Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 34 (23.8.1935)
- Date
- 1935-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 34 — 23. August 1935 DIE WAHRHEIT BADGASTEIN KURHOTEL BRISTOL TOD RESTAURANT Thermalbäder, fließendes Wasser Nachsaison Pensionspreis von S 12. im beruflichen Leben. Während aber der Nationalsozialismus seine Perhorreszierung des „zersetzenden" jüdischen Geistes folgerichtig auf das aus dem jüdischen Geiste geborene Christentum ausdehnt, stellt sich der. „christliche Ständestaat" — zumindest die diesen Titel führende Zeitschrift — auf den Boden des Kirchenvaters Origines: „Die Juden sind und bleiben unsere Brüder, die nur später mit uns sich vereinigen werden, dann nämlich, wenn wir durch unseren Glauben und unser Leben sie zum Wettstreit mit uns werden erweckt haben." Herr Ilen übersieht dabei, daß diesen friedlichen Wettstreit nichts so sehr hemmt wie die von weltfremden Schreibtischtheoretikern künstlich gehegte, von den im praktischen Leben stellenden Massen aber gar nicht wahrgenommen und dort, wo man sie ihnen wie im Hitler-Reiche gewaltsam aufdrängt, durch die Tat abgelehnte „Judenfrage". iÄPSÄSTIDN I HOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Herr Hinket beginnt mit der Arbeit Die Versuche der deutschen Filmbehörden, den — trotz aller Ueberläufer — doch recht beträchtlichen Widerstand jüdischer Fihnimporteure in aller Herren Länder gegen die gleichgeschalteten deutschen Filme zu brechen, hören seit Jahr und Tag nicht auf. Jahrelang hat man es, nach bewährter inlandmethode, mit Drohung und Erpressung yersucht — aber mit den Erpressungen ist es im Ausland doch nicht so leicht wie innerhalb der eigenen Wände — auf einmal bläst man daher merkwürdig verführerische Flötentöne. Herr Hinkel, der neue Judenkommissär von Göbbels Gnaden, erklärt plötzlich, die Gleichschaltung des Films sei «ine rein innerdeutsche Angelegenheit, man habe nie daran gedacht, Auslandfilmen die,Einfuhr zu s-perren, weil jüdische Künstler darin tätig seien, und werde es auch in Hinkunft nicht tun. Was die Vergangenheit betrifft, so ist das, wie bekannt, eine dreiste Lüge. Was die Zukunft betrifft, so wird man ja sehen. Wir sind übrigens diesmal ausnahmsweise geneigt, zum Teil zu glauben, was ein prominentes Mitglied der NSDAP, verspricht. Man will in der Tat Auslandfilme mit Juden als Schauspieler und Regisseuren nach Deutschland lassen — man will, weil man muß. Das deutsche Filmgeschäft in der abgelaufenen Saison 1934/35 war das schlechteste seitKriegsende, wie die deutsche Fachpresse ganz offen schreibt. Hier, wo das Geschäft immer schlechter und schlechter wird, erachtet man die beschimpften und angespienen jüdischen Filmkünstler doch für würdig, es wieder ein wenig zu heben. Es ist gewiß traurig, daß das Geld, das durch im Ausland tätige attraktive jüdische Filmkünstler in Deutschland verdient werden wird, zum Teil wahrscheinlich zu neuen antisemitischen Hetzen verwendet werden wird. Aber wenn schließlich den jüdischen Emigranten dadurch der deutschsprachige Film Oesterreichs wieder in seiner Gänze eröffnet werden wird, so ist das doch ein wünschenswertes Nebenresultat dieser im ganzen durchaus nicht erfreulichen Wendung. Sicher ist, daß sich hier in aller Stille eine nicht zu unterschätzende Niederlage des Hitlerismus abspielt: die Hoffnung, den ganzen deutschsprachigen Film des Auslandes gleichzuschalten — eine Hoffnung, auf die Millionen Reichsmark gewendet wurden — ist begraben worden. Vor kurzem hat bekanntlich die Staatspolizei auf Wunsch des Kanzleramtes eine Reihe von Filmschauspielern zu einer Einvernahme vorgeladen, um zu untersuchen, ob die Weigerung dieser Ehrenmänner, in Filmen neben Juden aufzutreten, wirklich nur auf „Zeitmangel" und „Arbeitsüberhäfung" beruhe und nicht vielmehr auf der mangelnden Charakterfestigkeit, offen zu sagen, man fürchte andernfalls in Deutschland nicht mehr auftreten zu können. Wir nehmen an, daß mit der oben angeführten Wendung auch der „Zeitmangel" dieser Herren ziemlich plötzlich behoben sein wird. * ii Auch im Radio kann man Flötentöne des Herrn Hinkel hören. Da suchten wir unlängst im Weltall nach hübscher Musik. Plötzlich tönt ans Ohr eine markige Stimme: „. . . die Juden in Berlin haben ungezählte Konzertabende veranstaltet." Was ist denn ios? Hat sich die deutsche Politik plötzlich geändert? Will das Dritte Reich mit den Juden Frieden schließen? Man vergewissert sich, daß der eingestellte Sender in der Tat Berlin ist und hört weiter aufmerksam zu. Der „Jüdische Kulturbund" wird in Zahlen vorgeführt. 