die reichste Auswahl an Büchern bester Autoren zu kleinsten Preisen. Katalog gratis und portofrei. deutschen Gefängnissen falsche Geständnisse abgepreßt wurden. Einigen von ihnen gelang es, Dokumente und Akten über ihren Fall mit über die Grenze zu bringen, aus denen die oben erwähnte Praxis der Behörden einwandfrei festzustellen ist. In einzelnen Fällen konnte festgestellt werden, daß die Gestapo-Beamten den nach dem Ausland gehenden der Rassenschande verdächtigten Staatenlosen Grenzscheine ausstellen ließen, wie sie deutschen Staatsangehörigen ausgehändigt werden, nur um es den Staatenlosen zu ermöglichen, die Grenze zum anderen Staat zu passieren. Selbstverständlich ist es diesen Unglücklichen nicht gestattet, mehr als 10 Mark von ihrem Vermögen ins Ausland zu nehmen. Einem Staatenlosen, der 19 Mark bei sich hatte, wurde an der Grenze der ganze Betrag weggenommen, es wurden ihm nicht einmal die 10 Mark gelassen. Man erfährt, daß allein in Leipzig etwa 60 Personen wegen Rassenschande im Konzentrationslager schmachten müssen. Es ereignen sich bei der Jagd nach Rassenschändern oft grauenvolle Tragödien. Von der Hetze werden auch langjährig miteinander Verheiratete betroffen. Familien werden von heute auf morgen auseinandergerissen, Kinder werden einer u nge wissen Zukunft ausgesetzt. Jüdische Fragen vor dem Völkerbund. Neuorganisierung des Flüchtlingsschutzes. Am Montag, den 9. September, beginnt in Genf die 16. ordentliche Tagung der Völkerbundversammlung. Von den Beratungsgegenständen, die auf dem Programm stehen, ist von jüdischem Interesse die Frage der Erweiterung des Flüchtlingsschlitzes in der Weise, daß auch die Flüchtlinge aus Deutschland dem Nansen-Amt des Völkerbundes unterstellt werden. Bekanntlich hat die norwegische Regierung den Antrag gestellt, daß düe künftige Völkerbundversammlung die Frage des Flüchtlingsschutzes in ihrer ganzen Tragweite erörtere und ein Zentralamt errichte, das für die politischen und rassischen Flüchtlinge aus allen Staaten sorgen solle. Die Petitionen der Danziger Juden. Wie schon mitgeteilt, haben sich die Danziger Juden entschlossen, außer den bereits beim Völkerbundsekretariat in Genf liegenden Petitionen einen weitere Petition dem Hochkommissar Lesst e r zur Weiterleitung an den Völkerbund zu übergeben, in welcher die antisemitischen Ausschreitungen und die Bedrückungen der Juden auf dem Gebiet des Freistaates dargestellt werden. Dieser Entschluß der Danziger Juden ist ein Ausfluß der Zuspitzung der jüdischen Lage in Danzig, wo die antisemitischem Aktionen sich von Tag zu Tag verschärfen. Die bereits früher überreichten Petitionen wurden bekanntlich von einer Kommission berühmter Juristen bereits geprüft und werden von der Völkerbundversammlung während ihrer September-Session behandelt werden. Es steht noch nicht fest, ob auch die neueste Petition mit Gegenstand der Verhandlung sein witrd.

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