Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 35 (30.8.1935)
- Date
- 1935-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 35 — 30. August 1935 DIE WAHRHEIT einer kurzen Besprechung der Lage der Juden im allgemeinen über die Verhältnisse in Deutschland u. a. folgendes ausführte: Daß nicht nur die Juden, sondern alle wahren Christen gegen diese Grausamkeiten mit Abscheu ihre Stimmen erheben, haben die Reden ihrer Geistlichen gezeigt, der Bischöfe in England und in Amerika, und in den großen Versammlungen war ein Schrei des Entsetzens bei Juden und Christen, besonders auch über die Verfolgungen der Katholiken und der selbständigen Protestanten. Was aber an den Juden gesündigt wurde, übersteigt die schlimmsten Qualen in der Leidensgeschichte dieses oft verfolgten Volkes. Dr. Wise besprach dann die Verfolgungen der einzelnen Stände: er wies auf die Vertreibung der Professoren hin, die zu hunderten ihre Katheder verlassen mußten, auf die Aerzte und Juristen, die aus Aemtern und Kanzleien gejagt, auf die Kaufleute und Handwerker, denen durch den Boykott die Existenzmöglichkeit genommen ward. Tausende ehrliche Menschen, tausende Familien, tausende Kinder sind zum Untergang verurteilt, ja direkt zum Hunger, da auch die Lebensmittel ihnen verweigert werden. Wo in aller Welt hat man solche Grausamkeit schon gesehen? Ebenso schmerzhaft wie die wirtschaftlichen Mäßnahmen sind aber die moralischen Verfolgungen. Der Redner schildert die Grausamkeiten an den Eingekerkerten, denen jedes Recht verweigert wird. Ebenso widerrechtlich sind aber die Methoden, mit denen sie zum Schweigen verpflichtet werden. Dr. Wise führt dann aus, daß die zivilisierte Welt — vielleicht mit Ausnahme von Amerika — viel zu wenig energisch gegen diese Vorgänge auftritt Der Boykott in Amerika habe ebenso wirtschaftliche Begründung, wie er in noch höherem Maße ein sittliches Urteil darstelle. Nicht nur die Juden allein haben die Pflicht, auf Abhilfe zu denken, sondern sie müssen dabei den Beistand der ganzen Kulturwelt finden. Der Kongreß rufe alle Menschen mit moralischem Gefühl als Zeugen auf, daß hier ein Unrecht geschieht, wie noch ni%| mals in der Welt, ein Unrecht, das sich an seinen Urhebern rächen muß. Die Rede fand stürmischen Beifall. Bemerkenswert auch vom innerjüdischen Standpunkt war die Feststellung S o k o 1 o w s: „Wir sind überzeugt, daß unsere Brüder in Deutschland deutsche Patrioten sind, wie auch die Juden Englands, Frankreichs, Amerikas usw. Patrioten ihrer Länder sind." Ebenso erscheinen uns die Erkenntnisse Soko- 1 o w s über den Wert des Festhaltens an dem Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung und an den Errungenschaften der Emanzipation besonders wichtig. „Wir sagen: die Gleichberechtigung ist unantastbar und voll in Geltung. Wir verzichten nicht. Hier geht es nicht allein um die Judenschaft Deutschlands, sondern um die gesamte jüdische Diaspora. Der Kampf tobt gegen die Jüdische Rasse'. Wir. alle, die Juden der Welt, sind stolz darauf, dieser Rasse anzugehören. Und wenn die Idee der Emanzipation angefochten wird, so sind auch nicht unsere Brüder in Deutschland die einzigen Juden, die die Gleichberechtigung errungen haben. Die Juden aller zivilisierten Länder der Welt sind gleichberechtigt. Es ist also eine Existenzfrage für die ganze jüdische Diaspora. Es mag eine Spezies sogenannter Realpolitiker (zu dieser zählen vor allem die Wiener Jüdischnationalen, d. Red.) geben, die in ihren geheimen Gedanken der Emanzipation einen Nachruf w idmen, der etwa so lautet: .Ja, die Emanzipation ging unter mit dem Liberalismus, schön wie ein Sonnenuntergang.' Von solchen Realisten gilt das alte