Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 34 (23.8.1935)
- Date
- 1935-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 _ Nr. 34 — 23. August 1935 DIE WAHRHEIT pIE V llllill llullliiU Palästina ist als ein Land mit einer eigenartigen Handelsbilanz bekannt Einem Import von mehr als 15 "Millionen Pfund steht ein Export von 3K Millionen Pfund gegenüber. Dieser Zustand wurde damit motiviert, daß wir uns vorläufig in einer Uebergangsperiode befinden. Wir haben Orangenpflanzungen und wir haben eine junge Industrie, die im Wachsen begriffen sei. Im großen und ganzen könne man hoffen, daß man zu einer Regulierung des ökonomischen Zu¬ Standes kommen werde. Wenn man die Differenz zwischen Import und Export als unhaltbaren Zustand bezeichnet, dann tritt das jüdische Sentiment für Palästina in Kraft, das besagt, daß die nationalen Fonds und das Privatkapital, das jetzt in Strömen einfließt, die Schäden dieser Uebergangsperiode gutmachen ■ werden. Es ist aber ein offenes Geheimnis, daß in Sachen unserer Pardessim (Orangenpflanzungen) etwas nicht in Ordnung ist. Wenn in letzter Zeit die Anpflanzung neuer Pardessim zurückgegangen ist, so geschah dies aus Furcht, daß kein Ertrag sein werde; aber nicht deswegen, weil es bereits zu viel Pardessim gibt. Die Palästina-Orange erfreut sich der höchsten Anerkennung und sie ist auch die beste der ganzen Welt. Wenn man keine neuen Orangenpflanzungen anlegt so hat das andere Gründe. J. Wahlmann führt aus, daß es keine genügenden Transportmittel gibt, keine Spezialschiffe für Orangentransport, wozu noch kommt, daß der Hafen von Jaffa keinerlei Lageranlagen für Orangen besitzt, so daß, wenn in der Kiste auch nur eine Orange fault, die ganze Kiste als Ausschußware bezeichnet wird. Dazu kommen die Steuergesetze, welche den Orangenzüchter belasten, der als „Fremder" im Land behandelt -wird, obwohl dieser Fremde die Kassen der Palästina-Verwaltung mit Millionen Pfunden füllt. Noch schlimmer steht es um die Zollpolitik der Regierung gegen die Palästina-Industrie. Man hat Der XIX. Zionistenkongreß Mitglieder und Freunde der „Union" ^jSSSÄSfE Sommermonate jeden Mittwoch, ab 8 Uhr abends im reservierten Teil des Restaurant Deutschberger, Prater Äusstellungsstr. (vis-ä-vis dem Lustspieltheater), woselbst auch Gelegenheit zu freier Aussprache gegeben ist. Die Krise der Palästina-Industrie. Nach den aus Palästina vorliegenden Nachrichten hat das Dumping, das durch die Einfuhr billiger japanischer Industrieprodukte verursacht wird, in der Textilindustrie, insbesondere in der Seidenwarenproduktion Palästinas so verhängnisvolle Wirkungen gezeitigt, daß man schon von einer Krise sprechen darf. High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat vor einigen Tagen eine Delegation der palästinensischen Wirtschaftskreise empfangen, die seine Aufmerksamkeit auf die gefährliche Lage lenkte. Sie hat die Hilfe der Regierung und ihren Schutz gegen die mit außerordentlich niedrigen Preisen arbeitende ausländische Konkurrenz gefordert. Es wird berichtet, daß der High Commissioner nur ganz allgemein versprach, die Nöte der palästinensischen Industrie, die ihm die Delegation vorgetragen hat, zu prüfen und im übrigen die gewünschte Errichtung eines besonderen Departements für Handel und Industrie für noch verfrüht erklärte. Zwar ist bei diesen Nachrichten immer von Japan und „anderen Ländern" die Rede. Aber man darf wohl annehmen, daß es sich im wesentlichen doch immer um die japanische Einfuhr handelt, mit der eine Konkurrenz -schlechterdings unmöglich ist. Japan zahlt den von ihm beschäftigten weiblichen Arbeitskräften derart lächerliche Löhne, daß kein Land der Welt, sofern es überhaupt schon die Stufe industrieller Produktion erreicht hat, damit in Wettbewerb treten kann. Bisher hat die Mandatregierung, wenn von jüdischer Seite die Einführung vonSchutzzollen für gewisse palästinensische Industrieprodukte gefordert und diese Schutzzollpolitik als der einzige Weg bezeichnet wurde, der auch den Abschluß von Handelsverträgen für den Absatz, der steigenden Citrusproduktion ermögliche, immer auf den