27.000 Mitglieder, 500.000 Besucher sind bis zum 1. Juli 1935 allein in den Berliner Veranstaltungen gezählt worden. Mehr als 50 jüdische Künstler fanden Beschäf-; tigung. Alle Angestellten, auch die Garderobefrauen, sind nichtarisch und haben dennoch „existieren" können. Eine großartige Leistung des Kulturbundes, denkt man. In einer Zeit, in der die Juden dort zielbewußt zermürbt werden, haben sie versucht, sich nicht geistig unterkriegen zu lassen, sondern sich durch Schaffen eigener künstlerischer Genüsse von den Sorgen des Tages abzulenken. Die Veranstalter haben das Interesse beim Publikum finden können, obwohl, wie man am Radio hören konnte, jeder Vortrag, jedes gesprochene Wort vom Nazizensor genehmigt werden mußte. Was zieht der Herr am Radio für einen Schluß aus dieser günstigen Bilanz? Vielleicht daß die jüdischen Mitbürger doch keine Untermenschen sind? Der forsche Mann am Mikrophon, der sich als der neue Kunstkommissar für die Juden von Göbbels Gnaden, Pg. Hinkel, entpuppt, bucht den Erfolg für sich, für seine Partei! So Cafe Pension Echsicin Semmering groß war die Langmut der Herren, daß sie das ge-' statteten; daß sie erlaubten, daß die Juden für ihr eigenes Geld und vermöge ihres Geistes und ihrer Kultur sich unterhalten haben. Was er nun beabsichtigt, teilte der „begeisterte" Sprecher bei dieser Gelegenheit nicht mit. Er weiß Bescheid; wenn Juden etwas leisten, haben die Nazis das Verdienst! Erst einige Tage später gab Herr Hi n k e 1 bekannt, was er von' nun abV. dem „Jüdischen Kulturbund" erlauben, will. Zwischen dem Geheimen Staatspolizeiamt Berlin und tlerm^faatskemmissar Hinkel sind nämlich Richtlinien 'für die Tätigkeit des „Reichsverbandes der jüdischen Kulturbünde" vereinbart worden. Sämtliche jüdischen Kulturorganisationen mit Ausnahme der Schulen und Kultusgemeinden müssen bis zum. 15. September d. J. dem Reicbsverbahd eingegliedert seih und stehen von diesem Tage an unter der Leitung des von Staatskommissar Hinkel eingesetzten Vorstandes in Berlin. Mitglieder in einem, örtlichen " Verband des .jüdischen Kulturbundes .können' nur .Juden und Nichtarier im Sinne des Berufsbeamten- ■gesetzes sein, jedoch können auch arißche Ehegatten" von-Mitgliedern eines jüdischen Kulturbundes diesem angehören. Die Veranstaltungen tragen den Charakter; „g e;s c h 1 o s s er n e r V e r a n s t a 1t u rt g e n". Die;JV o r t r a'g s f 6 lg e n werden von der Zentralleitung des Reichsverbandfes nach Vorlage bei dem Sonderbeauftragte n festgelegt. Tunlichst sind Räume zu benützeh, deren Eigentümer, Mieter öder Pächter Nichtarier sind. Der Verkauf von 'Theater-, Konzert-' uttcl Vortragskarten ist auf den Mitgliederkreis des Reichsverbandes beschränkt, ebenso die Werbung auf die ausgesprochen jüdischen Zeitungen und Zeitschriften. ' '; . Zum Schlüsse wird _ gesagt, daß allen Mitgliedern des Reichsverbandes . jüdischer Kulturbünde die aktive und unterstützende Betätigung auf künstlerischem oder kulturellem Gebiet nur im Rahmen des kulturellen Eigenlebens des in Deutschland ansässigen Judentums erlaubt ist. Herr.Hirkel behauptet, durch diese Bestimmungen seien „die Möglichkeiten einer künstlerischen Betätigung nichtarischer Staatsangehöriger in außergewöhnlichem Maße erweitert" worden. Das Gegenteil ist der Fall: die nichtarischen Künstler sind in das Ghetto gesperrt — in ein Ghetto, das zudem nach Kräften ausgehungert wird. Sein Kampf" — Antwort an Hitler. Von Irene H a r a n d, 350 Seiten, S. 5.25, Verlag der „G e r e c h t i g k e i t", Wien I., Elisabethstr. 20. 