Wort der Sprüche S alomo's: .Zerstampfe sie in einem Mörs e r!' Das sind Ausnahmen. Kein denkender Jude kann in Fatalismus verfallen. Mutige Ausdauer und nie ermüdende Geduld müssen in der Frage der Gleichberechtigung die Leitidee sein. Die Erkenntnis der Wahrheit reift langsam und bedarf eines um so längeren Zeitraumes, je verbreiteter und eingewurzelter der Irrtum ist. Wer soll das Jüdische Nationalheim ausbauen? Wer soll das notwendige große Kapital geben oder leihen? Die Antwort ist klar: Die jüdische Diaspora! Ein verfolgtes, gehetztes, von Pogromen oder Ausnahmegesetzen bedrohtes Diaspora-Judentum kann für den Ausbau des Nationalheims wenig oder nichts leisten. Eine jüdische Diaspora gab es seit jeher und wird es immer in größerem oder kleinerem Maßstabe geben." Das ist, wenn man von dem Politikum „Nationalheim" absieht, das Programm der vielverlästerten Assimilanten, die die „mutige Ausdauer und nie ermüdende Geduld" seit jeher forderten, auch wenn die Jüdischnationalen sie wegen ihres Optimismus verlachten " und verhöhnten. Sokolow besitzt den gleichen Optimismus. H. Cafe Pension Echsfein Semmering Was tut das Ausland?" „Die Behandlung der deutschen Juden ist ein schreiendes Unrecht." ff „De TeJegraaf" in Amsterdam, der die weitaus größte Auflage unter den führenden niederländischen Zeitungen hat (120.000 Exemplare) und der bisher stets eine ganz besondere Zurückhaltung in der Beurteilung der Vorgänge in Deutschland an den Tag gelegt hat, bringt in seiner Abendausgabe vom 20. August einen langen Leitartikel, der in die als Aufforderung gedachte Frag© ausmündet: „Was tut das Ausland?" — Ueberschrieben ist dieser Artikel mit! der Schlagzeile: „Ein schwarzer Fleck auf dem deutschen Wappenschild." Darunter folgt die zweite Ueberschrift: „Die Behandlung der Juden ist ein schreiendes Unrecht." Es heißt in diesem Artikel: „Der deutsche Antisemitismus, wie er sich jetzt auslebt, ist nichts als Demagogie. Der Einfluß der Juden war gebrochen schon wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers. Besonders leicht war es, die vielen großen jüdischen Betriebe den Familien, die sie gegründet und groß gemacht harten, abzunehmen. Wenn das deutsche Volk wieder zur Besinnung kommt dann wird es einsehen, daß seine Regierenden durch eine solche Handlungsweise scham- Jos Raub verübt haben an einer Kategorie von Memschen, durch defren Unternehmungsgeist und Einsicht Industrien von großer Bedeutung aufgebaut worden waren. Man wird dann auch einsehen, daß der jüdische Industrielle und Kaufmann oft ein Gegengewicht gegen das schädliche Treiben von marxistischen Volksführern gebildet hat." Der Artikel fährt fort, daß es so weit noch nicht sei, daß dlia Leute dies einsähen, daß vielmehr aus für dien Ausländer unverständlichen Gründen die antisemitischen Leidenschaften von oben her noch mehr aufgereizt würden. Dabei wird Folgendes berichtet: „Es gibt Hin Deutschland keine Stadt und kein Dorf mehr, in dessen! Hauptstraße nicht ein Kasten für den „Stürmer", das Blatt Julius Streichers, angebracht wäre. Dieses Wochenblatt, das mit Vorliebe intime Angelegenheiten zwischen Juden und Nichtjuden behandelt, ist an sich schon genug abscheuerregend. Für die Judenfeinde geht es aber noch nicht weit genug, denn in denselben Kasten, in denen' der „Stürmer" ausgestellt ist. findet man oft maschingeschriebene Mitteilungen, die wiederzuerzählen man selbst am Stammtisch sich genieren würde ... Es wäre nötig, neben jeden Ausstellungskasten einen Schutzmann zu stellen, der verhindert, daß Kinder von diesen Mitteilungen der Obrigkeit Kenntnis nehmen, da- •mit ihre Phantasie nicht besudelt wird . . ." Unter der