Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 33 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- tW. vyrT"g".'a^3»gi s*--1*1" V«-""* . .Ay V3w» DIE WAHRHEIT Nr. 33 — 16. August 1935 Seite 7 Dreyfus als Symbol Wenn es etwas auf sich hat mit der „Auserwähltheit des jüdischen Volkes", so gewiß dieses: daß an ihm die Menschen immer wieder zur Offenbarung ihrer innersten Triebe, ihrer höchsten wie ihrer niedrigsten, gezwungen werden. Es sind gewiß immer die niederträchtigsten welthistorischen Verbrechen, die an der Menschheit unter dem Deckmantel des Antisemitismus begangen wurden und werden. Das gilt für die russischen Pogrome der Zarenzeit ebenso wie für die verschiedenen Ritualmordprozesse, für den politischen Dreyfus-Prozeß ebenso wie für die heutigen Judenverfolgungen. Es sind aber auch die heroischen Taten der lautersten Menschlichkeit, die bei solchen Gelegenheiten das Recht und die Gerechtigkeit gegen die niederen fanatischen Triebe verteidigen: das gilt für Zola, Clemenceau, Jaures, Peguy, Picquart im Dreyfus-Prozeß, ebenso wie für Masaryk im Hilsner-Prozeß. Wer die Schriften aus der Dreyfus-Zeit kennt, weiß, daß er eine höchst unbedeutende und persönlich unsympathische Erscheinung war, sicherlich keine Zierde des Judentums. Der Dichter Peguy, einer der getreuesten „Dreyfusards", soll einmal gesagt haben: „Wenn er nicht Jude und Angeklagter wäre, ich wäre der begeistertste Antidreyfusard" Der Name Dreyfus wuchs an dem Prozeß zum Symbol, ohne daß sein Träger auch nur eine Ahnung davon hatte. Dieser jüdische Offizier, der fälschlich des Hochverrates angeklagt war, verschwand als Privatperson bald hinter dem weltbewegenden Problem, das Frankreich und darauf ganz Europa in zwei Parteien spaltete und das gerade heute wieder das brennendste Problem der Gegenwart geworden ist: ob es irgendein Interesse auf der Welt gibt, und sei es auch das scheinbare Interesse des Vaterlandes und der Nation, das eine offenkundige Ungerechtigkeit, ein offenbares Verbrechen rechtfertigt? Unter den Antidreyfusards gab es durchaus ehrenhafte und ernstzunehmende Menschen, die von der Unschuld des Angeklagten und von der Lumperei der Esterhazy und Henry überzeugt waren; aber sie sagten:- „Es geht um das Ansehen Frankreichs, um die innere Festigkeit unserer Armee, und wir sind von den Preußen bedroht. Dieser kleine Jude muß geopfert werden." Diese Meinung war realpolitisch nicht so ganz ungerechtfertigt: wir wissen es heute ganz genau, daß die deutsche Botschaft in Paris absichtlich jede bestimmte Erklärung über die Unschuld Dreyfus' unterließ, um den Prozeß weiterschwärmen zu lassen und dadurch das Renommee und die Festigkeit der französischen Armee zu untergraben; sie hatte alle Beweise für die Unschuld Dreyfus' in der Hand und gab sie nicht heraus. Dieser Meinung aber setzten die Zola, Clemenceau, Anatole France, Jaures ihr „Fiat justitia!" entgegen. Sie sagten: „Niemals kann Frankreich gesund und stark sein, wenn es die Eiterbeule dieses antisemitischen Justizmordes nicht ausbrennt!" Die Dreyfusards waren durchaus nicht alle Judenfreunde und manchem, wie z. B. Jaures, war der Lärm, den gerade die hochkapitalistische bürgerliche Presse anschlug, weil es um einen der Ihren ging, reichlich unsympathisch. Aber sie alle erkannten, daß hier fcin Grundproblem des menschlichen Lebens auf dem Spiel stand: das Problem der Gerechtigkeit und des friedlichen freien Zusammenlebens der Menschen. Das erschütterndste Erlebnis des Dreyfus- Prozesses hat wohl Emil Zola in seinem „Sendschreiben an die Jugend" literarisch