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Die Wahrheit · 1935-08-23 · Heft 34 (23.8.1935) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 34 (23.8.1935)
Date
1935-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 34 — 23. August 1935 DIE WAHRHEIT Abessinien and die Judeni §tern,,d>e Schaland Erziehungsanstalt Schuldirektion: Malvine Friedmann Wien I., Werdertorgasse 12. TOlhSSdlDle (Knaben und Mädchen). 9 Uhr Beginn, öffentlichkeitsrecht. DanplSdlOle mitFranZoEnglsLateinOiach Wahl) VorberelfMIgShlaSSe für die Mittelschule HeDrälsche Sprachhorse. Neue Schultype für schulentlassene Mädchen: rranenSChllie (ein- und zweijährig) 1- Allgemeinbildung (Fremdsprachen, Literatur, Kunstgeschichte) 2. Praktische Ausbildung (Handelsfächer, Stenographie, Maschinen- 3. schreiben Moderner Koch- 'u. Haushaltungskurs Tagesheim Musik, Sport. Kunstgewerbe. Großer Garten —Infernal / Tel. U 28-1-97 Der italienische Konflikt mit Abessinien lenkt wieder einmal das allgemeine Interesse auf diesen in Europa nur wenig bekannten Staat in Afrika. An der Spitze des Reiches steht der Nogus (hebräisch Noges), die ihm unterstellten Häuptlinge haben den Titel „Ras" (hebräisch Rosch), die Hauptstadt ist Addis-Abeba (Awiw chadasch). Die Dynastie führt ihren Ursprung bekanntlich auf König Salomo zurück; die Königin von Saba besuchte Salomo in Jerusalem und gebar ihm auf der Rückreise einen Sohn Menelik (Ibn Malik, Sohn des Königs); dieser besuchte als Jüngling seinen Vater, wurde herzlich empfangen und kehrte mit einer Schar Krieger aus allen zwölf Stämmen Israels und Priestern in seine Heimat zurück. Noch heute leben in Abessinien viele Völkerstämme nebeneinander; einige Jahrhunderte v. Chr. sind aus Südarabien semitische Stämme eingewandert, die Träger hoher Kultur waren. In neuester Zeit sind aus Westeuropa, auch aus Deutschland, eine Anzahl Juden gekommen, die zumeist in der Hauptstadt als Kaufleute tätig sind; daselbst wohnen auch in etwas größerer Zahl Jemeniten. Die jüdische Bevölkerung einschließlich derFalaschas, der eingeborenen Juden, beläuft sich auf etwa 50.000 Seelen. Die Staatsreligion ist das Christentum, jedoch macht sich jüdischer Einfluß in starkem Maße geltend, z. B. in der Beschneidung, die, wie bei den Juden, am achten Tage nach der Geburt vorgenommen . wird. Neben dem christlichen Sonntag, dem großenSabbath, feiern die Abessinier auch den Samstag, den kleinen Sabbath und beobachten ferner sehr streng die Speis e-undReinheitsgesetze der Bibel. Das alte Testament erfreut sich bei Die tragische Lage der jüdischen Bevölkerung in Danzig geht am besten aus der fortgesetzten und systematischen Beschlagnahme ihrer einzigen Zeitung, des „Danziger Echo" hervor: Im Laufe der letzten zwei Monate hat der Danziger Polizeipräsident kaum zwei- bis dreimal das Erscheinen der Zeitung zugelassen und sie im übrigen geradezu automatisch einmal ums andere beschlagnahmen lassen. Er läßt nicht zu, daß die jüdische Bevölkerung in Danzig, die ein gewichtiges wirtschaftliches Element, vor allem aber ein bedeutsamer Faktor des Danzig-polnischen Warenaustausches und des polnischen Im- und Exports über Danzig ist, zu Worte kommt: Wenn schon die berechtigten Wünsche der jüdischen Bevölkerung auf wirtschaftlichem, aber auch-auf moralischem Gebiet völlig ignoriert werden — der „Stürmer" und sein lokaler Danziger Gesinnungsgenosse, der „Vorposten", der zugleich offizielles Organ des Senats ist spitzen die Pogromhetze von Tag zu Tag zu — so will man auch der Oeffentfichkeit Proteste und Klagen in den Spalten der einzigen jüdischen Zeitung unter allen Umständen unterdrücken. Und dies, obwohl das „Danziger Echo" seine Meinung in einer allzu vorsichtigen und milden Form ausspricht und jede scharfe Kritik der Regierung vermeidet Aber auohi m dieser Form erscheint das „Danziger Echo" dem Senat als höchst unerwünscht, und zwar offensichtlich nicht nur im Hinblick auf die jüdischen, sondern vor allem aur die zahlreichen nichtjüdischen Leser, die, abgestoßen durch die barbarische Judenhetze der nationalsozialistischen Presse, in immer größerem Umfange zu den Lesern des „Danziger Echo" gehören. Das Vorgehen der Behörden gegenüber dem Blatt beweist dies in eindeutiger Weise. Die Beschlagüätamungen erfolgen nicht etwa wegen des einen oder anderen Artikels, sondern unter MäBachtung der geltenden Bestimmungen wird jedesmal die gesamte Auflage der Zeitung von vornherein polizeilich sichergestellt und die erst nachträglich mitgeteilte Begründung besagt daß die Zeitung wegen mehrerer Auslassungen beschlagnahmt wurde, die geeignet seien, die Bevölkerung zu beunruhigen; wenn die Redaktion gegen diese Polizewerfügimg Beschwerde beim Senat einlegt, so erhält sie nach Wochen den Bescheid, daß der Polizeipräsident zu Recht gehandelt habe — und damit Schluß. Zugleich werden von Zeit zu Zeit die Redakteure des „Danziger Echo" verhaltet, es werden ihnen andauernd Prozesse gemacht wegen „Beleidigung der Regierung" oder „Gefährdung der guten Beziehungen zum Reich"; man erinnert sich noch der brutalen Ausweisung des Herausgebers des „Danziger Echo", Theodor Loevy, nachdem er eine Woche lang rechtlos im Gefängnis gehalten wurde. Auf diese Weise suchen die Danziger Behörden, denen keine legalen Mittel zum Verbot der Zeitung zur Verfügung stehen, die Redakteure physisch und moralisch zu zerbrechen und zugleich das Blatt auf dem Wege der ständigen Beschlagnahmungen zu ruinieren. So hat ein höherer Beamter der Pressestelle im Polizeipräsidium kurzerhand erklärt daß die Beihnen großer Beliebtheit und sowohl Christen wie Juden ist der Glaube an die einstige Rückkehr nach Jerusalem gemeinsam. Aus der Geschichte ist nur wenig bekannt. Das Christentum drang um das Jahr 330 in Abessinien ein; vorher aber muß das Judentum dort feten Fuß gefaßt haben; später befehdeten sich beide Religionen durch Jahrhunderte. Arabische Quellen berichten von jüdischen Herrschern, Nachfolgern von Menelik, die in stetem Kampf mit den eingeborenen Stammesfürsten lagen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die politische Macht der jüdischen Fürsten und somit auch des Judentums endgültig gebrochen. Der jeweilige Herrscher ist eifrig darauf bedacht, seinen Stammbaum auf König Salomo zurückzuführen und die Hofhistoriographen müssen da allerlei Kunststücke vollführen. Ueber die Herkunft der eingeborenen Juden, der F a 1 a s c h a s, ist Zuverlässiges nicht bekannt. Nach einer Version sollen sie als Juden aus Oberägypten und Arabien eingewandert sein; sie sind dunkelfarbig, das Hebräische war ihnen bis vor kurzem unbekannt. Manche halten sie für judaisierte Neger, denn sie stellen einen