99 Schon das Vorwort des eben erschienenen Buches belehrt uns über die Methode der Streitschrift, die dem Hakenkreuz „die Mittel nehmen will, seine Scheußlichkeiten sittlich zu untermauern". Die Verfasserin will auf die Hakenkreuzbibel, auf Hitlers „Mein Kampf", öffentlich Antwort geben und vor der ganzen Kulturwelt prüfen, ob seine Hauptlehrsätze richtig seien. Der Hauptangriff des Werkes gilt der Rassent Ii c o r i e Hitlers. Auf mehr als 70 Seiten sucht die Verfasserin den Nachweis zu erbringen, daß dielt auptlehren der nationalsozialistischen Rassentheoretiker auf schwachen Füßen ruhen. Hitlers Hauptidee, daß der Arier der erste und einzige Kulturträger war, entbehre jeder Grundlage. Den zweiten Hauptgedanken Hitlers von der Höherwertigkeit der arischen und der Minderwertigkeit der semitischen Rasse widerlegt die Verfasserin in gründlicher Weise. Sie weist überzeugend nach, daß es weder reine Arier noch reine Semiten gebe. „Ich übertreibe nicht", sagt sie, „wenn ich behaupte, daß die Mehrheit der Bevölkerung Wiens keineswegs aus reinen Deutschen besteht" Unter Anführung überzeugender Quellen stellt sie schließlich fest, daß die Völker, die man heute als „Arier" bezeichnet, nicht durch körperliche Merkmale, sondern nur durch die Gemeinsamkeit der Sprachen eine gewisse Verwandtschaft aufweisen. Mit besonderer Schärfe und Leidenschaft wendet sich Frau Harand gegen die These von der Minderwertigkeit der Juden. Die ausgezeichnete Beweisführung in dieser Frage bildet den Hauptbestandteil des Buches. In einem besonderen Kapitel befaßt sich Frau Harand mit der Behauptung von dem Wuchergeist der Juden. Sie weist nach, daß die Juden in Palästina sich überhaupt nicht mit Geldgeschäften befaßten, wobei sie einen Aufsatz des Kardinals Innitzer abdruckt, den dieser im Jahre 1932 in einem Arbeiterkalender über die „Sozialen Verhältnisse in Palästina zur Zeit Jesu Christi" veröffentlichte. Aus den Darlegungen des Kardinals geht mit voller Klarheit hervor, daß die Juden zum größten Teil Kleinbauern und Handwerker waren. Zum Geldverleihen und zum Schacher haben die Machthaber während des Mittelalters die Juden direkt gezwungen, indem sie sie von allen Berufen ausschlössen. Es blieb ihnen ganz einfach nur die Wahl, entweder zu verhungern oder Geldgeschäfte zu betreiben. Sehr ausführlich bespricht Frau Harand die Entstehung des Talmuds und aus den wichtigsten Lehren, die sie in ihrem Buche wiedergibt, erbringt sie den Beweis, daß die Vorschriften dieses jüdischen Gesetzbuches in bezug auf Ethik, Sitte und Moral den modernen Normen aller Kulturvölker weit überlegen sind. Der Ritualmord lüge widmet die Verfasserin ein besonderes Kapitel und in mehreren Abschnitten wird die Behauptung Hitlers, daß den Juden die idealistische Gesinnung und der Opfermut fehle, entkräftet. Die Verfasserin schildert einige Episoden aus der jüdischen Geschichte, die den Beweis liefern sollen, welchen Mut die Juden bei der Verteidigung Palästinas an den Tag gelegt haben. Sie bespricht sehr ausführlich das Verhalten der Juden während des Weltkrieges an allen Fronten. Speziell die Beteiligung der deutschen Juden im Weltkrieg nimmt einen breiten Raum in der Darstellung ein. Zur Widerlegung der Behauptung Hitlers von dem mangelnden Idealismus der Juden, schildert Frau Harand die Leidensgeschichte dieser Menschengrupper während der letzten acht' Jahrhunderte, die klar beweist, daß die Juden die entsetzlichsten Qualen, jaden Verbrennungstod erlitten, um ihrem Glauben treu. zu bleiben. Auch viele Ausschnitte aus der jüdische Geschichte v/erden von der Verfasserin zum Beweise des jüdischen Idealismus angeführt. Auch die „Protokolle der Weisen von Z i o n" werden behandelt und die Ergebnisse des Berner Prozesses verwertet. Frau Harand fordert, daß man dem Erfinder- und Forschergeiste der Juden keine Schranken setze, indem sie auf die" zahlreichen jüdischen Gelehrten. Schriftsteller, Mediziner, Erfinder und Forschungsreisende hinweist, die der Menschheit auf allen Gebieten der Kultur viel mehr geleistet haben, als dem Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung der JErde