festgehalten: es war das furchtbare Erlebnis, daß junge, begeisterte, unschuldige Menschen, Studenten und Schüler, so verhetzt werden können, daß ihre von keinör Lebenserfahrung gelenkte Begeisterung sich schrankenlos dem Verbrechen des Rechtsbruches zur Verfügung stellt. Mit einer Erschütterung ohnegleichen liest man gerade heute, in der Epoche der SA und der Konzentrationslager, diese Seiten aus Zolas Lebenswerk, die vielleicht längelr leben werden als seine großen Romane. Wir Wollen aus diesem „Sendschreiben an die Jugend"*) einige fast prophetische Stellen zitieren, die sich gerade auf die Judenfrage beziehen: „. . . Es gibt also junge Leute, die Antisemiten sind? Es gibt unberührte Köpfe, unberührte Seelen, die dieses blödsinnige Gift schon aus dem Gleichgewicht gebracht hat? Wie traurig, wie beunruhigend für das kommende zwanzigste Jahrhundert! . . . Sie sind die erwarteten Arbeiter, und siehe da, sie enthüllen sich als Antisemiten, sie werden das neue Jahrhundert mit Judenpogromen beginnen, weil diese Mitbürger eines anderen Stammes und eines anderen Glaubens sind! Stände die Jugend in der Tat auf diesem Standpunkt, so wäre es zum Weinen, zum Verzweifeln an jeder Hoffnung, jedem Glück der Menschen . . . O, Jugend, Jugend, ich flehe dich an, gedenke der großen Aufgabe, die deiner wartet! Du bist die Arbeiterin, du wirst die Schranken dieses nächsten Jahrhunderts niederwerfen, das, wie wir glauben, die Probleme der Wahrheit und Gerechtigkeit lösen wird, die ihm von dem zu Ende sehenden gestellt sind. Jugend, Jugend! Erinnere dich der Leiden, die deine Väter erduldet haben, der furchtbaren Schlachten, in denen sie siegen mußten, um die Freiheit zu erobern, deren du dich erfreust. Wenn du dich unabhängig fühlst, wenn du nach deinem Belieben kommen und gehen, in der Presse sagen kannst, was du denkst, so haben dir dies alles deine Väter mit ihrem Verstände und ihrem Blute errungen. Du bist nicht unter der Tyrannei geboren, du weißt es nicht, was es heißt, jeden Morgen mit dem Fuß eines Herrn auf der Brust zu erwachen, du hast dich nicht geschlagen, um dem Säbel des Diktators, der ungerechten Behandlung des schlechten Richters zu entgehen! Begehe nicht das Verbrechen, die Lüge zu bejubeln, gemeinschaftliche Sache mit der brutalen Gewalt der Unduldsamkeit der Fanatiker und der Unersättlichkeit der Ehrgeizigen zu machen! Die Diktatur steht drohend vor der Tür! Wer wollte sich erheben, um Gerechtigkeit zu fordern, wenn nicht du? . . . Wer sollte das erhabene Abenteuer unternehmen, wenn nicht du, sich in eine gefahrvolle, aber herrliche Sache zu stürzen, dem Pöbel im Namen der Gerechtigkeit die Stirn zu bieten? Schämst du dicht nicht, daß es Greise sind, die sich begeistern, die heute deine Rolle edelmütiger Aufwallung übernehmen?" Die zitternde Angst Zolas um die Jugend, die die welthistorische Verantwortung für das XX. Jahrhundert tragen wird, sie war, wie uns die Gegenwart zeigt, nur allzu berechtigt. Es ist alles Schlimmste eingetroffen, was Zola befürchtet hat, und tausendmal Schlimmeres: aus den paar hundert randalierenden antisemitischen Studenten der Sorbonne ist inzwischen, in einem anderen Land, die organisierte Truppe der SA geworden, aus der kleinen Gruppe chauvinistischer Theoretiker und Agitatoren der deutsche Nationalsozialismus — und kein Zola, kein Scheurer-Kestner, kein Jaures und kein Oberst Picquart steht in Hitler-Deutschland auf, um 4en Schrei der Empörung über das entwürdigte Menschengeschlecht, die tausendmal geschändete Gerechtigkeit zu wagen! R. F. S. Spexialhaus für