rein afrikanischen Typus dar. Bewundernswert ist die Treue, mit der sie trotz aller Isolierung am Judentum festhalten. Der polnische Forschungsreisende Faitlowitch hat sie in den letzten Jahrzehnten wiederholt besucht und in Europa für sie Interesse erweckt; er hat in verschiedenen Ländern „pro Falascha" Komitees gegründet und Wanderschulen errichtet. Von seinem Besuch 1913 brachte er einige junge Falaschas mit, die in Italien als moderne Lehrer für ihre Volksgenossen ausgebildet wurden. Seit dieser Zeit hat die europäische Judenheit Verbindung mit diesem versprengten Volksteil aufgenommen. Max Wol Isteiner. schlagnahmungen in keiner Weise deshalb erfolgen, um die Verbreitung dieser oder jener Ausgabe zu verhindern, sondern um das Blatt durch materielle Schikanen auf kaltem Wege zu erledigen. Es ist bezeichnend, daß die sozialdemokratische und katholische Presse in Danzig, die bedeutend aggressiver gegen den Senat auftritt fast keinerlei polizeilichen Repressalien begegnet da die Danziger Behörden hierbei imme/hin mit Petitionen an den Völkerbund rechnen,- bei dem „Judenblatt" glauben sie indessen keine Rücksichten nehmen zu müssen. Nicht ohne Bedeutung ist hiebei wohl auch die Tatsache, daß das „Danziger Echo" wie keine andere Zeitung in Danzig die Interessen der Danzig-polnischen Wirtschaftsgemeinschaft wahrnimmt, und hierauf ist es wohl zurückzuführen, daß die Zeitung im Augenblick der gegenwärtigen Spannungen zwischen Danzig und Polen immer wieder beschlagnahmt wird, so daß seine zur Verständigung und zur Beilegung des Konfliktes mahnende Stimme in den letzten drei Wochen überhaupt nicht zur Geltung kommen konnte. Die letzte Nummer durfte endlich erscheinen. Bei alledem darf nicht vergessen werden, daß das „Danziger Echo" gegenwärtig die einzige auf nationalsozialistischem Boden erscheinende Zeitung ist, die — wenn auch in beschränktein Umfange — in der Lage ist gegen den Antisemitismus aufzutreten und den kritischen Sinn der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber der barbarischen Judenhetze der Nationalsozialisten wachzuhalten. Aus diesem Grunde, der mit die vornehmste Aufgabe des „Danziger Echo" ist, lassen die Redakteure, die unter Verhältnissen arbeiten, die man sich in kultivierten Ländern kaum vorstellen kann — kein Tag vergeht ohne polizeilichen Besuch auf der Redaktion — den Mut nicht sinken und nehmen die polizeilichen Schikanen und Repressalien in Kauf. Sie erfüllen ihre soziale Pfficht in mutiger und vorbildlicher Weise, die größte Anerkennung verdient Der Judenpogrom in Danzig. Eine Note der polnischen Regierung. Der polnische Generalkommissar für Danzig übergab dem Danziger Senat eine ausführliche und scharfe Note in Sachen des Pogroms auf jüdische Kaufleute während der Danziger Messe. In der Note wird ausgeführt, daß die Mehrzahl der mißhandelten, ausgeraubten und durch Warenzerstörung geschädigten Kaufleute polnische Bürger sind. Es habe sich um einen organisierten Ueberfail auf die jüdischen Kaufleute gehandelt, die Angreifer erschienen in Lastautos, in einer Stärke von 150 bis 200 Mann. Die Autos und die Insassen trugen reichsdeutsche Zeichen. Unter den Angreifern befanden sich auch Polizeiagenten. In der Note wird dann ausführlich der Verlauf des Judenpogroms geschildert und festgestellt, daß die von den angegriffenen