Artikel 18 des Mandates verwiesen, der ihr die Einführung von Schutzzöllen unmöglich macht. In Artikel 18 wird bestimmt, daß in dem Mandatland Palästina kein Unterschied zu Ungunsten der Staatsangehörigen irgend eines dem Völkerbund als Mitglied angehörigenStaates und kein Unterschied zu Ungunsten von Waren, die aus irgend einem der Staaten dieser Art kommen oder für ihn bestimmt sind, gemacht werden dürfe. Diese Bestimmung hat jedoch, nachdem Japan aus dem Völkerbunde ausgetreten ist, gerade für das japanische Dumping keine Gültigkeit mehr und es läge daher ohne weiteres die Möglichkeit vor, zunächst einmal den katastrophalen Wirkungen der japanischen Konkurrenz entgegen zu treten. Aber beim Völkerbund geht alles hübsch langsam. Die Mandatskommission hat erst jetzt „erfahren, daß die Einfuhr der Produkte eines Staates, der aufgehört hat, Mitglied des Völkerbundes zu sein, weiter gleichberechtigt ist mit der Einfuhr der Produkte der Staaten, die Mitglieder des Völkerbundes sind; sie möchte die Gründe dieser Sachlage erfahren". Wenn man bedenkt, daß schon allein durch die Schließung der Seidenfabrik „Meshi" 150 Arbeiter brotlos geworden sind und daß eine große Zahl weiterer Fabriken vor dem Untergang stehen, sollte man ein schleuniges Eingreifen der Mandat Regierung erwarten dürfen und nicht erst ein monatelanges Prüfen und Erwägen. * Palastina vor einer Wirtschaftskatastrophe. Unter diesem sensationellen Titel veröffentlicht der palästinensische Korrespondent des Warschauer „Moni e n t", J. L. Wahlmann, einen Artikel, worin er ausführt daß unverzüglich seitens der zionistischen Leitung Schritte unternommen werden müssen, um eine durch verschiedene Ursachen hervorgerufene Wirtschaftskatastrophe zu verhindern. Der Korrespondent führt in dem Aufsatz, den wir nach der „Neuen W e 11", die ihn kommentarlos brachte, wiedersehen, u. a. aus: Hills stiivini-RKtwiit WIEN II.. Praierstrooe SS Telephra n 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. aus Palästina ein offenes Haus für alle gemacht. S owjetrußland zum Beispiel kauft gar nichts im Land und macht mit uns riesige Holzgeschäfte. Amerika schickt konfektionierte Damen- und Herrenkleider zu uns. Und — der größte Skandal — Japan macht der hiesigen Industrie den Garaus. Es kauft überhaupt nichts bei uns (im letzten Jahr Ware um 1 Pfund!) und setzt 91 Prozent des gesamten Seidenverbrauchs im Lande ab. Dasselbe Manöver führte Japan in den Nachbarländern Syrien und Aegypten .auf, bis die Regierungen dieser Länder einen Zoll einführten, der dreimal so groß äst wie der in Palästina ^gultige, und außerdem Japan verpflichteten, entsprechend der Einfuhr Waren zu importieren. Die Stillegung der Seidenfabrik „Meshi" - und die Einschränkung des Betriebes der Glasfabrik „Gawish" in Tel-Aviv sind die Folgen des japanischen, durch die englische Zollpolitik hervorgerufenen Dumpings. Und noch etwas ist geeignet, die junge jüdische Industrie im Keim zu ersticken: der „Transfer". Ich kann es mir hier versagen, eine Kritik über das Transferabkommen auszusprechen, über das schon so viel Zutreffendes gesagt worden ist. Wenn man schon daranging, jüdisches Vermögen aus Deutschland zu retten, so mußte es nicht gerade in Form von Waren sein, welche im Lande selbst erzeugt werden oder erzeugt werden können. Man führte auf Basis des Transferabkommens aus Deutschland Drahtstifte, Draht, Tür- und Fensterbeschläge und ähnliche beim Häuserbau verwendbare Artikel ein, insbesondere solche, für die es-In- Palästina bereits Erzeugungsstätten gibt, so daß dejiiSchaden, der hier der jungen aufstrebenden Palästina-Industrie entsteht, ungleich größer ist als das „gerettete" Vermögen. Ein Teil der Transferwaren wird nach Aegypten und Syrien gebracht Man kann also sagen, daß es Juden sind, welche deutsche Waren im Vorderen Orient verbreiten und sozusagen als Vertreter der deutschen Industrie rings um Palästina wirken. So stellt sich in seiner letzten Auswirkung das Transferabkommen als ein antijüdischer Akt dar ... wurde Dienstag abends* in Luzern eröffnet. Er soll programmgemäß nur von kurzer Dauer und