Wolle und Strickgarns Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _.Telephon A 49-3-69_ Eine halbe Million Dollar für jüdische Arme von Bromberg. Die polnische Regierung hat gegen den Willen der nationaldemokratischen antisemitischen Stadtratsmehrheit von Bromberg die Annahme eines für die dortigen jüdischen Armen bestimmen Legats von einer halben Million Dollar, das von einer in Amerika verstorbenen Bomberger Jüdin hinterlassen wurde, bestätigt. Da die Zahl der jüdischen Armen in Bromberg nicht groß ist, entfällt auf jeden eine beträchtliche Summe. Antisemitischer Schulkurs in Galizien. Aus sehr vielen Orten Galiziens treffen Mitteilungen ein, daß jüdische Kinder summarisch aus den polnischen Volksschulen mit der Begründung des Raummangels zurückgewiesen werden. Es scheint, daß die betreffenden Schulbehörden eine Art Numerus clausus für jüdische Volksschulkinder einführen wollen. In jüdischen Elternkreisen herrscht darüber große Aufregung. In Galizien existieren nur sehr wenig speziell für jüdische Kinder eingerichtete Volksschulen, so daß diese auf den Besuch der Staatsschulen angewiesen sind. Wie es heißt, gedenken die maßgebenden jüdischen Kreise, bei der polnischen Regierung gegen den Verfassungsbruch der Schulbehörden vorstellig zu werden. Gefälschte palästinensische Piundnoten. Die palästinensische Polizei hat das Wiener Sicherheitsbüro als Zentral- Falschgeldsteile verständigt, daß aus Palästina der „Kaufmann" Rashad Efendi GhneinL(auch Ignaim genannt) und der „Buchdrucker" Mohamed Saleh Siam verschwunden sind, die verdächtig erscheinen, zahlreiche falsche palästinensische Pfundnoten verbreitet zu haben. Die beiden sollen sich auf der Fahrt nach Europa befinden, awn die Falsifikate abzusetzen. Ghneim, der zuletzt im September 1932 in Wien gewohnt hat, war damals von der Polizei Wien auf fünf Jahre aus Oesterreich abgeschafft worden. Siam war bereits im Jahre 1931 in Mainz wegen Münzverbrechens "in Untersuchung gestanden, da er bei einer Mainzer Firma 30.000 palästinensische Pfundnoten zur Herstellung in Auftrag gegeben und auch bei zwei Firmen Klischees unter dem Vorwand bestellt hatte, es handle sich um Reklamenoten. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. B53-0-53 wenn man die Kürze der Zeit ihres Bestehens bedenkt Außer Hebräisch sind vertreten Italienisch, Neuaramäisch, Hebräisch sind vertreten Italienisch, Neuaramäisch, Deutsch, Jiddisch, Ladino, Latein. Malaharisch, Arabisch, Persisch, Russisch und Türkisch. Auch einige unbedeutende Kopien von Werken, Maimunis wären, weil jetzt aktuell, zu erwähnen. x. Hilde Marx: „Dreiklang-". Im Philo-Verlag, Berlin W 15, Pariser Straße 44. erschien soeben unter dem Titel „D r e i k 1 a n g" eine Gedichtsammlung von Hilde Marx. Die junge Dichterin, die als Gymnasiastin den „Jean-Paul-Preis" ihrer Heimatstadt Bayreuth erhalten hat, findet in dieser Sammlung eine in ihrer Einfachheit schöne Reimsprache für tieie, auf den positiven Sinn des Lebens gerichtete Gedanken, die um Gott, um Liebe, um den Tag kreisen. In dem Band ist auch der „Chor der jüdischen Frauen Deutschlands" enthalten, ein Sprechchor, der kürzlich den ersten Preis für Literatur bei dem Wettbewerb der Künstlerhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde erhielt. Die Gedichtsammlung „Dreiklang" ist in besonders ansprechender, geschmackvoller Ausstattung erschienen, 72 Seiten stark, Preis RM 1.80. Ein schönes Geschenk, das Einblick gewährt in das Schaffen der heutigen jungen jüdischen Generation in Deutschland. Otto Strasser. „Die deutsche Bartholomäusnacht". 