Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 34 (23.8.1935)
- Date
- 1935-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groseben Jüdische Die (Dcmrheit In Deutschland verboten! mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Brecheinf jeden Freitag Redaktion und Administration; Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 51. Jahrgang Wien, 23. August 1935 Nummer 34 Die „Judenfräse". Wir haben uns jüngst mit den Ausführungen des Herrn Johannes Ilen zur Judenfrage, die in der Wochenschrift „Der christliche Ständestaat" ' vom 11. August erschienen waren, beschäftigt, weil sie uns trotz einzelnen bedauerlichen Konzessionen an die Phraseologie der gewerbsmäßigen Nutznießer der sogenannten Judenfrage im großen und ganzen das ehrliche Ringen eines Wahrheitssuchers mit dem Jyon Demagogen gewaltsam gezüchteten Problem -liarzustellen schienen. Herr Ilen spielte die Rolle eines objektiven Beurteilers aller wider die Juden vorgebrachten Anklagen so gut, daß er die ungerechten Generalisierungen und gehässigen Uebertreibungen dieser Anklagen schonungslos aufdeckte. Das erschien uns so verdienstvoll, daß wir dem Autor durch Hinweis auf Tatsachen aus der Werkstatt des Antisemitismus Gelegenheit boten, seine eigenen schiefen Ansichten über das angeblich „zersetzende" Wirken der Juden zu revidieren. Diese Mühe hätten wir uns wahrlich erspart, wenn wir geahnt hätten, worauf Herr Ilen hinauswollte. Nunmehr liegt uns eine Fortsetzung seines Artikels (erschienen im „Christlichen Ständestaat" vom 18. August) vor, in der als die letzte Lösung der Judenfrage „die Bekehrung der Juden zu Jesus Christus" bezeichnet wird. tUns mit dieser Ansicht auseinanderzusetzen, wäre bloß überflüssiger Zeitverlust. Wir können uns darauf beschränken, Herrn Ilen unseren Dank für seinen Hinweis auf die Zeitschrift „Die Erfüllung" abzustatten, weil er durch sein Urteil, daß? diese Zeitschrift „der Heimkehr der Juden zu Christus nachgeht", unseren gleich nach dem Erscheinen der ersten Nummer der „Erfüllung" ausgesprochenen Verdacht, daß sie der Judenmission diene, rechtfertigt. Da sich Herr Ilen als guter Kenner der Geschichte des Mittelalters zeigt, die für ihn gleichbedeutend ist mit der Geschichte der Judenmisison und deren — Mißerfolgen, erscheinen uns seine auf die genannte Zeitschrift gesetzten Hoffnungen einigermaßen naiv. Herr Ilen w,ertet die Geschichte der Verfolgung der Juden im Abendland als eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte, aber nicht etwa aus Gründen der Humanität, sondern aus der Erkenntnis, daß durch die Verfolgungen der jüdische Haß immer stärker wurde und jenen „Zwang zum nach innen gewendeten Hochmut (,und wir sind doch das auserwählte Volk!')" auslöste, den Ilen für das gewichtigste Hemmnis der Juden, die Taufe anzunehmen, hält. Obwohl er demnach das Festhalten der Juden am Väterglauben auf rein negative Beweggründe zurückführt („gewaltsame Versperrung gegen das, was ihrer Religion Erfüllung bedeutete"), verurteilt er die Zwangstaufen und wertet es als ganz „natürlich", daß von den zwangsbekehrten Juden viele wieder abtrünnig wurden und heimlich zum Väterglauben zurückkehrten. Sollte es Herrn Ilen nicht wenigstens im Unterbewußtsein aufgedämmert sein, daß Trotz und Erbitterung allein doch nicht zur Erhaltung einer alten, allen möglichen Verfolgungen ausgesetzten Religon ausreichen, daß also das Judentum seinen ihm unter schwersten Opfern treu gebliebenen Söhnen doch auch positive seelische Werte bieten muß? Herr Ilen ist aber von der rein negativen Einstellung der geistigen Triebkräfte aller Juden so überzeugt, daß er ihnen auch außerhalb der religiösen Sphäre keine positiven Energien zubilligt, sondern bloß „falsche, verbogene Reaktionen" auf das Judenschicksal jahrhundertelanger Unterdrückung. Eine solche Reaktion ist das jüdische Geltungsbedürfnis. Dieses ist nichts als ZU DEN BODEN FEIERTAGEN nach AMERIKA empfehlen wir unsere ExpreBdampfer, mit vorzüglicher KOSCHERKÜCHE „AQUITANIA" 18. September „MAJESTIC" 25. September ZUM LAUBHÜTTENFEST: „BERENGARIA" 2. Oktober Nähere Auskünfte erleilt die Reprisentanz der CUNARD WHITE STAR LTD. WIEN I., KXRNTN ERRING 4 TELEPHONE: U 42.0-43, U 46-2-48 umgeschlagenes'Minderwertigkeitsgefühl und als solches der eigentliche Motor des jüdischen Geistes, der auf diese Weise vielfach als „zersetzend" empfunden wird. Da muß man schon sagen: Alle Achtung vor dem jüdischen Minderwertigkeitsgefühl, dem solche Leistungen entsprangen wie die Werke des Maimonides, die der heilige Thomas von Aquino benutzte, bis zur Blutgruppen- Entdeckung des Nobelpreisträgers Langsteiner, die jüngst im Dritten Reiche der rassischen Familienforschung gesetzlich zugrunde gelegt wurde. „Von Erfindungen verlangt man keine arische Großmutter", sagte Ministerpräsident Goering. Um so unnachsichtlicher fordert man sie aber von den Erfindern. Und so wird Langsteiner nicht bloß von den Lehrkanzeln des Dritten Reiches ferngehalten, sondern auch von denen seines Vaterlandes Oesterreich, so daß er sein „jüdisches Geltungsbedürfnis" an irgend einer amerikanischen Hochschule abreagieren muß ... Herr Ilen ist objektiv genug, die von ihm getadelten Laster der Juden nicht als rassische Eigenschaften zu werten. Und so darf man sich immerhin umsehen, ob nicht auch auf der anderen Häuserverwaltungen Vermittlungen Geldbeschaffungen Sensal A 48-9-22 R. TAU»!*!ANN Wien, II. Bazirk, NordpolstraBe 2/3 Reparaturkredite Zinsvorscfaüsse kulantest Rasiere DHU gnt und billig Ocsfcrreiclüsdics Qaantäfs-rabrikiH Ueberau erhältlich Seite Geltungsbedürfnis ab umgeschlagenes Minderwertigkeitsgefühl zum Vorschein kommt. Man hat in der letzten Zeit im Dritten Reiche Reden gehört, die stark auf diesen psychischen Ursprung hinweisen. Reichswirtschaftsminister Schacht schaut den Dingen, die sich im Dritten Reich vorbereiten, nicht gerade zuversichtlich ins Auge. Er hat sich zwar sehr gehütet, den Osaf direkt zu desavouieren, und deshalb seine Judenpolitik im großen und ganzen als richtig begutachtet, aber doch in sehr eindeutiger Weise auf den Schaden antisemitischer Einzelaktionen hingewiesen. Privaten Meldungen zufolge — die Rede wurde stark zensuriert — soll Schacht ausgerufen haben: „Herr, bewahre mich vor meinen Freunden, das sind die Leute, die nächtlicherweile heldenhaft die Fensterscheiben beschmieren, die jeden Deutschen, der in einem jüdischen Geschäft kauft, als Volksverräter plakatieren." Er betonte, daß die Lösung der Judenfrage unter staatlicher Führung erfolgen müsse, und warnte vor „ungeregelten Einzelaktionen, die eine schwere Beunruhigung der Wirtschaft bedeuten". „Ungeregelte Einzelaktionen" unerwünscht? Kein Mensch kennt sich da noch aus und die Verwirrung der Geister ist um so größer, als auch Streicher gleich in seiner ersten Berliner Rede den Rassenstandpunkt verraten hat. indem er Christus als den Ahnherrn des Antisemitismus und die Jünger Christi als die ersten S.-S.- und S.-A.- Mannen bezeichnete. Was nützen jetzt den braunen Mannen ihre arischen Großmütter, wenn die Regimentsgründer sich als eine Hebräerhorde entpuppen? Schöne Neuigkeiten erfuhr man da und etliche Zuhörer, denen vor Schreck übel geworden war, wollten sich drücken. Doch Streicher rief in den Saal: „Wer Nationalsozialist ist, bleibt!" Worauf es niemand mehr wagte, sich zu entfernen. Streicher nimmt also als Ahnherrn des Antisemitismus Christus in Anspruch, obwohl dieser erklärt hatte: „Das Heil kommt von den Juden." Während der Oestereicher Ilen den Kern der Judenfrage in der Ablehnung Christi durch die Juden erblickt, sieht Streicher als Exponent des Dritten Reiches den Ursprung dieser Frage in der Verwerfung der Juden durch Christus. Der eine will uns Juden weder auf noch unter der Kanzel der deutschen Kirche dulden, der andere erstrebt unsere restlose Einverleibung in die Kirche. Trotz solcher Polarität der Standpunkte sind beide einig in der Ablehnung des „Sich Breitmachens", das heißt sinngemäß der Gleichberechtigung der Juden im öffentlichen wie