wird bei Erscheinen" dieser Nummer vielleicht schon beendet sein. Wir behalten uns daher vor, erst in unserer nächsten Nummer Verlauf und Resultat des Kongresses zu {besprechen, an dem 450 Delegierte, davon mehr als die Hälfte A r b e i t e r p a r.t e i 1 e r, teilnahmen und dem Dr. W e i z m a n n präsidierte. Im folgenden seien nur kurz die wichtigsten Probleme des Kongresses skizziert, und zwar nach ihrem Stande vor Eröffnung des Kongresses. Lebhaft diskutiert werden die aktuellen politischen Probleme der zionistischen Bewegung, insbesondere die Frage der Stellungnahme zum Plan eines Legislative Council in Palästina. Es heißt, daß führende Kongfeßkreise beabsichtigen, mittels Aeroplans eine Delegation nach London zu entsenden, die mit dem Kolonienminister Malcolm Mac Donald und dem jetzt in London weilenden High Commissioner Sir Arthur Wauchope über Legislative Council und andere politische Probleme verhandeln soll. Es wird nämlich erwartet daß die Frage des Legislative Council in London just während der Dauer des Kongresses in Luzern entschieden werden soll. Die Kreise des Londoner Colonial Office scheinen bereit zu sein, in einigen Fragen Entgegenkommen zu zeigen, jedoch an dem Plan der Bildung des Legislative Council festzuhalten. Im Mittelpunkt der innerzionistischen Beratungen steht die Frage der Bildung der neuen Exekutive, die mit Rücksicht auf das Ausscheiden der Revisionisten und ihre Pläne alle Parteien umfassen soll. Mehr als vor dem XVIII.Zionistenkongreß in Prag steht diesmal die Kandidatur Dr. Chaim-Weizmanns als Präsident der Zionistischen Organisation im Vordergrunde. Weizmann hat, so wird berichtet, für die Aufstellung seiner Kandidatur auf das Amt eines Präsidenten der Zionistischen Organisation die Bedingung gestellt, daß es ihm überlassen bleibe, eine Exekutive nach eigenem Gutdünken zu bilden, d. h. Personen seiner eigenen Wahl zum Eintritt in dieselbe einzuladen. Außerdem fordert Weizmann, daß der XX. Kongreß nicht schon in 2. sondern erst in 4 Jahren zusammentrete, wodurch eine 4jährige kontinuierliche Periode gewonnen wird. Die ersten 2 Jahre will Dr. Weizmann zur Ausarbeitung einer Reihe großzügiger Pläne auf dem Gebiet des Palästiiia-Aufhaus. die folgenden zwei Jahre zur Verwirklichung dieser Pläne ausnutzen. Seine Wahl zum Kongreßpräsidenten gilt als Vorzeichen seiner Bestellung zum Präsidenten der Zionistischen Organisation. Der Misrachi ist im Kongreßpräsidium nicht vertreten. Die mit dem Misrachi begonnenen Verhandlungen über Zusammenarbeit hatten bis zum Beginn des Kongresses zu keinem Resultat geführt Es scheint, daß der Misrachi auf seinen religiösen Forderungen, die vornehmlich die Heiligung des Sabbats in Palästina bezwecken, nach wie vor beharrt.. Dr. Nahum G o 1 d m a n n arbeitete ein Memorandum zur Unterbreitung an den Kongreß aus, in welchem eine Abänderung der bisherigen Organisation des Council und des Administrative Committee der J e w i s h A g e n c y nach der Richtung empfohlen wird, daß das fifty-fifty-System unterbrochen und der Z. O. eine; größere proportionelle Vertretung in der Jewish Agency eingeräumt werde. Die Führer des nichtzionistischen Teils der Jewish, Agency. u. a. der Vorsitzende des Administrative Committee Nevilie Laski, das Mitglied der Exekutive Dr. Werner Senator und die Führer der amerikanischen Nichtzionisten Dr. Morris Hexter und Morris D. Waldimann, verhandeln mit den zionistischen Mitgliedern der Exekutive über die Zukunft der Jewish Agency. Die Frage wird vom Zionistenkongreß eingehend behandelt werden. Es heißt, daß die Nichtzionisten auf der Beibehaltung des fifty-fifty-Systems bestehen. Die deutsche Delegation zum Kongreß, 34 Mitglieder stark, nimmt am Kongreß teil. - * Dem Aktions-Komitee liegt ein Vorschlag vor, daß jedem Delegierten das Recht gegeben werden soll, öffentlich von der Kongreßtribüne herab das JudenverföLgungssystem in Deutschland zu verurteilen; auch wenn dadurch die Teilnahme der deutschen Delegierten unmöglich gemacht werden würde. Auch die Fraise des Transferabkommens, auf dessen Grundlage deutsche Juden, die nach Palä-