Zwischenüberschrift „Moralische Verwilderung" heißt es dann weiterhin in dem Artikel: „Man macht den Jnde-i die Existenz in den Dörfern unmöglich. In den Großstädten dürfen sie BADGASTEIN KURHOTEL BRISTOL RESTAURANT Thermalbäder, fließendes Wasser Nachsaison Pensionspreis von S 12 — sich nicht niederlassen. Wo sollen diese Unglücklichen denn hin? Am liebsten siehit die deutsche Regierung sie betrübt ins Ausland ziehen, und darauf sind offenbar alle Maßregeln gerichtet. Man wagt es nur nicht, öffentlich zu sagen... Der Jude kann sein Geschäft nicht mehr liquidieren, und gelingt ihm dies am Ende doch, dann erlaubt man ihm nicht, sein Geld mit ins Ausland zu nehmen... Wenn die gegenwärtige Regierung einige Jahre lang imstande sein sollte, ihre bisherige Judenpolitik fortzusetzen, dann werden fast ausnahmslos alle Juden in Deutschland ruiniert sein. Sie werden dann die Häuser, die sie jetzt bewohnen, verlassen müssen, ohne zu wissen, wo sie sich nun aufs neue niederlassen sollen. Vielleicht sind die nationalsozialistischen Behörden bereit, hier und dort aus Gnade wieder ein Ghetto einzurichten, in dem die Juden miteinander in Armut weiterexistieren können. Das ist die einzige Aussicht, die die gegenwärtige Lage bietet. Es wäre zu verwundern, wenn die Welt diese widerrechtliche Behandlung einer Gruppe von Staatsbürgern in irgendeinem Lande ertrüge. Schon jetzt hat Deutschland schwer zu leiden unter den wirtschaftlichen Folgen seiner Judenpolitik. Man braucht nur eine Stadt wie Frankfurt am Main zu besuchen und sich da mit der Bevölkerung zu unterhalten; da kann man feststellen, wie sehr sich Deutschland durch seinen Antisemitismus schädigt. Die nationalsozialistische Regierung scheint aber bereit zu sein, diese Folgen auf sich zu nehmen, wenn sie nur ihre Judenverfolgung fortsetzen darf." Den Schlußabsatz des Artikels, der durch die Zwischenüberschrift „W as tut das Aus- 1 a n d?" eingeleitet wird, geben wir hier ungekürzt wieder: „Es ist schwer, in dieser Finsternis einen Lichtpunkt zu entdecken. Europa und Amerika bilden aber eine moralische und wirtschaftliche Gesamtheit Es ist undenkbar, daß die Staatsmänner der Kulturländer auf die Dauer nicht die Pflicht fühlen sollten, Leuten Hilfe zu bieten, die nur das Verbrechen begangen haben, in Deutschland zur Welt zu kommen. Wie wenig Neigung man auch haben mag, sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates einzumischen, so werden sittliche Verpflichtungen die Staatsmänner doch zwingen, diese Hemmung zu überwinden. Daß man Maßregeln gegen Leute ergreift, die das Gesetz nicht achten oder die die Seele einer antinationalen Agitation sind, das wird niemand tadeln. Aber eine systematische Jagd auf eine Minderheit, nur weil sie von anderer Rasse und anderem Glauben ist, die muß allgemeinen Widerstand herausfordern. So wenig wie Deutschland im Weltkrieg sich gegen eine Welt von Feinden halten konnte, ebensowenig wird es seine Judenpolitik, die überall auf Abscheu stößt, auf die Dauer fortsetzen können. Es ist aber wichtig, daß eine Wendung schnell eintritt, denn das Unrecht, das jetzt täzlich inDeutschland geschieht,schreit zum Himmel." Ein Friedenstempel in Jerusalem. Der Palästina-Zweig der Weltfriedensliga hat 20 Dunam Boden auf dem Skopusberg westlich der Hebräischen Universität zur Errichtung eines Weltfriedenstempels erworben. James MacDonald nach Rußland abgereist. Der Höphkommissär des Völkerbundes für die deutschen Flüchtlinge James MacDonald begab sich nach der Sowjet-Union, um mit der dortigen Regierung Verhandlungen über Aufnahme einer größeren Zahl deutscher Flüchtlinge zu pflegen. Wie es heißt, geben die Verhandlungen erfolgreich vor sich.