30. Juni 1934! Es ist mehr als ein Jahr vergangen, daß uns, wie Dr. Otto Strasser in seinem neuesten Buch sagt, eine Sturzflut von Grauen. Entsetzen, Verrat, Niedertracht und Blutgeruch aus Deutschland entgegenschlug. Daß über Deutschland eine Bartholomäusnacht ,hereinbrach, ein viehisches, wahlloses Gemetzel, wie es Europa seit den Hugenottenmorden des Jahres 1572 nicht wieder erlebt hat. Und trotzdem bereits mehr als ein Jahr her ist, haben es die deutschen Machthaber bis heute noch nicht gewagt, eine wahre und vollständige Bilanz über diese Blutnacht zu veröffentlichen. Der Gesamtumiang der Katastrophe blieb verborgen, denn die Toten sind stumm und ihre Hinterbliebenen konnte jedes unbedachte Wort das Leben kosten. Nun zerreißt Einer das, Dunkel, Einer, der selbst mit Hitler jahrelang in Reih und Glied gekämpft und den deutschen Nationalsozialismus großgezogen hat, der aber ins Exil mußte, weil er als „Nationalbolschewik" Hitlers Verbundenheit mit Krupp und Thyssen nicht ertrug, weil er spät, vielleicht zu spät, hinter die schändlichen Kulissen des Hitlerismus gesehen und aus einem Freund auf Leben und Tod ein Feind auf Leben und Tod geworden war: Otto Strasser, der Führer der Schwarzen Front, der Bruder Gregor Strassers, des ermordeten Schöpfers der nationalsozialistischen Partei. Der Nachteil des Zeithistorikers Otto Strasser ist, daß er Richter und Partei in einer Person darstellt, sein Vorzug, daß er auf Grund alter Verbundenheit mit dem deutschen Nationalsozialismus und auf Grund seiner illegalen!, noch heute in Deutschland existenten und aufs Blut verfolgten „Schwarzen Front" über Informationsmöglichkeiten wie kaum ein Zweiter verfügt. Und so liefert Otto Strassers „Die deutsche Bartholomäusnacht* (Reso-Verlag, Zürich) so viel neues Tatsachenmaterial über den 30. Juni 1934. daß der Leser hier zum erstenmal einen vollständigen Einblick in die verschiedenen Akte dieses größten deutschen Trauerspiels des 20. Jahrhunderts erhält. Nicht nur in die Akte, sondern auch in die Akteure. G. M. Semeindedhwonitk. Der Oberrabbiner von Alexandrien bei Mussolini. Wie in einem offiziellen Communique bekanntgegeben wird, hat Ministerpräsident Mussolini den Oberrabbiner von Alexandrien, Prof. David P r a t o, in längerer Audienz empfangen. Das Gespräch trug einen sehr herzlichen Charakter. Prof. Prato gilt bekanntlich als ernster Anwärter auf den durch den Tod Prof. Angelo Sacerdotis, eines persönlichen Freundes Mussolinis, freigewordenen Posten des Oberrabbiners von Rom und Vorsitzenden des RabbU nats des jüdischen Gemeindebundes Italiens. £itewatuw. *) Es erschien als Broschüre am 14 Dezember 1897 — keine einzige Zeitung hatte sich dafür dem damals schon weltberühmten Dichter zur Verfügung gestellt B. J. Joel. Catalogue of hebrew Manuscripts in the Jewisft National Library, Jerusalem, Universität 1934. Dieses, als Ergänzungsheft der Zeitschrift „Kirjath Sepher" erschienene Verzeichnis der hebräischen Handschriften der Jerusalemer Universitätsbibliothek weist einen Bestand auf, der beachtenswert zu nennen ist, .Dr. Krtiaei-Heim' Zentralanstalt für Mädchenerziehung und Fortbildung Telephon A 48-B-77 Wien II., Malzgaue 7 Volks- und Hauptschule für Mädchen. Dreijährige Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe. Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung. Beth Jacob Religionslehrerinnen-Seminar. Zweijährige Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalr. Einjähriger praktischer Fortbildungskurs für Maturantinnen. Prospekt auf Wunsch. Internat. Streng rellft. Haoanalt