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Die Wahrheit · 1935-08-30 · Heft 35 (30.8.1935) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 35 (30.8.1935)
Date
1935-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen IDodi In Deutschland «erboten! ens dirifl Die kÜahrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 51. Jahrgang Wien, 30. August 1935 Nummer 35 Der 19. Zionistenkongreß. Der Luzerner Zionistenkongreß ist ein Rumpfkongreß. Die Revisionisten tun nicht mehr mit, sondern werden im nächsten Monat in Wien einen eigenen Zionistenkongreß abhalten. Da aber auch unter den nach Luzern gegangenen Gruppen die Einigkeit sehr viel zu wünschen übrig läßt, kann das Beispiel Jabotinskys sehr leicht Nachahmung finden und die erbauliche Möglichkeit eintreten, daß bald jedes europäische Fremdenverkehrszentrum, das etwas auf sich hält, seinen eigenen Zionistenkongreß besitzen, wird. Die Allgemeinen Zionisten haben sich aus besonderem Eifer schon vor dem Kongreß gespalten und zerfallen, wie unsere Leser bereits wissen, in die Gruppen A und B. Die letztere, die bei den Wiener Kongreßwahten mit Wahlmanövern unglaublichster Art einen billigen Triumph feierte, bildet in Luze rn nur ein kleines Häuflein Oppositioneller und die „Wiener Zeitung" scheint., von., der „unterrichteten Seite" nicht ganz richtig informiert, wenn sie die dieser Gruppe angehörenden Vorstandsmitglieder der Wiener Kultusgemeinde, Präsident Dr. Friedmann und Vizepräsident Dr. Löwenherz sowie Stadtrat Dr. Ehrlich* in einem Atem mit den Führern der gegnerischen A-Gruppe Weizmann, Sokolow, Brodetzky und Lord Melchett zu den Männern zählt, „die den Zionismus leiten". Der Artikel der „Wiener Zeitung" leistet sich aber auch sonst einige Uebertreibungen, die richtig gestellt werden müssen. Es wird dort davon gesprochen, daß die Zahl der jüdischen Einwohner Palästinas fast auf eine halbe Million angewachsen ist. Zu dieser halben Million fehlt noch ziemlich viel, nach dem Tätigkeitsbericht der Exekutive der Jewish Agency beträgt die gegenwärtige jüdische Bevölkerung des Landes 335.000 Seelen, ü. i. 26 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit Begeisterung wird in dem erwähnten Artikel der ..Wiener Zeitung" von der Bodenfläche, die unter Pflug genommen wurde, gesprochen, kein Wort findet sich aber in dem Aufsatze über die Bodenspekulation, die — wieder nach dem Tätigkeitsbericht der Jewish Agency — „mit all den ihr anhaftenden UebeLn sich in noch nie dagewesenem Maße entwickelt hat". Dieser Bericht stellt weiters fest, daß trotz lebhafter Bewegung auf dem Bodenmarkt der reine Zuwachs an jüdischem Landbesitz verhältnismäßig klein war, die „unterrichtete Seite" der „Wiener Zeitung" hingegen faselt von einer Verdopplung der Bodenfläche. War dem so gut „unterrichteten" Schreiber das Zahlenverhältnis: 26% jüdische Bevölkerung — Bodenbesitz, 6,5% jüdischer das der Präsident des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin auf dem Kongreß als ein Jene T e k e l U p h a r s i n" bezeichnete, nicht bekannt? Der „Unterrichtete" gehört doch, wie ausr seiner Lobhudelei für die Herren der Majorität der Wiener Kulrusgemeinde hervorgeht, der gleichen Gruppe wie Ussischkin an, nämlich der B-Gruppe der Allgemeinen Zionisten. Diese Gruppe repräsentiert programmatisch den bürgerlichen Mittelstand, in der zionistischen Exekutive überwiegt aber die Arbeiterpartei, und das ist ja der Grund für die Separation der faschistisch eingestellten Revisionisten. Deren oppositionelle Taktik wurde in Luzern von der Judenstaatspartei aufgegriffen. Ihr Führer Meir Groß man sprach von dem Kongreß als einem „gut inszenierten Theater", vorfcteiner „wunderschönen Fassade mit guten Dekorationen, aber bei jedem Windstoß sieht man, daß agiles nur Leinwand ist". Den übrigens vd*m ganzen Kongreß kühl aufgenommenen Begrüß ungsbrief des jungen englischen Kolonienminister Malcolm MacDonald bezeichnete Großman als eine Ohrfeige, die MacDonaM dem Zionismus sowie seinem Gesinnungsgenossen der 2. Internationale Herrn Ben Gurion mitten ins Gesicht gegeben hat. Auch der Wiener Führer der Judenstaatspartei Robert Stricker wählte starke Bilder: „Man kann uns auch aus Palästina hinausdrängen, so lange wir dort nicht die Hausherren, sondern nur die Aftermieter sind." So wetterten die Nachfolger Jabotinskys in der zionistischen Organisation. Es ist aber ein