Händlern a 1 a rmierte Polizei auf die Vorgänge überhaupt nicht reagiert und in mehreren Fällen sogar die Ueberfallenen mit Worten wie „verfluchte Juden", „verfluchte Pollacken, wenn es euch hier nicht gefällt, so geht nach Warschau!" beschimpft hat. In einem Fall konnte festgestellt werden, daß der Wache stehende Polizist selbst die Pogromleute zu weiteren Taten ermuntert hat. In der Note wird auf das wiederholte Verbot des „Danziger Echo" hingewiesen, welches über die Vorgänge vorsichtig berichtet hat. Es wird weiter festgestellt, daß die Polizei überhaupt keine Berichterstattung über antisemitische Hetze in Danzig zuläßt und u. a. die Einfuhr des Warschauer „Hajnt" für sechs Monate verbotenhat. Schließlich fordert die polnische Regierung derr Senat auf, die Schuldigen unnachsichtig zu bestrafen und die jüdischen Kaufleute zu entschädigen. Seit diesem Pogrom hat die Hetze gegen die jüdischen Kaufleute nicht aufgehört, wobei es immer deutlicher wird, daß es sich um eine organisierte Aktion nationalsozialistischer Wirtschaftskreise gegen unbequeme Konkurrenten handelt. Vor -jüdischen Geschäfte werden die Kunden photographiert und die Photos sodann mit beschimpfenden Aufschriften in den „Stürmer"-Kasten aufgehängt. Die Danziger Behörden unternehmen nach wie vor nichts gegen diese Hetzpropaganda. Die jüdische Bevölkerung des Freistaates Danzig hat in einer Petition an den Völkerbundhochkommissar für Danzig, Lester, Klage wegen der antijüdischen Beschlüsse des Senats des Freistaates erhoben. Paul Ehrlich. Zu seinein 20. Todestage. Am 20. August 1915 kam die erschütternde Nachricht aus Frankfurt a. M., daß Exzellenz Geheimrat Prof. Dr. Paul Ehrlich im 61. Lebensjahre an Herzlähmung gestorben ist. An jenem Tag war einer der größten Forscher aller Zeiten, seit Robert Kochs Tode der bedeutendste Vertreter der deutschen Wissenschaft, ein Arzt, dessen ganzes Leben der Linderung und Verhütung menschlichen Leidens gewidmet war, dahingegangen. Am 23. August fand die Beisetzung Ehrlichs auf dem Frankfurter israelitischen Friedhofe statt. Ehrlich war Jude und ist Jude geblieben. Er war einer der prominentesten Träger deutscher Kultur. An seinem Grabe sagte der Nobel-Preisträger und Schöpfer der Serumtherapie, Geheimrat v. Behring, unter anderem: „Das deutsche Vaterland sieht voll Stolz auf diesen Fürsten der Wissenschaft, der den Ruhm des deutschen Namens draußen in der Welt verbreitet hat. Ehrlichs Lehren umspannen den Erdball. Der stattliche Bau, den heute die moderne Medizin darstellt, würde als Stückwerk zusammenbrechen, wolltte man ihn loslösen von den Grundsteinen, die Ehrlichs Genie dazu geliefert." Damals, vor zwanzig Jahren, trauerte ganz Deutschland um einen seiner größten Söhne. Heute müßte ein Paul Ehrlich wahrscheinlich das Los der Emigranten teilen . . . Zahllose Ehrungen und Auszeichnungen wurden Ehrlich zuteil. Im Jahre 1908 erhielt er den N o b e 1 - P r e i s. Die Straße, in der in Frankfurt die Stätten seines Wirkens liegen, trägt seinen Namen. Ehrlichs Lehren beherrschen noch immer in vielseitigster Weise das Reich medizinischbiologischer Forschung. In der Geschichte der Medizin und der Menschheit wird der Name Paul Leidensweg einer jüdischen Zeitung. Unaufhörliche Beschlagnahme des „Danziger Echo".

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