Unterschied, ob ein Programm von einer Persönlichkeit wie Jabotinsky vertreten wird oder von kleinen Großmännern. Zu der subjektiven Note von origineller Geistigkeit und bestechender Führerqualifikation, die Jabotinsky auch von seinen Gegnern nicht abgestritten werden kann, tritt die objektive, daß er an der Spitze der jüdischen Legion an der Landnahme Palästinas unmittelbar beteiligt war. Es ist nicht nur menschlich tragisch, daß gerade für diesen Mann in Palästina kein Platz ist, sondern es liegt auch ein Symbol der Tragik der ganzen Idee darin. Hat man doch auf dem Luzerner Kongreß gehört, daß auch die anderen jüdischen Legionäre des Weltkriegs den Undank der britischen Mandatarmacht ernteten, indem keiner von ihnen auch nur einen Dunam des von ihnen eroberten und mit ihrem Blute gedüngten Boden erhielt. Man kann die Schlußfolgerung des Redners, der an diese Tatsache erinnerte, nicht übertrieben finden, daß auch die anderen Juden, die heute für Palästina Opfer bringen, von der undankbaren Mandatarmacht beiseite geschoben würden, sobald man sie nicht mehr brauchen wird. Während dieses jüdische Schicksal von den Zionisten sonst immer als für die G a l u t h typisch hingestellt wird, wird es jetzt auch dem „Jüdischen Nationalheim" im Heiligen Lande prophezeit. Auch der nur mühsam beigelegte Konflikt der religiösen Zionisten mit der sozialistischen Exekutive, der zu einer tagelangen Lahmlegung des Kongresses führte, wirft ein bezeichnendes Licht auf den ganzen Zionismus, der das Judentum nicht als Religion, sondern als eine „nationale" Angelegenheit auffaßt und die Konsequenz dieser Umdeutung so weit treibt, daß beim Aufbau eines jüdischen Palästinas die jüdische Religion, die sich in so vielen Jahrtausenden grausamster Judenverfolgungen als das Lebenselixier des Judentums bewährt hat, fast ganz ausgeschaltet erscheint. (Ein Redner der Arbeiterpartei sagte wörtlich: „Man wird sich damit ab- Rasiere Didi got und billig Oesferreklilsclies Qaanföts-raMkiif Ueberau erhältlich finden müssen, daß es eine Generation in Erez Israel gibt, die nicht religiös ist und die nicht dulden wird, daß man ihr religiöse Fesseln anlegt.") Um das Groteske dieser Paradöxie noch besonders fühlbar zu machen, hat sich efer Konflikt zwischen dem Misrachi und den Arbeiterparteilern just an der Frage der Sabbatheiligung entflammt, also einer Frage, in der sonst gerade die Verfechter des sozialistischen Ideals mit denen des religiösen Gedankens auf der ganzen Welt zu harmonisieren pflegen. Als im österreichischen Parlament Christlichsoziale und Sozialdemokraten einander mit erbitterter Feindschaft gegenüberstanden, hat die Durchführung der vollständigen Sonntagsruhe eine Einheitsfront aus diesen polaren Parteien geschaffen. Es ist unerfindlich, warum gerade in Palästina, von wo aus die soziale Idee eines allwöchentlichen Ruhetages einst den Siegeszug über die ganze Kulturwelt antrat, diese Forderung eine Spaltung der Gemüter bewirkt und man begreift, daß speziell die Misrachisten über diese Profanierung des Heiligen Landes erbittert sind und ihrer Empörung schon bei der Wahl des Kongreßpräsidiums Ausdruck gaben. Im Namen aller Gruppen des Misrachi gab Rabbi Brod folgende Erklärung ab: „In Anbetracht dessen, daß die Nichtachtung der Religion in Erez Israel von Jahr zu Jahr zunimmt, der Sabbath öffentlich entweiht wird, verbotene Speisen öffentlich gegessen werden; in Anbetracht dessen, daß die bezüglichen Beschlüsse der früheren Kongresse auf dem Papier blieben und alle unsere Bemühungen resultatlos verliefen, wird die Fraktion des Misrachi sich bei der Wahl des Präsidenten des Kongresses der Abstimmung enthalten, keine Vertreter in die Kommissionen entsenden und keinen Anteil an der allgemeinen Aussprache nehmen." Inzwischen ist dieser Konflikt mit schwerer Mühe beigelegt worden, der Misrachi tut wieder mit. Eine Verlegenheit für den Kongreß bildete die Anwesenheit von 34 Delegierten aus Deutschland. Mit Rücksicht auf sie hat Sokolow im Rahmen seines Referats über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern seine Anklagen gegen Hitler-Deutschland sehr gemildert, während der bekannte amerikanische zionistische Führer Rabbi Dr. Stephen W i s e, der als einer der letzten Redner in der Generaldebatte zu Worte kam. in seinem mit Spannung erwarteten Referat nach

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